Teil 43 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: Rudolf Beckmann (1910-1943)

Während des Aufstands von Sobibór erstochen

SS-Oberscharführer, der erst Leichenverbrenner in Grafeneck und Hadamar war und dann beim Aufstand im Vernichtungslager Sobibór erstochen wurde. Beckmann wurde am 20. Februar 1910 in Osnabrück geboren. Beckmann war SS-Oberscharführer und NSDAP- bzw. SS-Mitglied (Nr. 305.721). Über sein frühes Leben ist nichts bekannt.


Leichenverbrenner in Grafeneck und Hadamar

Zunächst war Beckmann im Rahmen der Aktion T4 (T4=Abkürzung für Adresse der damaligen Zentraldienststelle T4 in Berlin, Tiergartenstr. 4) Leichenverbrenner in den NS-Tötungsanstalten Grafeneck (Landkreis Reutlingen), wo 1940 insgesamt 10.654 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen ermordet wurden, und Hadamar (Landkreis Limburg/Weilburg), wo in den Jahren 1941-1945 ca. 15.000 Menschen vergast wurden. In der „Aktion Reinhardt“ kam er ins Lager Sobibór, das im heutigen Dreiländerdreieck Polen-Belarus-Ukraine lag.

Eingangstor von Sobibor, 1942. Bild: Universitätsbibliothek Wien.
Wachpersonal beim Feiern: Kurt Bolender, Paul Rom, von links, und vier andere unbekannte Personen in Uniform stoßen gemeinsam an. Bolender wurde im Mai 1961 verhaftet. Signatur im Bundesarchiv: B 162 Bild-08113
Foto: Das Bundesarchiv


Aufstand in Sobibór, wo 250.000 Juden vergast wurden

Am 14. Oktober 1943 brach im Vernichtungslager Sobibór im östlichen Teil Polens ein Aufstand aus, der in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges ohnegleichen war. In Sobibór sind in eineinhalb Jahren mehr als 250.000 Juden vergast worden, von denen mehr als 33.000 aus den Niederlanden stammten.

Einige Monate zuvor hatte sich eine kleine Gruppe von „Arbeitshäftlingen“ unter Leitung des polnischen Juden Leon Feldhendler zu einem Untergrundkomitee zusammengeschlossen, das unter strengster Geheimhaltung Pläne für eine Massenflucht entwickelte. Die Gruppe bestand aus etwa zehn Männern, die im Laufe der Zeit aus verschiedenen Transporten zu Arbeiten im Lager selektiert worden waren.


Leutnant der Roten Armee plante den Aufstand

Mitte September 1943 kamen etwa zweitausend russische Juden, unter ihnen jüdische Kriegsgefangene – aus Minsk ins Lager. Einer von denen war Alexander Petsjerski, ein Leutnant der Roten Armee. Nachdem er aufgefordert worden war, dem Untergrundkomitee beizutreten gelang es ihm innerhalb von drei Wochen, einen Aufstand bis in die Details vorzubereiten und durchzuführen.  

Am Modell des Todeslagers Im Museum der Gedenkstätte Sobibor kann man die einzelnen Teillager, die Gaskammer und die Unterkünfte für die SS-leute und die Trawnikki sehen – eine Fabrik des Todes. Datei:Museum Gedenkstätte Sobibor

Sobibór ist eines von drei Vernichtungslagern – Belzic und Treblinka waren die beiden anderen – die im Frühjahr 1942 im Rahmen der sogenannten Aktion Reinhardt errichtet wurden. Heinrich Himmler hatte den SS- und Polizeiführer des Distriktes Lublin, Odilo Globocnik, ehemaliger Gauleiter von Wien und fanatischer Nationalsozialist der ersten Stunde, mit der Leitung der „Aktion Reinhardt“ beauftragt, deren Ziel es war, alle Juden aus dem Generalgouvernement mit Giftgas zu ermorden. Das Generalgouvernement umfasste die von Deutschen besetzten Teile Polens, die nicht dem Deutschen Reich angegliedert worden waren und zu denen die Verwaltungsbezirke Krakau, Warschau, Radom und Lublin gehörten. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion im Juni 1941 kam noch das Gebiet um Lemberg hinzu.

