Vom „Henker von Mailand“ zur CIA, zum BKA und zum Regierungsbunker-Sicherheitschef
Saevecke war bereits als 18-jähriger NSDAP-Mitglied, wurde dann Kriminalkommissar und Mitinitiator der ersten Fernseh-Verbrechensfahndung, Ermordung von Polen und Juden, später Gestapo-Chef in Mailand und für Deportationen verantwortlich, wurde „Henker von Mailand“ genannt. Nach Kriegsende wurde er von der CIA angeworben, arbeitete für das Bundeskriminalamt und wurde zum Regierungsbunker-Sicherheitschef. Als Pensionär lebte er in Bad Rothenfelde.
Saevecke wurde am 22. März 1911 in Hamburg als Sohn des damaligen etatmäßigen Feldwebels Karl Saevecke und seiner Ehefrau Maria, geborene Sattelberg, geboren und wurde bereits 1929 Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 112.407), später SS-Mitglied (SS-Nr. 396.401) und SS-Hauptsturmbannführer.
1930 bis 1934 Weltreisender als Seemann
Saevecke besuchte die Realschule in Eutin, das Realgymnasium in Parchim und Ludwigslust sowie das Katharineum in Lübeck. Im Februar 1930 verließ er als Unterprimaner die unter jüdischer und marxistischer Leitung stehende Schule. Er erwählte den Seemannsberuf und arbeitete zunächst 3 Monate auf der Neptunwerft in Rostock als Volontär und besuchte dann in einem dreimonatigen Kursus die Deutsche Seemannsschule in Finkenwerder.
Am 19.12.1930 kam er auf die Hamburger Viermastbark „Padua“ als Offiziersanwärter der Handelsmarine und machte zwei Reisen bis zum 20. Juni 1932 nach der Westküste Südamerikas. Sodann nahm er auf der Viermastbark „Priwall“ an der „Weizenregatta“ nach Australien teil. Mit dem Dampfer „Hanna Cords“ machte ich Reisen nach England, Irland, Frankreich, Afrika, Russland, Dänemark und Holland. Am 27. März 1934 schied er freiwillig aus der Seefahrt aus. Am 30. März 1934 hatte er seine Frau Ursula geheiratet.
Von 1928 bis 1938 aktives Lübecker SA-Mitglied
Politisch betätigte er sich seit 1926. Er trat am 29. Juni 1926 in Parchim in die Schilljugend der Organisation Roßbach ein und führte die dortige Gruppe. Am 15. Dezember 1928 trat er als 17jähriger Sekundaner zur Lübecker SA über und gehörte dieser bis zum Jahre1938 aktiv an.
Tätig bei der Kriminalpolizei, Mitinitiator der ersten Fernseh-Verbrechensfahndung
Am 1. Oktober 1934 trat er bei der Kriminalpolizei in Lübeck als Kriminal-Kommissaranwärter ein und besuchte im Jahre 1937 die Führerschule der Sicherheitspolizei. Nach bestandener Prüfung wurde er an die KPLSt Berlin versetzt und war Leiter des Brand- und Katastrophendezernats sowie aktiver Mordbearbeiter. Im Jahre 1938 war er Mitinitiator der ersten Verbrechensfahndung im Fernsehen. Im September 1939 kam er zum Einsatz nach Posen und war hier Leiter des Morddezernats.
Ermordung von Polen und Juden, dann beim RSHA beschäftigt, Einsatz in Nordafrika
In dieser Zeit war er auch als Mitglied der Einsatzgruppe VI an der Ermordung von Polen und Juden beteiligt. 1941 wurde Saevecke in das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) versetzt. 1942 war er unter seinem Vorgesetzten Walter Rauff Leiter des SS-Einsatzkommandos in Nordafrika (Libyen und Tunesien), wo er die Errichtung von Zwangsarbeitslagern und die Aktion zur Enteignung der tunesischen Juden organisierte. Aus Sicht seines späteren Vorgesetzten Karl Wolff hatte Saevecke „mit großem Erfolg die Judenfrage im tunesischen Raum bearbeitet“ (Schenk, S 268).
