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Donnerstag, 1. Januar 2026

Bernhard Schulz: Ehre deinen Holzschuh (1956)

Hintersinniges zum Thema Fußbekleidung

Kurz vor dem Jahreswechsel: Die OR erinnert gern an einen bis heute sehr treffsicheren Beitrag des Osnabrücker Autoren. Zumal Bernhard Schulz anno 1946 zu Gründungsredakteuren der damaligen Osnabrücker Rundschau zählte.

Szene aus einem Film, der in Rumänien spielt. Ein Mädchen, etwa 16 Jahre alt, ist aus einer Fürsorgeanstalt entwichen. Das Mädchen rennt in seinem grauen Kleid und mit derben rindsledernen Schuhen an den Füßen durch den Wald, wirft sich durch Gestrüpp, stürzt über Äcker, duckt sich in Gräben, reißt sich an Dornen wund, verbirgt sich unter einer Brücke. Das Mädchen hat seine Verfolger abgehängt, es hat die Freiheit zurückgewonnen, es atmet auf und bevor es nun zu einem Kraftfahrer auf den Sitz klettert, um in die Stadt zu fliehen, oder irgendwohin, wo es Freunde zu finden hofft, zieht es die derben rindsledernen Schuhe aus.

Es löst die Schnürsenkel und genießt das Aufknibbeln der harten tranverkrusteten Lederschnüre wie nie etwas Anderes im Leben, was es auch gewesen sein mag. Dann wirft das Mädchen die Schuhe, die der Anstalt gehören und gekennzeichnet sind, in den Fluss. Patsch-platschsch. Patsch-platschsch. Weiter nichts. Aber dieses Platschsch, das da herauftönt, erlebt es wie Anlehnung, Zuneigung, Liebe. Freiheit an den Füßen bedeutet ihr so viel wie Freiheit im Kopf.

Mit nackten Füßen betritt das Mädchen die neue Strecke eines Weges, dessen Anfang es kennt, aber es kennt nicht das Ende. Wo sind die Freunde, die es gekannt hat und sind es überhaupt noch Freunde?  Zuerst will es auf jeden Fall die Anstaltsschuhe loswerden, die Fürsorgeschuhe, das verhasste Staatseigentum mit dem Stempel. Es will die Vergangenheit hinter sich bringen, den Saal mit den Betten, die Küche mit dem Kohlgeruch, die Aufsicht, die Behörde, die Strafe, die Zwangsarbeit, die Unfreiheit, die Seelenfolter.

Diese Szene aus einem Fernsehfilm, den Millionen gesehen haben, verlieh einem Paar schäbiger Schuhe einen unerhörten symbolischen Rang. Es spielt hier keine Rolle, ob die 16jährige zu Recht oder zu Unrecht gefangen gehalten wurde, wichtig ist nur, dass sie diese Geste vollzogen hat: das Wegwerfen der Schuhe. Es warf die Schuhe weg, wie man eine Krankheit abschüttelt, einen Zustand beendet, ein Hassgefühl aufgibt.

Aus meiner eigenen Kindheit erinnere ich mich an eine Geschichte, die mit Schuhwerk zu tun hat. In der Schule gab es einen Jungen, dessen Vater ein russischer Emigrant war. Er hieß Nikolai Andrejewitsch Tschumakow und war im Dorf als Tierpfleger tätig. Dieser Russe, der so feine Manieren hatte, dass die Dorfbewohner dachten, er sei eine Art Großfürst oder doch wenigstens Kosakengeneral gewesen, ließ seinem Sohn Stiefel anfertigen, wie sie adlige russische Kinder auf dem Lande getragen haben mochten. Es waren halbschäftige Stiefelchen aus feinstem Ziegenleder und um diese Stiefelchen wurde Anton Antonowitsch Tschumakow von der gesamten Dorfjugend beneidet.

Auch ich wollte solche feinen Stiefelchen haben, zum Geburtstag würde es sich doch machen lassen, bittschön. Aber für die Kinder im Dorf waren nur Schuhe aus Holz vorgesehen, Leder war zu teuer und das seit je. In die Holzschuhe, die meist zu groß waren, auf Nachwuchs angeschafft, wurde vorne Papier oder Werg hineingeknetet, damit sie passten. Ich erinnere mich an den Lärm, der entstand, wenn in der Kirche Hunderte von Holzschuhen den steinernen Fußboden betrommelten. Es war ein Geklapper, das ich nie vergessen werde und erst das Echo im Kirchenschiff, eine Musik der Armut, ein Konzert für die Ohren des Herrn, dem es gewiss gefallen hat.

Viele Jahre später ist der Wunsch meiner Knabenjahre erfüllt worden. Da wurde mir auf Kammer, so hieß es ja, Militärstiefel verpasst. Diese Stiefel, die als Knobelbecher im Gespräch waren, besaßen eine überraschende Ähnlichkeit mit dem Schuhwerk jenes russischen Schulkameraden und in der Tat bin ich in diesen Knobelbechern durch den Schlamm in der Ukraine und durch den Schnee in Russland marschiert.

Im Leben von Männern, die solche Stiefel tragen mussten, mag es keine glücklichere Stunde gegeben haben als die, in der sie diese Stiefel wegwerfen durften und zwar für immer. Ich selbst habe meine durchgelatschten Militärstiefel in die Mülltonne gesteckt. Erst von dieser Minute an begann ich, mich frei zu fühlen. Das Gehen in der Freiheit hatte ich in Holzschuhen begonnen. Ein Holzschuh hängt heute über meinem Schreibtisch. Ich habe Strohblumen hineingetan.

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