Ich, der Igel, und Seine Medienmajestät der Hase
Ich bin nur ein Igel. Ich habe Stacheln, kurze Beine und keinen Abschluss in „irgendwas mit Medien“. Trotzdem gelingt es mir erstaunlich oft, nicht jeden Widerspruch als persönlichen Staatsstreich zu behandeln. Man muss seine Begabungen eben kennen. Heiko Pohlmann kennt vor allem eine: Heiko Pohlmann.
Nachdem das Osnabrücker SPD-Ratsmitglied Andre Klekamp einen Hasepost-Kommentar von Wolfgang Niemeyer (alias Möser) als „wirklich schäbig“ bezeichnet hatte, belehrte ihn Pohlmann auf Instagram, „Kolumne und Kommentar [seien] eine Königsdisziplin des Journalismus“.
Da musste ich mich erst einmal entrollen. Königsdisziplin! Ausgerechnet. Das ist ungefähr so, als würden die Amigos Lady Gaga erklären, was Gesang ist.

Besonders prächtig ist dabei dieser akademische Glanz, den Pohlmann offenbar aus der Tatsache bezieht, irgendwann einmal irgendetwas mit Medien studiert zu haben. Andere nehmen aus einem Studium Zweifel, Handwerk und die Erkenntnis mit, dass Wissen unangenehm groß ist. Bei Pohlmann wirkt es eher, als habe man ihm bei der Zeugnisübergabe versehentlich noch ein kleines Zepter, einen Hermelinumhang und die Urkunde „Von nun an hast du immer recht“ in die Mappe gelegt.
Und genau hier wird es sehr viel unangenehmer als nur lächerlich. Denn hinter dieser demonstrativ zur Schau gestellten Überlegenheit schimmert ein widerliches Menschenbild hindurch. Der eigene Abschluss wird zum gesellschaftlichen Hochsitz, von dem aus man auf andere wie zu Kaisers Zeiten herunterschießt. Wer das vermeintlich falsche Studium, den falschen Beruf oder schlicht die falsche politische Meinung hat, steht offenbar ein paar Stufen tiefer und wird wie Freiwild zum Abschuss freigegeben. Als ließe sich menschliche und intellektuelle Qualität am Etikett eines Studiengangs auch nur ansatzweise ablesen.
Besonders grotesk wird diese akademische Standesdünkelei, wenn das ganze Überlegenheitsgefühl ausgerechnet auf einem jener Studiengänge ruht, deren Titel schon ein wenig nach eingeschweißtem Bachelor aus dem Medien-Supermarkt klingt: irgendwas mit Medien, einmal Kompetenz zum Mitnehmen, bitte. Ein Studium kann zwar Bildung vermitteln, Charakter, Anstand und die Fähigkeit, andere Menschen nicht von oben herab zu behandeln, aber noch lange nicht.
In Heikos kleiner Welt hat das alles keinen Platz, denn sie ist schön geordnet: Er hat Medien studiert, also versteht er Medien. Wer ihn kritisiert, hat Medien offenbar nicht verstanden. Und wenn der Kritiker zufällig Sozialdemokrat ist, darf man das Problem gleich noch ideologisch garnieren. So spart man sich lästige Zwischenstufen namens Argumente.
Das passt auch ganz gut zu seinen eigenen Kolumnen. Die lesen sich wie BILD und NIUS auf Betriebsausflug mit Fortbildungsseminar in der Osnabrücker Großen Gildewart: riesiges Warnschild über die Überschrift, ein handlicher Gegner, ordentlich rechte Empörung in den Tank und bloß nicht zu viel Differenzierung, sonst verschluckt sich noch jemand an einem Nebensatz.
Recherche dauert. Abwägung macht müde. Ein Feindbild dagegen ist in Sekunden auf Betriebstemperatur. Bei der Hasepost reicht mittlerweile eine ganz normale Meldung wie „Heidi Reichinnek besucht den Ledenhof in Osnabrück“, und die ultrarechte Szene der Hasepost-Klientel gibt sich auf Instagram und auf Facebook ein Stelldichein.
