Donnerstag, 18. Juli 2024

OR-Serie „Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit“ – Folge 11: Frieda Höchster

Die OR-Serie „Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit“ (am Ende dieses Textes finden sich Links zu allen bislang erschienenen Folgen dieser Serie) widmet sich einem spannenden, aber bisher kaum bekannten Thema: Sie erinnert an mutige Menschen, die sich aktiv dem Naziterror und seinen menschenverachtenden Ideen widersetzt und dafür ihr Leben riskiert haben.

 

Frieda Höchster
Eine jüdische Sozialdemokratin wird von der Gestapo drangsaliert 

Über Frieda Höchster und den Mut, den sie im Konzentrationslager Auschwitz im Angesicht des sicheren Todes zeigte, hat die Osnabrücker Rundschau bereits im Zusammenhang mit dem „Yom HaShoah“, dem nationalen israelische Gedenktag für sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die im Holocaust ermordet wurden, am 28. April berichtet.

In dieser Folge der Serie über Widerstand während der NS-Zeit soll es um den Mut gehen, den Frieda Höchster als politisch engagierte Frau in Osnabrück bereits vor ihrer Deportation zeigte. Frieda Höchster wurde als Frieda Ben am 29.11.1897 in Warschau geboren. Als 16jährige zog sie mit ihren Eltern Jabob Natan Ben und Ester Malka geb. Daches nach Deutschland und machte eine Lehre im Kaufhaus Conitzer (später Alsberg) an der Großen Straße in Osnabrück. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs heiratete sie im September 1918 in Warschau ihren Ehemann Hugo Höchster, einen gebürtigen Osnabrücker, und erwarb dadurch die deutsche Staatsbürgerschaft. Hugo Höchster hatte im Krieg an der Front gekämpft und war dabei schwer verwundet worden. Er wurde mit dem Frontkämpferkreuz, dem Eisernen Kreuz II. Klasse, dem Kriegsverdienstkreuz und dem Verwundetenabzeichen in Schwarz ausgezeichnet. 1919 wurde die Tochter Ida, 1921 die zweite Tochter Irmgard geboren. Die Familie lebte in einer Etagenwohnung am Stahlwerksweg. Nach der Heirat gründete das Ehepaar ein Bekleidungsgeschäft. Der sogenannte Althandel mit getragener und neuer Garderobe entwickelte sich dank ihrer Tüchtigkeit gut. Frieda Höchster hatte bei einem Herrenschneider schneidern gelernt und war deshalb in der Lage, Reparaturen an den eingekauften getragenen Kleidungsstücken auszuführen. Zunächst verkauften die Höchsters in einem Laden am Petersburger Wall Arbeitskleidung an die Arbeiter der in der Nähe befindlichen Fabriken.  Sie handelten mit alter Garderobe und alten Schuhen, die sie von Fabriken bezogen, die sie nicht absetzen konnten. Es handelte sich dabei oft um Schuhe, die nicht zusammenpassten. Die meisten Kunden kamen am Freitag nach Arbeitsschluss in das Geschäft. Im Winter ließ Frieda Höchster von der Näherin Marie Peter Maskenkostüme herstellen, die sie entweder verkaufte oder auslieh. Die Eheleute konnten von dem Geschäft gut leben. Sie hatten ein Dienstmädchen, dass auch für sie kochte, während sie im Geschäft arbeiteten.

Zwei der Konkurrenten im Althandel waren Friedas Schwäger Leo Elbaum und Hermann Redler, die ebenfalls aus Warschau stammten. Ostjüdische Einwanderer wie sie gehörten zu dieser Zeit fast überall in Deutschland den unteren Einkommensschichten an – kleine Händler, die mit billigen oder gebrauchen Waren handelten. In Osnabrück stellten sie fünf von insgesamt sieben Althändlern – der einzige Beruf, in dem die angeblich so reichen Juden in Osnabrück dominant waren. Den ostjüdischen Familien in Osnabrück gelang es, sich einen bescheidenen Wohlstand zu erarbeiteten und sozial aufzusteigen. Hugo Höchster litt neben seinen Kriegsverletzungen unter Asthma und war daher nur eingeschränkt arbeitsfähig. Frieda Höchster trug daher nicht nur die Hauptlast des Geschäftes, sondern nahm zusätzlich zu ihrer kaufmännischen Ausbildung auch noch an einem Schwestern-Abendkurs teil. Nach Ablegen der Prüfung übernahm sie bei privaten Patienten die Krankenpflege, Nachtwachen und Wochenpflege – neben ihrer Arbeit im Geschäft und der Betreuung der beiden Töchter.

