Osnabrück in Aquarell – vom flüchtigen Augenblick zum Kalender 2027

Osnabrück in Aquarell – vom flüchtigen Augenblick zum Kalender 2027

„Darf ich Ihnen über die Schulter schauen?“, „Welche Farben sind das?“ und „Wie lange brauchen Sie für so ein Bild?“ – das sind wahrscheinlich die häufigsten Fragen, die ich zu hören bekomme, wenn ich draußen in der Stadt male. Über die Antworten muss ich nicht lange nachdenken, sie gehören zur Routine: „Ja, dürfen Sie gern.“ „Das sind Aquarellfarben.“ „Zwei bis vier Stunden, je nach Details.“ Doch eine Frage, die mir manchmal gestellt wird, bringt mich regelmäßig in Verlegenheit: „Machen Sie das für sich?“

In den meisten Fällen möchte man wissen, ob ich die Bilder zum Spaß, gleichsam als Hobby male oder ob ich vorhabe, sie zu verkaufen. Für mich klingt dieser Satz allerdings jedes Mal wie eine motivationspsychologische Fragestellung. Selbstverständlich mache ich das für mich, aus einem inneren Impuls heraus. Aber warum eigentlich? Welche Beweggründe stecken dahinter? Und wie sieht eine typische Situation aus, in der diese Form ästhetischen Handelns stattfindet?

Es ist ein sonniger Samstagvormittag im Sommer, vielleicht auch im Herbst. Ich stehe mit meiner Feldstaffelei und meinem Skizzenbuch auf dem Osnabrücker Domhof. Vor mir reihen sich bunte Marktstände mit Obst, Gemüse, Oliven, Trockenfrüchten und Blumen aneinander. Es ist der Osnabrücker Wochenmarkt, ein lebendiges und lebenswichtiges Organ dieser Stadt, ein Ort der Begegnung und des Austausches. Wenn man nur Lebensmittel braucht, geht man in den Supermarkt. Wenn man Wärme, Freundlichkeit und bekannte Gesichter sucht, geht man auf den Wochenmarkt.

Je nach Jahreszeit dominieren Grün, Rot, Gelb oder Orange das Bild. Menschen flanieren mit ihren Einkaufstaschen über den Platz, genießen das schöne Wetter und bleiben immer wieder stehen, um etwas an den Ständen zu kaufen, mit Bekannten zu plaudern, einen frisch gepressten Orangensaft oder einen Becher Kaffee vor dem Citroën-Oldtimer zu trinken.

Mein Blick wandert von der historischen Architektur rund um den Platz und den Bäumen davor über die gestreiften Stoffdächer der Marktstände bis hin zu den einzelnen Passanten: eine Dame mit Hut und Einkaufstrolley, eine Familie mit Kindern im Vorschulalter, ein Herr mit wuscheligem weißem Bart und einem ebenso wuscheligen weißen Hund, eine zierliche rothaarige Dame mit Fahrrad und bunt gestricktem Schal, ein junges Paar, er mit Bart und weiter Hose, sie mit langen Haaren und Hoodie, eine Mutter mit Kinderwagen, zwei Freundinnen mit Flechtkörben, ein Mann, der nach leeren Flaschen sucht und um kleine Essensspenden bittet …

Aus dieser Fülle von Farben und Formen, dem Stimmengewirr, der ständigen Bewegung und dem sich verändernden Licht versuche ich das herauszufiltern, was mir in diesem Augenblick für die Atmosphäre des Ortes wesentlich erscheint. Ich möchte aus dem scheinbaren Chaos all dieser Einzelheiten eine klar lesbare Bildformel entwickeln, mit deren Hilfe ich den flüchtigen Moment in meinem Skizzenbuch festhalten kann.

Ein Skizzenbuch ist mehr als nur Papier. Mein Skizzenbuch besteht aus zwei festen Buchdeckeln und einem dazwischenliegenden, wie eine Ziehharmonika gefalteten Aquarellkarton. So kann ich nicht nur einzelne Skizzen, sondern eine fortlaufende Bildfolge schaffen, eine kleine Geschichte. Ein Motiv geht fließend ins andere über, auch wenn manchmal eine oder zwei Wochen zwischen ihrer Entstehung liegen. Auf den Sommer folgt der Herbst, auf den Herbst der Winter und so weiter. Ist eine Bildfolge abgeschlossen, drehe ich das Skizzenbuch um und bemale die andere Seite. Ein gefülltes Skizzenbuch wird so zu einer kleinen Metapher für den Lauf der Zeit: Der Ort verändert sich allmählich, und mit ihm verändert sich auch mein Blick auf diesen Ort.

Liegt darin nicht letztlich die eigentliche Motivation meines künstlerischen Handelns, nach der ich immer wieder gefragt werde? Das Vergängliche und sich ständig Verändernde für einen Augenblick festzuhalten und zugleich den Kreislauf der Jahreszeiten sichtbar zu machen?

Wenn ein Bild fertig ist, wird das Skizzenbuch zusammengeklappt und verschwindet erst einmal in meiner Tasche oder in einer Schublade. Doch die meisten Kunstschaffenden möchten ihre Werke nicht nur für sich behalten, sondern auch mit anderen teilen. Da bin ich keine Ausnahme. Und was könnte sich besser dazu eignen, den Wechsel der Jahreszeiten und die besonderen Augenblicke eines Jahres zusammenzufassen, als ein Kalender?

Für das Jahr 2027 sind aus meinen Aquarellen gleich zwei Kalender entstanden: einer mit Osnabrücker Stadtansichten und einer, der ganz dem Osnabrücker Wochenmarkt gewidmet ist. Sie laden dazu ein, die Stadt und ihren Markt Monat für Monat mit meinen Augen zu entdecken.

Die Kalender mit Aquarellen von Anna Budina sind erhältlich bei NeuLand Osnabrück (Markt 9), in der Tourist Information Osnabrück (Bierstraße 22), auf dem Wochenmarkt am Stand Edelnuss, im Onlineshop der Gemüsegärtner  https://die-gemuesegaertner.de/ sowie direkt bei der Künstlerin jeden Sonntag im November von 14 bis 17 Uhr im KulturRAUM, Mindener Str. 60, Bissendorf, oder auch unter info@annabudina.com.

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