Teil 40 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“:  Walter Döring (1906-1963)

Lagerkommandant der SS-Baubrigade in Osnabrück und Mörder

SS-Mann und KZ-Aufseher in Weimar, Prettin, KZ Buchenwald, KZ Neuengamme, Arbeitslager-Kommandant in Overbergschule  Osnabrück, wo 86 Häftlinge von 250 Inhaftierten starben, soll im KZ Neuengamme an Exekution von 59 russischen Offizieren beteiligt gewesen sein

Walter Friedrich Döring wurde am 1. März 1906 in Eisenach geboren und war gelernter Metzger. Als er im November 1942 nach Osnabrück kam, hatte er bereits viele Jahre als SS-Mann und KZ-Aufseher hinter sich. Bereits 1934 hat er als SS-Mitglied in Weimar gedient, wurde dann aber aus disziplinarischen Gründen zur SS-Kaserne auf der Lichtenburg in Prettin versetzt. Ab Juni 1937 arbeitete er im KZ Buchenwald, ab 4. Februar 1938 war er in der Abteilung IV (Häftlingsgeldverwaltung) tätig; am 19. April 1940 wurde er zur Abteilung III versetzt und ab Januar 1941 im KZ Neuengamme zunächst als Block- und dann als Appellführer tätig.

KZ-Häftlinge: Im Kriege für jedermann in Osnabrück sichtbar, bei lebensgefährlichen Aufräumarbeiten. Foto: Stadt Osnabrück


An Exekution von 59 russischen Offizieren im KZ Neuengamme beteiligt?

Im Oktober 1941 soll Döring, nach Aussage des Kriegsverbrechers Albert Lütkemeyer in britischer Haft in Minden am 4. November 1946, an der Exekution von 59 russischen Offizieren im KZ Neuengamme beteiligt gewesen sein. Lütkemeyer, Stroink, Keuss, Döring und Jauch sollen die Häftlinge im Arrestbunker durch Genickschuss hingerichtet haben.

Ab November 1942 war er Leiter der II. SS-Baubrigade des KZ Neuengamme und Angehöriger der 11. SS-Freiwilligen-Panzer-Grenadier-Division „Nordland“. Döring hatte die SS-Mitglieds-Nr. 240721.

In der Turnhalle der Overberg-Schule waren die KZ-Häftlinge unter elenden Bedingungen untergebracht. Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme


Arbeitslager-Kommandant in Overberg-Schule in Osnabrück

Kurz bevor er  als Lagerkommandant nach Osnabrück beordert wurde, soll Döring an der Tötung eines sowjetischen Häftlings in Neuengamme beteiligt gewesen sein. In Osnabrück war Döring der Nachfolger von SS-Hauptscharführer Brinkmann.

250 Häftlinge der SS-Baubrigade II, die im Oktober 1942 im KZ Neuengamme mit ca. 1.000 Häftlingen aufgestellt wurde, bildeten ein bis Mai 1943 bestehendes Außenlager in Osnabrück. Ein Arbeitskommando auch zur Trümmerbeseitigung in Osnabrück zu bilden, wurde relativ kurzfristig entschieden. Der Osnabrücker Oberbürgermeister, Erich Gaertner, hat vermutlich die Zuteilung der KZ-Häftlinge beeinflusst, da die Einleitung von Sofortmaßnahmen bzw. die Luftabwehr und die Trümmerbeseitigung nach Bombenangriffen in seine Zuständigkeit fiel.

Am 17. Oktober 1942 wurde der erste Todesfall  unter den Häftlingen der SS-Baubrigade in Osnabrück registriert. Im Jahre 1943 wurden bis Anfang Mai keine weiteren größeren Bombenangriffe aus Osnabrück geflogen, so dass die Häftlinge, unter dem Protest des  Bürgermeisters, nach Bremen, Wilhelmshaven und später nach Hamburg verlegt wurden.

Untergebracht war das Arbeitskommando in der Turnhalle der Overberg-Schule, Overbergstr. in Osnabrück. Durch einen Bombentreffer war der linke Flügel der Unterkunft zerstört worden, somit war nur noch der Keller nutzbar. Im Keller des linken Flügels befanden sich das Schulbad, die Küche, in der den Schülern das Kochen gelernt wurde, und der Vorratsraum. Im Keller des rechten Flügels war der Heizungsraum, die Krankenstation, eine Häftlingsküche, ein kleiner Arbeitsraum und eine fensterlose Trennwand. Die SS- und Polizeireservisten waren im Erdgeschoß des rechten Flügels untergebracht. Appelle wurden auf dem Schulhof durchgeführt.

