Teil 29 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: Gustav Sorge (1911-1978)

Der „eiserne Gustav“: Kriegsverbrecher, KZ Esterwegen, Sachsenhausen, usw.  – Morde, Misshandlungen

Gustav Sorge galt als pathologischer Sadist und menschliche Bestie. Er war sicherlich einer der schwersten Kriegsverbrecher;  trat schon früh mit 20 Jahren der NSDAP und SS bei, war schon beim Sturm auf das Gewerkschaftshaus in Osnabrück dabei und war dann tätig in den Konzentrationslagern Esterwegen, Sachsenhausen, Herzogenbusch, Oranienburg, bei der Besetzung Österreichs dabei, nach Lettland versetzt, in Arbeitslagern in Riga bzw. Dondagen beschäftigt, wurde zweimal zu lebenslanger Haft verurteilt und starb in Gefangenschaft.

Gustav Hermann Sorge wurde am 24. April 1911 in Ronicken, Kreis Guhrau in der Provinz Schlesien, als Sohn des Landarbeiters, Ernst Sorge und seiner Frau Margarete, geboren. Sorge wuchs bei seinen Großeltern mütterlicherseits auf, die eine Landwirtschaft von etwa 20 Morgen besaßen. Im Jahre 1920 wurden die Eltern von Sorge ausgewiesen, da der Vater nicht aus dem abgetrennten, sondern aus dem bei Deutschland verbliebenen Gebiet stammte. Sie zogen mit den beiden Geschwistern von Sorge nach Osnabrück. Hier war der Vater zunächst Bauhilfsarbeiter und später als Rottenführer bei der Eisenbahn tätig. Sorge blieb bei seinen Großeltern und sollte später deren Hof übernehmen, damit dieser in „deutschen Händen“ blieb4.

Sorge hatte nur von 1917 bis 1919 die deutsche Volksschule in Ronicken besucht. Nach der Übernahme des Gebietes durch die Polen bestand zunächst kein richtiger Schulbetrieb. Ab September 1920 besuchte er die polnische Volksschule, wo nur polnisch gesprochen wurde, was er aber nicht konnte. In der deutschen Muttersprache wurde er von dem evangelischen Pfarrer des Ortes weiter unterrichtet. Als einer der besten von 16 bis 17 Schülern verließ er 1925 die Volksschule.


Als Angehöriger der Schwarzen Reichswehr von Onkel beeinflusst

Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass für Sorge wegen seiner deutschen Staatsangehörigkeit wenig Hoffnung bestand, den Hof seiner Großeltern übernehmen zu können, so erlernte er den Beruf des Schmieds in Bojanovo. Nach abgeschlossener Ausbildung im Jahre 1929 mit dem Gesellenprüfungsprädikat „sehr gut“, war er dann ein Jahr lang in einer Maschinenschlosserei tätig und musste dann 1930 seine Heimat verlassen. Er ging zunächst zu seinem Onkel, wo er seine ersten politischen Erfahrungen sammelte als Angehöriger der Schwarzen Reichswehr. Dabei wurde er von seinem Onkel Hermann Weber beeinflusst, der ebenfalls Mitglied der Schwarzen Reichswehr war. Auf Wunsch seiner Eltern zog er Anfang 1931 zu ihnen nach Osnabrück. Die Familie wohnte in der Sandbachstr. 11.  Dort war er überwiegend bis März 1933 arbeitslos.


Besetzung des Osnabrücker Gewerkschaftshauses, Spitzname „Eiserner Gustav“

Im Jahre 1931 trat er der NSDAP und SS bei. Während gewalttätiger Auseinandersetzungen mit Gegnern der NSDAP im Raum Osnabrück erwarb er sich den Spitznamen „Eiserner Gustav“ (nach einer damaligen Berühmtheit), den er später in den Konzentrationslagern als Ehrenzeichen trug. Am 2. Mai 1933 beteiligte er sich an der Besetzung des Osnabrücker Gewerkschaftshauses. Obwohl er, von schmächtiger Statur und mit einer hohen Stimme, keinen bedrohlichen Eindruck machte, wurde er zu einem gefürchteten Schläger in den Straßenschlachten der letzten Tage der Weimarer Republik.

