Beeindruckende Manifestation auf dem Bramscher Münsterplatz
Knapp 150 Besucher:innen waren dem Aufruf der Bramscher OmasGegenRechts gefolgt, um bei zunächst strahlendem Sonnenschein und passender Musik auf dem Münsterplatz, im Zentrum von Bramsche, am vergangenen Samstag für eine lebendige Demokratie einzutreten. Anders, als bei früheren Veranstaltungen üblich: die Redner:innen aus den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen bekamen im Vorfeld ein Thema aus dem breiten Spektrum der Demokratie vorgegeben, zu dem sie sich in einem kurzen Statement äußern sollten. Das Thema „Hass und Hetze“ wurde bewusst außenvor gelassen, denn von der Veranstaltung sollte ein positives Signal ausgehen …

Bärbel Zahnow von den Bramscher OmasGegenRechts machte bei der Begrüßung sofort deutlich, dass in der Einladung zu dieser Veranstaltung das Motto „?!Demokratie lebt!?“ zwar mit Fragezeichen versehen sei. „Doch am Ende werden die Fragezeichen verschwunden sein und dort nur noch Ausrufezeichen stehen“, kündigte sie unter dem Beifall der Teilnehmer:innen an und gab damit symbolisch schon mal die Richtung vor. Maxe alias Martin Weitzmann nahm diesen Appell auf und stimmte die Menge gleich mit dem Lied „Keiner wählt hier rechts“ auf das nächste Thema ein.
Wählen gehen
Heiner Pahlmann, scheidender Bürgermeister der Stadt Bramsche, hob bei seinem Thema „Wählen gehen“ in Anspielung auf die kurz bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt besonders hervor: „Es gibt keine Protestwahl. Man muss sich schon damit auseinandersetzen, wo man sein Kreuz macht und damit rechnen, dass das dann auch in die Tat umgesetzt wird.“ Auch wenn man mit Vielem, was die Regierenden machen, nicht einverstanden sei, dürfe man seinen Unmut nicht dadurch zum Ausdruck bringen, rechte Populisten zu wählen. Aus seiner langjährigen Erfahrung könne er berichten, dass viele sagen würden, „dieses oder jenes müsse besser werden“, aber ändern solle sich dann auch nichts. Mit Blick auf die anstehende, wichtige Kommunalwahl erwarte er eine gute Wahlbeteiligung. Demokratie lebe vom Mitmachen und dafür benötige man demokratische Parteien. Mit Blick auf das (noch) gute Wetter: „Wenn auch mal ein Tropfen Regen fällt, ist das nicht so schlimm. Nicht wählen zu gehen, ist schlimmer!“ war sein Schlussappell an die Bevölkerung.
Homophobie und Respekt
Gemeinsam befassten sich Greta Cwik und Nicole Ewert vom Queeren Netzwerk Bramsche mit dem Thema „Homophobie und Respekt“. Der Begriff „queer“ sei für viele Menschen noch ein unbekanntes oder vages Wort, so dass daraus gefährliches Halbwissen entstehe, das die „Tür zur Diskriminierung“ öffne. Deshalb sei es wichtig zu wissen, dass „queer“ alle Formen der sexuellen Orientierung neben der heterosexuellen einschließe und damit auch jene, die sich nicht in traditionelle Kategorien von Geschlecht und Sexualität einordnen lassen. Diese Vielfalt gehöre zu einem Leben in einer offenen, demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft, in der „Homophobie“ und „Rassismus“ Fremdwörter sein sollten. Seit mindestens zehn Jahren würden sich die Aktivist:innen der Queeren Community für die Anerkennung queerer Menschen einsetzen. Eine Aufnahme in Artikel 3 des Grundgesetzes sei daher längst überfällig.
