Bühne 11: Wo Kultur gemeinsam wächst

Ein Beitrag von Stefan Rümmele
Ein Ort für Kultur – und für Menschen

Musik, Theater, Tanz, Begegnung – die Bühne 11 ist weit mehr als ein Haus mit Proberäumen. Seit vier Jahren bietet sie der freien Kulturszene in Osnabrück ein Zuhause. Hinter dem Projekt stehen engagierte Ehrenamtliche mit der Überzeugung, dass Kultur vor allem dort entsteht, wo Menschen ihr Wissen, ihre Zeit und ihre Ideen teilen. OR sprach mit Swaantje und Kristina über die Entstehung dieses besonderen Kulturortes, das Ehrenamt und ihre Vision für die Zukunft.

Stefan Rümmele im Gespräch mit Swaantje Ohlrogge (Vorsitzende des Vereins Kulturmacher Osnabrück e. V.) und Kristina Dold (Gesangslehrerin und Vereinsmitglied)

OR: Wer heute die Bühne 11 besucht, erlebt einen lebendigen Kulturort. Wann war euch eigentlich klar, dass aus der ursprünglichen Idee mehr werden könnte?

Swaantje: Die Idee ist Schritt für Schritt gewachsen. Die Initiative ging von der Felicitas-und-Werner-Egerland-Stiftung aus, nachdem dem Musical-Amateur-Projekt (MAP) der Verlust seiner bisherigen Proberäume drohte. Gemeinsam entstand die Idee, diesen Ort dauerhaft für die freie Kulturszene zu erhalten. Die Voraussetzungen waren ideal: zentrale Lage, hervorragend ausgestattete Räume und eine Infrastruktur, die heute kaum noch neu geschaffen werden könnte. Über viele Gespräche, engagierte Mitstreiter und auch ein paar glückliche Zufälle kam der Verein Kulturmacher Osnabrück e. V. zur Bühne11.

OR: Du gehörst also zu den Menschen der ersten Stunde.

Swaantje: Ja, ich war bereits bei der Vereinsgründung dabei – noch bevor die Bühne 11 eröffnet wurde. Die ersten beiden Jahre haben wir praktisch alles ehrenamtlich aufgebaut. Wenn ich heute zurückblicke, frage ich mich manchmal selbst, wie wir das geschafft haben. Aber genau dieses gemeinsame Anpacken hat die Bühne 11 überhaupt erst möglich gemacht. Ohne die vielen Ehrenamtlichen gäbe es diesen Ort heute nicht.

OR: Wann kam der Moment, in dem ihr gespürt habt: Das Projekt hat Zukunft?

Swaantje: Ein ganz wichtiger Meilenstein war die Förderung durch die Stadt Osnabrück. Gestartet sind wir mit einer Anschubförderung der Felicitas-und-Werner-Egerland-Stiftung, die uns bis heute begleitet. Als dann Anfang des Jahres auch die Zusage der Stadt kam, war das für uns ein riesiger Schritt. In diesem Moment wussten wir: Die Bühne 11 wird wahrgenommen – und wir können langfristiger planen.

OR: Wie finanziert sich die Bühne 11 heute?

Swaantje: Inzwischen stehen wir auf drei Säulen. Neben der Förderung durch die Stiftung und die Stadt sind unsere Nutzungsentgelte ein wichtiger Bestandteil. Sie sichern den laufenden Betrieb und ermöglichen es uns, die Räume zu fairen Preisen anzubieten.

OR: Die Stiftung begleitet euch also weiterhin?

Swaantje: Ja, und das freut uns sehr. Wir stehen regelmäßig im Austausch und überlegen gemeinsam, wie sich die Bühne 11 weiterentwickeln kann. Diese Zusammenarbeit ist weit mehr als eine finanzielle Unterstützung – sie ist für uns ein wichtiger Impulsgeber.


Glücksfall

OR: Von außen sieht vieles sehr professionell aus. Wie organisiert ihr den Alltag?

Swaantje: Ich bin gemeinsam mit Katie Marie Silvers Vorsitzende des Vereins und zusätzlich im Projektmanagement tätig. Unterstützt werden wir von einer Mitarbeiterin auf geringfügiger Basis in der Verwaltung sowie von Menschen, die sich um Reinigung und Hausmeisteraufgaben kümmern.

Trotzdem wird ein großer Teil der Arbeit weiterhin ehrenamtlich geleistet. Allein die Organisation eines fast 700 Quadratmeter großen Gebäudes bringt täglich neue Aufgaben mit sich. Ohne engagierte Menschen, die Verantwortung übernehmen, wäre das nicht zu bewältigen.

OR: Kristina, du bist nicht nur Vereinsmitglied, sondern nutzt die Bühne 11 auch beruflich. Was macht diesen Ort für dich so besonders?

