„Jonny“ – Zyniker, Schläger, Mörder – dreimal zum Tode verurteilt …
SS-Wachtrupp KZ Esterwegen, KZ Sachsenhausen, KZ Majdanek, Totenkopf-Sturmbann „Brandenburg“, im KZ Buchenwald Rapportführer und Adjutant des Lagerkommandanten Koch, grausam, „bestialisch“, Schläger, Mörder, mit Division „Prinz Eugen“ in Jugoslawien, dreimal zum Tode verurteilt: Bilanz eines in Osnabrück geborenen Nationalsozialisten, der Schrecken verbreitete.
Hermann Wilhelm Heinrich Hackmann wurde am 11. November 1913 in Osnabrück als Sohn des Poliers Julius Hackmann und seiner Frau Anna, geb. Klöntrup, wohnhaft in Osnabrück, Parkstr. 24c, geboren und besuchte die Volksschule in Osnabrück und dann die Mittelschule in Osnabrück. Nach dem Schulabschluss 1930 begann Hackmann eine Lehre als Maurer, die er 1933 abschloss. Ab 1933 war er SS-Mitglied (SS-Nummer 164.705) und erhielt in Osnabrück seine militärische Vorausbildung.

SS-Wachtrupp KZ Esterwegen
Ab August 1934 gehörte Hackmann dem SS-Wachtrupp des KZ Esterwegen im Landkreis Emsland an. Im Jahre 1933 waren in Börgermoor und Esterwegen die ersten im Deutschen Reich vollständig als Muster-Barackenlager vom Preußischen Staat geprüften und errichteten Konzentrationslager entstanden. Das Konzentrationslager Esterwegen wurde als Doppellager für 2.000 Häftlinge zwischen Juni und August 1933 errichtet. Wegen massiver Schikanen und zahlreicher Mordfälle sprachen die Häftlinge schon bald von der „Hölle am Waldesrand“. Es wurden überwiegend politische Häftlinge in „Schutzhaft“ dort inhaftiert. Im April 1934 wurde das KZ Esterwegen von Himmler der SS unterstellt.
Die beiden Doppellager wurden zusammengelegt und eine 2,50 mtr. hohe weiße Außenmauer gebaut. Das Häftlingslager war für 1.000 Gefangene ausgelegt, das Wachmannschaftslager in den kommenden Jahren stark ausgebaut. Nördlich angrenzend befanden sich Sportanlagen, ein Schwimmbad und die Gleisanlagen der „Moorbahn“. Unter den Häftlingen befanden sich neben Politischen weitere vom NS-Regime Verfolgte. Im Frühjahr 1936 fiel für das Konzentrationslager Esterwegen die Entscheidung, es zum 23. September 1936 aufzulösen und die Gefangenen nach Oranienburg bei Berlin zu verlegen, wo sie beim Aufbau des neuen Konzentrationslagers Sachsenhausen eingesetzt wurden. Ab Januar 1937 übernahm das Reichsjustizministerium das Lager. Als „Strafgefangenenlager VII“ wurde es in die schließlich 15 Gefangenenlager im Emsland unter SA-Bewachung eingegliedert.
KZ Sachsenhausen, Totenkopf-Sturmbann „Brandenburg“ in Berlin
Nach Auflösung dieses Konzentrationslagers wurde er ins KZ Sachsenhausen versetzt, was sich in der Stadt Oranienburg nördlich von Berlin befand. Insgesamt wurden etwa 200.000 Häftlinge nach Sachsenhausen deportiert, wo ca. ein Drittel der Insassen ermordet wurden. Im Jahre 1936 gehörte Hackmann dem Totenkopf-Sturmbann „Brandenburg“ in Berlin an und tat als Unterscharführer Dienst auf der Schreibstube des Kommandanturstabes.
Hackmann wurde erst als Blockführer und später als Rapportführer im Zellenbau eingesetzt. Zum 1. Mai 1937 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 5.546.919). Aus der Kirche ist er im Jahre 1936 ausgetreten.