SS-Männer postieren sich vor dem Haus.
11. März 1933: SS-Männer stürmen das Gebäude der Osnabrücker Gewerkschaften, misshandeln dort Anwesende und zerstören Mobiliar wie Akten. Andere Täter postieren sich vor dem Haus.


Wachmannschaft KZ Esterwegen, an Ermordung einzelner Häftlinge beteiligt

Ab Anfang 1934 war er Angehöriger der Wachmannschaft des KZ Esterwegen mit dem Dienstgrad eines SS-Unterscharführers. Sorge hatte sich schon bald nach seinem Eintritt in die Lager-SS   im Herbst 1934 an der Ermordung einzelner Häftlinge „auf der Flucht“ beteiligt. Eine weitere Ausbildung im Rahmen der SS erhielt er ab April 1936 auf der Ordensburg Vogelsang, wo er seine Ehefrau kennenlernte, die auch eine überzeugte Nationalsozialisten und auf der Ordensburg als Dienstmädchen beschäftigt war, und der Führerschule der Sicherheitspolizei in Charlottenburg. Im September 1936 wurde er als Wirtschaftsführer zum SS-Verwaltungshauptamt für den Aufgabenbereich der Bewirtschaftung von Bekleidung versetzt. Sorge war seit dem 27. März 1937 mit Margarete verheiratet und hatte zwei Töchter sowie einen Sohn.


Besetzung Österreichs, dann Blockführer im KZ Sachsenhausen

An der Besetzung Österreichs nahm er im März 1938 aktiv teil. Danach wurde er im Juni 1938 im KZ Sachsenhausen als Blockführer eingesetzt.  Inzwischen war im Sommer 1936 das KZ Esterwegen mit Bewachungsmannschaften und Häftlingen nach Sachsenhausen überführt worden. Die Zahl der Häftlinge betrug nunmehr 5.000. Durch seinen brutalen Einsatz gegenüber den Häftlingen wurde er bald zum Stellvertreter des Rapportführers und des Arbeitsdienstleiters befördert.

KZ Sachsenhausen. Von der Arbeit einrückende Häftlingskolonnen vor dem Lagertor zum Schutzhaftlager. Foto: Bundesarchiv, Bild-183-78612-0002


Zahlreiche Morde und Misshandlungen an Häftlingen und sowjetischen Soldaten

In dieser Stellung verübte er zahlreiche Morde und Misshandlungen an Häftlingen und sowjetischen Soldaten. Im September 1939 erfolgte seine Beförderung zum SS-Oberscharführer. Er nahm an Besprechungen teil, bei der über die Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen beraten wurde. Hernach gab Sorge Anweisungen zum Bau der Genickschussanlage, jedoch ohne selbst zur Waffe zu greifen.

In den frühen Kriegsjahren führte Sorge in Sachsenhausen eine kleine Bande von Lager-SS-Mördern an, die als informelle Todesschwadron auftrat; ein entflohener Häftling beschrieb Sorge gegenüber britischen Agenten als den „Hohepriester“ über Leben und Tod, „dessen Helfer und Komplizen ständig um die schändlichste und mörderischste Tat konkurrierten“. Die Gruppe bestand größtenteils aus Blockführern, den Männern, die die Häftlingsbaracken und Arbeitskommandos überwachten. Es konnten nur SS-Männer, die auf Grausamkeit festgelegt waren, zum Blockführer bringen. Manchmal handelten die Männer der Todesschwadron auf höheren Befehl. Aber sie warfen sich auch selbst zum Richter und Henker auf und verurteilten Häftlinge für alle möglichen „Verbrechen“ zum Tod.

Mehrere Männer wurden gleich bei der Ankunft umgebracht, als Sorges Band die altbekannten „Begrüßungs“-Prozeduren verschärfte; andere wurden wochenlang gehetzt, „um sie langsam zu liquidieren“, wie Sorge nach dem Krieg gestand. Manche Neuankömmlinge wurden ermordet, weil man sie als Sittlichkeitsverbrecher oder Homosexuelle verdächtigte.


