„Der Schrecken vom Lager“ – ließ einen Gefangenen die Hoden eines Toten essen, reichte dazu Salz und Pfeffer
Vom Buchbinder zum SS-Hauptschar- und Rapportführer in den Konzentrationslagern Esterwegen, Buchenwald, Neuengamme, Mittelbau Dora und Ellrich-Juliushütte: Otto Brinkmann steht besonders exemplarisch für grausame und sadistische Neigungen.
Otto Georg Werner Brinkmann wurde am 05. Juli 1910 als Sohn des Rechnungsführers Karl Brinkmann und dessen Ehefrau Wilhelmine, geborene Vogt, in Osnabrück geboren. Ab seinem sechsten Lebensjahr besuchte er die achtjährige evangelische Seminarschule seiner Vaterstadt. Nach seiner Schulentlassung trat Brinkmann im Jahre 1925 bei der Firma Dresing und Winkler in Osnabrück als Buchbinderlehrling ein. Während dieser Zeit besuchte er drei Jahre die Berufsschule und zwei Jahre die Berufsaufbauschule. Bis zum 15. April 1929 war er bei der Firma tätig und legte mit gutem Erfolg die Buchbindergehilfenprüfung ab. Nach dieser Zeit war er in dem Buchdruckerbetrieb seines Bruders Karl B. bis zum Jahre 1934 beschäftigt. Von Anfang 1930 bis Ende 1931 war Brinkmann Mitglied der Jungenabteilung des Marinevereins zu Osnabrück.
SS-Totenkopfverband und Mitglied der SS-Wachtruppe „Ostfriesland“ in Esterwegen
Brinkmann gehörte vom 30. August 1934 bis 1. April 1945 einem SS-Totenkopfverband und der Waffen-SS als SS-Hauptscharführer und Rapportführer an.
NSDAP-Mitglied war Brinkmann seit dem 1. April 1932 (Nr. 1 232 207) und ab dem 9. Juni 1932 auch SS-Mitglied (Nr. 32 157). Vom 9. Juni 1932 bis 30. August 1934 gehörte er nach der SS-Stammkartenabschrift der Allgemeinen SS, zuletzt als SS-Hauptscharführer, an. Nach dem Besuch einer SS- und SA-Sportschule in Wolfenbüttel bzw. Höxter trat er am 29. Oktober 1934 als Mitglied der SS-Wachtruppe „Ostfriesland“ in das KZ Esterwegen ein.
Dienst in verschiedenen Konzentrationslagern
Er machte in der Folgezeit Dienst in den KZ-Lagern Buchenwald bei Weimar (seit 1939-1941) und Neuengamme im Bezirk Bergedorf/Hamburg (1941-1944), wo mind. 42.900 Menschen ums Leben kamen. Die SS-Stammkartenabschrift wies als Waffengattung „Infanterie“ aus. 1944 gehörte Brinkmann als SS-Hauptscharführer der Standortkommandantur des Konzentrationslagers Neuengamme an und war nach seiner Erklärung in dieser Zeit im V-Waffenwerk bei Nordhausen (Harz) zur Bewachung von Kriegsgefangenen eingesetzt. Im Dora waren insgesamt 60.000 Häftlinge aus 48 Nationen untergebracht; ca. 20.000 Menschen starben infolge der Arbeits- und Lebensbedingungen. Im Außenlager Ellrich-Juliushütte des KZ-Mittelbau, was am 2. Mai 1944 gegründet wurde und mit ca. 8.000 männlichen Häftlingen belegt war, wurden Zwangsarbeiten wie Bauarbeiten, u.a. Stollenvortrieb im Kohnstein und im Himmelsberg verrichtet.

„Ellrich war die Hölle des gesamten Mittelbaus mit der höchsten Todesrate und der größten Zahl totgeprügelter Personen“
In einer Aussage aus 1947, NAW, M-1079, Roll6, Seite 775, bestätigte Dr. Jan Cespiva, ehemaliger Häftlingsarzt aus dem Lager Dora: „Unter seiner (Brinkmanns) Aufsicht war Ellrich die Hölle des gesamten Mittelbaus mit der höchsten Todesrate und der größten Zahl totgeprügelter Personen.“
Wie bereits nach seiner Ernennung zum Rapportführer im Lager Dora ließ Brinkmann als eine seiner ersten Amtshandlungen in Ellrich eine Reihe politscher Funktionshäftlinge durch „Kriminelle“ ersetzen, von denen er einige als Vertraute aus Dora mitgebracht hatte.
„Schrecken vom Lager“
Nach Aussage von Ferdinand Kemmer (ehemaliger „politischer“ Lagerältester in Ellrich-Juliushütte) vom 25.10.1947, ZSL, 429 AR-Z 224/72, Bl.324: galt Brinkmann unter den Häftlingen allgemein als der „Schrecken vom Lager“; so soll er für die Einführung drakonischer Strafen und Misshandlungen sowie für den Bau eines „Bunkers“ in Ellrich verantwortlich gewesen sein.