Er trieb jüdische Zwangsarbeiter für die Wehrmacht ein, und er beteiligte sich daran, bis zum April 1943 von den jüdischen Gemeinden 50 Millionen Franc und 43 Kilogramm Gold zu erpressen.
Gestapo-Chef, „Henker von Mailand“
Nach der Besetzung Italiens wurde er Gestapo-Chef in Mailand und machte sich als „Henker von Mailand“ von seinem Dienstsitz, dem Hotel Regina aus, einen gefürchteten Namen: er verfolgte Widerstandskämpfer in Mailand und in der Lombardei mit aller Brutalität und war für die Deportation von mindestens 700 italienischen Juden in die Vernichtungslager verantwortlich.

Am Morgen des 10. August 1944 ließ er nach einem Anschlag auf einen Militär-LKW zur Vergeltung fünfzehn gefangene Partisanen, die er selbst ausgesucht hatte, von einem Kommando der italienischen Miliz auf dem Mailänder Loreto-Platz hinrichten. Bis zum Nachmittag blieben die Leichen in der Sonne liegen. Die entsetzten Mailänder merkten sich den Ort: Hier gaben sie Ende April 1945 die Leiche des erschossenen Benito Mussolini den Misshandlungen der Menge preis. Ebenfalls im August 1944 ließ Saevecke in Corbetta nach dem Mord an einem SS-Mitglied drei Männer an Ort und Stelle und am Tag darauf fünf Bewohner in Robecco sul Naviglia als Geiseln erschießen und ihre Häuser niederbrennen.
Der Zeuge Otello Vecchio, bei dem Ersatzteile für ein Funkgerät entdeckt worden waren, berichtete, dass Saevecke ihn mit einem Ochsenziemer blutig schlagen und dann nach Dachau deportieren ließ. Oder der jüdische Flüchtling Erich Wachtor sagte aus, dass er im August 1944 aufgespürt worden wäre. Saevecke, so berichtete er, habe ihn zunächst mit einem jüdischen Spitzel konfrontiert und ihm dann, als er keine anderen versteckten Juden preisgeben wollte, von einem Untergebenen 26 Zähne ausreißen lassen.
Bandenbekämpfung in der Lombardei
Saevecke habe sich, so Wolff, im März 1944, „besonders in der Bandenbekämpfung in der Lombardei hervorgetan und bei fast allen Einsätzen in vorderster Linie im Kampf gegen die Partisanen gelegen. Seiner Einsatzfreudigkeit und Entschlusskraft ist es zu danken, dass die Bandenlage in der Lombardei auf ein möglichstes Mindestmaß herabgedrückt worden ist“ (Schenk, S. 268).
Internierung in Dachau, CIA- und BKA-Mitarbeiter, Pensionär in Bad Rothenfelde
Nach seiner Internierung 1945 bis 1948 in Dachau wurde der „alte Kämpfer“ (SA-Mitglied seit 1928), der Hauptsturmführer und Kommunistenhasser Saevecke im Jahre 1949 Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA, danach übte er leitende Funktionen im Bundeskriminalamt (BKA) aus und leitete bald, innerhalb der „Sicherungsgruppe Bonn“ die Abteilung Hoch- und Landesverrat, wo gegen den „inneren Feind“ ermittelt wurde, sprich Kommunisten und trat – jahrelang geschützt von Ministern – unbehelligt von deutschen Gerichtsverfahren, nachdem alle Ermittlungen gegen ihn eingestellt worden waren – 1971 in den Ruhestand. Als Pensionär lebte er in Bad Rothenfelde bei Osnabrück.

Festnahmen in der „Spiegel-Affäre“, Fragestunde im Bundestag zu Saevecke
Ende 1962 geriet Saevecke vorübergehend in die Schlagzeilen, weil er die Festnahmen in der „Spiegel-Affäre“ leitete. Das hatte Folgen für Saevecke. Denn so wie Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß oder Staatssekretär Volkmar Hopf in die Schusslinie geraten waren, stand auch Saevecke im Kreuzfeuer der Kritik. Der Alptraum, sein Name geistere durch die Medien, wurde wahr. Am 6. März 1963 drehte sich in einer Fragestunde des Deutschen Bundestages alles um den Kriminalisten und sein Treiben bis 1945. Zwar stellte sich Bundesinnenminister Hermann Höcherl in der Bundestagsdebatte vor Saevecke, an neuen Untersuchungen kam er aber nicht vorbei. Im Bundesinnenministerium endeten die Untersuchungen zum „Fall Saevecke“ am 24. April 1963. Er wurde dienstenthoben. Doch, so gaben 2002 freigegebene CIA-Unterlagen her, konnte er sich mit dem BKA auf eine außergewöhnliche Regelung verständigen: Saevecke gab den Kampf in vorderster Linie auf und wurde auf einen unauffälligen Posten versetzt.