Kristina: Für mich ist die Bühne 11 ein Glücksfall. Ich engagiere mich inzwischen im Verein und arbeite gleichzeitig hier als selbstständige Gesangslehrerin.

Früher war ich ständig auf der Suche nach geeigneten Unterrichtsräumen. Oft waren sie schlecht ausgestattet oder für Gesangsunterricht eher ungeeignet und nur eine Lösung auf Zeit. Hier habe ich optimale Bedingungen – ich kann zu meinen Konditionen arbeiten und somit meine Selbständigkeit erhalten und trotzdem Teil einer Gemeinschaft sein, in der gemeinsame Projekte entstehen. Genau das macht die Bühne 11 für mich so attraktiv.

Foto; Swaantje Ohlrogge

Mehr als eine Raumvermietung

OR: Wer zum ersten Mal von der Bühne 11 hört, könnte denken: Das ist einfach ein Haus mit Proberäumen. Was macht euch anders?

Swaantje: Der entscheidende Unterschied ist unser Selbstverständnis. Wir sind kein gewerbliches Unternehmen, sondern ein gemeinnütziger Verein. Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Räume zu vermieten, sondern Kultur zu ermöglichen.

Unsere Räume stehen Musikerinnen und Musikern, Chören, Tanzgruppen, Theaterprojekten oder Kulturschaffenden offen. Sie werden für jede Nutzung individuell vorbereitet und anschließend wieder freigeräumt. Dadurch bleiben sie flexibel und können ganz unterschiedlich genutzt werden. Für Bands mit fest installierter Verstärkertechnik ist das weniger geeignet – für viele andere Kulturprojekte dagegen umso mehr.

OR: Gemeinnützigkeit bedeutet auch: möglichst niedrige Hürden.

Swaantje: Wir möchten, dass Kultur nicht am Geld scheitert. Deshalb beginnen unsere Nutzungsentgelte – je nach Raumgröße – zwischen fünf und fünfzehn Euro pro Stunde. Das ermöglicht auch kleineren Initiativen oder Einzelpersonen, professionelle Räume zu nutzen.

OR: Kann jede und jeder die Bühne 11 nutzen?

Swaantje: Grundsätzlich ja. Entscheidend ist, dass das Vorhaben zu unserem Satzungszweck passt und einen kulturellen oder künstlerischen Bezug hat.

OR: Wie flexibel seid ihr bei Anfragen?

Swaantje: Oft mehr, als viele vermuten. Natürlich müssen Räume frei sein und jemand muss die Einweisung übernehmen. Aber wir versuchen, auch kurzfristig Lösungen zu finden. Manchmal meldet sich jemand, der sich auf eine Aufnahmeprüfung vorbereitet. Manchmal braucht ein Ensemble spontan einen Probenraum oder eine Tanzgruppe einen Platz für ein Wochenende. Genau diese Vielfalt gehört zu unserem Alltag.


Ein Haus voller Geschichten

OR: Wer begegnet sich eigentlich unter einem Dach wie der Bühne 11?

Kristina: Menschen, die vermutlich sonst nicht zusammenkommen würden. Natürlich gibt es Musikerinnen und Musiker, Gesangsunterricht oder Chöre. Aber genauso treffen sich hier Tanzgruppen, Theaterprojekte, Puppenspieler, Workshops oder Vereine mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen.

Manchmal bereitet sich jemand allein auf eine Aufnahmeprüfung vor, während nebenan ein Chor probt und im nächsten Raum eine Tanzgruppe arbeitet. Viele Kooperationen entstehen ganz nebenbei – einfach, weil man sich immer wieder über den Weg läuft. Ich glaube, genau das macht die Bühne 11 zu einem besonderen Ort.

OR: In Zeiten gesellschaftlicher Spannungen ist das keine Selbstverständlichkeit.

Swaantje: Nein, und vielleicht ist es gerade deshalb so wertvoll. Bei uns begegnen sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Natürlich gibt es gelegentlich Diskussionen – wie überall, wo viele Menschen zusammenarbeiten. Bemerkenswert ist aber, dass wir bisher keine Konflikte erlebt haben, die entlang kultureller oder gesellschaftlicher Unterschiede entstanden sind.


Gemeinschaft braucht Menschen

OR: Wer die Bühne 11 besucht, erlebt einen lebendigen Kulturort. Was viele wahrscheinlich nicht sehen: Wie viel Arbeit hinter diesem Angebot steckt.

Swaantje: Das stimmt. Was oft nicht gesehen wird, ist der enorme ehrenamtliche Einsatz dahinter. Natürlich arbeiten wir professionell. Wir verwalten ein großes Gebäude, koordinieren Belegungen, rechnen Fördermittel ab und tragen Verantwortung für viele Nutzerinnen und Nutzer. Aber unsere bezahlten Stunden reichen bei weitem nicht aus, um all das abzudecken. Ohne Ehrenamt würde die Bühne 11 schlicht nicht funktionieren.

