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Montag, August 2, 2021

Judith Kessler: Was hat die Meuterei auf der Bounty mit heutigen Hetzkampagnen zu tun?

Ein Ehrenrettungsversuch für William Bligh

Am 14. Juni 1789 erreicht der ausgesetzte Kapitän der „Bounty“, William Bligh mit 18 seiner Getreuen nach 48 Tagen und einer über 6.000 Kilometer langen Fahrt auf hoher See die Pazifikinsel Timor. Wir kennen „Die Meuterei auf der Bounty“ als Roman oder den Film mit Trevor Howard und Marlon Brando, doch weder war William Bligh das sadistische Scheusal, zu das Hollywood ihn gemacht hat, noch war Fletcher Christian der tugendhafte Held …

William Bligh fuhr seit frühester Jugend zur See, mit 21 war er schon Navigator auf James Cooks dritter Südsee-Expedition und brachte die „Resolution“ nach dessen Tod heil von Hawaii nach England zurück. Im Dezember 1787 nun wurde er beauftragt, mit der Bounty Brotfruchtpflanzen in die britischen Kolonie auf den westindischen Inseln zu bringen und traf zehn Monate später mit seiner 43-köpfigen Besatzung in Tahiti ein. Die Bounty musste fünf Monate dort bleiben, weil Bligh den Anbau der Pflanzen überwachen und auf der Rückfahrt die Endeavour-Straße erkunden sollte und dafür den nächsten Ostmonsun abwarten musste. Die Mannschaft war in der langen Zwangspause weitgehend frei von allen Pflichten und amüsierte sich mit den Frauen Tahitis.

Quelle: Wikipedia

Am 5. April 1789 legte die Bounty endlich wieder ab, drei Wochen später kam es zu der Meuterei, infolge derer Bligh und 18 weitere Männer mit Nahrung und Wasser für nur fünf Tage mitten im Pazifischen Ozean ausgesetzt wurden. Wie durch ein Wunder gelang es Bligh, die Männer in dem völlig überladenen Boot am Leben zu erhalten und bis zur niederländischen Siedlung Coupang auf der Insel Timor zu segeln (während die Meuterer nach Tahiti zurückkehrten – zum Müßiggang und zu den Damen, wie Bligh später vermutete, und bevor sie sich auf Pitcairn Island niederließen).
Bligh war ein hervorragender Navigator (die Seekarten, die er auf seinen Reisen zeichnete, waren so genau, dass sie noch bis ins 20. Jahrhundert benutzt wurden) und die Fahrt mit der Barkasse der Bounty gehört zu den längsten Reisen, die je in einem solch kleinen Boot unternommen wurde, und auf der er nebenbei auch noch mehrere Inseln der Fidschigruppe und der nördlichen Neuen Hebriden entdeckte.

Wie aber wurde Bligh in Literatur und Film zum Tyrannen und Bösewicht und Christian zum Helden?

Quelle: wikipedia

Fletcher Christian, Blighs 2. Offizier, hatte infolge zweier Ereignisse Stress mit Bligh. Am 26. April schickte ihn Bligh bei einem Zwischenhalt mit dem ausdrücklichen Befehl, nicht auf Eingeborene zu feuern, los, um Wasser und andere Vorräte zu sammeln. Christian kam mit leeren Händen zurück (weil er ja nicht schießen durfte) und musste vor aller Ohren eine Standpauke von Bligh über sich ergehen lassen.

Am Tag darauf vermisste Bligh Kokosnüsse und bezichtigte Christian und seine Freunde, sie gestohlen zu haben (Bligh hatte die Nüsse rationieren lassen, um für die Rückfahrt genug vitaminreiche Nahrung für die Mannschaft zu haben). Christian betrank sich daraufhin und hetzte einige Mannschaftsmitglieder auf. Bligh hatte während des Tahiti-Aufenthalts nie seine Autorität gezeigt (er war mit den Brotfrüchten beschäftigt) und seine Mannschaft gewähren lassen. Zurück auf dem Schiff fiel ihm die Disziplinlosigkeit, die die Männer sich dort angewöhnt hatten, nun auf die Füße, bzw. er ins Beiboot …

Historiker gehen dank ihrer Quellen davon aus, dass William Bligh zwar bekannt dafür war, vulgär zu fluchen, aber dass er weniger Gewalt als jeder andere Kapitän des 18. Jahrhunderts gegen seine Mannschaft ausgeübt hat. Er hat niemanden „kielgeholt“ oder wahllos Leute ausgepeitscht, schon gar keinen Toten wie im Film. Aus Logbüchern, die als sichere Quellen gelten, geht hervor, dass er Verwarnungen aussprach, wo andere Kapitäne mit dem Tod straften, dass er sich um seine Männer und ihre Gesundheit sorgte, dass sie warmes Frühstück bekamen, dass er Skorbut-Ausbrüche für ein Merkmal schlecht geführter Schiffe hielt und deswegen darauf achtete, immer genug Sauerkraut oder eben Kokosnüsse an Bord zu haben. Bligh war es auch, der das bei der Royal Navy übliche Zweischichtsystem auf ein Dreischichtsystem umstellte, so dass seine Leute nach vier Stunden Wache eine achtstündige Ruhe- oder Schlafpause hatten.
Dass er bei einigen unbeliebt war, mochte daran gelegen haben, dass er streng war und auf die Einhaltung von Regeln pochte, von denen er annahm, sie würden das Überleben der Crew sichern. Er verlangte von seinen Leuten, dass sie Sport trieben und heuerte eigens einen Geiger an, damit sie regelmäßig tanzen konnten. Sein Ehrgeiz bestand offensichtlich darin, seine Besatzung immer heil zurückzubringen und die Fürsorge setzte sich im privaten Bereich fort: Anne, seine jüngste Tochter, war geistig und körperlich behindert und im Gegensatz zur Behandlung ähnlicher fälle in seiner Zeit kümmerte sich Bligh rührend um sie, wenn er nicht auf See war.

Als Bligh im März 1790 wieder in England eintraf, wurde er zwar wie ein Held gefeiert und von der Admiralität von jeder Schuld an der Meuterei und dem Verlust der Bounty freigesprochen, doch dann trat der Bruder des Obermeuterers Fletcher Christian auf den Plan. Edward Christian war Anwalt und stellte ein inoffizielles Komitee aus Sympathisanten zusammen, das die Meuterei untersuchen sollte. Der Bericht, den dieses Komitee schließlich während Blighs Abwesenheit veröffentlichte, bestand aus „Zeugenaussagen“ aus Christians Umfeld, das mit allen unlauteren Mitteln versuchte, die Familienehre wiederherzustellen. Fletcher Christians Meuterei wurde hier als berechtigt (um)gezeichnet und Bligh als der Tyrann und Widerling, wie wir ihn heute noch „kennen“.
William Bligh widerlegte zwar Punkt für Punkt mit eidesstattlichen Erklärungen von ehemaligen Besatzungsmitglieder die neue Legende, gegen die Macht einer „guten Story“ kam er jedoch nicht an. Wir kennen das von heutigen Hetzkampagnen, von denen immer irgendetwas hängen bleibt, egal wie abstrus sie sind.

 

Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.

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