OR-Serie zum „Stadtbild“ – Osnabrücker Motive per Pinsel und Farbe / Motiv 14

Anna Budina präsentiert den Nikolaiort in der Maiwoche 

Zur „Halbzeitpause“ unseres Tagesmagazins präsentieren wir weiter eine OR-Serie mit Motiven aus unserem Stadtbild. Zum aktuellen Werk schreibt die Künstlerin:

In all meinen Osnabrücker Jahren habe ich kein einziges Mal auf der Maiwoche gemalt. Und noch mehr: Ich bin kein einziges Mal wirklich auf der Maiwoche gewesen. Vielleicht im Vorbeigehen, auf dem Weg von der Uni zum Hasetor-Bahnhof, oder mal kurz zum Riesenradfahren mit den Kindern, als sie sich noch nicht allein in die Stadt trauten. Irgendwie war es mir immer zu laut, zu voll, oder es war einfach nie genug Zeit da.

Aber jetzt schicke ich jede Woche ein Osnabrücker Motiv an die OS-Rundschau, also warum nicht zur Maiwoche, die gerade begonnen hat? Es ist Samstagnachmittag, relativ früh, sodass man sich durch die Straßen noch nicht durchboxen muss. Die VfL-Fans sind schon da, aber ihre Stimmung hält sich noch in Grenzen. Ich suche eine Ecke, in der ich ungestört ein paar Stunden stehen kann und mir ein interessanter Ausblick nicht versperrt wird. Zuerst denke ich an die typischen Highlights wie das Riesenrad oder das große Kettenkarussell, möchte mich dann aber doch ein wenig weiter umschauen.

Am Nikolaiort erhebt sich die Europadorf-Säule, gekrönt vom Osnabrücker Rad. Von der Säule aus spannen sich bunte Girlanden in alle Richtungen. Neben Deutschland- und EU-Fahnen sind die Wappen der Partnerstädte Osnabrücks zu erkennen: Angers, Haarlem, Derby. Unter der Säule hat das Städtepartnerschaftsbüro sein Zelt aufgeschlagen. Die Fahnen flattern im Wind, im Einklang mit der sich bewegenden Menschenmenge. Was mir aber noch mehr als die Fahnen gefällt, ist das Werbedisplay über einer Bar direkt nebenan. Auf dunklem Hintergrund taucht immer wieder eine Reihe von Cocktailgläsern auf, gefüllt mit schillernden Farben, und verschwindet wieder. Piña Colada, Sex on the Beach, Tequila Sunrise, Erdbeer-Daiquiri, Swimming Pool, Toxic, Mai Tai, Long Island Iced Tea – sie bieten eine natürliche Ergänzung zu den bunten Fahnengirlanden. Wer auch immer sich diese Werbung ausgedacht hat, verdient Respekt.

Ich schaue mich um und finde eine ruhige Ecke neben einem anderen Getränkestand. Ruhig ist sie nur bedingt, denn von allen Seiten dröhnt Musik. Aber hier ist die Wahrscheinlichkeit, aus Versehen überrannt zu werden, nicht ganz so hoch. Die Jungs hinter der Theke schauen neugierig auf das Skizzenbuch. Ihre Kundschaft lässt noch auf sich warten. Ein Junge kommt herüber und fragt, ob ich ihn auch ins Bild setzen könnte, wenn er sich davorstellt, an einen Stehtisch angelehnt. „Mal schauen“, antworte ich zurückhaltend. „Ich muss zuerst den Hintergrund zeichnen.“

Tatsächlich ist es in dieser Situation extrem wichtig, zuerst den ganzen Hintergrund festzulegen, denn sehr bald wird sich der kleine Platz vollständig mit Menschen füllen, sodass viele Details nicht mehr erkennbar sein werden. Als Zeichnerin muss ich stets mehr über die Szene wissen, als das fertige Bild zeigt. Wie sieht der Sockel der Bartheke aus? Wo genau berührt er den Boden? Wie hoch sind die Stehtische und welche Form haben ihre Beine? Ohne dieses Wissen würden die Figuren, die später dazukommen, unbeholfen in der Luft schweben.

Die Zeit vergeht schnell, die Menschenmenge wird dichter. Ich beschließe, auf dem Bild etwas mehr Raum zu lassen, als es in Wirklichkeit inzwischen gibt. Die Musik gibt den Rhythmus für die gesamte Szene vor. Mein eigener Arbeitsrhythmus richtet sich nach dem wechselnden Farbdisplay. Sobald die bunte Cocktailreihe aufblitzt, zeichne ich ein weiteres Glas. Den neugierigen Barista kann ich nicht mehr hinzufügen; er hat jetzt hinter der Theke genug zu tun. Auch mein Versteck füllt sich allmählich mit Menschen. Einige von ihnen scheinen zu denken, meine Staffelei sei eine natürliche Erweiterung der Bartheke. Sie versuchen, sich daran zu lehnen oder sogar leere Biergläser bei mir abzustellen. Eine Gruppe Radfahrer, die sich in der Menge verirrt hat, bleibt vor mir stehen und fragt nach dem Weg. Ich merke, dass es Zeit wird, nach Hause zu gehen – mit einem Stück Maiwoche im Skizzenbuch.

Foto: Jason P. Topp


Zur Künstlerin Anna Budina

Anna Budina lebt und arbeitet im Raum Osnabrück. Von 2016 bis 2020 studierte sie an der Universität Osnabrück Kunst, Kunstpädagogik und Kunstgeschichte (B.A.). Besonders verbunden fühlt sie sich der Aquarellmalerei und dem digitalen Zeichnen. Immer wieder ist sie in der Stadt mit Feldstaffelei und Skizzenbüchern zu sehen. Sie hält das städtische Leben in Farben fest und schafft somit eine reichhaltige Quelle für ihre weiteren Arbeiten.

Seit 2017 ist die Künstlerin regelmäßig auf regionalen und überregionalen Ausstellungen sowie Kunstprojekten vertreten und hat ihre Werke in mehreren Einzelausstellungen in der Stadt Osnabrück präsentiert. Darüber hinaus ist sie als Kunstdozentin tätig, unter anderem an den Volkshochschulen Osnabrück und Ibbenbüren sowie an der Katholischen FABI Osnabrück.

Mehr gibt es auf ihrer Homepage. www.annabudina.com

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