OR: Wie viele Menschen engagieren sich regelmäßig?

Swaantje: Rund 15. Manche helfen bei Veranstaltungen, andere betreuen unsere Social-Media-Kanäle, kümmern sich um organisatorische Aufgaben oder sitzen regelmäßig im Büro. Jede und jeder bringt sich auf seine Weise ein. Genau das macht unsere Gemeinschaft aus.

OR: Ehrenamt klingt oft selbstverständlich. Tatsächlich verlangt es aber viel.

Swaantje: Ehrenamt passiert nie nebenbei. Es kommt immer zusätzlich zum Beruf, zur Familie oder zu anderen Verpflichtungen. Deshalb wünsche ich mir vor allem eines: mehr Wertschätzung. Viele Menschen engagieren sich jahrelang, ohne großes Aufsehen darum zu machen. Dabei tragen sie Verantwortung für Projekte, Vereine und letztlich auch für das gesellschaftliche Miteinander. Das wird häufig unterschätzt.


Kultur lebt vom Miteinander

OR: Wenn man euch zuhört, fällt immer wieder ein Wort: Gemeinschaft.

Swaantje: Vielleicht, weil sie tatsächlich der Kern unserer Arbeit ist. Natürlich brauchen Vereine Fördergelder. Natürlich müssen wir wirtschaftlich denken. Aber Geld allein schafft noch keinen Kulturort. Was einen Ort lebendig macht, sind Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, Ideen einzubringen und Zeit zu investieren. Das erleben wir hier jeden Tag. Hier entstehen Gespräche, gemeinsame Projekte und manchmal auch Freundschaften. Das lässt sich nicht planen – aber man kann die Voraussetzungen dafür schaffen.

OR: Ist das vielleicht eure eigentliche Aufgabe?

Swaantje: Ich glaube schon. Natürlich vermieten wir Räume. Aber eigentlich schaffen wir Möglichkeiten. Möglichkeiten, gemeinsam Musik zu machen. Theater zu spielen, zu tanzen, sich kennenzulernen. Und vielleicht sogar voneinander zu lernen. Für mich ist das der eigentliche Wert der Bühne 11.


Gemeinsam Zukunft gestalten

OR: Wenn du einen Wunsch für die Bühne 11 frei hättest – welcher wäre das?

Swaantje: Ich wünsche mir, dass wir die freie Kulturszene in Osnabrück noch stärker miteinander vernetzen. Viele wissen noch gar nicht, welche Möglichkeiten es hier gibt. Dabei entstehen die spannendsten Projekte oft dann, wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Wenn wir dazu beitragen können, solche Begegnungen möglich zu machen, haben wir viel erreicht.

OR: Ihr sprecht immer wieder davon, Ressourcen zu teilen. Was bedeutet das ganz konkret?

Swaantje: Dass wir nicht alles neu erfinden müssen. Wir teilen Räume, wir teilen Infrastruktur und Erfahrungen. Unser Büro nutzen inzwischen mehrere Vereine gemeinsam. Das spart nicht nur Geld, sondern bringt Menschen zusammen, die sich gegenseitig unterstützen können. Ich glaube, genau darin liegt die Zukunft – nicht jeder für sich, sondern miteinander.

Kristina: Wenn wir lernen Ressourcen zu teilen und zusammen zu arbeiten, profitieren am Ende alle davon.

OR: Wenn heute jemand zum ersten Mal durch diese Tür kommt – was soll er oder sie erleben?

Swaantje: Offenheit. Die Erfahrung, willkommen zu sein. Und vielleicht auch die Lust, selbst Teil dieses Ortes zu werden. Denn Kultur entsteht nicht durch Gebäude. Sie entsteht durch Menschen.


Zwei Sätze zum Schluss

OR: Beschreibt die Bühne 11 bitte jeweils in einem Satz.

Kristina: Für mich ist die Bühne 11 ein Ort, an dem Kultur entstehen kann, weil Menschen bereit sind, ihre Zeit, ihre Ideen und ihre Räume miteinander zu teilen.

Swaantje: Für mich zeigt die Bühne 11, was möglich wird, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und sich gemeinsam engagieren.

Bühne 11 auf einen Blick
• gegründet vor vier Jahren
• getragen vom Verein Kulturmacher Osnabrück e. V.
• Förderung durch die Felicitas-und-Werner-Egerland-Stiftung und die Stadt Osnabrück
• Adresse: Spichernstr. 11 • rund 700 Quadratmeter Kulturfläche
• Fünf Räume für Musik, Theater, Tanz und zahlreiche weitere Kulturprojekte
• Nutzungsentgelte ab 5 Euro pro Stunde
• rund 15 Ehrenamtliche engagieren sich regelmäßig
https://buehne11.de/
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