Sicherheitschef im Regierungsbunker im Ahrtal
Von 1964 bis 1971 war er im Auftrag des Bundeskriminalamtes zuständiger Sicherheitschef im Regierungsbunker im Ahrtal, Deutschlands Staatsgeheimnis Nummer 1. Eine Ideallösung, um den umtriebigen Kriminalisten aus allen Schusslinien öffentlicher Kritik zu ziehen, denn den Bunker gab es offiziell nicht – und damit auch keinen Theo Saevecke.
Nach dem Fund im „Schrank der Schande“ (die Ermittlungsakten der italienischen Justiz waren nämlich in einem Schrank versteckt worden, der, mit den Türen zur Wand gedreht, im Keller der römischen Militärstaatsanwaltschaft stand) wurde doch noch ein Verfahren eröffnet. 1994 ließ ein Staatsanwalt eher zufällig das Möbelstück öffnen: ihm quollen die Akten von 695 Ermittlungsverfahren wegen NS-Verbrechen in Italien entgegen.
Kundgebung vor Saeveckes Haus, Farbbeutel und Scheiben eingeworfen, Saevecke als „ehrbarer Mörder“
Zum 54. Jahrestag des Massakers auf dem Piazzale Lorteo, dem 9. August 1998, hielten deutsche Antifaschist-Innen aus verschiedenen Städten eine Kundgebung vor dem Haus des früheren SS-Hauptsturmführers Theodor Saevecke in Bad Rothenfelde ab. Sein Haus wurde mit Parolen und Farbbeuteln „verziert“ und Scheiben eingeworfen. Gleichzeitig verteilten die Antifaschist-Innen Flugblätter, sangen Partisanenlieder und es wurde ein Redebeitrag für die Nachbarn des „ehrbaren Mörders“ gehalten.
In dieser Rede grüßten die Antifaschist-Innen die Kundgebung auf dem Piazzale Loreto in Milano, die Überlebenden und Angehörigen, die jüdischen Gemeinden, den Verband der Deportierten ANED, den Partisanenverband ANPI und die antifaschistische Öffentlichkeit Italiens. Die Antifaschist-Innen beendeten ihre Erklärung mit der Aufforderung an alle Antifaschist-Innen, die Zeit zu nutzen, Überlebende persönlich kennenzulernen und deren Angehörige zu unterstützen. „Die Erfahrungen der Überlebenden des Holocaust und der Widerstandskämpfer-Innen werden uns in den kommenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen sehr fehlen. Ihre Erzählungen und Erinnerungen bleiben aber für alle Zeit eine wichtige Waffe im Kampf gegen Faschismus und Rassismus und gegen Menschenverachtung überall auf der Welt“.
Verurteilung zu lebenslanger Haft
Saevecke wurde 1999 wegen der Mailänder Geiselerschießung vom August 1944 in Turin in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Saevecke starb im Jahr 2000 in Dissen am Teutoburger Wald.
Ausgewählte Quellen:
- HG.: Schenk, Dieter: Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA, Köln 2001.
- HG.: Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich – Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt am Main 2003.
- HG.: Bundeskriminalamt, Kriminalistisches Institut, Köln 2011, Reinke, Stephan, Wagner: Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik.
- www.spiegel.de/politik/vom -windjammer-zum-sturm-aufs-pressehaus.
- www.taz.de – Text vom 10.6.1999 „Lebenslang für einen Abwesenden“.
- https://taz.de/Prozess-gegen-einen-deutschen-Herrn/!1339207/.
- Antifaschistisches Infoblatt – Farbbeutel gegen den Henker von Milano.
Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises
Redaktioneller Hinweis
Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.












