Texanisch-mexikanische Töne in der alten Töpferei

Handwerker an der Töpferscheibe und in Sachen Musik: „Pottbäcker“ Bernd Niehenke

So fangen Märchen an: Es waren einmal sieben Brüder … Sie lebten am sagenumwobenen Hüggel, einem Höhenzug, der zwischen Münster und Osnabrück nahe dem westlichen Teutoburger Wald aus der Erde getrieben wurde. Der Hüggel bescherte den sieben Brüdern ein Einkommen, denn er birgt Lehm, aus dem sich Tafelgeschirr fertigen lässt. Zum Töpfern braucht es Brennöfen, und die mussten rund um die Uhr in Gang gehalten werden, auch des Nachts. Lange Stunden im Schein der Glut, die irgendwie herumgebracht werden mussten.


An dieser Stelle kommen Mandoline, Geige und Akkordeon ins Spiel

Während die Nachtwache das Feuer unterhielt, wurde musiziert. Bald auch bei anderen Gelegenheiten. Die Heideblümchen, so nannte sich die 1921 gegründete neunköpfige Formation, spielten bei Festen auf, hatten sogar einmal einen Auftritt im Rundfunk, moderiert vom späteren ZDF-Intendanten Karl Holzamer. Weil damals ausschließlich live gesendet wurde, ist die Darbietung nicht erhalten geblieben.

Die folkloristischen Traditionen wurden weitergereicht, das Töpfern und das Musizieren. Heute sitzt Bernd Niehenke, Töpfer in sechster Generation, hinter der Töpferscheibe, produziert nicht mehr Geschirr in großen Mengen, sondern demonstriert Besuchergruppen, wie seine Vorfahren gearbeitet haben. Die Gäste dürfen auch selbst einen Klumpen Ton bearbeiten und modellieren.

Niehenke spricht von sich selbst als dem „alten Pottbäcker“ und von seinem „kleinen Museum“. Die alten Gerätschaften, einige davon von den Vorfahren selbst angefertigt und somit Unikate, sind erhalten. Töpferkunst aus mehreren Jahrzehnten steht in der Diele verteilt. Und in der Ecke auf Regalen bis hoch zur Decke eine Sammlung von Ziehharmonikas und Saiteninstrumenten. Denn Musik hat bei Niehenke heute mindestens denselben Stellenwert wie das Töpfern.

In jüngeren Jahren fand Bernd Niehenke das Akkordeon, das Instrument seines Vaters, laut eigenen Worten „uncool“. Nachdem er Jimi Hendrix gehört hatte, musste es die Gitarre sein. Die beherrscht er ebenfalls, auch den Bass, greift aber längst auch wieder in die Knöpfe seines Akkordeons. Den Sinneswandel bewirkten seinerzeit Los Lobos, Niehenkes erster Kontakt mit der Folklore der texanisch-mexikanischen Region.

„Ich wusste sofort, wie ich aussehen wollte“, erzählt er lachend. Nur ein einzelner Gurt am Instrument, so tief geschnallt wie die Gitarren bei den Grunge-Bands. Er wollte sich auf der Bühne geschmeidig bewegen können. Einer der Gründe, warum er sich für das leichtgewichtigere Knopfakkordeon entschied. Der zweite: „Es hat einen viel schärferen Klang.“


Stimmungswechsel

Foto: Harald Keller

Im Alter von zwanzig Jahren besuchte Niehenke Verwandte in den USA, bereiste Mexiko, verbrachte Mitte der Achtziger ein ganzes Jahr in Lateinamerika. Er studierte die dortigen Töpfertraditionen, und er hörte Musik, stieß dabei immer wieder auf ein bekanntes Instrument: das einst von europäischen Einwanderern eingeführte Akkordeon. In modifizierter Variante allerdings: Das insbesondere aus der alpenländischen Folklore bekannte Vibrato ist in Lateinamerika verpönt. Dort werden mitunter die Herstellereinstellungen modifiziert, wie Michael Mantay von der Firma Hohner erläutert: „Je nach Modell ist bereits ein breites Spektrum abgedeckt. In Kolumbien gibt es jedoch eine starke Tradition, bestimmte Instrumente noch weiter anzupassen. Das bedeutet, dass einige Tonarten in den Standardausführungen nicht unbedingt vorkommen und vor Ort entweder nachträglich umgestimmt oder spezifische, bevorzugte Stimmungen entwickelt werden, die sich aus der lokalen Spielpraxis heraus etabliert haben.“

Daheim in Deutschland fand Bernd Niehenke Gleichgesinnte und wurde  – auf den Spuren von Idolen wie David Hidalgo, Flaco Jiménez, Mingo Saldivar –  Anfang der Achtziger Mitbegründer seiner ersten Latinoband Tortilla Flats. Weitere Stationen waren unter anderem Doc Moralez und die Beutling Brothers, allesamt bekannt von Osnabrücker Kneipenbühnen. Anfangs spielte er Gitarre und Bass, seit 2000 wieder Akkordeon.


