Sonntag, 14. Juli 2024

Ein Sommermärchenblues wie 2006: Fabio Grossos Rückkehr als Mikel Merino

Nagelsmänner ganz oben im Olymp der tragischen Helden angekommen

Mein erstes großes Turnier, das ich bewusst verfolgte, war die EM 1980. Seitdem schied keine DFB-Truppe so unglücklich aus wie gestern die Nagelsmänner. Nachdem Wirtz kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit zum 1:1 getroffen hatte, schien es so, als wiederholte sich das Viertelfinaldrama von 2006. Doch Spaniens Nationalmannschaft wollte sich leider nicht in die Rolle der Argentinier fügen – obwohl es starke Anzeichen dafür gegeben hatte, dass sich Fußballdeutschland am Ende wieder glückselig in den Armen liegen würde.

So stark, wie Spanien in der Vorrunde und im Achtelfinale auftrat, so gut, wie die Iberer bis zu ihrem 1:0 durch Dani Olmo agierten, so sehr beeindruckte mich, wie die DFB-Elf auf den nicht unverdienten Rückstand reagierte. Die 51. Minute – der Zeitpunkt des Gegentors – markierte den Moment, der die Wende einleitete. Die Nagelsmänner traten mutiger auf, sie rissen das Spiel gegen die Großmeister des Ballbesitzes an sich und drängten die Furia Roja an den Abgrund einer dramatischen Niederlage.

Die Spanier wankten und taumelten, doch am Ende fielen die Adlerträger tief ins Jammertal, weil der Gegner aus dem Nichts einen letzten feinen Angriff spielte. Dieser plötzlichen Offensivaktion hatte die DFB-Abwehr – auch bedingt durch einen Stellungsfehler – nichts entgegenzusetzen, so dass Mikel Merino in der 119. Minute gnadenlos einköpfte und die Titelträume Fußballdeutschlands zerstörte. Wäre die DFB-Auswahl noch die alte Turniermannschaft wie bei der WM 82 oder 86 oder bei der EM 96 gewesen, dann hätten die Adlerträger genügend Matchglück gehabt, um weiterzukommen.

Zunächst hatte die DFB-Auswahl auf die Vergangenheit gesetzt: auf die altdeutsche Härte, als wären die Förster-Brüder, Klaus Augenthaler oder Jürgen Kohler Nagelsmanns taktische Einflüsterer gewesen. Die DFB-Truppe schloss mit einer hässlich wirkenden Aggressivität an den Spielstil der teutonischen Kampfmaschinen an, die sich in den 80er Jahren ihren Weg durch das Turnier walzten. Doch nach dem 0:1 zeigte sich das andere, moderne Fußballdeutschland, das leicht- und zauberfüßig den Ball zirkulieren lassen kann, das raffinierte Spielkunst und leidenschaftlichen Kampf zu einem Spektakel verbindet.

Als Wirtz mit seinem überfälligen Ausgleichstreffer eine Ekstase auf den Fanmeilen und in den Wohnzimmern der Republik auslöste, kamen bei mir Erinnerungen an das Sommermärchen 2006 auf: an das Viertelfinale gegen Argentinien. Denn: Das Spiel schien in die Richtung der Nagelsmänner zu kippen, auch weil der Trainer der Iberer – Luis de la Fuente – ähnlich schwere Wechselfehler beging, die damals der Coach der Albiceleste – José Pekermann – gemacht hatte.

Der argentinische Trainer hatte vor 18 Jahren verhängnisvolle Entscheidungen getroffen. So holte er Riquelme früh vom Platz und ließ Messi die ganze Zeit auf der Bank. Seine Ergebnisverwaltung entsprach einem widersprüchlichen Sicherheitsdenken, das nicht erkennt, wie grob fahrlässig es eigentlich ist. In diese Pekermann’sche Paradoxie verstrickte sich gestern auch Luis de la Fuente, indem er der DFB-Auswahl ungewollt den Gefallen tat, seine beiden extrem schnellen Unterschiedsspieler Lamine Yamal und Nico Williams auszutauschen. Ohne die zwei supersprintenden Unruhestifter mit dem Magnet im Fuß verlor die Furia Roja erheblich an ihrer Gefährlichkeit.

