Teil 41 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: Heinrich Wessel (1904-1996)

SS-Obersturmführer, Adjutant des Lagerkommandanten Kaindl im KZ Sachsenhausen, war an Erschießungen und Massenmorden beteiligt

Wessel war im Wachbataillon des Konzentrationslagers Sachsenhausen tätig, wurde zum Adjutanten des Kommandanten und wirkte an zahlreichen Verbrechen gegen die Häftlinge mit. Nach Kriegsende tauchte er als „Werner Bierbaum“ unter, wurde verhaftet und zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt

Heinrich Otto Wessel wurde am 13. April 1904 in Lotte-Osterberg als Sohn eines Landwirts geboren. Er besuchte die Mittel- und dann eine Handelsschule in der nahe gelegenen Stadt Osnabrück, die er 1921 mit der Mittleren Reife verließ. Anschließend absolvierte er eine kaufmännische Lehre bei einer Osnabrücker Privatbank und war dort als Angestellter tätig. Im Jahre 1925 wurde er aufgrund der Wirtschaftskrise entlassen.

Wessel-Ehefrau Elsa vor dem Kommandanenhaus. Quelle: Privatalbum der Famile Wessel 1942-1945. Foto: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen


Ab 1942 Adjutant von Anton Kaindl

Im Jahre 1933 trat er der NSDAP (Mitgliedsnummer 3.566.467) und 1934 der SS bei (SS-Nummer 201.029). Im Jahre 1939 wurde er zur Waffen-SS eingezogen und anschließend zum Wachbataillon ins KZ Sachsenhausen unter Gustav Wegner versetzt. Am 1. September 1942 wurde er zum Adjutanten des KZ-Kommandanten Anton Kaindl. In dieser Funktion war er an der Organisation und Durchführung vieler Maßnahmen gegen die Häftlinge beteiligt und blieb dies bis Kriegsende.  Kaindl war so zufrieden mit der Arbeit seines Adjutanten, dass er ihn mit dessen Frau sogar bei sich in der Dienstvilla des KZ-Kommandanten einziehen ließ.

In seinem in Deutscher Eiche möblierten Dienstzimmer hing ein Portrait des SS-Führers Heinrich Himmler an der Wand, sowie hinter seinem Schreibtisch ein Hitlerbild. Durch Wessels Hände gingen von 1942 bis 1945 die meisten Befehle Kaindls, von denen sehr viele direkt zum Tode von Menschen führten. Zu den typischen Aufgaben eines Adjutanten in der SS gehörte auch, die Umsetzung der Weisungen zu überwachen. Heinrich Wessel, der als dienstbeflissener und arroganter Streber galt, war ein typischer Schreibtischtäter.

Das Arbeitszimmer des Adjutanten Wessel im Haus des Kommandanten. Foto: aus Wessels Familienalbum. Museum und Gedenkstätte Sachsenhausen


Im Konzentrationslager Sachsenhausen waren 200.000 Häftlinge interniert

Das Konzentrationslager Sachsenhausen war ein im Sommer 1936 von Häftlingen aus Emslandlagern eingerichtetes KZ. Es befand sich in der Stadt Oranienburg nördlich von Berlin. Es ist jedoch weder örtlich noch zeitlich identisch mit dem KZ Oranienburg, das 1933 bis 1934 in Oranienburg in der Nähe des Stadtzentrums bestand. Durch die Nähe zu Berlin hatte das KZ Sachsenhausen eine Sonderrolle im KZ-System; es diente auch als Ausbildungsort für zukünftige Lagerkommandanten sowie des Bewachungspersonals im ganzen NS-Machtbereich (ähnlich wie das KZ Dachau). Insgesamt wurden etwa 200.000 Häftlinge nach Sachsenhausen deportiert, nur etwa 140.000 davon wurden registriert. Im August 1941 wurde eine Genickschussanlage errichtet, in der etwa 13.000 bis 18.000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet wurden. Insgesamt sollen mehrere zehntausend Häftlinge (fast ein Drittel)  ermordet worden sein. Zu den Häftlingen gehörten Politiker, Roma, Homosexuelle, Juden, Zeugen Jehovas, Kriegsgefangene aus Polen, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, Frankreich, Niederlande und Belgien.


