„Malachamowes – der Todesengel“
Landwirt und Müller in Westerkappeln, „Todesengel“, Sadist und Mörder in Treblinka, Leichenverbrenner in Hadamar, verurteilt zu lebenslänglichem Zuchthaus: Lebensstationen eines brutalen Massenmörders.
August Wilhelm Miete wurde am 01. November 1908 in Westerkappeln als Sohn eines Müllers und Landwirt geboren, besuchte die Volksschule, bevor er das Müllerhandwerk erlernte. Als sein Vater im Jahre 1921 starb, arbeitete er bis 1940 mit seinem Bruder auf dem elterlichen Hof und in der Mühle. Zu sagen hatte Miete nichts. Vor seinem Einsatz in Treblinka sei Miete im Grunde ein Niemand gewesen, stellte das Gericht fest.




Verbrannte die Leichen in der Tötungsanstalt Hadamar
Am 18. Juli 1940 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Oktober desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.188.347 laut dem Bundesarchiv). Von Mai 1940 bis Oktober 1941 arbeitete er in der Tötungsanstalt Schloss Grafeneck in deren landwirtschaftlichem Betrieb, danach bis Anfang Juni 1942 in der Tötungsanstalt Hadamar als Handwerker und im dortigen Krematorium, wo er die Leichen der in den Gaskammern Getöteten verbrannte.
In 14 Monaten wurden mehr als 700.000 Menschen in Treblinka ermordet
Er wurde zum SS-Unterscharführer befördert und kam Ende Juni/Anfang Juli 1942 ins Vernichtungslager Treblinka, wo er bis Mitte November 1943 blieb, bis es abgebaut war. In dem 400 mal 600 Meter großen Gebiet von Treblinka, östlich von Warschau, wurden 1942/1943 in 14 Monaten mehr als 700.000 jüdische Menschen durch Gas und Schusswaffen ermordet. Adolf Eichmann sagte in Israel über Treblinka „Es war die fürchterlichste Sache, die ich in meinem Leben gesehen habe.“ Der Angeklagte Franz Suchomel sagte vor dem Schwurgericht in Düsseldorf: „Jeder Judentransport musste in 45 Minuten in der Gaskammer sein. Sonst klappte die Organisation nicht.“ Täglich trafen bis zu 10.000 Menschen in Treblinka ein. In Treblinka gab es kein Krematorium. Die Leichen wurden in Gruben und in der zweiten Phase des Lagerbetriebs auf offenen Rosten aus Eisenbahnschienen verbrannt. Dieser Ort wurde später als Gedenkstätte ausgewiesen.
Miete tötete durch Genickschuss
Miete arbeitete im sogenannten „Lazarett“ im Vernichtungslager, einem Ort der Tötung der kranken Juden, war Leiter des Außenkommandos, des Holzfäller- und des sogenannten Tarnkommandos, das dafür zu sorgen hatte, dass keine Einblicke ins Lager möglich wurden. Er führte Aufsicht auf dem Sortierungsplatz, auf dem die Kleider der Getöteten aussortiert und gebündelt wurden. Miete war einer der deutschen SS-Untersturmführer, die sich um alle Angelegenheiten im Lager kümmerten. Ferner wirkte er bei der Ankunft von Transporten mit, sofern er nicht im „Lazarett“ Dienst verrichtete. Er war beteiligt an der Aussortierung von Arbeitsfähigen und trieb die Ankommenden mit seiner Peitsche oder Schusswaffe an, dabei ermordete er eine große Anzahl von Juden, die wegen ihres hohen Alters oder wegen ihrer Krankheit gebrechlich waren, durch Genickschuss.

Spitznamen „Malachamowes (Todesengel), „Krimme Kepl“ (Schiefkopf)
August Miete wurde in Treblinka mit Spitznamen „Malchamowes“ (Todesengel) und „Krimme Kepl“ (Schiefkopf) genannt. Zeuge Jacubowicz: Der Krimme Kepl war der Schlimmste. Der Schiefkopf war sadistisch. Er hat sich mit den Opfern vor der Ermordung lange unterhalten.“
„Seine Augen spähen in alle Ecken, er rast an den Werkstätten vorbei, schlägt einen blutig, weil er ihm zu langsam ist, und im Nu saust er mit der Peitsche zwischen die Leute oben in der „A-Baracke“. … lautlos wie ein Geist erscheint Unterscharführer August Willi Miete überall dort, wo einer nicht mehr kann, der gezeichnet ist, gestempelt, der es nicht mehr schafft zu simulieren, er sei gesund und bei vollen Kräften: Die Nase und das ganze Gesicht sind ein wenig zur Seite gekrümmt. Die langen Beine am kurzen Rumpf bewegen ihn im Schaukelschritt.“
14-jähriger Junge bettelte vergebens
So ließ Miete zum Beispiel einen 14 Jahren alten Jungen eine halbe Stunde lang um sein Leben flehen, bevor er ihn erschoss. Miete erschoss auch den Lagerältesten Benjamin Rakowski, der in die Konspiration (Planungen für einen Ausbruch) involviert war.