Österreichischen Staatsanwalt so verprügelt, dass das Gesicht keines mehr war

Als der österreichische Staatsanwalt Karl Tuppy – der 1934 die Anklage gegen die NS-Mörder des österreichischen Bundeskanzler Dollfuß vertreten hatte – am 15. November 1939 in Sachsenhausen eintraf, erhöhte die SS die Schlagzahl. Etwa zwanzig Minuten lang wurde Tuppy in einem Büro der Politischen Abteilung fertiggemacht. Als der Häftling Rudolf Wunderlich hereingerufen wurde, um den Körper herauszuschleppen, prallte er zurück: „So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Das Gesicht war keines mehr. Nur noch eine völlig unförmige Masse Fleisch, voller Blut, Hautrissen, die Augen völlig zugeschwollen.“ Er ließ Tuppy am Tor zurück, wo Sorge und Schubert abwechselnd auf ihn einschlugen.

Aussage Fritz Meissner (Häftling im KZ Sachsenhausen 1938-44), 1956: „Sie traten ihn mit Stiefeln in den Leib, am Kopf und den übrigen Körperteilen, bis er völlig leblos dalag. Auch das anschließende Begießen mit kaltem Wasser brachte den Mann nicht wieder zur Besinnung. Der Mann wurde dann von anderen Häftlingen fortgeschafft.“ Er starb noch an diesem Tag. Auf der amtlichen Totenbescheinigung des Lagerarztes des KZ Sachsenhausen vom 15. November 1939 ist als Todesursache „schwerste Verkalkung der Herzkranzgefäße mit Blutungen unter die Herzinnenhaut“ angegeben.


Todesurteil Sorges für nicht schnell genug grüßen, für Stolpern, für Tintenflecke …

Die Todesschwadron verfolgte Häftlinge nicht nur für das, was sie waren, sondern auch für das, was sie in Sachsenhausen taten. 1940 tötete Sorge innerhalb einer kurzen Zeitspanne einen Insassen, der ihn nicht schnell genug gegrüßt hatte, einen der gestolpert war, und einen, der Tintenflecke auf einem Brief hinterlassen hatte (die SS vermutete einen Geheimcode).

Als Lothar Erdmann, der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, im Herbst 1939 eintraf, war er empört über die Gewalt. Nachdem er selbst von Wilhelm Schubert geschlagen wurde, wagte er es, Widerworte zu geben: „Was, Sie schlagen mich? Ich bin preußischer Offizier im Ersten Weltkrieg gewesen und habe auch jetzt zwei Söhne an der Front!“ Erdmann war ein gezeichneter Mann; verhöhnt als „der Offizier“, wurde er tagelang zusammengeschlagen, vor allem von Schubert und Sorge, bis er sich kaum noch bewegen konnte. Er starb am 18. September 1939, ungefähr zwei Wochen nach seiner Ankunft im Lager.

Die SS-Männer Wilhelm Schubert, Gustav Sorge und Josef Wloka trampelten am 13. September 1939 den Kölner Universitätslehrer und Professor Dr. Benedikt Schmittmann zu Tode. Er war ihnen wegen seiner gebeugten Körperhaltung und seines Professorentitels aufgefallen. Der leblose Schmittmann wurde neben die Revierbaracken geworfen. Immer wieder trat die SS auf den 67-jährigen ein. Zum Appell wurde er mitgeschleppt und auf die Erde gelegt. Schubert kam „mit fröhlicher Miene heran und sagte: ´Wer liegt denn da? Ach, siehe da, der Schulmeister`“ (Friedrich Maase, Häftling im KZ Sachsenhausen 1939-40).

Im Krankenrevier konnte nur noch Schmittmanns Tod festgestellt werden. Die in der Sterbeurkunde angeführte Todesursache „Herzasthma“ war wie in den meisten Fällen gefälscht. Helene Schmittmann erhielt die Mitteilung, dass ihr Mann ´trotz erheblicher ärztlicher Bemühungen nicht vor seinem unvorhersehbaren Tod hätte bewahrt werden können`.

