Wer war Sophie Prag?

Kreuzstraße 37: „Dort praktizierte und wohnte früher eine jüdische Kinderärztin!“
Von Gaby Uthmann

Dieses erzählte Carsten Friderici, 1. Vorsitzender des Bürgervereins Schinkel von 1912 e. V., beim alljährlich im November stattfindenden Stolpersteingang des VfL Osnabrück. Neugierig geworden, begann ich nachzuforschen und fand heraus, dass dort die jüdische Fachärztin für Säuglings- und Kinderpflege Dr. med. Sophie Prag von 1928 bis 1933 ihre Praxis und auch ihre Wohnung hatte. Wer war Sophie Prag?

Sophie Prag wurde am 11. Juni 1896 in Ankum geboren – als älteste Tochter des jüdischen Stoffhändlers Viktor Prag und seiner Ehefrau Emilie Miriam geb. Weinberg. Sophie hatte noch zwei Geschwister, Jenny 1896 und Paul 1900 in Ankum geboren. Die Familie zog zwischen 1903 und 1905 nach Jever, dort übernahm der Vater ein Konfektionsgeschäft.

Sophie besuchte als erstes Mädchen das Mariengymnasium in Jever, dort machte sie 1915 ihr Abitur. Anschließend studierte sie ab Ostern 1915 u.a. in Heidelberg Medizin. Sie promovierte dort 1920, 2 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges hoch aktuell, mit einer Arbeit zum Thema: „Über einen Fall von Granatsplitterverletzung des Auges“. Im Lebenslauf zu ihrer Dissertation schrieb sie: „… Ich bin preußischer Staatsangehörigkeit und jüdischen Glaubens …“. Ihre Ausbildung zur Fachärztin für Säuglings- und Kinderpflege machte sie in dem Städtischen Säuglings- und Mütterheim in Berlin-Neukölln.

Nach Assistenzjahren in Stettin zog sie nach Osnabrück und eröffnete Ende 1927 oder Anfang 1928 als Fachärztin für Säuglings- und Kinderpflege eine Praxis in der Kreuzstr. 37 (1. Stock). Dort wohnte sie auch von 1928 bis 1933, zusammen mit ihrem verwitweten Vater und ihrem Bruder Paul, der als Vertreter für Stoffe tätig war. Dies belegen die Adressbücher der Stadt Osnabrück. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 änderte sich das Leben von Dr. med. Sophie Prag und ihren Angehörigen grundlegend.

Am 22. April 1933 wurde allen jüdischen und sich im „bolschewistischen Sinne“ betätigenden Ärzt*innen die kassenärztliche Zulassung entzogen. Dadurch verlor Sophie Prag ihre Existenzgrundlage. Auf Anraten eines Schulfreundes, der bereits in Peru lebte, bemühte sie sich um ihre Auswanderung nach Peru. Die näheren Begleitumstände ihrer Emigration sind nicht überliefert. Nachgewiesen ist in den Bremer Passagierlisten ihre Abfahrt aus Bremen nach Callao (Peru) am 16.November 1933. Ihr Neffe erzählte später, dass sie am 22. Dezember dort ankam. Der Vater zog nach Delmenhorst zu seiner Tochter Jenny, die mit Abraham Baruch verheiratet war und zwei Söhne hatte, Walter 1919 und Herbert 1921 geboren. Später lebte auch ihr Bruder Paul in Delmenhorst.

Sophie Prag gelang es in den Jahren 1935 bis 1937 durch Bürgschaften, Vater, Bruder, Schwester, Schwager und die zwei Neffen aus Nazi-Deutschland herauszuholen und ihnen die Einreise nach Lima (Peru) zu ermöglichen. Ihr selbst gelang ein beruflicher Neuanfang nur teilweise. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich mit Hausbesuchen bei deutsch-jüdischen Emigranten und Schweizer Familien. Sie blieb unverheiratet. Dr. med. Sophie Prag verstarb am 29.April 1955. Sie wurde fast sechzig Jahre alt und auf dem jüdischen Friedhof in Lima-Miraflores beerdigt.

Noch ist ein solches Schild nicht zu sehen. Doch schon bald wird in deser Form an die couragierte Schinkeler Kinderärztin erinnert werden. Montage: OR


Zusammengefasst

Dr. med. Sophie Prag war eine leistungsstarke und beruflich zielstrebige jüdische Kinderärztin, die sich über 5 Jahre lang in der Praxis Kreuzstr. 37 in Osnabrück-Schinkel fachlich kompetent um ihre kleinen Patienten gekümmert hat. Es gelang ihr 1933 zu emigrieren. Unter Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse hat sie sich vorbildlich, pflichtbewusst und bewundernswert um ihren Vater, Bruder, Schwester, Schwager und die zwei Neffen gekümmert und diese Angehörigen aus Nazi-Deutschland herausgeholt. Auf Initiative des SPD Ortsvereins Schinkel und der SPD Stadtratsfraktion hat der Kulturausschuss der Stadt Osnabrück am 18.06.2026 einstimmig beschlossen, den Namen Sophie Prag in die Vorschlagsliste für Straßenbenennungen aufzunehmen.

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