Als ein Arbeitsjude Abfälle zum Verbrennen in die Grube des „Lazaretts“ bringen sollte, musste er austreten und urinierte in der Nähe der Grube im Stehen. Während er noch sein Bedürfnis verrichtete, trat Miete an ihn heran, zog seine Pistole und erschoss ihn.
Morde wegen einer Kartoffel oder einer Dose Ölsardinen
Mietes Gründe für die Taten waren nichtig. Bloß weil ein im Kartoffellager eingesetzter Jude Ende 1942 oder Anfang 1943 eine einzige Kartoffel an sich gebracht und roh gegessen hatte, winkte der SS-Unterscharführer ihn zu sich heran und erschoss den Mann an Ort und Stelle.
Für einen alten Häftling bedeutete dessen Nachtblindheit das Todesurteil: Der Mann musste Silbersachen sortieren. Bei der im Winter früh einbrechenden Dunkelheit konnte er bei seiner Arbeit in der Sortierbaracke, die kein elektrisches Licht hatte, die einzelnen Gegenstände nicht genau erkennen. An einem späten Nachmittag stand Miete in der Baracke und wollte vom Häftling etwas Bestimmtes aus der Kiste mit den Silbersachen haben. Da der alte Mann wegen der bereits herrschenden Dämmerung nicht mehr gut sehen konnte, gab er Miete etwas anderes, als dieser verlangt hatte. Daraufhin sagte Miete zu ihm: „Wenn Du blind bist, dann komm!“ Er nahm den alten Mann mit ins „Lazarett“ und erschoss ihn.
Schließlich hielt das Schwurgericht einen Mord an Vater und Sohn für belegt. Ende 1942 oder Anfang 1943 arbeiteten beide in der Sortierbaracke. Der junge Mann fand dort eine Dose Ölsardinen, die er sogleich öffnete. Als Miete das beobachtete, schlug er auf den Jungen mit der Peitsche ein und nahm in mit ins „Lazarett“. Das sah der Vater des Jungen. Er lief zu Miete und flehte ihn um das Leben seines Sohnes an. Das missfiel dem Westerkappelner und er erschoss beide Männer.

Reiner Sadismus
Nach Auffassung des Landgerichts hat Miete in Treblinka mehrere Hundert Personen persönlich ermordet und dabei eine „ungeheure verbrecherische Energie entwickelt, die in einem auffallenden Missverhältnis zu seinem an sich niedrigen Dienstgrad eines SS-Unterscharführers stand, weil er aus reinem Sadismus gehandelt hat und weil er nicht einmal ein einziges Mal gegenüber den von ihm beaufsichtigten Arbeitsjuden des Sortierkommandos Barmherzigkeit und Menschlichkeit hat walten lassen.“
In Treblinka hatte Miete zwar Vorgesetzte, die ihm Befehle erteilen konnten, die ließen ihm jedoch einen großen Spielraum zur eigenen Machtentfaltung. Er konnte eigenmächtig Menschen töten, ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen. „Es bot sich für ihn somit eine gute Gelegenheit, Minderwertigkeitskomplexen wirksam zu begegnen und seinen Arbeitshäftlingen zu demonstrieren, dass auch er trotz seines niederen Dienstgrades ein Mann von Macht und Einfluss war“, so hieß es im Urteil zur inneren Einstellung des Angeklagten.