Abbildung: Osnabrücker Adressbuch 1932

Etwa 1931 zog die Familie zur Lohstraße 24/25 um. Unten war der ein kleiner Laden, der mit Waren vollgestopft war. Die Näharbeiten erledigte sie in der Wohnung. Das Geschäft verlieh auch Anzüge für Hochzeiten und Trauerfeiern. Vor allem aber war es bald bekannt für den größten Masken- und Kostümverleih in Osnabrück. Frieda Höchster nähte Kostüme nach ihren eigenen Entwürfen, und auch auf Bestellung. Beim Karneval wurde regelmäßig bei ihr die Kostümierung für Prinz Karneval und sein ganzes Gefolge bestellt. Sie gewann sogar die Ausschreibung für die Anfertigung der Kostüme für den Theatermaskenball und hatte schließlich 300 Kostüme auf Lager, die als die schönsten in Osnabrück bekannt waren. Dank der zentralen Lage ging das Geschäft in der Lohstraße zu Anfang noch besser als vorher. Frieda Höchster wird als äußerst tüchtige und geschickte Kauffrau beschrieben. Sie hatte es, in ihren eigenen Worten, durch harte Arbeit über die Jahre „zu etwas gebracht“. Das zeigte sie mit einem Statussymbol der Zeit: Sie besaß einen Pelzmantel.

Doch dann kam das Jahr 1933, und die Nationalsozialisten an die Macht. Plötzlich standen Posten vor dem Geschäft, die Schilder mit dem Text hielten: „Achtung, jüdisches Geschäft! Kauft nicht bei Juden!“ SA-Männer, die sogar im gleichen Haus gewohnt haben sollen, versuchten, die Kundinnen und Kunden beim Betreten und Verlassen des Geschäftes zu belästigen. Das verängstigte die Kundschaft, die sich nicht mehr traute, das Geschäft zu betreten. Als auch noch die Scheiben am Geschäft eingeschlagen wurden, forderte der Hauswirt, der schon ein älterer Herr war, Frieda Höchster auf, das Geschäft aufzugeben. Er hatte Angst um sein Haus und sagte ihr, wenn sie das Geschäft nicht abmelden würde, würde er das an ihrer Stelle tun. Frieda Höchster musste die vorhandenen Karnevalskostüme und das Warenlager verkaufen.

 In dem ehemaligen Maskenverleihgeschäft von Frieda Höchster an der Lohstraße befindet sich heute ein Tattoo Studio. Foto: OR In dem ehemaligen Maskenverleihgeschäft von Frieda Höchster an der Lohstraße befindet sich heute ein Tattoo Studio. Foto: OR

Zur gleichen Zeit wurden die Geschäfte ihrer Schwäger geschlossen. „Ohne dass irgendein vorhergehender Vorfall dazu Anlass gegeben hätte“, wie Leo Elbaum berichtete, schloss die städtische Ortspolizeibehörde am 13. März 1933 neun Geschäfte jüdischer Osnabrücker Kleinhändler. Ihnen gemeinsam war, dass sie keine deutsche, sondern die polnische Staatsangehörigkeit besaßen. Hermann Redler, einer der Betroffenen, berichtete, dass die Ortspolizei sich auf das „Ermächtigungsgesetz zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit“ berief. Die Geschäftsleute wehrten sich trotz Drohungen durch die städtische Polizei, „es sei für sie als Juden nicht gut, einen Prozess gegen die Stadt zu gewinnen“ gerichtlich gegen die Schließung, die für unrechtmäßig erklärt wurde. Doch die Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Gaertner fand einen anderen Weg, um die Existenz von Hermann Redler zu vernichten. Redler betrieb sein Geschäft in der Bierstraße 18 direkt neben dem Rathaus – und das Haus gehörte der Stadt. Die nutzte das aus, um den Kaufmann zur Aufgabe zu zwingen. Die Stadtverwaltung kündigte kurzerhand den Mietvertrag für Wohnung und Geschäft und zwang Redler per Räumungsverfügung, beides bereits bis zum 31. Mai 1933 zu räumen. Die ganze Stadt war über die Hintergründe im Bilde, und Redler musste resigniert feststellen: „Die Käufer, die ich fand, kannten meine Zwangslage und nutzten diese aus.“ So musste er kurzfristig unter großem Verlust sein ganzes Geschäftsinventar verkaufen und verlor seine in fünfzehn Jahren mühsam aufgebaute Existenz. Frieda Höchster hatte durch ihre Heirat die deutsche Staatsangehörigkeit erworben und war daher von den frühen Maßnahmen gegen „Ostjuden“ nicht betroffen, doch ihr wird es beim Verkauf ihrer Waren ähnlich gegangen sein.