Weil gerade queere Personen den Rechtsruck in der Gesellschaft spüren würden, nicht nur durch rechte Rhetorik, sondern auch durch einen rapiden Anstieg der Straftaten. Zwischen 2018 und 2025 seien die körperlichen Straftaten gegen queere Menschen von 350 auf knapp 2.400 angestiegen. Dies sei nicht zuletzt der AfD anzulasten, die jüngst den Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day statt zu verurteilen, zum Anlass genommen habe, um weiter gegen queeres Leben zu hetzen. Im Gegenteil: diese Partei fordere gar eine Rückkehr zu traditionellen Lebensmodellen mit Vater-Mutter-Kind und nutze den Anschlag dazu schamlos aus, um queere Lebensmodelle als homophob zu diffamieren und ihre völkischen Vorstellungen zu propagieren. Eine solche Vorgehensweise sei an Widerlichkeit nicht zu überbieten. Auch deshalb sei es an der Zeit, dass die Lebensvielfalt der Gesellschaft auch im Grundgesetz endlich verankert werde.
Gelungene Effekte von Migration
Paul Krause vom Verein Amal, dessen Redebeitrag („Gelungene Effekte von Migration“) sinnigerweise genau um „5 vor 12“ begann, wie er überrascht feststellte, merkte zunächst an, dass er sich nicht wie die rechten Demagogen damit befassen möchte, wovor wir bei der Migration Angst haben sollten, sondern damit, „was durch Migration möglich wird und gelingen kann.“ Viele Menschen, die irgendwann als Migranten oder Geflüchtete nach hier gekommen seien, hätten Deutsch gelernt, Schul- oder Berufsabschlüsse erworben, hätten vorhandene Qualifikationen eingebracht oder sich beruflich noch einmal ganz neu orientiert. Gelungene Migration sei nicht daran zu erkennen, wo jemand herkommt, sondern daran, welchen Weg wir gemeinsam nehmen. Man finde sie in der Handwerkerschaft, in der Industrie, in der Pflege oder in der Gastronomie sowie in vielen anderen Bereichen. Und sie würden wie jeder andere auch Steuern zahlen und Beiträge zu Krankenversicherung und Rentenversicherung leisten. Natürlich brauche eine Integration Unterstützung, um zu gelingen, Ausbildung und Arbeit seien auch nicht kostenlos. Das aber sei bei Menschen, die hier geboren sind, nicht grundsätzlich anders.
Eine Gesellschaft müsse in Menschen investieren, damit sie ihre Fähigkeiten entwickeln und einbringen können. Und das sei nicht einfach. Eine stabile Demokratie brauche nicht nur Parlamente, ein Grundgesetz und Sicherheitskräfte, die das alles durchsetzen. Eine demokratische Gesellschaft brauche auch soziale Stabilität, vor allem aber Vertrauen in die Menschen, die sich in der Pflege, im Krankenhaus, in sozialen Einrichtungen und an vielen wichtigen anderen Stellen engagieren. Dies gelte auch für Menschen mit Migrationshintergrund, die hier leben und arbeiten, hier Steuern und Sozialabgaben zahlen, Familien gegründet haben und Teil unserer Gesellschaft geworden sind. Und viele von ihnen seien inzwischen sogar eingebürgert und dürften wählen und sogar selbst politische Verantwortung übernehmen. Manche von ihnen hätten durch ihre eigene Lebensgeschichte erfahren, dass Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit keineswegs selbstverständlich seien. Unten sie hätten durch ihre eigene Lebensgeschichte erfahren, dass Demokratie vom Vertrauen lebt. „Gelungene Migration erkennen wir nicht daran, wo jemand herkommt, sondern daran, welchen Weg wir gemeinsam gehen,“ schließt Paul Krause seinen Beitrag. Dass es sich lohnt, für die Demokratie zu kämpfen, bringt auch Maxe danach mit seinem Lied zum Ausdruck: „Get up – stand up“, in dem es weiter heißt: … fight for your rights!“
