Teil 31 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: August Friedrich Marahrens, (1875-1950)

Williger Helfer der NS-Herrschaft

Seit der römische Bischof und Kirchengelehrte Augustinus von Hippo im 4/5. Jahrhundert den „gerechten Krieg“ erfunden und Christen das Töten im Krieg erlaubt hatte, ging es mit dem 5. Gebot bergab. Mit 17 Millionen Toten war 1918 der erste Weltkrieg zu Ende gegangen, – bis dahin die größte Bluttat.

Es starben mehr Menschen als bei allen zivilen Mordtaten der Menschheitsgeschichte. Wie der 1925 zum ersten Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover ernannte Landesbischof August Friedrich Marahrens den Weltkrieg persönlich beurteilte, ist aus Quellen nicht mehr rekonstruierbar.

Die evangelische Kirche in Deutschland blieb in der Rückschau dabei, dass er eine göttliche Prüfung in einem „gerechten Krieg“ gewesen sei. Mit der Niederlage wurde eher das Ende der Monarchie beklagt: Mit der Desertion von Kaiser Wilhelm II. war der evangelischen Kirche das Reichsoberhaupt abhandengekommen. Die kirchlichen Strukturen mussten neu organisiert werden. Für das heutige Niedersachsen wurde in der evangelisch-lutherischen Kirche das Amt eines Landesbischofs als „Pastor pastorum“ geschaffen.[1]

Mit der jungen Republik war die überwiegend nationalkonservativ eingestellte Geistlichkeit von Anfang an über Kreuz. Eine kritische Rückbesinnung unterblieb. Die „Dolchstoßlegende“ blühte – jüdische und linke Kräfte hätten das Reich im Inneren verraten. Der Friedensvertrag von Versailles wurde als „Schandvertrag“ hingestellt. Die Kirche trat der „Kriegsschuldlüge“[2] entgegen. Der Theologiestudent und spätere Kirchenpräsident der hessisch-nassauischen Kirche Martin Niemöller beteiligte sich im Freikorps „Akademische Wehr Münster“ bei Kriegsende an der Bekämpfung des Ruhr-Aufstandes, im März 1923 an der Gründung einer Münsteraner Ortsgruppe des antisemitischen „Nationalverbands Deutscher Offiziere“ und am Schusswaffentraining des paramilitärischen „Westfalenbundes“.

In diese Szenerie war auch der in Hannover geborene August Marahrens hineingewachsen. Von 1894 bis 1898 hatte er in Göttingen und Erlangen Theologie studiert, ab 1904 wirkte er in Hannover als Schlossprediger. Auch er gehörte seit seinem Studium einer Studentenverbindung, dem Studentengesang-Verein Blaue Sänger des Sondershäuser Verbands, an. 1914 meldete er sich als Lazarettpfarrer für den Kriegsdienst. 1919 wurde er zum Superintendenten in Einbeck ernannt, 1925 zum Landesbischof, 1928 zum Abt des Klosters Loccum. 1935 wurde er zum Präsidenten des lutherischen Weltkonvents gewählt und blieb es bis 1945.


Ergebenheitsadresse an Hitler

Kaum war Hitler Reichskanzler, kaum war das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 beschlossen, richtete Marahrens im April 1933 eine Ergebenheitsadresse an den „Führer“:

Eine mächtige nationale Bewegung hat unser deutsches Volk ergriffen und emporgehoben. Eine umfassende Neugestaltung des Reiches in der erwachten deutschen Nation schafft sich Raum. Zu dieser Wende der Geschichte sprechen wir ein dankbares Ja. Gott hat sie uns geschenkt. Ihm sei die Ehre.

Bereits der Berliner Hofprediger Adolf Stoecker hatte in den 1880er Jahren eine „jüdische Überfremdung“ der evangelischen Kirche bzw. des Christentums beklagt. 1896 propagierte der evangelische Pfarrer Arthus Bonus eine „Germanisierung des Christentums“. Die Abschaffung des Alten Testaments als „jüdische Trübung der reinen Jesuslehre“ wurde gefordert.

1932 wurde die „Glaubensbewegung deutscher Christen“ gegründet.

Von Maerklinfan13 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67104207

Im gleichen Jahr wurden sie als „Kirchenpartei“ anerkannt und erreichten etwa ein Drittel aller Sitze in den Presbyterien, den Gemeindeleitungen der evangelischen Kirchengemeinden.

