Vom Ratsgymnasium Osnabrück zur Nazi-Karriere in Tübingen
Baumert wurde in Tübingen ein führender Nationalsozialist, der es zum Gauamtsleiter, Gauinspektor und Reichstagsmitglied brachte. Geboren worden war er am 15. Juni 1909 in Osnabrück. Er gehörte zur späten Kriegsjugendgeneration, die den Ersten Weltkrieg an der Front nur aus Erzählungen kannte. Baumert besuchte die Mittelschule und das Ratsgymnasium in Osnabrück und absolvierte dann in Osnabrück von 1925 bis 1928 eine Buchhändlerlehre.
Nach dem Umzug nach Tübingen im Jahre 1928 war er zunächst Volontär bei der renommierten wissenschaftlichen antiquarischen Buchhandlung Heckenhauer am Holzmarkt und arbeitete dort bis 1933 als Buchhandelsgehilfe.
Aktiv in der Hitler-Jugend
Bereits seit 1924 war er als 15-jähriger in der NS-Bewegung in Osnabrück tätig. Im Jahre 1926 übernahm er Aufgaben in der Hitlerjugend (HJ) und später als SA-Mann. Zum 1. April 1928 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 80.051). Er verkörperte, als er 1928 im bürgerlichen Tübingen ankam, den idealtypischen Kämpfer der Partei: jung, aktivistisch, hochideologisiert, rücksichtlos und militant. In der 1927 gegründeten NSDAP-Ortsgruppe tat sich Baumert 1928/29 beim eifrigen Flugblattverteilen und Plakatieren von antisemitischer Wahlpropaganda hervor. Gleich nach seiner Ankunft in Tübingen übernahm er die Leitung des SA-Sturms, der innerhalb eines Jahres seine Mitgliederzahl von 40 auf 96 steigerte.
Blutige Schlägereien mit Kommunisten, Sozialdemokraten und Reichsbannerleuten
1930 wurde Baumert Leiter der NSDAP-Ortsgruppe in Tübingen, baute maßgeblich bis 1933 die Parteistrukturen in Tübingen auf und trug erheblich zur lokalen Etablierung des Nationalsozialismus vor und nach 1933 bei. Schon vor 1933 griffen die Nationalsozialisten jüdische Kaufleute in der Nachbarschaft ihres Stammlokals an und lieferten sich blutige Schlägereien mit Kommunisten, Sozialdemokraten und Reichsbannerleuten. Während des Reichstagswahlkampfs im Juli 1932 leitete Baumert etwa 50 bis 60 Nazi-Störer und Schläger an, die eine SPD-Veranstaltung in Poltringen (heute Teilgemeinde von Ammerbuch) sprengten und Zuhörer misshandelten. Baumert war auch am Auftritt des angesehenen Prinzen August Wilhelm von Preußen in Tübingen im Wahlkampf vom Juli 1932 maßgeblich beteiligt, der gezielt Werbung für die NSDAP bei 4.000 Zuhörerinnen und Zuhörer im Museum beim Tübingen Bürgertum betrieb. Sein Förderer und NSDAP-Gauleiter Wilhelm Murr übertrug dem entschlossenen Vorkämpfer Baumert im Oktober 1932 die NSDAP-Kreisleitung in Tübingen mit Sitz in der Uhlandstraße 5. Murr scharrte loyale „alte Kämpfer“ um sich, um seine exponierte Machtstellung in Württemberg zu sichern.

Geschäftsführer NSDAP-Gau Württemberg-Hohenzollern und Reichstagsmitglied
Murr berief Baumert 1933 zuerst zu seinem hauptamtlichen Mitarbeiter und machte ihn 1934 zum Geschäftsführer des NSDAP-Gaus Württemberg-Hohenzollern. Daher war er lediglich an ein bis zwei Tagen in Tübingen aktiv und wurde ansonsten vom stellvertretenden Kreisleiter und Chef der NSDAP-Gemeinderatsfraktion, dem Zahnarzt Dr. Ernst Weinmann, vertreten. Baumerts Berufung in den engsten Kreis von Murr spiegelte auch die große politische Bedeutung wider, die die Gauleitung der Universitätsstadt im Nationalsozialismus beimaß. Baumert blieb daher bis Ende Mai 1937 ehrenamtlicher Kreisleiter in Tübingen. Sein Nachfolger wurde der Lehrer und Kreisleiter von Schorndorf Hans Rauschnabel. Nachdem er sich 1936 vergeblich um ein Mandat bemüht hatte, wurde Baumert von April 1938 bis zum Ende der NS-Herrschaft im Frühjahr 1945 Abgeordneter des Wahlkreises 31 (Baden-Württemberg) im gleichgeschalteten Reichstag, was eine reine repräsentative Funktion des Spitzenfunktionärs war. Kurze Zeit war er Wehrmachtssoldat und seit 1942 bei der Waffen-SS.