Grundschüler*innen schufen vor Jahren ein eindrucksvolles Mahnmal hinter dem heutigen Schulgebäude der Overbergschule. Foto: OR-Archiv


Das Lager Osnabrück hatte von sämtlichen Lagern der Baubrigade die höchste Todesrate; von den 250 Häftlingen starben zwischen Oktober 1942 bis März 1943 insgesamt 86 Häftlinge, also mehr als ein Drittel der Häftlinge, die dann auf dem Heger Friedhof beigesetzt wurden.

Die Verantwortung für die grausamen Bedingungen oblag dem Lagerführer, der mit Unterstützung einer korrupten Clique von Funktionshäftlingen die Häftlinge sowie die umliegende Bevölkerung terrorisierte, und der trotz der unübersehbaren Zustände im Lager nichts unternahm.


Wilhelm Leers, Berufsverbrecher und engster Vertrauter von Döring

Der engste Vertraute von Döring war der erste Kapo, Wilhelm Leers, der im Februar 1940 von der Kriminalpolizei Köln als „Berufsverbrecher“ nach Neuengamme deportiert wurde. Hier lebte Leers seine sadistischen Neigungen aus, so dass die politischen Häftlinge die Entscheidung, Leers nach Osnabrück zu schicken, kritisierten.

Von den weiteren Kapos, die alle Reichsbürger waren, wurden zwei politische Häftlinge, Fritz Bringmann und Ernst Bonhoft, als Pfleger geschickt. Die restlichen Häftlinge des Osnabrücker Arbeitskommandos warn vor allem Sowjets, einige Polen, Niederländer und Jugoslawen.

Ab Anfang 1943 bestand die Wachmannschaft aus einer Handvoll SS-Männern, aus örtlichen Hilfspolizisten, die meistens selbstständig waren oder z.B. als Kellner oder Barkeeper arbeiteten. Fälle von mehrfachen krankheitsbedingten Abwesenheiten oder Versetzungsanträge bzw. Disziplinarverfahren wurden seinerzeit nicht dokumentiert.


Döring und Leers errichteten „Terrorregime“, Fleisch- und Fettrationen reduziert

Das von Döring und Leers errichtete „Terrorregime“ beinhaltete die Veruntreuung von Lebensmitteln im großen Stil, so dass die meisten Häftlinge innerhalb weniger Wochen „erschreckend“ an Gewicht verloren. Iwan Andrejewitsch Slipatschenko suchte verzweifelt in den Trümmern nach Nahrung zum Überleben: „Ich hätte eine Schuhsohle essen können, wenn sie schön verpackt gewesen wäre. Weiß der Himmel, was ich gegessen habe“. Neben dem Hunger waren fehlende Kleidung und das hohe Arbeitstempo die Hauptgründe für den sichtbaren Verfall der Häftlinge. Mit Dörings Ankunft in Osnabrück wurde das Arbeitstempo erhöht und die Fleisch- und Fettrationen erneut reduziert.


Häftlinge mit Wasser übergossen und in Kälte liegen gelassen

Von den 250 Häftlingen waren bis Ende 1942 rund 100 körperlich abgemagert. Auf Dörings Anweisung durften nicht mehr als zehn Kranke in den unzureichenden Krankenbau. Als die Häftlingspfleger Döring auf die unhaltbaren Zustände ansprachen, verlangte er, die Kranken durch Benzininjektionen zu töten, was sie trotz Dörings Misshandlungen standhaft ablehnten. Da Döring die Kranken loswerden wollte, schickte er sie zur Arbeit, wo sie bis zum Zusammenbruch arbeiten mussten. Anschließend wurden sie mit Wasser übergossen und in der Kälte liegen gelassen, bis die Häftlinge ins Lager zurückkehrten. Bringmann, in einem OR-Beitrag bereits umfassend behandelt, schrieb über diese „Behandlung“: „Die meisten überlebten die Rückkehr ins Lager nicht und starben im Laufe des Tages. Die anderen bekamen abends nur sehr selten etwas zu essen, aber die Kaltwasserbehandlung wurde fortgesetzt, bis auch sie ihr Schicksal ereilte.“

Leers misshandelte die Gefangenen mit großer Brutalität, sowohl auf Dörings Befehl als auch ohne ihn. Einmal jagte er einen kranken sowjetischen Gefangenen zur Arbeit, schlug ihn wiederholt und hängte ihn, als er schließlich zu schwach war, mit gefesselten Händen im Gefangenenquartier auf. Hier misshandelte er den hilflosen Gefangenen bis zur Bewusstlosigkeit – eine Folter, die der Gefangene nicht überlebte.