Beckmann leitete das Sortierkommando im Lager 2 in Sobibór, war Aufseher bei den Pferden und führte die Administration im Forsthaus in Lager 2.


Beckmann brüllte Frauen an, die sich nicht ausziehen wollten

Der SS-Oberscharführer Hermann Michel hielt vor den Neuankömmlingen eine kurze Ansprache. Mit einer weißen Jacke verkleidete er sich als Arzt. Er erzählte ihnen, dass sie in einem Arbeitslager angekommen seien und aus Gründen hygienischer Vorsorge desinfiziert und gebadet werden müssten. Dann kam der Augenblick, wo Michel den Befehl zum Auskleiden erteilte. Das geschah im Freien sowohl im Sommer als auch im Winter bei Schnee und strengem Frost. Für die meisten Männer war es das erste Mal, dass sie sich ihren Kindern und Fremden nackt zeigten. Das Ausziehen der Frauen in einem anderen Teil des Lagers war für die SS-Männer immer wieder ein erregendes Schauspiel. Aus Scham wollten viele Frauen ihre Kleidung nicht ablegen.

In dem Fall wurden sie von Beckmann und Michel angebrüllt. Als alle nackt waren und warteten, erging der Befehl, ins Badhaus zu gehen, wo die Opfer vergast wurden. Davor mussten sie an einem Schalter vorbei, in dem Alfred Ittner saß, der ihnen alle Wertsachen wie Gold- und anderen Schmuck abnahm. Waren sie in der Gaskammer, kamen Walter Nowak und die Gebrüder Wolf, die die abgelegten Kleider in die nahegelegene Gepäck- und Sortierbaracke brachten. Anschließend kam das Kommando von Rudolf Beckmann und Paul Groth, die alle Papiere, Unterlagen sowie Gegenstände, die nicht in die Sortierbaracke kamen, in Säcke stopften und auf den Verbrennungsplatz brachten. Anschließend wurde der Boden geharkt. „Das alles musste in hohem Tempo geschehen, damit im Anschluss daran die nächste Gruppe Juden wiederum so schnell wie möglich vergast werden konnte.

Am 14. Oktober 1943 kam es dann in Sobibór zu dem Aufstand. Die Aufständischen hatten Beile, Hämmer und Tischlerwerkzeug, da die Zimmerleute im Lager 4 diese für ihre Arbeit benötigten. Außerdem hatten Männer in der Schmiede scharfe Messer aus kleinen Stücken Eisenblech angefertigt. In einer Sortierbaracke wurden ebenfalls heimlich Messer beiseitegeschafft.


„Für meinen Vater! Für meinen Bruder! Für alle Juden!“

In der Verwaltung in Lager 2 verlief alles nach Plan. Dorthin waren Chaim Engel und ein Bruder des Kapo Pozyczki geschickt worden, um mit Beckmann und Steffl abzurechnen. Sie wurden hinter ihrem Schreibtisch überrumpelt und mit Messern getötet. Engel erstach Beckmann, während Pozyczki ihn festhielt. Als Engel Beckmann erstach, rief dieser: „Für meinen Vater! Für meinen Bruder! Für alle Juden!“ Beckmann wehrte sich, als Engel auf ihn einstach, wodurch Engels Messer abrutschte und er sich die Hand aufschnitt. Nachdem Beckmann tot war, schoben die beiden Häftlinge seinen Leichnam unter den Schreibtisch, da ihnen keine Zeit blieb, ihn besser zu verstecken. Die Organisation konnte ihrem Arsenal zwei weitere Pistolen hinzufügen.