Erschießung von 27 politischen Häftlingen und Massenmord an mindestens 3000 Häftlingen

Ein Massaker zu organisieren ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Es müssen nicht nur die vorgesehen Opfer und die Todesschützen am Tatort versammelt werden. Es bedarf auch genügend Munition; ausreichend Verpflegung (natürlich nur für die Täter) und Quartiere (dito) müssen bereitstehen, und idealerweise sind Möglichkeiten der Entspannung vorbereitet. Morden kann anstrengend sein. Niemand weiß, wie viele Massaker genau Heinrich Wessel organisiert hat.

Politische KZ-Häftlinge 1939. Foto: Hans-Böckler-Stiftung

Entscheidend mitgewirkt hat dieser Bürokrat des Todes, der sich nicht die Hände schmutzig gemacht hat,  an zahlreichen Verbrechen, unter anderem der Erschießung von 27 politischen Häftlingen am 11. Oktober 1944 und am Massenmord an mindestens 3000 geschwächten Häftlingen Anfang Februar 1945 im Hinblick auf eine bald nötige „Evakuierung“ des Lagers.

Sowjetische Kriegsgefangene: im Herbst 1941 – kurz vor ihrer Ermordung. Foto: Museum und Gedenkstätte Sachsenhausen


Lagerkommandant Kaindl und Ehepaar Wessel flohen gemeinsam

In der letzten Aprilwoche 1945 – die Rote Armee näherte sich von Osten her unaufhaltsam der Reichshauptstadt und damit auch dem KZ im Ortsteil Sachsenhausen der brandenburgischen Stadt Oranienburg – flohen Kaindl und das Ehepaar Wessel gemeinsam per Auto. Während der Ex-Kommandant in Kriegsgefangenschaft geriet, im Nürnberger Prozess aussagte und an die Sowjets ausgeliefert wurde, konnte Wessel sich bei seinen Eltern verstecken.


Nahm Identität von „Werner Bierbaum“ an, später Verurteilung zu siebeneinhalb Jahren

Im Jahre 1951 nahm er die Identität eines im Krieg vermissten Verwandten an. Als Werner Bierbaum fand er auch wieder eine Anstellung als Buchhalter. Drei Jahre später war der Pedant das Versteckspiel endgültig leid und zeigte sich wegen falscher Namensführung selbst an – in der Gewissheit von einer weitreichenden Amnestie zu profitieren. Am 13. Februar 1960 wurde er in Untersuchungshaft genommen. Wessel stellte sich in seinem Prozess als „kleines Rädchen“ im Getriebe des KZ-Systems dar und kam damit bei seinen Richtern durch. In Wirklichkeit ermöglichte er durch seine effiziente Organisation den Massenmord erst.

Doch die Rechtsprechung der Bundesrepublik in den 1960er-Jahren sah das (fast) immer anders. Obwohl die Richter am Landgericht Verden/Aller die Erklärungen des Angeklagten erschreckend wohlwollend werteten, wurde er am 6. Juni 1962 wegen Beihilfe zum Mord in 16 Fällen und Beihilfe zum Totschlag in einem Fall zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Männer wie Wessel töten vielleicht nicht eigenhändig. Doch sie waren trotzdem Haupttäter. Er verbüßte seine Haft in Celle. Im April 1966 wurde er auf Bewährung entlassen und trat 1969 in den Ruhestand ein. Er verlebte noch 27 Jahre als meist gut gelaunter Rentner.

Wessel starb am 6. Februar 1996 in Fallingbostel.


Ausgewählte Literatur:

  • HG.: Morsch, Günter: Die Konzentrationslager-SS 1936-1945: Arbeitsteilige Täterschaft im KZ Sachsenhausen. Metropol-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-86331-403-3, Seiten 354 – 355
  • HG.: Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 671
  • Welt „Massenmord mit pedantischer Organisation“ von Kellerhoff, Sven-Felix, veröffentlicht am 25.06.2017

 

Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises

Redaktioneller Hinweis

Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.

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