Würde des Menschen
„Gott hat den Menschen geschaffen, und zwar nicht als Reiche oder Arme, Große oder Kleine, Dicke oder Dünne, sondern nur als Mensch“, beginnen Stefanie Seeger für die evangelische Kirche und Jens Brandebusemeyer für die katholische Kirche ihren Beitrag über das Thema „Würde“. Allein durch das Menschsein sei jeder Mensch schon mit Würde ausgestattet. Darum sei es wichtig darauf hinzuweisen, dass diese Würde allen Menschen gehöre. Würde könne man nicht durch ein Verhalten erlangen. Würde sei auch nicht etwas, dass man jemandem absprechen könne. Diese Würde sei heute in Gefahr. Schwierig sei es gerade auch, wenn es um politische Auseinandersetzungen gehe. „Auch die politischen Gegner haben eine unverletzliche Würde, egal ob sie anderen Menschen diese Würde absprechen wollen.“
Würde sei etwas, das man niemandem nehmen könne, egal, woher er komme, welche Partei er wählt, ob er alt ist oder jung oder ob er gar lügt. Gerade in einer Demokratie sei die Würde und die Anerkennung ihrer Unverletzlichkeit etwas, „was uns festen Halt und festen Boden“ biete, auf dem um die Wahrheit gerungen werden könne. „Dazu müssen wir unsere Würde bewahren, indem wir nicht anderen die Würde absprechen. Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

Rückwärtsgerichtete Zukunft
Man solle sich die folgenden Bilder vorstellen. Eine Familie: eine junge Frau, blond, hübsch, adrett, ein junger Mann, blond, attraktiv, ein echter Kerl, Kinder, blond, blauäugig, niedlich – und nicht zu vergessen: bio-deutsch. Die blonde Mutter betreue und unterrichte ihre bio-deutschen Kinder mit Kompetenz, Geduld und festen Grundsätzen zu Hause. Öffentliche Kindergärten und Schulen könnten den süßen Kleinen undeutsche Flöhe ins Ohr setzen, sie eventuell sogar zu Kosmopoliten erziehen.
Es folgt ein Cut und es wird die Antwort der AfD im Bundestag auf eine Anfrage des Schwulen- und Lesbenverbandes zitiert: „Eine verfehlte Lebensplanung sollte sanktioniert werden und wird nicht gefördert. Alleinerziehende sind der Ausdruck des Scheiterns und nicht normal.“
Ein Auszug aus dem Grundprogramm der AfD werde sogar noch deutlicher: „Was als Regenbogen- oder neudeutsch Patchwork-Familie, eigentlich Flickwerk-Familie, verniedlicht wird, ist in Wahrheit oft nicht mehr als das Ergebnis eines gescheiterten Versuchs, eine normale Familie aufzubauen.“
Das nächste Bild: Ein Büro, wieder echte Männer, Business-Look, Erfolg liegt in der Luft. Eine Frau, naja, die Sekretärinnen sitzen irgendwo anders. Vermutlich kinderlose ältere Damen, die keine Verpflichtung aus Bild Nummer eins und zwei haben. Wer abends sauber macht, ist noch nicht geklärt. Ein Handwerksbetrieb. Echte Kerle. Latzhosen, Technik, Kraft. Keine Arbeit für zarte Frauen. Und zum öffentlichen Nahverkehr? „Wir brauchen autonomes Fahren, weil wir keine weiblichen Berufskraftfahrerinnen mehr haben.“ Ein Krankenhaus, Operationen werden monate- teils jahrelang hinausgezögert. Die 16 % der berufstätigen Mediziner mit ausländischer Staatsangehörigkeit wurden remigriert, und biodeutsche Ärzte schaffen das Pensum einfach nicht. Ein Pflegeheim, Alte und Pflegebedürftige werden von Robotern versorgt. Die circa 30 % der Pflegekräfte mit Migrationshintergrund sind remigriert.
„Wir glauben nicht, dass unsere Töchter Söhne, Enkelinnen und Enkel das für erstrebenswert halten“, fällt das Statement der drei Vortragenden am Ende eindeutig aus und Maxe stimmt mit „Wir ziehen in den Frieden“ eines der neueren Lieder von Udo Lindenberg an.
