Osnabrücks VHS präsentiert bis zum 9. Oktober eine eindrucksvolle Ausstellung
Seit dem 1. September – letzter Präsentationstag wird der 9. Oktober sein – wird in der Volkshochschule die Ausstellung „Aus Niedersachsen nach Auschwitz“ über die Deportation von Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich in das „Zigeunerfamilienlager“ in Auschwitz-Birkenau gezeigt. Die Symbolik des 1. September, dem Antikriegstag, konnte am Eröffnungstag am 1. September nicht besser gewählt sein, erinnert das Datum doch an den mit dem Überfall auf Polen begonnenen Zweiten Weltkrieg. Dem Krieg nach außen war der Krieg nach innen vorausgegangen. Mit der Machtübertragung an die Hitler-Regierung wurde auch die Verfolgung und Vernichtung deutscher Minderheiten in Gang gesetzt. Bezogen auf ihre Anzahl hatten die deutschen Sinti die meisten Opfer zu beklagen.
Nach 1945 begann in Westdeutschland – wenn auch nur zögerlich – die Auseinandersetzung mit der Verfolgung der Jüdinnen und Juden, während die Sinti und Roma einer neuen Verfolgungswelle ausgesetzt waren. Die gegen sie gerichtete Rassenpolitik, die Stigmatisierung, die Ausgrenzung und die gesellschaftliche Benachteiligung setzte sich fast ungebrochen fort. Erst in den 1970er Jahren gelang es, diesen Menschen, diesen Opfern, sich Gehör zu verschaffen, dies aber eher in der Bevölkerung als in der großen Politik, was auch bei der Ausstellungseröffnung zum Ausdruck kam: Als einzige Politikerin erschien Feliz Polat, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, zu diesem wichtigen Ereignis.

Umsichtig und sensibel eingeleitet durch den Leiter der Volkshochschule, Dr. Tobias Pischel, und gerahmt in hervorragende Musikbeiträge der Sinti-Jazz-Connection, hielt Mario Franz, Präsident des Niedersächsischen Verbands Deutscher Sinti e.V., die erste Rede. Er verwies auf die große Zahl der Todesopfer im Rahmen der nazistischen Sinti-Verfolgung und beschrieb den damit verbundenen Riss in der eigenen Kultur: Die Menschen, die die eigene Kultur prägen und an die nachfolgenden Generationen vermitteln, gab es nach dem Krieg nur noch in geringer Zahl.
Zu seinem eigenen Lebenslauf berichtet er, dass er in der „Papenhütte“ aufgewachsen sei. Dieses in den 1920er Jahren eingerichtete Ghetto für Sinti und Roma mit seinen menschenunwürdigen Behausungen habe bis in die 1970er Jahre bestanden. Wer dort als Kind lebte, war der Ausgrenzung in Schule, in Sportvereinen und im gesamten gesellschaftlichen Leben ausgesetzt. Oft habe er sich als Kind den Spruch anhören müssen, ihn hätten sie wohl vergessen „zu vergasen“.
Nach den sehr einfühlsamen Grußworten der Bundestagsabgeordneten Feliz Polat referierte Prof. Dr. Felix Brahm vom Historischen Seminar der Universität Münster zur Geschichte der Sinti-Verfolgung im Kaiserreich und danach, von Polizeiverordnungen, von Ghettoisierungen und vom weitgehenden Ausschluss aus der Erwerbsarbeit. Mit Mario Franz habe er den Begriff der Z-Projektion entwickelt: Den bürgerlichen Qualitäten wie Fleiß und Ehrlichkeit sei angeblich arbeitsscheues und betrügerisches Verhalten der „Zigeuner“ entgegengesetzt worden. Derartige Begriffswelten würden bis heute, offen oder subtil, den gesellschaftlichen Umgang miteinander prägen.


Die Ausstellung selber dokumentiert die Zuwanderung von Sinti und Roma vor allem im ausgehenden Mittelalter und deren schon damals einsetzende gesellschaftliche Ausgrenzung. Es wird über Sonderlager für Sinti und Roma in Niedersachen berichtet, und über die Verfolgung und Ermordung einzelner Menschen und Familien, davon etliche auch aus Osnabrück, die oft mit der Deportation nach Auschwitz verbunden waren. Nicht zuletzt ist dokumentiert, dass die Ausgrenzung und Stigmatisierung nach 1945 nicht beendet war. Den in der Ausstellung erwähnten SS-Arzt Dr. Franz Lucas, der im Konzentrationslager Ravensbrück Experimente hauptsächlich an Sintize durchführte, haben wir im Rahmen unserer Serie Täter-Hetzer-Profiteure vorgestellt.
Die Ausstellung ist noch bis zum 9. Oktober im Erdgeschoss und im 1. Obergeschoss der städtischen Volkshochschule zu besichtigen. Öffentliche Führungen und Führungen für Lehrer und Schüler sowie Diskussionsseminare sind angekündigt und im Internet auch zu finden.