Nach der Zeugenaussage es ehemaligen „Lagerläufers“ und KZ-Überlebenden Rudolf Wunderlich von 1956 kamen der Verleger Pavel Prokop und der Rechtsanwalt Dr. Ivan Sekania in den Zellenbau, weil sie unerlaubterweise 20 RM bei sich hatten. Auf Befehl von Sorge und anderen Blockführern mussten die beiden Häftlinge stundenlang am Pfahl hängen

 

Du Hund, bist Du immer noch nicht krepiert?“

Sechs Blockführer der „Isolierung“, unter ihnen Richard Bugdalle und Gustav Sorge, ermordeten den Düsseldorfer Rechtsanwalt Kaspar Anraths nach tagelangen Folterungen am 14. März 1940. Sie töteten ihn nach eigenem Gutdünken, weil er ihnen „lästig“ war.  Aussage von Paul Bonnemann (Häftling im KZ Sachsenhausen 1936-45) im Jahre 1957: „Ich habe mehrfach gesehen, wie Sorge Dr. Anrath trat und schlug und sich dabei mehrfach dahin äußerte: `Ich schlage dich tot. Du Schweinehund. Du wirst in der Isolierung krepieren!` Und weiter „Sorge erschien nochmals in der Isolierung und schrie ihn an: `Du Hund, bist Du immer noch nicht krepiert?´ Dann versetzte er ihm einige Fußtritte in die Rippen. Er ordnete weiter an, dass er nichts zu essen bekommen dürfe. Auch in den nächsten Tagen wurde Anrath noch von den Blockführern misshandelt. Er verstarb dann etwa 10 Tage nach seiner Einlieferung in die Isolierung.“

Vor Gericht bezeugte Sorge später: „Wir glaubten, dass wir dem Staat und der Führung etwas Gutes täten, wenn wir die Häftlinge schikanieren und in den Tod trieben“ Bis zu einem gewissen Grad war das eine Schutzlüge, schließlich folterten Lager-SS-Männer zuweilen einfach aus Vergnügen.

Bei der Einlieferungsprozedur der Gefangenen, mussten diese nach einigen Stunden Strammstehen eine Befragung durch die SS über sich ergehen lassen:


„Ich gebe ihnen einen Strick, mit dem sie sich innerhalb von 36 Stunden aufzuhängen haben“

„Warum hierhergekommen?“, war die erste Frage des „Eisernen“ an den Flügelmann im ersten Glied … ein Faustschlag ins Gesicht belehrte ihn, dass die Antwort nicht ausreichend sei. „Was hast du Halunke ausgefressen, das will ich wissen!“ fuhr ihn der „Eiserne“ an, „erst will ich die Antwort haben, ehe Du Schwein Dir das Blut von der Fresse wischst!“ „Ich bin denunziert worden, warum und von wem, weiß ich nicht“, antwortete er bestimmt und steckte das vom Nasenblut durchgefeuchtete Taschentuch wieder in die Rocktasche. „Ja, ja, ihr unschuldsvollen Engel! In welcher Partei gewesen?“, wollte der „Eiserne“ wissen.

Als er mit „Sozialdemokrat“ antwortete, erhielt er einen Kinnhaken, dass er zurücktaumelte und den Hintermann ins Wanken brachte. „Willst Du Sack wohl stillstehen!“ und schon hatte auch dieser, der sich als Kommunist bekannte, einen Fußtritt in die Leiste, dass er sich vor Schmerzen krümmte und niederkniete … Etwas lebhafter ging es im letzten Glied zu, wo der „Eiserne“ einen Juden aufstöberte und ihn nach „Woher und Warum“ fragte. Er war ein Kaufmann, soweit aus den wenigen Worten zu entnehmen war. Der „Eiserne“ gab ihm den Rat: „Ich geben ihnen einen Strick, mit dem sie sich innerhalb von 36 Stunden aufzuhängen haben, andernfalls ich nachhelfen werde.“ (Zeugenaussage Heinrich Lienau, zwölf Jahre Nacht, zit. In Manuela Hrdlicka, Alltag im KZ, Das Lager Sachsenhausen bei Berlin, Opladen 1992: S.59).