Was ist gut und was bereitet Angst
Der Sprecher des Stadtseniorenrates Rüdiger Albers, der für die erkrankte Jennifer Lenke von Demokratie leben! eingesprungen war, hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, was sich in einer Welt, in der die Emotionen manchmal hochkochen als positiv herausstellt und was Angst bereite. Erfreulich sei, in einem Land zu leben, „wo die Menschenrechte gelebt werden“, wo es Hilfsangebote für Menschen gebe, egal ob Deutsche oder Ausländer. Erfreulich sei auch, dass es in Deutschland keine manipulierten Wahlen gebe und dass es die Möglichkeit gebe, an den lokalen Parlamentssitzungen teilzunehmen und sich einzubringen. Auch müsse man sich vor Augen führen, dass es gute Tariflöhne gebe und man durch soziale Leistungen relativ gut abgesichert sei.
Erfreulich sei auch, dass ausländische Arbeitnehmer:innen zu unserem Wohlstand beitragen würden, indem sie „unbesetzte Pflegeplätze in den Pflegeheimen und Krankenhäusern besetzten“. Angst mache ihm, wenn Diktatoren im Ausland ihre Armeen aufrüsten und den Frieden bedrohen und das damit verbundene Leid zu wenig Beachtung finde. Angst macht ihm auch, wenn sich Menschen zusammenrotten und als Schlägerbanden gegen Ausländer vorgehen. Große Sorge bereite es ihm, sollte es eines Tages eine rechte Mehrheit im Bundestag geben, „die unser Grundgesetz zu ihren Gunsten verändern kann.“ Und die Liste könne noch weitergeführt werden. Für die Zukunft wünsche er sich einen besseren Umgang miteinander, egal welche politische Meinung man habe. „Arsch hoch – Zähne auseinander“ spielt und singt Maxe die norddeutsche Version des BAP-Songs.
Miteinander mutig sein
Dr. Sigrid Schüler, freiberufliche Journalistin, Buchautorin und langjährige Pressereferentin der Stadt Damme, befasste sich mit dem Thema „Miteinander mutig sein“, was gar nicht so leicht sei, wie sie eingangs hervorhebt. Es brauche einen großen Kraftaufwand für das zu streiten, was einem am Herzen liege, an jedem neuen Tage. Und es brauche das Vertrauen in gleichgesinnte Menschen, „die uns stützen und auf die wir bauen können und die uns zeigen, dass wir nicht allein sind.“ Miteinander mutig sein bedeute auch, für jene einzutreten, die uns vielleicht fremd und nicht vertraut erscheinen, auf die sonst niemand schaut. „Und für die, die keine eigene Stimme haben sowie für jene, die wir oft nicht hören und nicht sehen, weil sie nicht so sind, wie wir es kennen und verstehen.“ Miteinander mutig sein bedeute, in unseren Köpfen die Grenzen zu überwinden und neue Gedanken und Wege zu finden.
Demokratiebildung in der Schule
Wer wäre für dieses Thema besser prädestiniert als Schüler:innen oder junge Menschen. Dajana Ricker und Justus Vonstrohe vom Bramscher Jugendparlament (Jupa) erzählen quasi ihre eigenen Erfahrungen, unterstützt von Leonie Kühling, Claas Vonstrohe und Jacob Grote. Allesamt engagierte Jugendliche, die etwas für die Stadt und für ihre Zukunft tun wollen. Denn Demokratie sei nicht nur etwas, das bei Wahlen oder im Bundestag stattfindet. „Demokratie beginnt schon bei uns und damit auch in der Schule“, stellt Dajana Ricker fest. „In der Schule lernen wir nicht nur Mathe, Deutsch oder Geschichte. Wir lernen auch, unsere eigene Meinung zu bilden, anderen zuzuhören und unterschiedliche Meinungen auszuhalten. Genau das ist Demokratie!“
Deshalb sei politische Bildung an Schulen so wichtig. Schülerinnen und Schüler sollten wissen, welche Rechte sie haben, wie dieser Staat funktioniert und warum es wichtig sei, sich einzumischen und Verantwortung zu übernehmen. Dabei bedeute Demokratie aber nicht, dass alle die gleiche Meinung haben müssen. Im Gegenteil: Unterschiedliche Meinungen gehörten dazu. Entscheidend sei, dass man respektvoll miteinander umgehe und demokratische Grundwerte wie Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde schütze.