Rapportführer im KZ-Buchenwald, Adjutant des Lagerkommandanten Koch
1937 wurde er Rapportführer im KZ Buchenwald, im Jahre 1938 war er dort stellvertretender Lagerleiter (2. Schutzhaftlagerführer) und im Frühjahr 1939 Adjutant des dortigen Lagerkommandanten Karl Otto Koch. Von September 1939 bis zum 4. Juni 1940 war Hackmann der Leiter der Abteilung für die Beschäftigung von Häftlingen in der Abteilung III. Von dieser Position wechselte er zum Leiter der Abteilung I und bekleidete ab dem 22. September 1940 erneut die Position des stellvertretenden Leiters der Abteilung III im KZ Buchenwald. Unter Häftlingen galt Hackmann als intelligenter Zyniker, der vor Grausamkeiten nicht zurückschreckte. „Schauerlich hallten die Schreie durch das Lager, wenn Hackmann und (SS-Aufseher) Sommer mit Hundepeitschen herumgingen und die Bedauernswerten am ganzen Körper (…) schlugen“, berichtete ein anonymer Zeitzeuge in dem Buch „Buchenwald-Report“.
Da der Kommandant Koch mit seinem Gehalt niemals auskam, verschmähte er niemals riesige Bestechungsgelder. Hauptlieferant für Koch war der Kriminelle Meiners, der die Kantinenverwaltung der Häftlinge unter sich hatte. Durch unverschämte Preisaufschläge brachte er im Monat 50-60000 Mark auf die Seite, die alle in die Tasche von Koch wanderten. Was Meiners sonst noch an Geschenken verteilte, betrug ebenfalls viele Tausende von Mark. Dem Lagerführer Hackmann kaufte er ein neues Auto.
Der Lagerführer SS-Obersturmführer Hackmann musste für eine Reparatur an seinem Auto 186 RM bezahlen. Er ließ daher den damaligen Blockältesten seines Judenblocks, Wolf, rufen und verlangte von ihm innerhalb einer Stunde diesen Geldbetrag, sonst werde er ihm eine Meldung wegen disziplinwidrigen Verhaltens machen. Selbstverständlich erhielt Hackmann das Geld. Der Vorfall spielte sich im Sommer 1939 ab.
Laut dem Zeugen Willi Tichauer, Berlin, drohte der damalige 2. Lagerführer Hackmann, der in einer besonderen Judenhetze den Lagerinsassen angedroht hatte, „Wer vom Juden nimmt, stirbt daran!“, forderte uns zwei Tage später auf, Geld zur Beschaffung von Büchern zu „spenden“. Es kamen 8000 Mark zusammen, die in seinen unergründlichen Taschen verschwanden.
„Wie bestialisch dieser mädchenhafte Junge schlagen kann ….“
Bruno Heilig, der als jüdischer Häftling 1938 aus Dachau kam, erinnerte sich: „… Jonny, vor dem nimm dich besonders in acht …, flüsterte Lewit und ging weiter. … Obersturmführer Rödl beschimpfte uns auf bayrisch mit stark alkoholisierter Stimme, Jonny im schnarrenden Ton des preußischen Leutnants. Johnny war auffallend gepflegt und elegant. Wir würden jetzt erst merken, was das Konzentrationslager ist, meinten sie. Dachauer Gemütlichkeit und Schlamperei gibt´s nicht mehr. „Ihr Vögel“, so nennen sie uns. Jonny beginnt jeden Satz mit „Ihr Vögel“, … Jonny schießt durch die Kommandos, schlagend und schimpfend. Er ist behend wie eine Katze und taucht immer dann auf, wenn man ihn gerade in entgegengesetzter Richtung hat verschwinden sehen. Wie bestialisch dieser mädchenhafte Junge schlagen und wie widerwärtig er schimpfen kann …“.
Obersturmführer der Waffen-SS in Berlin, Abteilung Oranienburg
1939/40 wurde Hackmann als Obersturmführer beim Kommandoamt der Waffen-SS in Berlin (Abteilung Oranienburg) tätig und mit der Organisation des Luftschutzes bei der Truppe befasst.