Döring: Hier erscheint er – unklar ist bislang, wen das Foto zeigt – wie als liebevoller Familienvater. Foto: Website lernwerkstatt-neuengamme


Brutalität und Korruption, Döring als Mörder

Die 86 im Lager Osnabrück verzeichneten Todesfälle waren bis auf einen alle sowjetischer Nationalität. Man kann davon ausgehen, dass die kleine „Führungsschicht“ des Lagers, bestehend aus deutschen Häftlingen, die bis auf wenige Ausnahmen zu Leers Clique gehörten, ihr Überleben durch Brutalität und Korruption zu sichern wusste. Die einzige Möglichkeit für die sowjetischen Gefangenen war der Fluchtversuch. Nur wenigen gelang die Flucht, und die Gefangenen mussten mit Erschießungen rechnen. In mindestens zwei Fällen ermordete Döring die wieder gefangenen Häftlinge persönlich.

Am frühen Abend des 11. Januar 1943 holte Döring einen geflohenen Häftling vom Polizeihaus ab und erschoss ihn dann auf dem Schulhof. Am folgenden Morgen musste das vollzählige Kommando an dem auf der Bahre liegenden Erschossenen vorbeigehen. Ein zweiter wiederergriffener Häftling wurde am darauffolgenden Tag von der Polizei übergeben. Döring führte ihn in den Keller, an der Krankenstube vorbei zu einem dunklen verschlossenen Raum. Hier befahl er dem Häftling hineinzugehen. Als dieser durch die enge und niedrige Tür gestiegen war, schoss Döring ihn von hinten in den Kopf, so dass er nach vorne fiel und ohne Lebenszeichen liegenblieb. Danach wurde die Tür von Leers verschlossen.

Nach etwa eineinhalb bis zwei Stunden war ein Stöhnen und Wimmern zu hören, was bis in die Krankenstube zu hören war und eine furchtbare Unruhe auslöste. Döring ging mit Leers in den Keller, Fritz Bringmann wurde aufgefordert mitzukommen. Leers schloss die Tür auf und leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Es war eine Schleifspur von mehreren Metern zu sehen. Dann ging Döring mit der entsicherten Pistole in den Raum und gab aus nächster Nähe zwei Schüsse in den Kopf des am Boden liegenden ab, die den Tod herbeiführten.


Anwohner täglich Zeugen der brutalen Behandlung der Häftlinge

Nicht nur die Wächter, sondern auch die Anwohner wurden täglich Zeugen der brutalen Behandlung der Häftlinge. Der Schulhausmeister Fritz L. blieb auf seinem Posten, und die Kochkurse unter der Leitung der Lehrerin Agnes W. fanden weiterhin für verschiedene Schülergruppen statt. Die Gewalt, die den Häftlingen angetan wurde, war sichtbar. Agnes W. berichtete 1950: „Der Schulhof war offen, und die Kinder aus der Nachbarschaft spielten dort. Sie müssen gesehen haben, wie schlecht die Häftlinge behandelt wurden, und sie müssen es ihren Eltern erzählt haben, denn die Mütter beschwerten sich bei der SS oder den Kapos. Eine Frau, deren Namen ich nicht mehr weiß, erzählte mir, dass sie folgende Antwort erhielt: „Wenn die Kinder noch nicht hart sind, müssen sie es erst noch werden.“