Gerade in einer Zeit, in der Falschinformationen und extreme Meinungen schnell über soziale Medien verbreitet würden, müssten Schulen Orte sein, an denen man lerne, Informationen kritisch zu hinterfragen. Denn Demokratie sei nichts, was einfach für immer bleibe. „Wir alle müssen etwas dafür tun, auch wir Jugendlichen.
Wenn wir heute lernen, Demokratie zu verstehen und zu leben, können wir sie bewahren.“
„Dajana und ich sind verschieden alt, besuchen verschiedene Schulen und sind sogar eines anderen Geschlechts“, beginnt Justus Vonstrohe seine Ausführungen. „Wir könnten in der Theorie also beide nicht verschiedener sein.“ Trotzdem sei man heute vom Jugendparlament hier mit einem gemeinsamen Anliegen: „Rechte – unsere Rechte.“
Mit dem Beutelsbacher Konsens sei 1976 das politische Leitbild für den Politikunterricht beschlossen worden, auf dessen Basis Meinungspluralität an der Schule gefördert werde. Auch werde immer häufiger darüber gestritten, welche Themen überhaupt in der Schule diskutiert werden dürften und wie neutral die Schule sein müsse. Gleichzeitig würden rechtsextreme Parteien vor allem bei Jugendlichen den größten Zuwachs verzeichnen. Dabei sei zu bedenken, dass die freie Meinungsbildung bereits in der Schule beginne. Sie bilde das Fundament. „Und soll ich Ihnen mal etwas sagen?
Demokratie ist nicht neutral. Demokratie muss geschützt werden. Demokratie muss gelebt werden“, bekräftigt Justus Vonstrohe. „Das beginnt bei uns ganz Jungen auch im Unterricht und geht bis zu Ihnen, den Omas, und allen, die den Mut haben, heute hier aufzutreten. Auch wir wollen unsere Gemeinschaften so bunt behalten, wie sie jetzt sind. Dafür sind wir aktiv: Jugendparlamente, Schülervertretungen, Veranstaltungen wie diese.“ Dazu sein dringender Appell: „Gehen Sie verdammt noch mal wählen!“ Falls jemand nicht wisse, wie das gehe: „Sprechen Sie uns an, ich erkläre Ihnen das auch gerne.“ Auch in der Schule werde ein Schritt getan, „aber eine Wanderung schaffen wir nur mit allen zusammen im Diskurs“, so seine Schlussfolgerung. „Wir haben das zu verlieren, was wir lieben. Wir wollen offen bleiben und vor allem: Wir bleiben demokratisch.“ Mit “Hungry Heart”, einem der ersten Hits von Bruce Springsteen, zeigt Maxe sein breites, musikalisches Repertoire.