„Heiseres Kriegsgeschrei, irrsinniges Glimmern in Augen, Geifer lief durch seinen ausgefransten Mund, Schlagen bis Mordwaffen in Splittern und Stücken auf dem Boden verstreut waren“

Der Gefangene Leon Szalet beschreibt die Wutausbrüche Gustav Sorges während des Appells in seinem Bericht „Kein Friede den Frevlern“: „Er pflegte mit einem heiseren Kriegsgeschrei zu uns einzustürzen, ein irrsinniges Glimmern in seinen Augen, und während der Geifer durch seinen ausgefransten Mund lief, blindlings nach allen Seiten mit seinen Stangen zu stoßen. Das Schlagen dauerte so lange, bis die Mordwaffen in Splittern und Stücken auf dem Boden verstreut waren. Dann war der Höhepunkt seiner wilden Orgien erreicht und er tänzelte seelenruhig davon, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen.“

Ab Oktober 1941 fungierte er bereits als Rapport- und Arbeitsdienstführer in Personalunion. Als Lagerführer war er von Ende Juni 1942 bis Ende Oktober 1942 im KZ-Außenlager Lichterfelde des KZ Sachsenhausen in Berlin-Lichterfeld tätig. Nach seiner Ablösung als Lagerführer wurde Sorge ab November beim Zentralarbeitseinsatz in Oranienburg eingesetzt.


Einsatz im KZ Herzogenbusch und Oranienburg, dreimonatige Haftstrafe für Sorge

Anfang 1943 organisierte er kurzzeitig im neu errichteten KZ Herzogenbusch in Holland den Arbeitseinsatz. Die unerwartete Forderung nach Zurückhaltung in Herzogenbusch verwirrte SS-Veteranen wie Gustav Sorge, der klagte, dass so etwas allen bewährten Praktiken der Lager-SS zuwiderlaufe.

Die geographische Lage zählte also tatsächlich, in Herzogenbusch und anderswo. Es war von großer Wichtigkeit, wo im besetzten Europa die Konzentrationslager sich befanden, wobei die Besatzungsbehörden im Westen vorsichtiger auftraten als im angeblich „rückständigen“ Osten.

Das Konzentrationslager Herzogenbusch (niederländisch Kamp Vught) war eines der fünf deutschen Konzentrationslager in den Niederlanden im Zweiten Weltkrieg. Foto: Holocaust Encyclopedia

Nach seiner Rückkehr nach Oranienburg erhielt er im Zuge von Untersuchungen bezüglich Missstände in Konzentrationslagern eine dreimonatige Haftstrafe.


Versetzung nach Lettland, Einsatz gegen Partisanen

Im Sommer 1943 wurde Sorge nach Lettland zum Höheren SS- und Polizeiführer Ostland versetzt und war kurzzeitig im Einsatz gegen Partisanen tätig. In Riga wurden 30.000 inhaftierte Juden in rüstungswichtigen Betrieben in der Umgebung von Riga eingesetzt.


Tritt mit voller Wucht in die Weichteile

Der „Eiserne Gustav“ (als der er auch hier bekannt war) hatte in der Vergangenheit immer wieder seine Neigung zu äußerster Gewalt gegen Juden gezeigt und setzte als Leiter verschiedener Rigaer Außenlager seine Verbrechen fort. Ein Überlebender sagte aus, dass Sorge eine besondere Methode entwickelt hatte, männliche Gefangene zu kennzeichnen, die er tot sehen wollte. Beim Appell trat er ihnen mit voller Wucht in die Weichteile; dann wurden sie vom Lagerältesten weggeschleppt und nie wieder gesehen.


Lagerleiter Arbeitslager Riga-Spilve

Ab Dezember 1943 fungierte er als Lagerleiter des Arbeitslagers Riga-Spilve, einem Außenlager des KZ Riga-Kaiserwald, wo etwa 2000 jüdische Häftlinge inhaftiert waren, und des Heereskraftfahrzeugparks Ostland in Riga. Auch dort misshandelte und schlug er die Häftlinge nach Belieben.


