Friedliches Fest für die Demokratie in Erfurt

Gut 30.000 gegen die AfD in Erfurt: Bramscher Omas gegen Rechts mittendrin

Weit mehr als 30.000 Menschen sind in Thüringens Hauptstadt Erfurt zusammengekommen, um friedlich für den Erhalt der Demokratie zusammenzustehen, während ein Häufchen rechtsextreme Verdachtsfälle auf dem Messegelände streng abgeschirmt ihren Parteitag abhält und mit lauten Parolen weiter versucht, die Gesellschaft zu spalten und die Freiheit dieses Landes zu zerstören.

Mit einer reißerischen Überschrift („Pyrotechnik, Wasserwerfer und Selbstjustiz“) hat die monopolistische NOZ ihren Reporter über die Demonstrationen gegen den Parteitag der AfD in Erfurt am vergangenen Wochenende berichten lassen. „Mutig“ hatte er sich in die Masse der „linken Aktivisten“ gestürzt, „die die Rechten hassen“, wie er es im Untertitel seines Text heraushebt. Teilnehmende an den Demonstrationen aus dem Osnabrücker Raum haben ganz andere Eindrücke aus Erfurt mitgebracht. Wir konnten mit einigen, die dabei waren, sprechen …

„Das besondere Datum und der von der AfD gewählte Ort für ihren Bundesparteitag waren der Grund, warum wir uns auf den Weg nach Erfurt gemacht haben, um dem bundesweiten Aufruf zum Protest zu folgen“, erläutert mir eine Bramscherin, die auch bei den Bramscher OmasGegenRechts aktiv ist und dort von dieser Aktion erfahren hatte. Am 4. Juli 1926 fand ein Parteitag der NSDAP in Weimar statt, der erste nach dem Ablauf des NSDAP-Parteiverbots, und an jenem Ort, wo die verfassungsgebende Nationalversammlung 1919 die Weimarer Verfassung verabschiedet und dadurch die erste Demokratie in Deutschland geschaffen hatte.

Jener Parteitag der NSDAP war der Auftakt zur Beseitigung eben dieser noch jungen Demokratie durch die Nazis. Und genau 100 Jahre später und 20 km weiter sollte nun der Parteitag der als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD stattfinden. Eine perfide Symbolik, die bei historisch interessierten Demokrat:innen förmlich die Alarmglocken schrillen ließ. „Als uns das bewusst wurde, war uns klar, wir mussten etwas tun.“ Als die vier darüber miteinander telefonierten, stellte sich heraus: zwei waren schon in Thüringen, die anderen beiden setzten sich dann spontan ins Auto und fuhren auch los nach Erfurt …


Auch Menschen aus Bramsche waren in Erfurt dabei

Da in Erfurt selbst kein Hotelzimmer mehr zu bekommen war, entschieden zwei von ihnen sich für die Übernachtung im Auto, während die anderen beiden bereits ins benachbarte Weimar ausgewichen waren und in einem Hotel unterkamen, in dem große Teile der Polizeikräfte untergebracht waren. Am Vortag der Demo nutzten zwei der Bramscher noch die Gelegenheit, die Andreaskirche zu besuchen, wo das antifaschistische Bündnis „widersetzen“ über den geplanten Ablauf der für den nächsten Tag geplanten Blockaden informierte.

Aufgereihte Polizeiautos auf einem Hotelparkplatz in Weimar (Foto: privat)


Bosse, Clueso und Simson-Nachkommen gegen rechts

Das antifaschistische Bündnis „widersetzen“ hatte sich zum Ziel gesetzt, den Bundesparteitag der AfD in Erfurt zu verhindern und dazu mehrere Blockadeaktionen jeweils um 5 Uhr, um 6 Uhr und um 10 Uhr an verschiedenen Orten vorgesehen. Wegen der schlechten Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln rückten die Bramscher aber von ihrem Vorhaben ab, an den Blockadeaktionen früh morgens teilzunehmen. Man traf sich daher am Bahnhof in Erfurt und ging mit den anderen Zehntausenden Demonstranten die ca. 3,5 km in Richtung Gothaer Platz, wo die Hauptkundgebung geplant war.

Es war ein kunterbunter Zug, der nur langsam vorankam. „Mit fröhlichen Gesängen, einfach Menschen, die froh und positiv gestimmt waren, eine farbenfrohe Vielfalt der Gesellschaft“, beschreiben die vier Bramscher unisono ihre Eindrücke von dem Demonstrationszug, der auch oft zum Stehen kam, wenn verschiedentlich Sprechchöre skandiert wurden oder Menschen aus anderen Straßen dazugestoßen waren, „oder auch weil die Aufnahmekapazität des Platzes, ca. 15.000 Menschen waren dort laut Auskunft von Polizisten nur zugelassen, nahe dem Messegelände, – durch einen von Polizei und Barrieren gesicherten Streifen von den Demonstranten abgetrennt – erschöpft war.“

Erfurt war an diesem Wochenende voll mit Veranstaltungen: am Domplatz war eine Bühne aufgebaut, auf der am Vortrag Roland Kaiser aufgetreten war und am Samstag Clueso ein Konzert geben sollte. Außerdem habe es viele kleine Events gegeben, organisiert von der Stadt Erfurt und verteilt über die gesamte Innenstadt wie ein Café für Demokratie oder kurze Redebeiträge am Theaterplatz, wo auch Franziska Brandter von Bündnis 90 / Die Grünen zu den Teilnehmer:innen gesprochen habe.