Nie wieder! Worte einer Zeitzeugin
Ein Gedicht, vorgetragen in niederländischer Sprache von Jasha in Begleitung von Miriam Thye, lässt die Besucher:innen verstummen und anschließend laut applaudieren. „Ist das der Anfang vom Ende oder das Ende von einem sehr langen Anfang, indem ich zu überleben lernte, weil wahres Leben war für mich nicht mehr drin“, übersetzt Miriam Thye den Text des Gedichtes ins Deutsche. „Oh Herr, vergib mir meine Sünden, aber lieber noch, tu etwas für meine Wunden oder lach einmal zu mir von oben. Vielleicht kann ich dann wieder an dich glauben.“ Soweit die deutsche Übersetzung des Gedichtes. „Und jetzt möchte ich, dass wir diesen Worten zuhören. Und nicht nur als ein Gedicht, sondern als den Worten einer Frau, die erlebt hat, was geschieht, wenn Menschen ihre Würde, ihre Freiheit und ihre Rechte verlieren.“
Das Gedicht (Dank an Alexander, Miriam und Jasha Thye für die freundliche Unterstützung mit ergänzenden Informationen!) stammt von der niederländischen Jüdin Suzette Mathilde Gotlieb (1926 – 2015), Jasha Jonathan ist ihr Ur-Enkel. Die Eltern von Jasha sind Alexander und Miriam Thye:
„Mathilde Gotlieb wurde 1926 in den Niederlanden geboren. Sie war Jüdin, Künstlerin und Dichterin. Sie überlebte die Verfolgung durch die Nationalsozialisten und nur aus diesem Grund konnte ihr Urenkel, Jasha, ihre Worte heute vortragen. Oma, Oma Moon, wie wir sie zu Hause nennen. Aber viele Menschen aus ihrer Familie überlebten nicht. Ihr Vater Alexander wurde 1943 in Sobibor ermordet. Auch ihre Brüder und ihre Schwestern wurden ermordet in Sobibor und in Auschwitz. Sie selbst musste lernen zu überleben. Und Jahrzehnte später schrieb sie, denn wirklich zu leben, war für mich nicht mehr drin. Und da sagt, es lässt mich nicht los. Denn Demokratie bedeutet nicht nur, dass wir wählen gehen dürfen. Demokratie bedeutet, dass jeder Mensch gleich viel wert ist, dass niemand weniger Rechte hat, weil er anders aussieht, anders glaubt, anders liebt oder anders denkt. Demokratie lebt von Gleichwertigkeit, aber sie lebt auch von Verbundenheit und Mitgefühl, von dem Wissen, das, was einem anderen Menschen geschieht, das geht auf mich etwas an. Und genau deshalb dürfen wir nicht wegsehen, wenn Menschen ausgegrenzt, entwürdigt oder bedroht werden. Denn wir wissen aus unserer Geschichte, Demokratie kann verloren gehen, nicht unbedingt mit einem großen Knall, sondern Schritt für Schritt für Schritt.
Wenn Hass zu normaler Sprache wird, wenn Ausgrenzung als selbstverständlich gilt, wenn Lügen zur Wahrheit erklärt werden, wenn Menschen schweigen, obwohl andere angegriffen werden. Sie selbst Kotlieb, Oma, Oma Moon hat überlebt, aber überleben, das ist noch nicht dasselbe wie Leben. Und deshalb richtet sie in ihrem Gedicht am Ende eine Bitte an Gott. Lächle mir noch einmal zu. Dort, von oben. Und dann sagt sie, vielleicht werde ich dann wieder an dich glauben. Ich möchte mir vorstellen, dass Ihre Worte heute zu uns allen sprechen. Vielleicht sagt sie, seid verbunden. Erinnert euch daran, dass jeder Mensch denselben Wert, dieselbe Würde besitzt. Habt Mitgefühl, gerade mit denen, deren Leben anders ist als eures. Und schützt die Freiheit, solange ihr sie habt. Denn Freiheit und Demokratie sind kein Besitz, den wir einmal erwerben und dann für immer behalten. Wir müssen sie jeden Tag leben. Wir müssen sie füreinander bewahren. Und wenn sie bedroht wird, müssen wir für sie einstehen. Nicht mit Hass, nicht mit Gewalt, sondern mit Haltung, mit Mut, mit Verbundenheit, mit Gleichwertigkeit und mit Mitgefühl. Damit niemand, niemand mehr lernen muss, nur zu überleben. Damit Menschen leben können, in Freiheit, in Würde und Miteinander. Und vielleicht ist das genau die Antwort, die wir Oma, Oma Moon, heute geben können. Wir vergessen nicht. Wir schauen nicht weg und wir lassen einander nicht allein.“