Rückkopplungen

In seinen aktuellen Bandprojekten schlägt Niehenke den Bogen zurück zur eigenen familiären und regionalen Musiktradition. Als Mitglied der Pottbäckers und der Plattmakers widmet er sich der plattdeutschen Sprache, schreibt selbst Musik und Texte. Sein Wirken für den Erhalt der plattdeutschen Sprache ist als „immaterielles Kulturerbe“ anerkannt.

Lateinamerika aber lässt ihn nicht los. Auf dem Album „Scharpbacket“ – scharf gebacken – besingt er seinen „Fachwiärkuoten“ – Fachwerkkotten –, das „Hausschwien“ – Hausschwein –, den „Fieraumt“ – Feierabend, aber auch seine „adobe hazienda‟, seinen Kaktus, seine „Quetsche“ und ganz Mexiko.

Aus den zugehörigen Klängen spricht die texanisch-mexikanische Erfahrung, für authentisches Gespür sorgt nicht zuletzt der aus den USA eingeflogene Cousin Keith Niehenke an Geige und Mandoline, Mitbegründer der in Oaksdale beheimateten, preisgekrönten Country- und Bluesrock-Band The Hankers.

Keith Niehenke ist nicht der einzige, der von anderen Kontinenten den Weg zum Hüggel fand. Denn Bernd Niehenke ist auch Konzertveranstalter. Eingeladen wird, so sagt der Gastgeber, wer „die richtige Musik spielt.“

Die Diele der Töpferei lieferte schon den Rahmen für Auftritte von Tara Linda mit Luna Nueva, Jackie Bristow, der mittlerweile in Hamburg lebenden Renée de la Prade, den einheimischen Los Santos, dem niederländischen Akkordeonwunderkind Dwayne Verheyden, der als Jugendlicher rund zehn Jahre lang in Mexiko Furore machte, 2024 nach Limburg zurückkehrte und dort mit dem Bandprojekt Dwayne einen Neuanfang wagte. Ein weiteres Beispiel, wie das Akkordeon Kreise zieht – Ausgewanderte brachten das Instrument auf den amerikanischen Kontinent, dort ging es in die Folklore ein, die als Export wiederum nach Europa gelangte. Wo sich am Hüggel zwischen Osnabrück und Münster nun plattdeutsche, englische und spanische Sprache und Traditionen mischen.

Im Sommer- und Herbstprogramm Niehenkes sind einige der Genannten wieder vertreten. Weitere Informationen und Tickets gibt es unter niehenke.eu.


Die kommenden Veranstaltungstermine:

15.8. Doc Moralez

28.8. Plattmakers inne Summertied

05.9. Otto Groote Ensemble – Nordische Lieder

06. 9. Tina Lauffer – Nilas und die Piraten, Puppentheater

19.9. Tone Fish – Irish Folk mit Vollgas

26.9. Jackie Bristow / Marc Punch – Neuseeland trifft Nashville

24.10. DALTON BROTHERS BLUESBAND – Blues, Rock

25.10. Tina Lauffer – Puppentheater: Froschkönig

31.10. Fifty-Fifties – Deutsche Schlager-Revue

13.11. The Silverettes – Rockabilly-Frauenpower

21.11. The Forgotten Sons Of Ben Cartwright – (Very) Alternative Country

22.11. Tina Lauffer – Puppentheater: Der Schneemann und der Hase

28.11. HISS – Polka & Roll – 25 Jahre Jubiläumstour

29.11. Rita Schimschak – Märchen und Musik für Familien

05.12. Plattmakers – Wiehnachten kümmp

10.12. Rita Schimschak
Märchen und Musik für Erwachsene

11.12. Plattmakers – Platte Wiehnacht

12.12. Kaminmusik – Internationale Weihnachtslieder

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