Gaugeschäftsführer in Stuttgart
Der junge Baumert rückte 1933 zum Mitarbeiter des Gauleiters und Reichsstatthalters Wilhelm Murr und 1934 zum Gaugeschäftsführer auf. Gauleitung und Geschäftsführung residierten in der Goethestr. 14 in Stuttgart, die Gauämter waren in der Innenstadt verteilt. Seine Aufgaben waren die Organisation, Koordinierung und Überwachung der Nazifizierung in Württemberg und Hohenzollern. Ohne die Zustimmung der NSDAP waren auf allen Ebenen des öffentlichen Lebens keine Entscheidungen mehr möglich. Die Gauleitung mischte sich massiv in die Personal- und Sachpolitik der Verwaltungen und Körperschaften ein, sie setzte das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ durch, plante große Inszenierungen und Bauvorhaben.
Seit August 1933 war er verheiratet und hatte fünf Kinder. Er wohnte aufgrund seiner hauptberuflichen Geschäftsführertätigkeit bei der NSDAP-Gauleitung Württemberg-Hohenzollern von 1933 bis 1945 in Stuttgart-Degerloch. Er trat mit seiner Frau im Jahr 1939 aus der evangelischen Kirche aus. Außerdem war er Inhaber des Goldenen Ehrenabzeichens der NSDAP und der HJ.
Aufsichtsrat in Tübinger Rüstungsunternehmen
Baumert wurde jedoch wegen seiner Schlüsselfunktion als regionaler Administrator und Organisator des NS-Regimes vom Kriegsdienst freigestellt. Er war ehrenamtlich bzw. nebenberuflich mit Aufwandsentschädigungen zudem im Wirtschaftssektor als Erster Vorsteher der Württembergischen Landessparkasse (1937-1942) in Stuttgart und von 1941 bis 1943 als Aufsichtsrat im größten Tübinger Rüstungsunternehmen, der Himmelwerk AG, tätig.
Der Kreisleiter Baumert setzt ab 1933 – mit weitreichenden Machtbefugnissen des Regimes ausgestattet – den brutalen Kampf gegen politische Gegner, Andersdenkende und Juden fort und verschärfte deren Verfolgung. Am 9. März 1933 besetzten die Nationalsozialisten und der deutschnationale Stahlhelm unter Führung Baumerts das demokratisch regierte Tübinger Rathaus und hissten die Hakenkreuzfahne neben der Schwarz-Weiß-Roten-Fahne des Kaiserreichs. Im März 1933 wurde Baumert zu einem der beiden Stellvertreter des für die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens und den NS-Terror zuständigen Unterkommissars Gottlob Berger ernannt.
Regimegegner ins Konzentrationslager
Als Kreisleiter bestimmte er das staatliche Handeln der Behörden und von seinem Gutdünken konnte abhängen, ob jüdische Menschen emigrieren konnten oder Regimegegner ins KZ gebracht und ob nonkonforme Äußerungen verfolgt wurden.
Der von 1946 bis 1948 amtierende Tübinger Oberbürgermeister Adolf Hartmeyer (SPD) wird im Urteil der Spruchkammer vom 4. März 1949 über Baumert zitiert: „Er war der Bevölkerung gegenüber sehr anmaßend und rücksichtslos (..). Als richtiger Schläger, Raudi und Flegel lebt er in den Erinnerungen der antifaschistischen Kreise hier“. So wurde der wichtigste SPD- und Gewerkschaftsführer und ehemalige Chef der SPD-Gemeinderatsfraktion in Tübingen, Otto Koch, permanent von Baumert schikaniert und dann 1937 zum Übertritt in die NSDAP gezwungen, wie Kochs Tochter im Interview 2011 berichtete. Otto Koch musste nicht nur Schläge und Treibjagden der SA um den Marktbrunnen sowie ein vorübergehendes Berufsverbot erleiden. Baumert ließ ihn regelmäßig zur Demütigung im Rathaus antreten, um den Hitler-Gruß zu zeigen.
Auch der abgesetzte kommunistische Stadtrat Hugo Benzinger war eines seiner bevorzugten Opfer, der im Frühjahr 1933 von der Politischen Polizei Tübingen und den von Baumert mit angeführten SA-Einheiten zunächst in das KZ Heuberg und dann Ende 1933 bis Mitte 1934 in das KZ Oberer Kuhberg in Ulm verschleppt wurde.