Besonders grausamer SS-Schläger
Ehemalige Häftlinge, die ihrem Peiniger im Dachauer Dora-Prozess gegenüberstanden, schilderten Brinkmann immer wieder als besonders grausamen SS-Schläger, so auch der Franzose Robert Basset, der im November 1944 mit einem Transport aus Buchenwald in Ellrich eintraf und zunächst in eine Baracke gesperrt wurde, in der ihm der Angeklagte erstmals begegnete, in einer Aussage vom 26. Juli 1947, NAW, M-1079, Roll 3, Bl. 58:
Der SS-Hauptscharführer Brinkmann, der Lagerführer in Ellrich war, und der deutsche politische Gefangene Walenta, Blockältester und Lagerältester in Ellrich, ließen uns während fünf Stunden in einem langen Gang, der die Schlafräume trennte, stillstehen. Sie richteten eine lange Rede in Deutsch an uns über Disziplin, und indem sie durch die Reihen hindurchgingen, teilten sie Faustschläge und Schläge mit einem Gummiknüppel aus. Ich wurde in die Rippen und in den Rücken getreten, weil ich, erschöpft, mich niederkauerte, weil ich in der letzten Reihe stand. Ich sah, wie die Gefangenen, die schon eine lange Zeit in Ellrich waren, Gummiknüppelschläge über die Köpfe erhielten, wenn sie diesen langen Gang durchquerten, um auf die Latrine zu gehen, unter ihnen in Pole, der ungefähr 50 Jahre alt war, auf den die beiden oben Erwähnten ohne Unterbrechung einschlugen. Dieser Unglückliche starb, und sein Leichnam wurde an den Eingang des Lagers geschleppt, wo eine große Kiste stand, in der bereits mehrere Leichname waren. Am 12. November 1944 morgens, während wir vor dem Reviergebäude in Ellrich aufgestellt waren, sah ich, wie ein junger Jugoslawe, 20 Jahre alt, neben mir infolge eines Schlages mit einem Gummiknüppel niederfiel, den ihm der SS-Mann Brinkmann versetzt hatte, weil er vergessen hatte, seine Mütze abzunehmen.
Ein anderer Franzose, Henry Jaques Maubert berichtete im Jahre 1947, ebd., Roll 7, S. 2068 f., dass ein russischer Mithäftling, der einen erfolglosen Fluchtversuch unternommen hatte, zur Abschreckung auf dem Appellplatz in Ellrich von Brinkmann und zwei weiteren SS-Männern vor allen Häftlingen derart verprügelt worden sei, dass er wenig später an seinen Verletzungen starb.
Brinkmann ließ Häftling Hoden eines Toten essen und lieferte dazu Salz und Pfeffer
Ein besonders grausamer Fall wurde aus Ellrich-Juliushütte berichtet. Dort ließ der Schutzhaftlagerführer Brinkmann laut Aussage von Pierre Segelle (ehem. Häftlingsarzt in Ellrich), 1947, NAW, M-1079, Roll 7, S. 1192 f. und Aussage Erich Krahe (ehem. Blockältester in Ellrich) am 6. November 1962, ZSL, 429 AR-Z 224/72, Bl. 565 f., einen polnischen oder russischen Häftling, der vor Hunger nachts aus den hinter einer Revierbaracke aufgeschichteten Leichen Fleisch herausgeschnitten und gegessen hatte und dabei entdeckt worden war, vor mehreren Zeugen die Hoden eines Toten essen, nachdem er zu seiner Belustigung Salz und Pfeffer hatte bringen lassen. Beim Abendappell führte Brinkmann den Gefangenen seinen Mithäftlingen als „Kannibalen“ vor und befahl einer Gruppe von ihnen, sich auf den in einer Ecke des Appellplatzes Stehenden zu werfen und ihn zu verprügeln. Schließlich starb der Häftling in Anwesenheit Brinkmans noch am gleichen Ort. In seiner Vernehmung in Dachau am 30. Juni 1947, NAW, M-1079, Roll 11, Bl. 1069, bestätigte Brinkmann, dass er den Häftling die Hoden eines Toten essen ließ und führte als Begründung für sein Verhalten an, er habe feststellen wollen, „ob so etwas möglich war“.