Gruppenporträt der Teilnehmer am Aufstand im Vernichtungslager Sobibor. Unter denen, die in der ersten Reihe abgebildet sind, sind Yosef Ertman (zweiter von links), Zelda Kelberman (dritter von links), Esther Raab (Zweiter von rechts), Die Person ganz rechts wurde sowohl als Chaim Povroznik als auch als Yehuda Lerner identifiziert. [Die in der hinteren Reihe sind Meyer Zis (ganz links), Israel Trager (dritter von links) und Leib Felhendler (ganz rechts). Holocaust Memorial Museum der Vereinigten Staaten

47 Überlebende bekannt

Am 14. Oktober 1943 war Sobibór mit etwa 600 Arbeitshäftlingen belegt (nicht gerechnet die Häftlinge in Lager 3), die hauptsächlich aus den Niederlanden stammten. Die Zahl der Juden in Lager 3 konnte nicht geschätzt werden, da dieser Teil vollkommen vom eigentlichen Lager abgetrennt war. Insgesamt gelang etwa 365 Gefangenen der Ausbruch, etwa 200 der ausgebrochenen Häftlinge konnten den Wald in der Umgebung erreichen, die übrigen wurden während des Aufstandes im Lager oder im angrenzenden Bereich durch Kugeln verwundet bzw. getötet oder starben durch explodierende Minen. Letzten Ende sind einschließlich der 5 Männer, die aus dem Waldkommando flüchten konnten, 47 Überlebende bekannt. Es war das erste Mal in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dass in einem Konzentrations- oder Vernichtungslager zwölf SS-Leute und zwei „volksdeutsche“ Wachmänner durch jüdischen Widerstand getötet wurden. Himmler hatte darauf nur eine Antwort. Er beschloss Sobibór nicht einmal mehr als Lager für die Beutemunition aufrechtzuerhalten. Es sollte so schnell wie möglich dem Erdboden gleichgemacht werden.


Zwölf tote SS-Angehörige

Nach der Flucht der Gefangenen befanden sich noch fünf SS-Männer im Lager. Zwei von ihnen hielten sich versteckt, einer war schwer verletzt. Mit Hilfe der ukrainischen Wachmänner ließen Frenzel und Bauer die getöteten SS-Männer suchen und in eine Baracke bringen. Von 29 SS-Angehörigen, die zu diesem Zeitpunkt zum Personal von Sobibór gehörten, waren zwölf an diesem Tag abwesend, zwölf waren am Abend des 14. Oktober tot. Am Nachmittag des folgenden Tages erschien Jakob Sporrenberg, der Nachfolger Odilo Globocniks als SS-Polizeiführer des Distrikts Lublin, der die Erschießung aller noch verbliebenen Häftlinge, auch der Arbeitshäftlinge in Lager II, durch ukrainische Wachmänner befahl. Mannschaften mit insgesamt 400 bis 500 Männern durchsuchten die Umgebung von Sobibór systematisch mit Hunden; auch Flugzeuge wurden eingesetzt. Etwa 100 Flüchtlinge wurden im Verlauf dieser Suchaktion noch getötet.

Eine Gruppe von etwa 300 Häftlingen aus Treblinka kam nach Sobibór, um die Gebäude zu zerstören und die Spuren des Verbrechens unkenntlich zu machen. Im November 1943 wurden auch diese letzten Häftlinge ermordet, die letzten SS-Männer und Ukrainer verließen Sobibór im Dezember 1944.


Begraben auf Chelmer Soldatenfriedhof

Erich Hermann Bauer, geboren im Jahre 1900 in Berlin, der sich selbst den Gasmeister von Sobibor nannte, erklärte, dass er Beckmanns Leiche nach Lublin gebracht habe. Beckmann wurde, wie die anderen getöteten SS-Angehörigen auf dem Chelmer Soldatenfriedhof mit militärischen Ehren begraben.


Ausgewählte Quellen:

  • „Vernichtungslager Sobibor“, HG.: Schelvis, Jules.
  • „Der Ort des Terrors“ Band 8, HG.: Benz, Wolfgang und Distel, Barbara.
  • „Flucht aus Sobibor“, HG.: Rashke, Richard L. (1982).

 

Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises

Redaktioneller Hinweis

Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.

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