„Juda hat Deutschland den Krieg erklärt“
Kreisleiter Baumert war der Vorsitzende des lokalen Ausschusses gegen die angebliche „jüdische Greuelhetze“ im Zusammenhang des Kaufboykotts am 1. April 1933 gegen Geschäfte und Büros mit jüdischen Inhabern. Baumert agitierte: „Juda hat Deutschland den Krieg erklärt. In den Zeitungen des Auslands hetzt das Weltjudentum gegen das erwachte Deutschland. Solche Gemeinheiten lassen wir uns nicht gefallen. Wir müssen Juda in die Knie zwingen (…). Wir werden mit aller Schärfe darüber wachen, dass der verhängte Kaufboykott restlos durchgeführt wird“
Baumert trieb die Verhaftungen der politischen Gegner, die Verfolgung der Juden und die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens – beispielsweise des Gemeinderats und der Presse – voran. Allerdings stieß er in Tübingen auf keinen Widerstand, weil es häufig zu Selbstgleichschaltung anderer Institutionen kam. Baumert berief auch in Absprache mit Oberbürgermeister Adolf Scheef 1935 den neuen Gemeinderat als reines Akklamationsorgan, bestehend aus Ratsherren anstelle eines politisch gewichtigen Gremiums ein.
Novemberpogrome in Stuttgart
Gerade als Gaugeschäftsführer war Baumert nachweisbar an zahlreichen Verbrechen beteiligt. So organisierte er die Ausschreitungen gegen den katholischen Rottenburger Bischof Johannes Baptista Sproll im Juli 1938, die zur Absetzung und Vertreibung des Bischofs führten. Im Rahmen der nationalsozialistischen Judenpolitik war er bei der Planung und Umsetzung der Novemberpogrome in der Stuttgarter Gauzentrale involviert.
Während Baumerts Amtszeit wurden bei zwölf Zwangsverkäufen von großen Fabrikunternehmen jüdischer Eigentümer hohe Kredite der Landessparkasse in Höhe von insgesamt drei Millionen Reichsmark an hohe NSDAP-Gaufunktionäre gewährt, die die Unternehmen mit diesen Sparkassenkrediten weit unter Wert erwarben. Baumert deckte diese ungesetzlichen Machenschaften. Doch damit nicht genug: Baumert bekam wie andere hohe Vorsteher und NS-Spitzenfunktionäre einen Kredit in Höhe von knapp 58.000 Reichsmark für sein Haus in Stuttgart-Degerloch. Er ließ auch die Bibliothek der Landessparkasse unverhältnismäßig reichhaltig ausstatten und bestellte dazu viele Bücher bei seinem früheren und späteren Arbeitgeber, der Buchhandlung Heckenbauer.
Anführer „Werwolf“-Organisation im Untergrund
Mit seinem Gauleiter Murr wollte Baumert im Durchhaltekampf um jeden Preis die Landeshauptstadt Stuttgart im April 1945 gegen die Übermacht der alliierten Truppen verteidigen. Baumert wurde der Anführer einer braunen „Werwolf“-Organisation, die bei Kriegsende in den Untergrund abtauchte.
Kurze Haftzeit von nur zwei Jahren und vier Monaten
Der nach Kriegsende untergetauchte Baumert wurde am 30. August 1946 in Oberbayern verhaftet. Man habe ihn „durch Verrat“ dorthin gelockt, so der weiter uneinsichtige Baumert im Spruchkammerverfahren. Das amerikanische Militär steckte ihn in das Internierungslager Hohenasperg bei Ludwigsburg, in dem viele NS-Funktionäre ihre Haft verbüßten. Baumert gelang am 17. November 1947 eine Verlegung in das Internierungslager Balingen, obwohl er 1945 in Stuttgart gemeldet und seit Juni 1937 nicht mehr in Tübingen tätig war. Zeitgenossen äußerten die naheliegende Vermutung, dass sich Baumert einer härteren Bestrafung durch die amerikanischen Militärbehörden entziehen wollte, weil die französische Zone als „Eldorado der Duldsamkeit“ galt. Baumert sollte Recht behalten: Am 4. Januar 1949 wurde er von der Sonderspruchkammer des Internierungslagers Balingen als „Belasteter“ nach einer kurzen Haftzeit von nur zwei Jahren und vier Monaten entlassen. Er durfte zwar fünf Jahre keine politischen Ämter mehr ausüben und musste die Kosten des Spruchkammerverfahrens in Höhe von 17.000 DM tragen, eine Einweisung in ein Arbeitslager wurde ihm jedoch wegen der „erlittenen Internierungshaft“ erlassen.
Baumert konnte rasch wieder als Buchhändler bei seinem früheren Arbeitgeber Heckenbauer arbeiten. Seine alten Tübinger Bekanntschaften halfen ihm bei der Reintegration in die postnazistische Tübinger Stadtgesellschaft. Er starb am 3. November 1980 in Tübingen.
Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises
Redaktioneller Hinweis
Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.