Auf der Hauptbühne nahe dem Messegelände habe es ebenfalls Redebeiträge gegeben und dort seien auch verschiedene Künstler aufgetreten: Bosse („Die schönste Zeit“) habe dort ein Kurzgastspiel gegeben und als Überraschungsgast sei dann auch noch Clueso erschienen, der als gebürtiger Erfurter es sich nicht nehmen ließ, noch vor seinem Konzert am Abend zu den Demonstrierenden in seiner Heimatstadt zu sprechen. „Clueso hat die Leute begeistert mit seinem überraschenden Auftritt und seinem Statement auf der Bühne“ erzählt eine der Bramscher:innen, der man diese Begeisterung noch immer anmerkt. Und Clueso spielte dann auch auf der Akustikgitarre das Lied „Zusammen“, im Refrain leicht abgewandelt auf das Motto der Veranstaltung „ZUSAMMENSTEHEN“. „Rennt nicht mit verdickten Nazis rum, ihr Idioten!“, gibt er den jubelnden Menschen mit auf den Weg.

Bosse und Clueso unterstützen die Demo gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt (Foto: privat)

Selbst ein Nachkomme der jüdischen Simson-Familie, von denen das DDR-Moped mit weiterhin andauerndem Kultstatus entwickelt wurde, trat auf die Bühne und verwahrte sich in gebrochenem, aber dennoch verständlichem Deutsch vehement gegen den Missbrauch der legendären Mopedmarke für politische Zwecke. Hintergrund war die Wahlkampftour des Rechtsaußen der AfD, Björn Höcke, vor zwei Jahren, wo er öffentlichkeitswirksam gerade mit dem Kultmodell der ehemaligen DDR posierte.

Ein Sprecher der Familie Simson erklärte, jegliche Verbindung mit der AfD empfinde man als abstoßend und als eine Beleidigung des Namens. Dennis Baum, Sprecher der Familie Simson, der gerade in Deutschland unterwegs ist, wurde noch deutlicher: „Haltet den Namen Simson aus der Politik heraus», forderte Dennis Baum auf der Protestveranstaltung in Erfurt. Seine Familie sei bis heute jüdischen Glaubens. Das passe nie mit dem Programm der AfD zusammen, sagte der 82-Jährige. „Die Drohungen gegen Einwanderer, Menschen anderer Hautfarbe und sexuelle Minderheiten sind uns ein Gräuel, an dem wir keinen Anteil haben wollen.“


Stadt, Polizei und Einsatzkräfte zufrieden

Auf die Frage, ob es denn während des Demonstrationszuges und während der Kundgebung Übergriffe gegeben habe, antworten die vier Bramscher:innen ohne zu zögern: „Überhaupt nicht, das war eine rundum friedliche und fröhliche Veranstaltung mit erfreulicherweise sehr vielen jungen Menschen, die sich beteiligt und auch engagiert haben.“ Nach Auskunft der Polizisten habe es im Vorfeld Äußerungen gegeben, wonach radikale Aktionen wie Reifen zerstechen und ähnliches bei der Anreise der AfD-Leute zum Parteitag nicht ausgeschlossen seien.

„Auf diese Bedrohungslage haben sich die Polizisten eingestellt, um so etwas schon durch bestimmte Strategien im Vorfeld zu verhindern.“ Mit etwa 20 registrierten Vergehen, bei denen es sich im Wesentlichen um Verstöße gegen das Vermummungsverbot oder Widerstand gegen Polizeibeamte gehandelt habe, sei die Veranstaltung in einem absolut vertretbaren Rahmen abgelaufen, wie auch Thomas Quittenbaum, der Einsatzleiter der Polizei auf der abschließenden Pressekonferenz bestätigen konnte.

Lediglich wegen einzelner Übergriffe auf Reporter der rechtslastigen Jungen Welt und des Apollo News seien Ermittlungen eingeleitet worden. „Insgesamt ist die Veranstaltung aber weitestgehend friedlich abgelaufen“, zog auch er eine positive Bilanz. Das sei nicht zuletzt dem besonnenen Handeln und dem Zusammenwirken von Stadt, Polizei und Einsatzkräften zu verdanken.

Beeindruckend war für die Bramscher nicht das Wasserwerferfahrzeug der Polizei, das ohnehin nicht zum Einsatz gekommen sei, sondern ein Wassertankwagen für die Demonstranten. „An dem Tank-Lkw befanden sich Wasserhähne, bei denen sich die Demonstrationsteilnehmer kostenlos mit Wasser versorgen konnten, einfach genial!“ Außerdem waren Menschen mit Lastenfahrrädern unterwegs, die ebenfalls Trinkwasser verteilten. An vielen Stellen gab es Stände mit Infomaterialien, Aufkleber oder sonstigen Devotionalien „Das hatte was von Festivalatmosphäre.“

Impressionen einer Demo samt Kundgebung mit Ziel, Engagement und prächtiger Stimmung. Fotos: privat


Hoffnungsvoller Blick in die Zukunft

Was bleibt also von dieser Veranstaltung? „Wir nehmen das Gefühl mit, dass wir nicht allein sind mit unserer Haltung. Das ist ein gutes Gefühl“, sind sich die vier Bramscher OmasGegenRechts einig, „was uns hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt, dass wir unsere Demokratie und unsere Freiheit bewahren können, wenn wir zusammenstehen. Aber wir müssen was dafür tun und uns mit allen demokratisch gesinnten und freiheitsliebenden Menschen gegen die rechtsextremen Strömungen wehren!“
Randnotiz: Dieser Artikel beschreibt, was auch in der Überschrift steht …

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