Lagerleiter Arbeitslager Dondangen, nordwestlich von Riga, miserable Bedingungen

Ab Januar 1944 war er als Lagerleiter des Arbeitslagers Dondangen im Rigaischen Meerbusen eingesetzt, in dem sich ca. 10.000 – 12.000 jüdische Häftlinge befanden.

Die Berlinerin Inge Berner, die dort im KZ interniert war, erinnerte sich, dass er ihre Hand verkrüppelte, als sie sich instinktiv nach einer Puderdose bückte, die ein SS-Mann ihr weggenommen hatte.

Dondagen I war ein Lager für männliche und weibliche jüdische Häftlinge im Kreis Windau, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Riga. Im Juli 1943 wurden 220 Männer und 25 Frauen von Kaiserwald nach Dondagen abgestellt, um auf dem unwegsamen und sumpfigen Gelände einen SS-Truppenübungsplatz aufzubauen. Dieses Gelände war wenige Wochen zuvor von der SS beschlagnahmt und die dort ansässige lettische Bevölkerung ausgesiedelt worden. Trotz der Schwerstarbeit erhielten die Frauen und Männer kaum Trinkwasser und täglich nur 150 Gramm Brot sowie eine wässrige Suppe, in der ab und zu Stückchen zähes stinkendes Pferdefleisch schwammen.

Der Wassermangel bewirkte zudem eine katastrophale hygienische Situation im Lager. Die Menschen litten an Läusen und Parasiten. Die Häftlinge verfügten über keinerlei feste Unterkünfte und schliefen auch bei minus 25 Grad unter freiem Himmel. Die miserablen Bedingungen ließen viele Häftlinge bereits in den ersten Wochen an Entkräftung und Unterernährung sterben. Die Leichen wurde bis November 1943 in Gruben nahe dem Lager verscharrt. Mit sinkender Temperatur froren die Böden jedoch zu, sodass die Leichen auf Befehl des Lagerführers, SS-Oberscharführer Gröschel, zur 20 Kilometer entfernten Ostsee transportiert wurden. Dort bohrten Häftlinge Löcher in das Eis der zugefrorenen Ostsee und versenkten die Toten. Mit der Eisschmelze im Frühjahr trieben die Leichen auf der Ostsee und fanden sich in den Netzen der Fischer wieder. Dass es sich dabei um KZ-Häftlinge handelte, verriet die gestreifte Häftlingskleidung.

Sorge war in Dondangen Nachfolger Gröschels und ließ ein Häftlingskommando, das sogenannte Bade-Kommando, bilden, das die Leichen von KZ-Häftlingen, aus der eiskalten Ostsee ziehen, mit Benzin übergießen und verbrennen musste. Nach einigen Wochen wurde das Kommando wieder aufgelöst. Aufgrund der miserablen Lebensbedingungen versuchten Häftlinge häufig, in die umliegenden Wälder zu fliehen. Wurden sie ergriffen, drohte ihnen die Prügelstrafe; ab 1944 wurden sie mit dem Tod bestraft. So wurde ein Häftling namens Fleischmann im Januar 1944 vor den Augen der Mithäftlinge während eines Appells durch Gustav Sorge an einem Baum erhängt. Die Leiche blieb dort bis zum nächsten Morgen hängen.

Im Mai/Juni 1944 wurden mehrere hundert ungarische Jüdinnen über das KZ Kaiserwald nach Dondangen I verschickt. Die jungen Frauen waren nur wenige Wochen zuvor aus Ungarn nach Auschwitz deportiert, dort selektiert und wenig später zum Arbeitseinsatz nach Lettland verbracht worden. Die kahl geschorenen Jüdinnen trugen graue Kleider und Holzschuhe und besaßen weder Unterwäsche noch Socken. Die Unterbringung der jungen Frauen erfolgte abseits der anderen Häftlinge in den für Dondangen üblichen Finnzelten. Als das Lager Ende Juli 1944 evakuiert wurde, war bereits ein Großteil der Ungarinnen aufgrund der miserablen Bedingungen im Lager gestorben.