Freiheit
„Die Freiheit ist der Atem des Lebens“ zitieren die OmasGegenRechts aus dem Landkreis Osnabrück einen Angehörigen des Kreisauer Kreises, der in Plötzensee von den Nazis gehenkt worden ist. Freies Wahlrecht bestehe auch für die AfD, die wiederum vorgibt, den Willen des Volkes zu kennen und daher aus ihrer Sicht als einzige Partei legitimiert sei, die Interessen des Volkes zu vertreten, ein Ein-Parteien-Staat wie in der ehemaligen DDR und im Nationalsozialismus. AfD-Funktionär Höcke spreche sogar von „verkommenen Altparteien“. Die Freiheit des Menschen sei zwar in Artikel 1 des Grundgesetzes manifestiert, aber aus Sicht der AfD seien nicht alle Menschen gleichwertig, nicht einmal alle Deutschen. Führende AfDler sprechen von „Hassdeutschen“ im Gegensatz zu den „richtigen“ und damit „besseren“ Deutschen. „Ein Stück Papier und ein Kreißsaal würden einen Menschen noch nicht zu einem Deutschen machen.“
Es gehe vielmehr um die „richtige Abstammung“, wobei die AfD die Deutungshoheit für sich reklamiere. Zuwanderung sei in den Augen der AfD gleichbedeutend mit Traditionsverlust, Identitätsverlust, Verlust der Heimat Mord, Totschlag und Gruppenvergewaltigung. Den Deutschen würde sogar drohen, eine Minderheit im eigenen Land zu werden, wenn nicht ein „Bevölkerungsaustausch“ stattfinde. „Dazu sagen wir laut NEIN!“ denn die Freiheit sei unteilbar, was auch für die Kultur und für die Kunst gelte. Die AfD hingegen sehe es als ihre „historische Aufgabe an, Deutschland als Heimat der Deutschen zu bewahren“, weil Deutschland nur so eine Zukunft haben könne.
Kulturförderung müsse nach Ansicht der AfD deshalb gezielt an nationale Traditionen, Brauchtum und ein positives Deutschlandbild gebunden sein. Die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte, insbesondere mit der NS-Geschichte und ihren Verbrechen, dürfe nicht mehr in einem solchen Maße wie bisher erfolgen, denn diese Zeit sei ja nur ein „Vogelschiss“ im Vergleich zu 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte. Auch die Presse- und Meinungsfreiheit müsse grundlegend reformiert werden, der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehöre nach Auffassung der AfD abgeschafft. Gleiches gelte für den Verfassungsschutz und für die Religionsfreiheit. Andersgläubige wie beispielsweise deutsche Staatsangehörige mit islamischen Glauben soll die Anerkennung als gleichberechtigte Mitglieder versagt werden. Die jüdische Deutsche Margot Friedländer hat einmal gesagt: „Es gibt kein christliches, muslimisches oder jüdisches Blut, nur menschliches.“ Auch die Freiheit der Teilhabe von Menschen mit Einschränkungen will die AfD abschaffen, weil in ihren Augen Inklusion an Regelschulen ein Ideologieprojekt darstellt. „Zu allem diesen sagen wir Nein.“ Deutschland dürfe seine Freiheit nicht wieder freiwillig aufgeben. Niemals wieder!
Zum Abschluss dieser gelungenen Kundgebung für Demokratie singen die Bramscher OmasGegenRechts zusammen mit ihren Mitstreiter:innen aus dem Landkreis und den noch anwesenden Besucher:innen das Lied „Imagine“ von John Lennon, begleitet von Maxe an der Gitarre (!) statt am Klavier. Um auf das eingangs angesprochene Motto der Veranstaltung zurückzukommen: die Demokratie in Bramsche lebt – und ist besonders vielfältig!!!
Bevor die Teilnehmer:innen auseinandergingen, äußerte Heide Kröber von den Bramscher OmasGegenRechts die Hoffnung, dass diese Veranstaltung in Bramsche dazu beitragen möge, dass „der Stein der Demokratie, der ins Wasser geworfen wurde, Wellen erzeugen möge, die über den Stadtrand bis in die Region und darüber hinaus schwappen!“