Vertreter Kochs beim Aufbau des KZ Majdanek
Anfang 1941 wurde Hackman zum Stab der Inspektion der Konzentrationslager (IKL) versetzt. Er war in Buchenwald unter dem Spitznamen „Jonny“ bekannt. Im August 1941 wurde Hackmann Vertreter Kochs beim Aufbau des KZ Majdanek, wo er auch den Posten des Schutzhaftlagerführers innehatte bzw. zum Leiter der Abteilung III ernannt wurde. Diese Funktion übte er bis zum 20. September 1942 aus, anschließend wurde er aufgrund des Verdachts auf Amtsmissbrauch im KZ Lublin/Majdanek zur 7. Freiwilligen Gebirgsdision „Prinz Eugen) versetzt.
„Häftling zu Boden gerissen und mit beiden Füßen auf die Brust gesprungen“
Samuel Antmann, ein Häftling aus dem KZ Majdanek berichtete von einem Vorfall mit Hackmann auf dem Appell-Platz, als der wegen eines hohen Besuchs ausrastete: „In unserer Reihe hat er den Ernst Löwy schließlich zu Boden gerissen und ist dann mit beiden Füßen auf die Brust gesprungen. Wir haben gehört, wie die Rippen krachten. Der Löwy ist liegen geblieben, bis der Appell zu Ende war. Dann haben wir ihn aufheben dürfen, aber er war tot.“
Eine weitere Zeugenaussage: „Wenn die Kameraden nicht zugrunde gingen, haben sie fast immer einen schweren Schaden für Lebenszeit davongetragen.“ Hackmann hatte auch keinerlei Skrupel sich an den Häftlingen zu bereichern, die er des Öfteren um Geld für seine aufwendige private Lebenshaltung erpresste.
Erschießungen von Häftlingen
Auch als Stellvertreter des Lagerleiters arbeitete er in seine eigene Tasche. Die Häftlinge fürchteten ihn. Als beispielsweise im Juni 1941 mehrere Dutzende russische Gefangene fliehen konnten, wurden die in der Baracke verbliebenen 40 Männer von Hackmann und seinen Kumpanen erschossen.
Mit Division „Prinz Eugen“ in Jugoslawien, Bekämpfung von Partisanenverbänden
Im Herbst 1942 kam Hackmann zur 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“, einer Division der Waffen-SS, mit der er in Jugoslawien kämpfte, 3 Monate eingegliedert in Wehrmachtsverbände. Es handelte sich damals vorwiegend um die Bekämpfung von starken Partisanenverbänden. Im Jahre 1943 erhielt Hackmann das EK I und II sowie das Verwundetenabzeichen.

Unterschlagungen im KZ Buchenwald – zweimalige Verurteilung zum Tode
Im August 1943 wurde er wegen Unterschlagung von Besitzgütern und Mord im KZ Buchenwald nach Ermittlungen durch Konrad Morgen verhaftet und am 29. Juni 1944 von einem SS-Gericht in Kassel zweimal zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde jedoch bis Kriegsende ausgesetzt. Ab dem 27. September 1944 befand sich Hackmann im Straf- und Polizeilager der SS und Polizei in Dachau. Noch im März 1945 wurde er aus dem Straflager der SS und der Polizei im KZ Dachau entlassen und kämpfte im Dienstgrad eines Sturmbannführers im Raum München als Mitglied von Kampfkommandos noch gegen die amerikanischen Truppen. Etwa Ende April hat er sich in amerikanische Kriegsgefangenschaft begeben.
Im Buchenwald-Prozess erneut zum Tode verurteilt, Umwandlung in lebenslänglich, schon 1955 entlassen
Im Buchenwald-Hauptprozess, der im Rahmen der Dachauer Prozesse stattfand, verurteilte ein US-amerikanisches Militärgericht Hackmann am 14. August 1947 erneut zum Tode, die Todesstrafe wurde aber 1948 in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe umgewandelt. Nach der am 25. März 1955 erfolgten Entlassung aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg wohnte er in Uslar.
Redegewandt, selbstsicher auftretender Möbel-Vertreter und Reiseprokurist
Er arbeitete bis zu seiner Verrentung 1976 als redegewandter, selbstsicher auftretender Möbel-Vertreter und erfolgreicher Reiseprokurist in Uslar. Hackmann war in erster Ehe seit dem Jahre 1943 mit Olga, geb. Glaser, verheiratet und hatte keine Kinder. Die Ehe wurde im Jahre 1949 im gegenseitigen Einverständnis geschieden. 1956 heiratete er in zweiter Ehe die Lehrerin Ingrid, geb. Schenk. Aus seiner nationalsozialistischen Weltanschauung wurde eine „bürgerlich-nationale“.