Der Trainer der Iberer betrieb nach Dani Olmos Führungstreffer in der 51. Minute somit ein In-Game-Coaching, als wäre der Viertelfinalfluch der Spanier plötzlich zurückgekehrt, dem sie von 1986 bis 2006 ausgesetzt waren. Julian Nagelsmann hatte dagegen seine Fehler in der Startaufstellung zur Pause korrigiert, d.h. Wirtz und Andrich für Sané und Can gebracht. Mit zunehmender Spielzeit geriet die Furia Roja nach ihrer Führung selbst ins Wanken, der Ausgleich der Adlerträger war nur eine Frage der Zeit – und als er in der 89. Minute endlich fiel, standen die Zeichen auf eine Neuauflage des Sommermärchens.

Das Sommermärchen sollte sich dann tatsächlich wiederholen, aber anders als gewünscht. Denn Mikel Merino wurde in der 119. Minute zum neuen Fabio Grosso, der 2006 im Halbfinale nach der gleichen Spielzeit an der Schwelle zum Elfmeterschießen das berauschte Fußballdeutschland brutalstmöglich ausgenüchtert hatte. In der 118. Minute war ich am Freitag dagegen noch in dem sich richtig anfühlenden inneren Film, insofern, als sich mir eine gegenwärtige Zukunft aufdrängte, in der das Viertelfinale 2006 wieder jetzt gewesen wäre.

Mein Bewusstseinszustand in der 118. Minute gaukelte mir vor, wie Marc-André ter Stegen bald seinen großen Dauerrivalen Manuel Neuer mit positiven Worten und ebenso wohlmeinenden Gesten schon fast fußballkitschig motivieren würde, wie die deutsche Nummer 1 dann beim Elfmeterschießen einen Zettel hinter ihrem Stutzen hervorholen würde, wodurch zwei Spanier so verunsichert wären, dass sie schließlich den Ayala und Cambiasso machten. Doch das Großdrama vom 30.06.06 im Berliner Olympiastadion wiederholte sich nicht, stattdessen ereignete sich die schwere Tragik erneut, die damals vor 18 Jahren vier Tage später im Dortmunder Westfalenstadion geschehen sollte. Anstelle von Fabio Grosso besetzte nun Mikel Merino die Rolle des ultimativen Partycrashers, der die fußballendzeitlichen Flashbacks vom äußerst schmerzhaften Halbfinale 2006 verursachte.

Anders als beim damaligen Spiel gegen Italien war die DFB-Truppe diesmal in der Verlängerung jedoch klar überlegen, sie hatte die besseren Chancen und bekam auf höchst rätselhafte Weise einen Handelfmeter nicht. So stiegen die Nagelsmänner nicht nur in den Olymp der tragischen Helden auf, sondern nahmen dort gleich einen besonderen Rang ein, indem sie die 2006er-Klinsmänner noch etwas überflügelten. Durch den tränenreichen Sommermärchenblues 2024 sind sie jetzt dort, wo sie Paul Gascoigne und andere Legenden der englischen Nationalmannschaft von 1996 treffen können.

Den EM-Pokal werden nächsten Sonntag andere in den Berliner Nachthimmel stemmen, aber die Herzen ihrer Fans eroberten die Nagelsmänner dennoch zurück – außer es sind Fans wie Höcke und Krah, Fans, deren Bewusstsein durch völkisches Gedankengut rassistisch vergiftet ist. Wer seine Begeisterung für traumhafte Schnittstellenpässe, schwindelerregende Dribblings und kunstvolle Tacklings abhängig von der Haut- und Trikotfarbe macht, hat aber den Fußball ohnehin nie geliebt.

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