Mittwoch, 29. Mai 2024

Judith Kessler: Austauschbare Feindbilder, immer gleiche Aufregung – hier: Impfgegner, Toronto 1919

China ist schuld, Deutschland ist schuld, XY ist schuld …

Nachdem Toronto im Herbst 1919 von einer Pockenwelle heimgesucht worden war, hatte der örtliche gesundheitsbeauftragte Charles Hastings eine allgemeine Impfpflicht angeordnet, vom Schulkind bis zum Greis. Schon damals gab es Impfgegner, die sich von einer solchen Maßnahme in ihrer persönlichen Freiheit beschnitten sahen und es kam zu Protesten, Gerichtsverfahren und hysterischen Verschwörungsmythen.

Der Stadtrat setzte eine öffentliche Aussprache im Rathaus an, bei der die Vertreter der Anti-Vaccination-League, die zehn Jahre zuvor in Kanada gegründet worden war, behaupteten, die Sterblichkeitsraten von Pocken seien nix gegen die von Diphtherie, Masern und Typhus, das Impfvirus stamme aus menschlichen Leichen, durch die Spritzen würde Syphilis verbreitet und ein Herr McBride schürte Panik in den Lokalblättern: „Es gibt Geschäftsreisende in Toronto, die Angst haben, ihre Häuser zu verlassen, weil sie befürchten, dass ihre Kinder in ihrer Abwesenheit gewaltsam entführt und verstümmelt werden.“

Am 13. November fand dann vor dem Rathaus die Kundgebung auf dem Foto mit etwa 1.200 Teilnehmern statt. Die Demonstranten verteilten Handzettel, auf denen die Bewohner aufgefordert wurden, wütende Briefe an den Bürgermeister zu schreiben, und trugen Transparente mit Aufschriften wie „Stoppt das Gemetzel an den Unschuldigen!“ und „Pflichtimpfung: in Deutschland erfunden!“ (Es war kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, die Stimmung also ohnehin feindlich gegenüber Deutschland, wo die Impfpflicht erstmals 1874 eingeführt worden war und alle Kinder zwischen einem und zwölf Jahren gegen Pocken geimpft wurden.)

Hastings gab am selben Tag noch ein Statement ab, stellte klar, dass viele Pockenfälle zuerst fälschlicherweise als harmlose Windpocken diagnostiziert worden waren, erklärte, der Impfstoff würde unter strenger Aufsicht hergestellt, und sagte (als lebte er heute unter uns): „Wir können nicht alle Experten in fortgeschrittener medizinischer Wissenschaft sein, aber wir sollten intelligent genug sein, die Beweise, die uns von den Wissenschaftlern vorgelegt werden, die diese Probleme ihr Leben lang studieren, auf intelligente Weise zu interpretieren, und wenn wir das aber nicht sind, sollten wir wenigstens genug wissen, um würdevolles Schweigen zu bewahren.“

Die Stadtväter kamen zu keiner Einigung, über 200.000 Menschen ließen sich trotzdem impfen, auch weil es Rückenwind in den Medien gab. Der „Toronto Evening Telegram“ beendete seinen Leitartikel am folgenden Tag mit dem Appell: „Lassen sie sich impfen!“ und der „Globe“ druckte einen Vierzeiler ab:

vaccination is vexation,
smallpox is much worse;
the former leads to irritation,
the latter to the hearse.

Impfen ist zwar ärgerlich,
doch Pocken sind viel schlimmer.
Das erste führt zu einem Stich,
Letzteres ins Totenzimmer.

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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