Das Lager in Stutthof nach der Befreiung. Foto: Stutthof Museum


Evakuierung des Lagers, Transport in  KZ Stutthof, Rückkehr von Sorge nach Sachsenhausen

Sorge leitete die Evakuierung des Lagers im Zuge der näher rückenden Ostfront und organisierte die Häftlingstransport in das KZ Stutthof bei Danzig. Ab November 1944 war er wieder im KZ Sachsenhausen eingesetzt und stellte die SS-Eisenbahnbaubrigade 12 aus 1000 Häftlingen aus den KZ Sachsenhausen, Groß-Rosen und Mittelbau Dora bei Nordhausen, auf. Diese wurde zu Reparaturarbeiten nach Bombenangriffen eingesetzt.


Verhaftung und Internierung, Flucht nach Osnabrück

Nach einer Verletzung durch einen Luftangriff, bei dem er mehrere Zehen am linken Fuß verlor, folgten diverse Lazarettaufenthalte, bis er im Lazarett Burglengenfeld bei Regensburg am 28. April 1945 durch die US-Army verhaftet wurde. Im Mai 1945 wurde er in das SS-Internierungslager bei Bad-Kreuznach und 6 Wochen später in ein gleiches Lager bei Wickrath gebracht.

Nach diesen Aufenthalten in Internierungslagern gelang ihm im Spätsommer 1945 die Flucht. Nachdem er in Osnabrück seine Familie wiedergefunden hatte, verzog er mit dieser nach Flamersheim, Kreis Euskirchen, und war in der Landwirtschaft tätig. Sorge wurde am 24. März 1946 durch die britische Militärpolizei verhaftet und anschließend an die sowjetische Militärpolizei übergeben. Er kam in das Internierungslager Recklinghausen und wurde 1946 der sowjetischen Militärpolizei übergeben.


Anklage wegen Mordes an 18.000 sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ Sachsenhausen

Im Sachsenhausen-Prozess, der vom 23. Oktober bis zum 1. November 1947 vor einem Militärtribunal der sowjetischen Besatzungstruppen stattfand, wurde er angeklagt, Verbrechen gemäß dem Kontrollratsgesetz Nr. 10 begangen zu haben. Sorge wurde mit weiteren Beschuldigten, August Höhn, Kurt Eccarius, Wilhelm Schubert und Fritz Ficker, angeklagt, im Herbst 1941 mehr als 18.000 sowjetische Kriegsgefangene im KZ Sachsenhausen getötet zu haben.


Geständnis Erschießung von 25 Häftlingen

Weiterhin gestand Sorge, dass er zwischen Dezember 1941 und Mai 1942 an der Erschießung von 25 Häftlingen beteiligt war. Sorge gab zu, aus den nichtigsten Anlässen Häftlinge schwer geprügelt zu haben:


„Ich habe persönlich jeden Tag Häftlinge geprügelt“

„Ich habe persönlich jeden Tag Häftlinge geprügelt und benutzte dabei nicht nur Hände und Füße, sondern auch Stöcke, Bretter, jeden beliebigen schweren Gegenstand. Ich verteilte Schläge aus jedem beliebigen Grund und auch ohne jeglichen Grund: für Husten und für Sprechen im Glied, für ein nicht genügend munteres Aussehen, für das Aufheben eines Stummels am Wege, für Rauchen während der Arbeitszeit oder einfach dafür, weil mir das Gesicht des Häftlings zu ernst erschien.“

In der Anklageformel wurde festgestellt, dass sich Sorge zu den vorgeworfenen Verbrechen bekannt hatte. Auch in der Voruntersuchung und während der Verhandlung im Prozess gestand Sorge alle Beschuldigungen ein. Der Verteidiger von Sorge, der Anwalt N.P. Below, brachte zu Sorges Entlastung vor, dass dieser nur bis Juni 1942 im KZ Sachsenhausen tätig gewesen und nicht mehr ins Straflager zurückgekehrt war. Sorge sei durch das falsche Vorbild seiner Vorgesetzten und der Reichsverwaltung zu diesen Verbrechen gekommen.


