Aktionen zwischen Münsterplatz und St. Martinskirche
Erst wurden die Bücher Andersdenkender ins Feuer geworfen, dann brannten die Synagogen und schließlich die Menschen. Spätestens die Bücherverbrennung durch nationalsozialistische Studenten ab Mai 1933, die unter dem Titel „Wider den undeutschen Geist“ durchgeführt wurde, gab einen Vorgeschmack auf das, was in den nächsten zwölf Jahren auf die Menschen in Deutschland und darüber hinaus zukommen sollte.
Dass die Nazis Bücher von ihnen unliebsamen Autoren ins Feuer werfen ließen, erschien manchen Zeitgenossen als ein eher harmlos erscheinendes Ereignis, das damals zwar Aufmerksamkeit erregte, aber außerhalb von Hochschulstädten kaum wahrgenommen wurde. Auch in Bramsche gab es so etwas nicht.

Dennoch nahm die Bramscher Gruppe der „Omas gegen rechts“ den Gedenktag zum Ende des Zweiten Weltkriegs, zum Anlass, um am 8. Mai in Bramsche mit einer außergewöhnlichen Aktion in der Fußgängerzone an dieses Mosaiksteinchen auf dem Weg zur Beseitigung der jungen Weimarer Demokratie zu erinnern. An verschiedenen Stellen zwischen Münsterplatz und St. Martinskirche hatten sich mehrere der „Omas“ platziert, um den vorbeikommenden Passanten Texte aus jenen Büchern vorzulesen, die 1933 im Feuer gelandet sind. „Eingeläutet“ wurden die Lesungen jeweils durch das Läuten einer Handglocke.
Stephan Bergmann hat sich an der Kirchhofsmauer neben der St. Martinskirche aufgestellt, unweit jener Stelle, wo 1935 in Bramsche ein sogenannter Stürmerkasten hing. Mit lauter Stimme trägt er einen Text von Berthold Brecht vor. „Wie alles Gute ist auch der Krieg am Anfang halt schwer zu machen; wenn er erst floriert, ist er auch zäh, dann schrecken die Leut‘ zurück vorm Frieden, wie die Würfler vorm Aufhören, weil dann müssen sie zählen, was sie verloren haben“, lässt er den Feldwebel aus Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ mit schneidiger Stimme zu Wort kommen.

Wenige Meter weiter steht Bärbel Zahnow und blickt uns fest in die Augen, während sie die Worte von Rosa Luxemburg spricht: „Sieh, daß du Mensch bleibst. Mensch sein ist von allem die Hauptsache.“ Und das bedeute „fest und klar und heiter“ zu sein und mit besonderer Betonung des letzten Wortes, „ja heiter, trotz alledem.“
Gegenüber der neuen Eisdiele im ehemaligen Tackenbergschen Haus steht Christa Weitzmann, die eine Neuauflage des „Nesthäkchen“-Buches in den Händen hält, ein Kinderbuch, geschrieben von Else Ury. Sie erzählt über den Lebensweg der in der Weimarer Republik sehr beliebten deutsch-jüdischen Schriftstellerin und ihre „Nesthäkchen“-Bücher, die nach Auschwitz deportiert und im Januar 1943 dort von den Nazis ermordet wurde. Erst jetzt fällt auf, dass Frau Weitzmann neben einer kleinen Stele vom „Pfad der Erinnerung“ mit dem Foto der jüdischen Familie ten Brink steht. Die auf dem Foto mit abgebildete Bramscherin Ruth ten Brink wurde einen Monat später als Else Ury ebenfalls in Auschwitz ermordet…
Renate Wahrmund trägt uns aus Kurt Tucholskys Gedicht „Deutschland erwache“ vor: „Dass sie ein Grab dir graben, dass sie mit Fürstengeld das Land verwildert haben, dass Stadt um Stadt verfällt … sie wollen den Bürgerkrieg entfachen (das sollten die Kommunisten mal machen), dass der Nazi dir einen Totenkranz ficht, Deutschland siehst du das nicht?“ Und ich frage mich, warum schwirren gerade jetzt die Slogans der AfD durch meine Gedanken?
Kurz bevor wir den Münsterplatz erreichen, treffen wir auf Sabine Castrup, die dem scheidenden Bramscher Bürgermeister Heiner Pahlmann aus „Die schlesischen Weber“ von Heinrich Heine politische Lyrik des Vormärz vorträgt.
Heide Kröber führt uns dann zum Infopavillon mit Büchertisch, hinter dem sich Doris Mettenbrink, Kathrin Bücker, Irmtraud Surendorf und Ulrike Kindermann aufgestellt haben und über die Bücher und die Buchautor:innen informieren, die im Mai 1933 von den Nazis als „undeutsch“ stigmatisiert worden sind. Hinter ihnen im Schaufenster sind auf einem riesigen, handgeschriebenen Plakat die Namen der betroffenen Autor:innen nachzulesen.

Barbara Heuer und Ilona Widera halten den dort stehenden Passanten ein Glas mit Röhrennudeln vor die Nase. In den Nudeln waren kleine zusammengerollte Zettelchen gesteckt. Wer so ein Exemplar ausgerollt hatte konnte dann zum Beispiel folgenden Spruch von Nelly Sachs lesen: „Wer im Dunkeln sitzt, zündet sich einen Traum an.“

Gegen Ende der eindrucksvollen Veranstaltung legen alle Lesenden ihre Bücher in eine bereitstehende Feuerschale. Bevor diese jedoch angezündet werden kann, ruft Martin Weitzmann lautstark die Namen der Autor:innen auf, damit deren Bücher aus der Schale entnommen werden und „im Geiste weiterleben.“ Mit diesem symbolträchtigen Schlussakkord schließt sich ein Kreis.
Die „Omas gegen rechts Bramsche“ haben in Zusammenarbeit mit dem Buchladen am Münsterplatz und dem Lesekreis der Stadtbücherei mit dieser außergewöhnlichen Aktion ein deutliches Zeichen dafür gesetzt, dass heute aufkommendes rechtes Gedankengut sich nicht wieder gegen freiheitliches Denken durchsetzen darf.











