Vom „Ödland“ zum Klimaschützer

Uni Osnabrück: Neues Kooperationsprojekt mit dem Emsland Moormuseum

Moore bedecken weltweit nur drei bis vier Prozent der Landfläche, binden dabei aber etwa ein Drittel des gesamten in Böden gespeicherten Kohlenstoffs. Was ein Jahrhundert lang als Erschließung von „Ödland“ galt, gilt heute als Zerstörung einer Umweltressource. Wie eine Gesellschaft einen solchen Richtungswechsel vollzieht, ist nicht zuletzt eine historische Frage. Antworten darauf sucht eine neue Kooperation der Uni Osnabrück mit dem Emsland Moormuseum.

Um 1880 arbeiteten im nordwestdeutschen Moorgebiet etwa fünfzig Torfbetriebe, vier Jahrzehnte später waren es über 1.200. In derselben Landschaft, in der bis in die 1980er Jahre hinein in großem Maßstab entwässert, abgetorft und kultiviert wurde, laufen heute Wiedervernässungsprogramme, deren Begründung nicht mehr aus der Agrarpolitik stammt, sondern aus der Klimaforschung.

Im Oktober startet das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen geförderte Projekt „Moorlandschaften als Interventionsräume“. In den kommenden drei Jahren untersuchen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die sozio-ökologische Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Das Vorhaben wird von Dr. Christoph Rass, Professor für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück, gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste durchgeführt.

„Bei diesem spannenden Projekt laufen gleich mehrere Linien unserer Arbeit zusammen. Wir können die seit 2014 erfolgreich laufende Forschung mit dem Konzept der Konfliktlandschaften weiterführen – jetzt im Bereich der Umweltgeschichte – und zugleich die bereits mit der Digitalisierung der Sammlung Richard sehr produktiv laufende Kooperation mit dem Moormuseum“, so Rass. Und die Leiterin des Museums, Dr. Tanja Hasselkamp, ergänzt: „Ich freue mich sehr, dass wir die bereits bestehende Zusammenarbeit fortsetzen können.

Für uns als Museum ist es wichtig, dass Wissenschaft und Bildung miteinander verzahnt sind. Und genauso wichtig ist es, historische, kulturelle und ökologische Faktoren zusammen zu sehen, um unsere Welt verstehen zu können. Das geschieht in idealer Weise in diesem Projekt. Unsere Zusammenarbeit ist daher für alle ein Gewinn mit gesellschaftlicher Relevanz, da die wissenschaftlichen Erkenntnisse als Basis einer aktuellen und zeitgemäßen Bildungsarbeit ein Publikum von ca. 22.000 Besucherinnen und Besucher sowie ca. 4.000 Schülerinnen und Schüler im Jahr ansprechen.“

Das Bourtanger Moor, das sich über die deutsch-niederländische Grenze erstreckt, hat im 20. Jahrhundert zwei gegensätzliche Transformationen durchlaufen. Auf eine Phase maximaler Erschließung folgte seit den 1970er Jahren eine Bewegung in die Gegenrichtung, die aus Umweltbewegung, europäischer Naturschutzpolitik und Klimadebatte gespeist wurde und in die heutige Renaturierung mündete. Beide Bewegungen wurden von staatlichen Stellen geplant, wissenschaftlich beraten und öffentlich legitimiert.

Daraus ergibt sich die Leitfrage des Projekts: Unter welchen Bedingungen verändern demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad? Die Frage ist deshalb reizvoll, weil die Bundesrepublik nach 1945 zunächst das Gegenteil tat. Sie übernahm ein Kultivierungsprogramm, dessen Grundzüge in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus entwickelt worden waren, verstärkte es und rechtfertigte es neu, diesmal mit Wohnraum für Vertriebene, mit Arbeitsplätzen und mit der Überwindung eines als „Notstandsgebiet“ beschriebenen Rückstands. Erst zwei Jahrzehnte später begann sich das Deutungsmuster zu verschieben. Wann genau, durch welche Akteure und gegen welche Widerstände? Das zu erarbeiten, ist ein zentraler Gegenstand des Projekts.

Theoretisch verbindet das Projekt zwei Konzepte. Das erste, die „Interventionslandschaft“, wurde von Thomas Bohn und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Verbundprojekt „Polesien als Interventionslandschaft“ für die Pripjatsümpfe entwickelt und beschreibt Landschaften, die durch Territorialisierung, Planung und Optimierung systematisch verfügbar gemacht werden, ohne dass die Planung je vollständig aufginge.

Das zweite Konzept stammt aus der eigenen Werkstatt der Uni Osnabrück: Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften untersucht seit 2014 gewaltüberformte Orte in der Verschränkung ihrer materiellen und diskursiven Ebenen, also in der fortwährenden Übersetzung zwischen der Erzählung einer Landschaft in Geschichte, Gegenwart und Zukunft einerseits und der sozialen Realität und materiellen Konfiguration einer Landschaft andererseits.

Empirisch stützt sich das Vorhaben unter anderem auf die Sammlung des Emsland Moormuseums, die mit rund 18.500 Objekten und einer Fachbibliothek von etwa 4.000 Bänden zu den bedeutendsten Beständen zur Moorkultivierung in Europa zählt. Darüber hinaus sind die ersten Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen noch für das erste Projektjahr vorgesehen.

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