Und dann wagt Klekamp Kritik. Ein SPDler! Igitt! Pohlmann hätte antworten können wie ein Journalist: sachlich, scharf, vielleicht sogar elegant. Kann er aber eben nicht. Stattdessen erklärt der selbsternannte Hofmarschall der Kommentarspalte, Klekamps Fähigkeiten seien „irgendwo zwischen dem Bedrucken von Geschenkpapier und Tapeten limitiert“, sein Horizont reiche „nur bis zur sozialistischen Internationale“.
Ich lag danach auf dem Rücken und brauchte Hilfe beim Umdrehen. Das muss man erst einmal schaffen: anderen Medienkompetenz erklären und dabei im selben Absatz vom Argument zur persönlichen Herabsetzung stolpern. Das ist keine Königsdisziplin. Das ist publizistisches Dosenwerfen mit Krone.
Über allem schwebt dann noch #medienkompetenz. Ein Hashtag wie ein kleiner Messingstern am Revers – er glänzt, sagt aber nichts darüber aus, ob darunter tatsächlich etwas geleistet wurde. Bei Pohlmann scheint Medienkompetenz jedenfalls dort zu enden, wo jemand nicht ehrfürchtig nickt. Dann wird aus Kritik Kränkung, aus Kränkung Spott und aus Spott schließlich wieder ein Kommentar. Ein geschlossenes, fast schon nachhaltig rechtes System.
Ich spreche ihm keineswegs ab, dass er sich für einen Journalisten hält. Menschen halten sich für vieles. Manche für Sommeliers, weil sie Rotwein von Weißwein unterscheiden können. Andere für Innenarchitekten, weil sie schon einmal eine Lampe gekauft haben. Pohlmann hält sich eben für den Hochadel des Kommentars.
Seine Texte sind allerdings weniger Königsdisziplin als vielmehr billige Provinzposse. Wo andere eine These prüfen, betätigt er schon die Alarmglocke. Wo andere abwägen, steht das Urteil bereits in Versalien bereit. Und wo Argumente knapp werden, findet sich garantiert noch ein Gegner, den man persönlich kleiner machen kann.
Das eigentlich Satirische daran ist deshalb nicht, dass Pohlmann sich gern über andere erhebt. Es ist die Fallhöhe zwischen Selbstbild und Text. Wer sich selbst zum König des Kommentars ernennt, sollte wenigstens darauf achten, dass die Krone nicht aus bedrucktem Geschenkpapier besteht.
Andre Klekamps souveräne Antwort lautete: „Ganz arme Nummer. Ganz arm.“
Eigentlich ist damit alles gesagt, doch aus Igelsicht würde ich gern ergänzen: Heiko Pohlmann macht Satiriker hin und wieder arbeitslos, denn er erledigt ihre Arbeit höchstpersönlich.
Möser pöbelt sich durch die Kommunalpolitik
Eigentlich wollte ich mich nie wieder über die an Schlichtheit kaum zu übertreffenden Kommentare von Wolfgang Niemeyer alias „Justus Möser“ auslassen. Da sein abstruser Kommentar über die Bedeutung von Kommunalpolitik aber Auslöser der kurzen Instagram-Debatte zwischen Pohlmann und Andre Klekamp war, muss es noch einmal sein.
Niemeyer liefert darin eine weitere publizistische Meisterleistung im gepflegten Weglassen: Halbwissen, Ressentiments und politisches Geraune werden so lange miteinander verrührt, bis am Ende etwas entsteht, das entfernt wie Analyse aussieht – vorausgesetzt, man stört sich nicht weiter an Fakten.
Schon die Wahl 2021 wird mit Corona, Briefwahl und ominösen „Unregelmäßigkeiten“ eingeräuchert. Welche Unregelmäßigkeiten? Wo? Mit welchen Folgen? Belege? Natürlich keine. Niemeyers Trick ist simpel: wenig genug behaupten, um nichts beweisen zu müssen, aber genug andeuten, damit Misstrauen hängen bleibt. Stimmungsmache mit eingebautem Rückwärtsgang.
Die Grünen bekamen 29,21 Prozent und 14 von 50 Ratssitzen, CDU 13, SPD 12. Ein demokratisches Wahlergebnis. Aber „29 Prozent haben Grün gewählt“ klingt eben weniger schön nach Verschwörung als „Corona – Briefwahl – Unregelmäßigkeiten“.