Um solche unkoordinierten Aktionen gegen jüdischer Geschäftsleute, wie sie auch in Osnabrück stattgefunden hatten, in kontrollierte Bahnen zu lenken, führte das NS-Regime am 1.April 1933 eine reichsweite Boykottaktion durch. Uniformierte SA-Männer blockierten die Eingänge und versuchten, Kundinnen und Kunden vom Betreten abzuhalten. An diesem Tag wurden auch langjährige politische Gegner der Nationalsozialisten wie Josef Burgdorf und der Rechtsanwalt Gustav Adolf Rahardt, die in dieser Reihe ebenfalls thematisiert werden, in sogenannte Schutzhaft genommen und wie Kriminelle in den Polizeizellen an der Turnerstraße eingesperrt. Gegen die mit der Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat am 28. Februar 1933 eingeführte Schutzhaft waren keine Rechtsmittel möglich. Die politische Polizei konnte sie beliebig und zeitlich unbegrenzt bei Personen einsetzen, die angeblich durch ihr Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates gefährdeten.  Auch einige jüdische Geschäftsleute wie die Tuchgroßhändler Raphael und Siegfried Flatauer, Hermann Katzmann und Max Fröhlich, die keine Laufkundschaft hatten, und denen man durch den Boykott deshalb nicht schaden konnte, wurden in „Schutzhaft“ genommen. Obwohl das auf Frieda Höchster nicht zutraf, da sie ja ein Ladengeschäft betrieb, wurde sie als einzige Frau ebenfalls verhaftet.

Frieda Höchster war Mitglied des in der Arbeiterbewegung verwurzelten Arbeiter-Samariterbunds, der zum 1. September 1933 durch die Nationalsozialisten aufgelöst wurde, und als aktive Sozialdemokratin politisch engagiert. Sie wurde nach ihrer eigenen Aussage daher als Politische verhaftet. Von Beginn der NS-Zeit 1933 bis zu ihrer Deportation 1943 stand sie unter intensiver Beobachtung der Gestapo und wurde immer wieder verhaftet und verhört. Dabei ging es nicht nur darum, die politisch engagierte Frau einzuschüchtern, sondern man hoffte, von ihr Informationen über KPD-Mitglieder in Osnabrück zu erhalten, denn Hugo Höchster, ihr Ehemann, war Mitglied der KPD. Erstaunlich ist, dass man am 1. April nicht ihren Ehemann festnahm, sondern sie. Möglicherweise war er durch seinen Status als Frontkämpfer geschützt, der zu diesem frühen Zeitpunkt auch den Nationalsozialisten selbst bei Juden noch etwas galt. Vielleicht wollte man durch die Verhaftung seiner Frau auch Druck auf ihn ausüben, oder man hoffte, eine Frau leichter einschüchtern zu können. Doch darin sollte sich die Gestapo gründlich irren. Trotz vielfacher Verhaftungen während der NS-Zeit, die dieser folgen sollten, gab Frieda Höchster ihr Wissen über die politischen Aktivitäten der Kommunisten in der Stadt, von denen etliche sich unter Lebensgefahr im Widerstand engagierten, nicht preis.

Ihre Tochter Irmgard berichtete: „Obwohl ich im Jahre 1933 erst 14 Jahre alt war, erinnere ich mich noch sehr genau an die Ereignisse, da diese wegen der Verhaftung meiner Mutter einen tiefen Eindruck auf mich gemacht haben.  Meine Mutter wurde am 1.4.1933 in der Mittagszeit, als sie vom Geschäft nachhause kam, verhaftet. Mein Vater war zu dieser Zeit nicht zuhause; später erzählte er mir und meiner Schwester, dass SS-Leute von ihm den Schlüssel vom Geschäft verlangt hätten, er ihn aber nicht gegeben hätte.“ Frieda Höchster selber berichtete: „Ich wurde meines Erinnerns in der Mittagspause am 1.4.1933 in meiner Wohnung (von der Gestapo) verhaftet und saß ca. 2 Wochen im Gefängnis in Osnabrück, wo ich ca. 2 Wochen ohne Verhör blieb. Ich erinnere mich genau daran, dass alsbald SS in’s Gefängnis zu mir kam und von mir den Schlüssel vom Geschäft verlangte. Ich hatte den Schlüssel nicht bei mir, dieser befand sich im Besitz meines Mannes, welcher ihn jedoch versteckte und nicht herausgab.“ Die beiden befürchteten wohl zu Recht, dass man vorhatte, ihr Geschäft zu plündern.  Als die jüdischen Geschäftsleute nach drei Tagen aus der Turnerstraße entlassen wurde, behielt man Burgdorf, Rahardt und Frieda Höchster als „Politische“ zur Einschüchterung noch länger im Gefängnis. Frieda Höchster sollte, genau wie Josef Burgdorf, nach ihrer Entlassung noch oft in die Zellen der Gestapo an der Turnerstraße, ab 1938 im Schlosskeller, zurückkehren. Wie viele andere Menschen, die den Mut hatten, sich zu ihrer antifaschistischen Einstellung zu bekennen, wurde sie in den nächsten Jahren wie eine Verbrecherin behandelt.