Trotz der eigenen deutschnationalen Gesinnung verstand Marahrens sich als Wahrer des Christentums und leistete einen gewichtigen Beitrag gegen eine Art innerkirchliche „Machtergreifung“ der Deutschen Christen. Gleichermaßen fand er den Mut – sicherlich mit dem Konkordat im Rücken -, sich gegen die Einmischung der Nationalsozialisten in innerkirchliche Belange zur Wehr zu setzen.

Er beteiligte sich an der Formierung der „Bekennenden Kirche“ und an den Beratungen im Vorfeld der Barmer theologischen Erklärung von 1934, jedoch unterzeichnete er sie nicht.

Marahrens distanzierte sich von den nach seiner Meinung radikalen Positionen der Bekennenden Kirche. Diese stufte er eher als „Bekenntnisbewegung“ ein, aber nicht als die wahre deutsche evangelische Kirche. Alsbald geriet er in Konflikte mit den evangelischen Theologen Karl Barth, Martin Niemöller oder auch Dietrich Bonhoeffer

Bonhoeffer hatte den Landesbischof wegen seiner Zusammenarbeit mit dem NS-Regime kritisiert. Zynisch bemerkte er, Marahrens habe die Bekennende Kirche gar nicht verraten können, da er ihr nie wirklich angehört habe.

Marahrens unterstützte auch das Ansinnen der Hitlerregierung, die evangelischen Pastoren zu einem Treueeid auf die Person Adolf Hitlers zu verpflichten. Etwa 90 Prozent der Geistlichen leisteten diesen Eid: Dies wird im kritischen Rückblick als hervorgehobenes Beispiel für das Versagen großer Teile der Kirche in der NS-Zeit kritisiert.

Im „Osnabrücker Kreis“ fanden sich widerständige Pastoren zusammen, die gegen das Regime predigten und sich u.a. dem Treueeid verweigerten, nämlich etwa Paul Leo, Fritz Grußendorf und Hans Bodensieck. Alle wurden von Marahrens disziplinarisch drangsaliert.

Vor Pfingsten 1939 kam es zu einer heftigen Kontroverse im Weltluthertum: Der Bischof von Canterbury hatte ein gemeinsames Friedensgebet vorgeschlagen. Dem entgegnete Marahrens in seinem Wochenbrief aus dem gleichen Monat:

Der Artikel 234 mit der Behauptung der Alleinschuld Deutschlands am Weltkriege ist von Anbeginn von der deutschen Kirche als unwahre Grundlage eines großen Unrechts bei den verschiedenen Anlässen nachdrücklichst und, wie ich glaube, nicht ohne Erfolg im Urteil der öffentlichen Meinung der christlichen Länder bekämpft worden. Es ist zu befürchten, dass die von Ihnen gegebene Anregung zu einem allgemeinen Friedensgebet dem politischen Zweck dienstbar gemacht werden wird, diesen Zustand des Unrechts zu rechtfertigen. Es kann nicht ausbleiben, dass Ihr Vorschlag in diesem Augenblick einer Verdächtigung unseres Volkes Vorschub leisten und als politische Waffe gegen unser Volk dienen wird. Er wird weiterhin so verstanden werden, als sollten auch die Kirchen der Welt in diesem Dienst einer gegen Deutschland gerichteten Politik gestellt werden. Demgegenüber muss ich feststellen, dass wir Evangelischen mit allen Gliedern unseres Volkes hinter unserem Führer stehen, dessen geschichtliches Werk dieses Unrecht von Versailles korrigiert.

Ebenfalls im Mai hatte Marahrens die von Reichskirchenminister Hans Kerrl angestoßene Godesberger Erklärung unterzeichnet. Der Text bekräftigte ein Bekenntnis zur nationalsozialistischen Weltanschauung als „völkisch-politische Lehre, die den deutschen Menschen bestimmt und gestaltet. Sie ist als solche auch für den christlichen Deutschen verbindlich“.

Diese Godesberger Erklärung gab den Anstoß für die Gründung des Eisenacher Instituts zur Entjudung des Christentums. Auch Marahrens hatte dieser Gründung zugestimmt und sich damit – am Vorabend des Zweiten Weltkrieges – den Deutschen Christen wieder angenähert.