Bei Miete lief vor Exekutionen Speichel aus den Mundwinkeln
Ein Zeuge berichtete, „dass Miete häufig vor Exekutionen der Speichel aus den Mundwinkeln heraustrat, und zwar so ähnlich wie bei einem Feinschmecker, der sich auf eine Schlemmermahlzeit freut.“
Beteiligt war Miete an der Ermordung durch Erschlagen eines Widerstands leistenden jungen Mannes namens Meir Berliner aus Warschau, der gegen SS-Unterscharführer Max Biala mit einem Messer vorging und diesen dabei tötete. Berliner und zwei andere Häftlinge wurden sofort erschlagen, weitere zehn anschließend auf Befehl des stellvertretenden Lagerkommandanten und 80 bis 100 Häftlinge wurden am nächsten Tag als Vergeltungsmaßnahme erschossen. Miete bestätigte Angriffe durch den Mischlingshund Barry des Lagerleiters Kurt Franz auf Häftlinge und gab zu, von Barry angegriffene Häftlinge erschossen zu haben. Barry hat auf den Ruf seines Herrn „Mensch, nimm den Hund“ Häftlinge attackiert und ihre Geschlechtsteile zerfleischt. Vorm Schwurgericht in Düsseldorf befand der Sachverständige, Prof. Konrad Lorenz, dass Barry vermutlich den Charakter seines Herrn übernommen habe.
Als erwiesen sah das Gericht auch diesen Mord: Als der 18 Jahre alte Arbeitsjude Geggler aus Kielce eines Tages zur Latrine im Auffanglager ging, fand er auf dem Weg ein Stückchen Brot und nahm es an sich. Miete sah das, ging ihm nach und schlug dem jungen Mann mit der Peitsche ins Gesicht. Dann führte er ihn ins „Lazarett“ und tötete ihn durch Genickschuss.
Dass Miete in Treblinka nicht noch viel mehr Menschen eigenhändig umbrachte, war dem Umstand geschuldet, dass die SS das Vernichtungslager nach einem Aufstand von Häftlingen am 2. August 1943 im Herbst des Jahres abreißen ließ. Rund 60 Insassen war die Flucht gelungen. Ein Teil der Überlebenden sagte im Prozess als Zeugen aus.
Einsätze in Italien
Kurz vor Weihnachten 1943 wurde Miete unter Führung des SS-Hauptsturmführers Gottlieb Hering zur Sonderabteilung Einsatz R in Triest abkommandiert und kurz darauf nach Udine in Italien versetzt. In Udine war er bei der Einheit Reinhard 3 und mit der Beschlagnahme und der Verwaltung jüdischen Grundbesitzes beschäftigt sowie zeitweise gegen Partisanen eingesetzt. Ferner war er kurzfristig bei einer Einheit in Turin.
Geschäftsführer der Spar- und Darlehnsgenossenschaft in Lotte
Nach Kriegsende geriet er in amerikanische Gefangenschaft und wurde nach 1945 bei München entlassen. Bis 1950 war im väterlichen Betrieb tätig. Dann arbeitete er bis zu seiner Verhaftung im Mai 1960 als Geschäftsführer der Spar- und Darlehnsgenossenschaft in Lotte in Westfalen. Miete galt in Lotte als unbescholtener und ehrbarer Mitbürger. Miete war verheiratet und aus der Ehe gingen drei Kinder hervor.
Verurteilung zu lebenslangem Zuchthaus
Miete wurde wegen gemeinsamen Mordes an mindestens 300.000 Personen und wegen persönlichen Mordes an mindestens neun Personen, was ihm detailliert nachgewiesen wurde, im Treblinka-Prozess mit lebenslangem Zuchthaus bestraft. Am 27. Februar 1985 wurde er bedingt aus der Haft entlassen. Zurückgezogen lebte er in Osnabrück in seinem „Tiroler Haus“ – angeblich gekauft mit dem Geld, das er den ermordeten jüdischen Häftlingen in Treblinka gestohlen hatte. Am 09. August 1987 ist er laut dem Sterberegister des Standesamtes Osnabrück Nr. 1274/1987 in Osnabrück verstorben.
Ausgewählte Quellen:
Stephan Lehnstaedt: „Der Kern des Holocaust“: Belzec, Sobibor, Treblinka und die Aktion Reinhardt, HG. Beck, C.H., 2021, ISBN-10: 3406707025, ISDN-13: 978-3406707025, S. 110.
„Der Tod des Terrors“, HG.: Benz, Wolfgang und Distel, Barbara. Seite 420. Vgl. auch Glazar, „Die Falle mit dem grünen Zaun“, S. 49f.
Vorzügliches Video: Worls History Kanal- https://www.youtube.com/watch?v=jXbqilA9u08