Schikanen und Quälereien, Essensentzug
Die tattäglichen Schikanen und Quälereien sollten nichts anderes als die bereits Bezwungenen permanent erniedrigen. Damit ging der Lagerterror über die Herrschaftssicherung deutlich hinaus (vgl. dazu auch Sofsky, Ordnung des Terrors, S. 28 f.). Strafen – und das unterscheidet den Terror von der Disziplinierung – konnten, sie mussten aber nicht an ein Vergehen gebunden sein. Darüber hinaus lag die Definitionsmacht dessen, was ein Vergehen sein, gänzlich in der Hand eines jeden SS-Angehörigen. Er allein entschied, wann und wie ein Häftling gequält und misshandelt wurde. Zum Terrorkonzept gehörten auch kollektive Strafen und Schikanen. So quälte die SS die Häftlinge immer wieder durch stundenlange Strafe stehen auf dem Appellplatz, und auch der kollektive Essensentzug für eine Block oder sogar für das ganze Lager war verbreitet. Für die ohnehin entkräfteten Häftlinge konnte eine solche Strafe den Tod bedeuten.
25 Schläge auf das entblößte Gesäß oder den Rücken
Wesentlicher Bestandteil des ritualisierten Lagerterrors war in allen Mittelbau-Lagern die Prügelstrafe, die auf dem „Bock“ vollzogen wurde, einem tischähnlichen Holzgestell, auf dem der nach vorne gebeugte Häftling festgeschnallt wurde und dann mit einer Peitsche oder einem Stahlkabel bis zu 25 Schläge auf das entblößte Gesäß oder den Rücken erhielt. Meistens zerplatzte schon nach wenigen Schlägen die Haut des Opfers, und nach Beendigung der Tortur blieb der Misshandelte häufig ohnmächtig auf dem Boden liegen, bis er von Mitgefangenen fortgeschleppt wurde, so Aussage Alfred Bernhard (ehem. Häftling), 17. Juli 1947, NAW, M-1079, Roll 6, Bl. 818. In den meisten Fällen erfolgte die Prozedur vor allen Lagerinsassen auf dem Appellplatz.
Besonders eng arbeitete Brinkmann offenbar, nach Aussage von Jakob Mittermüller (ehem. Häftling), 1947, ebd. Roll 7, S. 1567 f., mit dem Lagerältesten Arthur Schimmeck zusammen, dem er bei einer gemeinsamen „Bunker“-Inspektion befohlen haben soll, einen bestimmten Häftling „verschwinden“ zu lassen, woraufhin Schimmeck den Mann in einem Teich auf dem Lagergelände ertränkt haben soll.

Er blieb bis kurz vor Kriegsschluss im Sammellager Ellrich des KZ-Mittelbau-Dora. Als dieses aufgelöst wurde, kam er nach seiner Angabe als SS-Oberscharführer und Zugführer mit anderen Wachmännern am 1. April 1945 zu der „Kampfgruppe Major Groß“. Im Zuge der Räumung der Mittelbauer Lager begleitete er im April 1945 einen Evakuierungstransport in das KZ Ravensbrück (im Norden der Provinz Brandenburg). Das KZ-Mittelbau wurde am 11. April 1945 von der US-Armee befreit, laut Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik, Beck, München 1966, S. 138. Brinkmann hatte sich in der letzten Kriegszeit mit einer Gruppe von 25 Männern im Wald verborgen gehalten. In dieser Zeit wurde auch noch geschossen.
Festnahme durch Alliierte im Harz
Brinkmann wurde am 13. Mai 1945 in Zorge/Harz durch die amerikanischen Streitkräfte gefangengenommen, als Kriegsgefangener registriert und in Braunlage in einem Sammellager interniert und durchlief dann bis zum 30. Dezember 1947 zahlreiche Internierungslager in Salzgitter, Immendorf, Drütte, Westertimke, Sandbostel, Esterwegen, Hemer, Eselsheide, Fischbeck und Dachau. Ab dem 30. Dezember 1947 bis zum 9. Mai 1958 saß er im War Criminal Prison in Landsberg/Lech (Freistaat Bayern) ein.

Zu lebenslänglich verurteilt, nach 11 Jahren entlassen
Das amerikanische Militärgericht in Dachau hatte Brinkmann 1947 wegen seiner Verbrechen im KZ-Mittelbau-Dora zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. 1958 wurde er aus der Haft nach Osnabrück entlassen.
Brinkmann war seit dem 20. Dezember 1939 mit Gertrud Jahnke, geb. 30. Oktober 1920 in Glienicke, verheiratet und hatte 2 Töchter (Gudrun, geb. 1940 und Brunhild, geb. 1944). Im Jahre 1955 war Brinkmann mit der Krankenschwester Herta Eickelmann, Städt. Krankenanstalten, verlobt und wohnte 1959 in Lemgo/Lippe.
Klage auf Kriegsentschädigung wurde abgewiesen
Die Klage auf Kriegsentschädigung Brinkmanns wurde vom Verwaltungsgericht Hannover in der öffentlichen Sitzung vom 28. Juli 1960 abgewiesen.
Brinkmann starb am 5. Februar 1985 in Enger, Kreis Herford.
Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises
Redaktioneller Hinweis
Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.












