In einer Inszenierung von Katharina Schmidt und Roman Konieczny zeigt das Theater Osnabrück eine Bühnenfassung des 1818 veröffentlichten Romans „Frankenstein oder der moderne Prometheus“.
Und diese ist überraschend anders:
Während es fast unzählige Filmadaptionen des Romanstoffs von Mary Shelley gibt, die meist dicht am geschriebenen Original bleiben, nehmen sich Schmidt und Konieczny die Freiheit, neben der Wiedergabe der Original-Rahmenhandlung immer wieder Szenen als Einsprengsel mit Anspielungen auf die heutige Zeit einzubauen.
Hier die 200 Jahre alte Literaturvorlage (sichtbar auch an der altertümlichen Kleidung Victor Frankensteins) – dort die Übertragung in die Gegenwart (Video-Aufnahmen und -Einspielungen, TV-Geräte mit typischen Comedy-Sendungen, Erschaffung einer weiteren AI-Kreatur als Gefährtin für das Wesen, das Frankenstein zuerst erschaffen hat …).
Aber der Reihe nach:
Die Aufführung beginnt mit drei Philosoph*innen, die im grellen Neonlicht eines Labors über Moral diskutieren: Ist Moral per Geburt angelegt? Ist sie erworben? Wird sie vererbt?
Victor Frankenstein (toll gespielt von Sascha Maria Icks), genialer Student der Chemie, hört zu und beschließt, seiner Genialität die Krone aufzusetzen, indem er sein Wissen nutzt, um aus Leichenteilen ein neues, lebendiges Wesen zu erschaffen. Der Erschaffungsprozess um das Zusammensetzen von fleischigen Teilen mittels Rouladennadel und dicken Fäden wird per Video auf eine Leinwand übertragen, so dass das Publikum wie als Zeugen dem Entstehungsprozess beiwohnen kann.
Frankenstein gelingt das Unmögliche – die Kreatur lebt! Aber er selbst ist von ihrem Aussehen derart geschockt, dass er die Flucht ergreift und das neue Wesen sich selbst überlässt.
So erwacht dieses Geschöpf unter Zuckungen und Urlauten, steht auf zunächst sehr wackeligen Beinen und weiß nichts von der Welt, in die es geworfen wurde. Die Performance von Verena Maria Bauer, die das Wesen zum Leben erweckt, ist einmalig und so glaubhaft, dass man nur Mitleid mit ihm (mit ihr) haben kann.
So torkelt es (das Wesen) durch die Welt, bekommt Hunger und Durst, lässt sich in einem Haus, dessen Tür offensteht, vor dem Fernseher im Sessel nieder und leert die dort liegende Tüte Naschwerk, versteht aber nicht wirklich, was es auf dem Bildschirm sieht.
Seine Seele, ursprünglich zahm und von Liebe anderen Geschöpfen gegenüber geprägt, bekommt durch das Gesehene und die Ablehnung und den Hass, die ihm im Laufe der weiteren „Reise“ entgegenschlagen, einen großen Knacks, kehrt sich letztlich ins Gegenteil und lässt es zum Mörder werden.
Mary Shelley, gespielt von Monika Vivell, beobachtet das gesamte Geschehen zunächst vom Rande aus, wird aber zwischendurch von einem nervigen TV-Moderator interviewt.
Shelley wuchs auf in einer feministisch geprägten Familie und in einer Gesellschaft, die frauenfeindlich war. Die Übertragung in die Gegenwart erfolgt in Form von zwei Hass verbreitenden jungen Männern, die sich vielleicht in der digitalen Manosphere tummeln, aber auch in Form der dargestellten Rezitation von Käpt‘n Ahab aus dem Buch „Moby Dick“ durch Victor Frankensteins Vater (der Hass auf den Wal lässt Ahab wieder und wieder aufs Meer ziehen um ihn endgültig zu töten).
Immer wieder taucht als Thema die Selbstermächtigung von Menschen gegenüber der Natur, gegenüber anderen Geschöpfen oder Mitmenschen auf, immer wieder die dadurch entstehende Unterdrückung anderer, immer wieder die Machtgier aus vermeintlicher Genialität.
So zeigen Katharina Schmidt und Roman Konieczny in ihrer bildgewaltigen Inszenierung des zweihundert Jahre alten Stoffs nicht nur die Gruselgeschichte, sondern das was sich dahinter verbirgt und was heute wieder aktueller ist denn je.
Tickets und weitere Infos gibt’s hier: www.theater-osnabrueck.de/