Anschließend macht Niemeyer aus Grünen, SPD und Volt „Grün-Rot“, das Osnabrück angeblich ruiniert. Dass gleichzeitig Katharina Pötter von der CDU zur Oberbürgermeisterin gewählt wurde und an der Spitze der Verwaltung steht, fällt bei ihm unter Fakten, die den Text unnötig kompliziert machen.
Niemeyer schreibt über Kommunalpolitik wie jemand, der die Regeln nicht kennt, aber schon vor dem Anpfiff weiß, dass der Schiedsrichter gekauft ist. Seit 2021 herrsche „Stillstand“. Welche Unternehmen verschwanden? Welche Investitionen blieben aus? Welche Zahlen belegen den Niedergang? Keine.
Der Beweis besteht darin, dass Wolfgang Niemeyer „Stillstand“ geschrieben hat. Recherche nach dem Prinzip: Kein Bus vor dem Fenster – Nahverkehr abgeschafft. Dann erscheint der Kronzeuge der grün-roten Schreckensherrschaft: der Tanzboden auf dem Ledenhof. Rund 700 Menschen unterstützen eine Initiative, die Stadt stellt testweise etwa 60 Quadratmeter Holz hin, öffentlich, nichtkommerziell, Schluss um 22 Uhr. Für Niemeyer: „Privilegierung von Minderheiten“.
Man muss ein ziemlich ramponiertes Demokratieverständnis besitzen, um Bürger, die Unterschriften sammeln, zur privilegierten Minderheit zu erklären. Nach Niemeyers Logik sind auch Kleingärtner, VfL-Fans, Schützen und Hundebesitzer verdächtige Splittergruppen. Demokratie herrscht offenbar erst, wenn ganz Osnabrück dasselbe will – möglichst dasselbe wie Wolfgang Niemeyer.
Dann entdeckt er „Partytouristen aus dem In- und Ausland“. Zahlen? Quellen? Wieder nichts. Ich sehe schon Reisebusse aus Amsterdam vorfahren: „Forget Berlin! Osnabrück has sixty square metres of wooden flooring!“ Am Schluss serviert Niemeyer die populistische Kinderportion: entweder „grüne Transformation“ oder Freiheit, Sicherheit und wirtschaftlicher Erfolg. Also: Fahrradweg oder Freiheit. Tanzboden oder Wohlstand. Grüne oder Zivilisation. Differenzierung ist schließlich etwas für Leute, die zu viel wissen.
Passend dazu nennt sich Niemeyer „Justus Möser“ und versucht mit „daß“, „läßt“ und „muß“, seiner Polemik den miefigen Geruch einer alten Bibliothek zu geben. Alte Rechtschreibung macht aus Ressentiments aber noch keine Gelehrsamkeit.
Der historische Möser war selbst kein sozialer Menschenfreund, sondern Mann des Ständestaates und Syndikus der Ritterschaft. Bei der Leibeigenschaft blieb er widersprüchlich: Er schrieb, er hätte sie gern abgeschafft, besaß aber selbst bis zu seinem Tod einen „Eigenbehörigen“. Vielleicht passt der Name deshalb sogar: der Blick zurück zu klaren Hierarchien und einer Gesellschaft, in der nicht jede Minderheit Wünsche anmeldet. Nur hatte der historische Möser wenigstens intellektuelles Format. Niemeyer hat allenfalls Meinung.
Den treffendsten Kommentar liefert die Hasepost selbst. Unter Niemeyers Text steht Carl Gustav Jungs Satz: „Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“
Treffender hätte man die Kolumne nicht redigieren können. Wer Misstrauen sät, Minderheiten zum Problem erklärt, unbelegte Bedrohungen erfindet und politische Gegner für fast alles verantwortlich macht, schreibt keine konservative Analyse, sondern kommunalpolitische Hetzprosa für Leute, denen selbst der Ledenhof inzwischen zu links ist.
Und so bleibt von „Möser“ vor allem eins: alte Rechtschreibung mit noch älteren Reflexen und Vorstellungen.
PS: Wir haben beschlossen, Andre Klekamp im Wahlkampf mit unseren bescheidenen Mitteln kostenlos zu unterstützen.