Die Häftlinge arbeiteten täglich an mehreren Standorten mitten in der Stadt. Die Bevölkerung konnte sehen, dass viele Häftlinge „völlig erschöpft, entkräftet und kraftlos“ waren und während der Arbeit zusammenbrachen. Sie wurden auch Zeugen der Misshandlungen auf den Baustellen. 1950 beschrieb ein Polizeireservist die Situation mit folgenden Worten: „Die Häftlinge wurden auf den Baustellen schwer misshandelt. Ich habe unzählige Fälle gesehen. Die Taten wurden von sogenannten SS-Vorarbeitern und Kapos begangen. Die Häftlinge wurden mit Holzstangen auf den Kopf geschlagen, so dass sie blutüberströmt zusammenbrachen und manchmal längere Zeit nicht weiterarbeiten konnten.“

Einer der Häftlinge und zu Lebzeiten ein wichtiger Zeitzeuge: Fritz Bringmann. Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme


Döring wurde ersetzt, Leers floh vor wütenden Mitgefangenen

Vergleicht man die Veränderung der Sterberate im Zeitverlauf mit den Berichten überlebender Häftlinge, wird deutlich, dass der systematische Widerstand antifaschistischer und kommunistischer Häftlinge schließlich zu einer Verbesserung der Lagerbedingungen führte. Sowohl Bringmann und Bonhoft als auch George Merten, der im Dezember 1942 gezielt von Neuengamme nach Osnabrück deportiert wurde, waren maßgeblich an der Zerschlagung der Machtstrukturen im Lager beteiligt. Unter hohem persönlichem Risiko widersetzten sie sich den Anweisungen Dörings und kritisierten wiederholt seine Befehle. Schließlich nutzen sie dessen Urlaub Anfang März 1943, um das Stammlager auf die unerträglichen Zustände aufmerksam zu machen, indem sie auf die geringe Effizienz des Lagers hinwiesen. Sie versuchten systematisch, die Front der korrupten und brutalen Kapos zu schwächen, und leisteten monatelang in ziemlich gefährlichen Auseinandersetzungen Gegenwehr gegen Leers. Döring wurde im März durch einen SS-Hauptscharführer Gehrts (möglichweise Gerds oder Geerdts geschrieben) ersetzt; Leers floh im April 1943 vor den wütenden Mitgefangenen.


Döring zu lebenslanger Haft verurteilt, in Berufung auf zwei Jahre reduziert

Das Landgericht Hamburg (Verfahren Nr. 510623) verurteilte Döring am 23. Juni 1951 zu lebenslanger Haft; zu seinen Kriegsverbrechen zählten die Hinrichtung und Vergasung sowjetischer Kriegsgefangener, die Beteiligung an der Hinrichtung weiblicher Gefangener und die Ermordung eines russischen Häftlings bei einem Fluchtversuch. In der Berufung wurde die Strafe auf zwei Jahre reduziert.


Erneute Verurteilung zu acht Jahren Zuchthaus

Mitte der 1950er Jahre wurde er erneut wegen den beiden Morden im Januar 1943 angeklagt und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Schwurgericht Hamburg hat ihn für den ersten Mord nicht verurteilt, weil kein „Augenzeuge“ vorhanden war.

Leers war bereits 1946 von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt worden, das Urteil wurde jedoch umgewandelt, und er wurde 1954 aus der Haft entlassen. Die beiden Stadtärzte, die die gefälschten Sterbeurkunden ausgestellt hatten, wurden in den 1950er Jahren vernommen, aber nie strafrechtlich verfolgt. In der Overberg-Schule erinnert nichts an das berüchtigte Außenlager.

Über den weiteren Lebensweg Dörings nach der Haftentlassung ist nichts bekannt. Laut der Datenbank SS-Angehörige Buchenwald der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald & Mittelbau-Dora ist Döring am 03. Januar 1963 in Bremen verstorben.


Ausgewählte Quellen:

  • The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933-1945. Insbesondere von dieser, ungemein verdienstvollen Website wurden wichtige Teile dieses Beitrags bewusst übernommen. https://muse.jhu.edu/document/2252 
  • Enzyklopädie der Lager und Ghettos des United States Holocaust Memorial Museum, 1933-1945, Autorin: Karola Fings, übersetzt von Stephan Pallavicini – www.muse-jhu-edu.translate.goog/document/2252 /
  • Bringmann, Fritz: KZ Neuengamme – Berichte, Erinnerungen, Dokumente. Frankfurt a. M. 1982
  • Fings, Karola: Krieg, Gesellschaft und KZ: Himmlers SS-Baubrigaden, Paderborn, 2005

Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises


Redaktioneller Hinweis

Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.

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