Als Jude und Kommunist stand ihr Ehemann allerdings unter noch größerem Verfolgungsdruck. Es könnte sein, dass die Scheidung 1934 Frieda Höchster vor der Verfolgung schützen sollte. Nach der Aufgabe des Geschäftes verdiente sie ihren Lebensunterhalt mit Näharbeiten, u.a. für die Berufsbekleidungsfabrik Overmeyer, und als Hausangestellte. Sie wohnte jetzt in der Bierstraße, ihr geschiedener Mann zog in die Heinrichstraße. Am 2. November 1935 wurde sie zum zweiten Mal von der Gestapo verhaftet und musste wie im April 1933 für zwei Wochen im Polizeigefängnis Osnabrück bleiben. Bei den Novemberpogromen 1938 wurde Hugo Höchster in seiner Wohnung überfallen, verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Am 2. Dezember kam er wieder frei. Auch für Frieda Höchster verschärfte sich die Situation: 1939 wurde sie wiederholt verhaftet und für vierzehn Tage eingesperrt. 1940 schließlich misshandelte die Gestapo sie zwei Tage lang im Gestapokeller. Die Beamten verlangten von ihr Informationen über ihren geschiedenen Ehemann. Außerdem sollte sie andere KPD-Mitglieder verraten. Das tat die standhafte Frau aber nicht, und wurde deshalb weiter schikaniert: „Da sie nichts aus mir erpressen konnten, musste [sic] ich mich täglich bei der Gestapo melden.” Es ist kein anderes Mitglied der jüdischen Gemeinde bekannt, das so oft verhaftet und verhört wurde wie Frieda Höchster.

Eines wird Frieda Höchster Kraft gegeben haben: Beide Töchter absolvierten landwirtschaftliche Vorbereitungslager, Ida in Beuthen in Schlesien und Irmgard in dem „Kibbuz“ Landwerk Ahrensdorf in Brandenburg, um mit Hilfe der dort erworbenen Zertifikate nach Palästina auszuwandern. da heiratete im April 1937 und emigrierte mit ihrem Mann nach Palästina. So wusste Frieda Höchster einer ihrer beiden Töchter bereits in Sicherheit. Ihr Standhaftigkeit beim Gestapo-Verhör dürfte ihren Mann, und vielleicht weitere Kommunisten in Osnabrück, gerettet haben. Da man Hugo Höchster nichts anhängen konnte, blieb er auf freiem Fuß, und konnte noch aus Deutschland fliehen. Er hatte eine Schwester, die schon 1910 in die USA ausgewandert war und ihren Geschwistern Hugo und Hedwig Höchster Fahrkarten für die Passage nach Amerika schickte, so dass ihnen im April 1940 noch die Auswanderung gelang. Als Arbeiter mit einem Einkommen von 30 Reichsmark hätte Hugo Höchster sich nach Aufgabe es Ladens die Schiffskarten selber nicht leisten können. Seine Invalidenrente in Höhe von 41 Mark monatlich wurde ihm ab 1933 nicht mehr ausgezahlt. Nach der Aufgabe des Geschäftes an der Lohstraße musste Frieda Höchster sieben Mal umziehen. Zeitweise wohnte sie auch im Haus der Familie Flatauer an der Herderstraße 22. Im Oktober 1941 musste sie schließlich in das „Judenhaus“ an der Kommenderiestraße 11 ziehen und den „Judenstern“ tragen. Im März 1942 wurde sie noch einmal für mehrere Wochen in „Schutzhaft“ genommen. Auf der Karteikarte der Osnabrücker Gestapo für Frieda Höchster wurde mit dem Datum 19. März 1942 vermerkt: „Sachverhalt: Die H. hatte auf der Straße einen Deutschen angesprochen und sich mit ihm längere Zeit freundschaftlich unterhalten. Gegen die H. wurde eine Schutzhaft von 14 Tagen verhängt.“ Diesmal wurde Frieda Höchster vier Wochen lang im Polizeigefängnis an der Turnerstraße eingesperrt. Nach der Entlassung musste sie in einer Holzfabrik an der Lotter Straße Zwangsarbeit leisten, wo sie Handgriffe für Fahrräder herstellen musste. Ein Jahr später wurde sie mit den letzten Osnabrücker Jüdinnen und Juden nach Auschwitz deportiert.