Zweimal verurteilt zu lebenslanger Haft und Zwangsarbeit

Im Urteil vom 30. Oktober 1947 wurde Sorge zu lebenslänglicher Haft mit der Pflicht zur Zwangsarbeit verurteilt.

Er wurde in das sibirische Arbeitslager Workuta verbracht und machte dort eine Wandlung durch. Sorge wandte sich der Religion zu und erkannte seine Schuld, obgleich er dachte, er werde ungerecht behandelt, weil andere Nazis mit milden Strafen davonkamen.

Im Zuge der Freilassung deutscher Kriegsgefangener wurde er als Nichtamnestierter am 14. Januar 1956 in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. Am 7. Februar 1956 folgte eine erneute Verhaftung. Im Prozess vor dem Schwurgericht in Bonn vom 13. Oktober 1958 bis zum 6. Februar 1959 wurde ihm der persönlich ausgeführte Mord an 67 Häftlingen vorgeworfen. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, unter anderem für den Mord an Leon Sternbach, einem der bei der Sonderaktion Krakau verhafteten und deportierten Krakauer Professoren. Den Mordvorwurf wegen Anraths ließ die Justiz mit Hinweis auf das parallel stattfindende Verfahren gegen Bugdalle fallen.

Aussage Leon Szalet (Häftling im KZ Sachsenhausen 1939-40) nach 1940: „Der wildeste von allen war der ´Eiserne Gustav´, obwohl niemand ihm auf den ersten Blick seine Kraft und eiserne Zähigkeit zugetraut hätte. Er war 1,70 m groß mit einem schmächtigen und unterentwickelten Körper. Seine dunkle Augen- Haar- und Hautfarbe und seine gebückte Haltung straften die Mär von der nordischen deutschen Rasse Lügen. Er sprach niemals in einer normalen Tonlage, weder zu uns noch zu seinesgleichen, er schrie. Vom ständigen Gebrüll hatte er einen Stimmbandeffekt davongetragen, und seine Stimme klang dumpf und heiser. Wenn er ging, bewegte er sich so unentschlossen, mit einer zappelnden Nervosität, dass seine Schritte nicht wie Gehen aussahen, man konnte sie eher Tänzeln nennen. Ob er allein oder in Begleitung kam, stets trug er ein Instrumentarium von Latten, Besen, Holz- oder Eisenstangen bei sich, die sehr lang waren – je länger, je lieber – sonst hätte ihm das Schlagen damit keinen Spaß gemacht.“

Sorge hatte viele Tote auf dem Gewissen. In Sachsenhausen starben täglich über 20 Menschen an Misshandlungen durch die SS. Sorge hetzte zu Tode, prügelte, zertrat, erhängte und folterte aus völlig nichtigen Gründen, an die sich in vielen Fällen nicht einmal die Augenzeugen erinnern konnten. Wer Sorge irgendwie auffiel, musste sterben. Sorge bestritt nichts.

Im Jahre 1978 starb Sorge im Alter von 67 Jahren in der Haft im Gefängnis Rheinbach bei Bonn.


Ausgewählte Quellen:

  • „Narben-Spuren-Zeugen“, HG.: Giordano, Ralph.
  • „Wer war was vor und nach 1945“, HG.: Klee, Ernst.
  • www.nd-aktuell.de/artikel/214138.taetertypen.html /
  • www.hans-dieter-arntz.de/unterschied_zwischen_ss.html
  • Baracke 38. 237 Tage in den „Judenblocks“ des KZ Sachsenhausen. Ediert, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Winfried >Meyer, Vorwort von Paul Spiegel. Als Band 3 der Reihe ÜberLebenszeugnisse HG. Von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Metropol-Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-938690-11-6.
  • „Der Ort des Terrors“ Band 8, HG.: Benz, Wolfgang und Distel, Barbara. Seiten 65-66 von Jahn, Franziska.
  • „Die Geschichte der Nationalsozialistischen Konzentrationslager“, HG.: Wachsmann, Nikolaus,  2015, Seiten 262-265.
  • „Die Konzentrationslager-SS 1936-1956: Exzess- und Direkttäter im KZ Sachsenhausen“, HG.: Morsch, Günter. 2016.
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