Bei einer Vernehmung in Köln am 18. März 1964 hat Hackmann eingeräumt, dass er gelegentlich Häftlinge geschlagen habe, wenn diese ernste Verstöße gegen die Lagerordnung begangen hätte. Er habe jeweils nur mit der Hand geschlagen, niemals mit einem Gegenstand. Er habe die Häftlinge auf den Körper und ins Gesicht geschlagen, aber er glaube nicht, dass hierdurch ernsthafte Verletzungen entstanden seien.
Bericht über Hackmann im DDR-Fernsehen
Berührungsängste mit dem ehemaligen KZ-Schergen hatten nur wenige Menschen. In den Wirtschaftswunderjahren erinnerte sich auch in Uslar niemand gern an die Schrecken der NS-Zeit. Aufsehen erregte allenfalls eine Sendung Karl-Eduard von Schnitzlers, der in seinem „Schwarzen Kanal“ im DDR-Fernsehen über Hackmann berichtete.
In Majdanek-Prozess 1981 wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 141 Personen und der Exekution von 200 bis 400 Menschen zu zehn Jahren Haft verurteilt
Am 30. Juni 1981 wurde er vom Landgericht Düsseldorf im dritten Majdanek-Prozess (1975-1981) wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum Mord an mindestens 141 Personen und der Exekution von 200 bis 400 Menschen zu der milden Strafe von zehn Jahren Haft verurteilt.
Nach den Feststellungen der Schwurgerichtskammer wurde Ende Juni 1942 dem Lagerkommandanten Koch, einem „der skrupellosesten und brutalsten Lagerkommandanten, die es im ´Dritten Reich’ gegeben hat, der Befehl gegeben als „Sofortmaßnahmen zur Seuchenbekämpfung“ alle tatsächlich oder mutmaßlich an Seuchen, insbesondere an Fleckfieber leidenden Häftlinge zu liquidieren. Koch setzte hiervon Hackmann in Kenntnis und beauftragte ihn mit der Durchführung der erforderlichen Maßnahmen. Der Angeklagte (Hackmann) habe – so das Urteil – erkannt, dass diese Form der „Seuchenbekämpfung“ verbrecherisch war. Er unterließ jedoch jeglichen Versuch, sich dem Liquidierungsbefehl zu entziehen. Hackmann ließ eine Exekutionsstätte vorbereiten. Dazu mussten von mindestens sechs bis acht sowjetischen Kriegsgefangenen zwei Gruben ausgehoben werden.
Anfang Juli 1942 eröffnete Hackmann fünf von ihm ausgewählten Kommandanturangehörigen, in einer zweitätigen Aktion seien die insbesondere an Fleckfieber erkrankten Häftlinge – so wörtlich – „umzulegen“, um eine „Verseuchung“ des gesamten Lagers zu verhindern. Dazu befahl er ihnen, sich je eine Maschinenpistole mit zwei Magazinen Munition aushändigen zu lassen. Ein unbekannter SS-Offizier leitete sodann die Massenexekution. Dazu wurden die Opfer durch die Kriegsgefangnen von den LKW in die Grube gestoßen oder geworfen und von den SS-Leuten erschossen. Bei der Rückkehr in das Lager erhielten die Angehörigen des Exekutionskommandos für ihren Einsatz eine Sonderration an Verpflegung, Zigaretten und Alkohol. Am nächsten Tag führte Hackmann nachweislich das Kommando selbst.
Hackmann verstarb am 20. August 1994 in Uslar.
Ausgewählte Quellen:
- www.hna.de/lokales/uslar-solling/moerder-waren-unter-uns / Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945 – Begleitband zur ständigen historischen Ausstellung
- NLA Osnabrück, Rep 945, Akz. 2001/054, Nr. 218
Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises
Redaktioneller Hinweis
Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.