Ruth Helmedach war dabei, als ihre Freundin Frieda Höchster am 1. März 1943 deportiert wurde, und begleitete sie bis zum Zug. „Wenn keiner wiederkommt, ich komme wieder!“ verabschiedete die 45jährige Frieda Höchster sich von ihrer Freundin. Und Frieda Höchster schaffte es tatsächlich. In Auschwitz rettete ihr Mut ihr noch einmal das Leben. Schon für die Gaskammern ausgewählt, berief sie sich darauf, dass ihr Mann im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte und sogar für seine hervorragenden Leistungen ausgezeichnet worden sei. Sie verdankte es ihrem Mut und dem Kriegseinsatz ihres geschiedenen Mannes, dass sie der Vergasung noch einmal entkam. Frieda Höchster war die einzige Überlebende dieser Deportation von Osnabrück nach Auschwitz im März 1943 und konnte daher nach ihrer Rückkehr über die Hölle berichten, die sie dort erleben musste.

Antrag auf Schwerarbeiterzulage - (Niedersächsisches  Landesarchiv Osnabrück)Antrag auf Schwerarbeiterzulage - (Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück)

„Ich bin die einzige Überlebende von dem Transport Auschwitz unserer Osnabrücker Juden“, stellte Frieda Höchster 1946 fest. „Nachdem ich vier Lager durchlebt habe, ist es mir gelungen, auf dem Weg ins fünfte Lager zu flüchten. Mein Ziel ist, mich mit meinen Kindern in Palästina wiederzusehen.“  Das Verhältnis zu ihrem Ehemann war auch nach der Scheidung gut. Nach ihrer Befreiung und Rückkehr nach Osnabrück schickte er ihr aus Cleveland in den USA Lebensmittelpakete. Auch die Kinder unterstützen sie. Als KZ-Überlebende erhielt sie in Deutschland zwar Sonderrationen, doch woraus diese bestanden, kann man der Karteikarte entnehmen: einmal Stopfwolle und fünf Einmachgläser. Am 25. Juli 1945 beantragte Frieda Höchster die Stellung eines Fahrrads, weil sie u. a. unter Herzschwäche litt. Trotz ihrer stark angeschlagenen Gesundheit engagierte Frieda Höchster sich nochmals politisch als Vorsitzende des Hilfsausschusses für politische Gefangene in Osnabrück, bevor sie ihren Töchtern nach Palästina folgte.

 

Ausgewandert nach Israel (Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück)Ausgewandert nach Israel (Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück)

Nach ihrer Auswanderung zu ihren Kindern in den neugegründeten Staat Israel im April 1947 heiratete Frieda Höchster noch einmal und hieß jetzt Bunimowitz-Höchster. Sie lebte in Petah Tikwah und arbeitete dort als Masseuse, konnte die Tätigkeit aber aufgrund der schweren Gesundheitsschäden infolge ihrer KZ-Haft nicht lange ausüben. Die deutschen Behörden verlangten von der Auschwitz-Überlebenden, ein ärztliches Attest über die eintätowierte Häftlingsnummer auf ihrem Arm vorzulegen, um Entschädigungsansprüche für die schweren gesundheitlichen Schäden geltend machen zu können, die sie erlitten hatte.

1957 besuchte sie noch einmal ihre Freundin in Osnabrück, die sich erinnerte: „Mehrere Male bin ich damals mit Frau Höchster in der Großen Straße einkaufen gegangen. Es war Sommer und sie trug ärmellose Kleidung, nicht wegen der Hitze, sondern ganz bewusst: jeder konnte ihre eintätowierte KZ-Nummer sehen. Aber keiner hat hingeguckt. Es hat die Leute einfach nicht interessiert.“

Bestätigung über die Tätowierung (Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück) Bestätigung über die Tätowierung (Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück) 

 

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