Marahrens und der Überfall auf die Sowjetunion

Am 30. Juni 1941 unterzeichnete Marahrens als Mitglied des geistlichen Vertrauensrates ein Telegramm an Adolf Hiler. Es handele sich bei dem „Unternehmen Barbarossa“ um einen „Entscheidungskampf“, eine Art Kreuzzug gegen den gottlosen Bolschewismus. Den habe Hitler schon im Reich selber zerschlagen und werde dies nun auch im Osten tun. Bereits nach dem Angriff auf Polen hatte der „Geistliche Vertrauensrat“ erklärt:

Seit dem gestrigen Tage steht unser deutsches Volk im Kampf für das Land seiner Väter, damit deutsches Blut zu deutschem Blut heimkehren darf. Die deutsche evangelische Kirche stand immer in treuer Verbundenheit zum Schicksal des deutschen Volkes. Zu den Waffen aus Stahl hat sie unüberwindliche Kräfte aus dem Wort Gottes gereicht: Die Zuversicht des Glaubens, dass unser Volk und jeder Einzelne in Gottes Hand steht und die Kraft des Gebetes, die uns in guten und bösen Tagen stark macht.

Ab 1942 verbot er Menschen, die den gelben „Judenstern“ tragen mussten, die Teilnahme an den Gottesdiensten. Nach dem missglückten Anschlag auf Hitler vom 20. Juli 1944 erklärte Marahrens im Wochenbrief vom 24. Juli 1944: „Der verbrecherische Anschlag, der dem Leben des Führers galt, ist durch Gottes Gnade abgewendet.“ In einem von ihm formulierten Kirchengebet heißt es:

Von Grund unseres Herzens danken wir dir (gemeint: Gott), dass du unserem Führer bei dem verbrecherischen Anschlag Leben und Gesundheit bewahrt und ihn unserem Volk in einer Stunde höchster Gefahr erhalten hast. In deine Hände befehlen wir ihn, nimm ihn in deinen gnädigen Schutz. Sei und bleibe du sein starker Helfer und Retter! Walte in Gnaden über den Männern, die in dieser für unser Volk so entscheidungsschweren Zeit an seiner Seite arbeiten. Sei mit unserem tapferen Heere! Lass unsere Soldaten im Aufblick zu dir kämpfen, (sei) ihr Begleiter. Lass aus der blutigen Saat des Krieges eine Seegensernte erwachsen.


Marahrens und das große Schweigen

Dagegen blieb das Herz des Landesbischofs verschlossen für die Opfer des Regimes, für die Verfolgten, für die Diskriminierten, für die Gequälten und Hingerichteten im Land. Er schwieg zu Konzentrations- und Vernichtungslagern. Er fand zu keiner Kritik an den kriegerischen Überfällen auf andere Länder. Millionen und Abermillionen Kriegstote berührten ihn nicht. Er schwieg zur Verfolgung und Hinrichtung von Geistlichen wie etwa den vier Lübecker Märtyrern, zur Verhaftung und Hinrichtung von Dietrich Bonhoeffer oder zur KZ-Internierung von Martin Niemöller.

 

Nach 1945

Und dieses Schweigen wich auch keiner Reue, nachdem 1945 das Naziregime besiegt war. Mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki begann eine neue Bedrohung für die Menschheit. Das erkannten auch in Deutschland viele Geistliche, die zur Ächtung der nuklearen Bewaffnung aufriefen. August Marahrens jedoch schwieg zur Frage der Bedrohung der Schöpfung.


Pastor Marahrens, der Enkel

In einem Gespräch mit dem Verfasser berichtete Frieder Marahrens, langjähriger Pastor in Gretesch, dass sein Großvater, den er selber nicht mehr kennengelernt hatte, in der Familie als gütiger Mensch und fürsorglicher Vater galt, und auch als unumstrittene theologische Autorität, – in der Familie Marahrens gab es eine überzufällige Häufung evangelischer Theologen. Man habe sich schwergetan, sich zu einer kritischen Würdigung von August Marahrens durchzufinden.

Er verwies auch auf die Parallelitäten zwischen seinem Großvater und dessen katholischem Amtsbruder Dr. Berning, beide in den 1870er Jahren geboren und in den 1950er Jahren gestorben: Die deutschnationale Gesinnung, die Ferne zum auch in der christlichen Lehre gebotenen Pazifismus, die Nähe zum Naziregime und die ausgebliebene Selbstkritik nach 1945. Im eigenen Glauben hätten sie wohl die Bibelstelle in Römer XIII vorn angestellt, wonach dem Kaiser zu geben wäre, was des Kaisers ist, und dass es keine Macht gäbe, die nicht von Gott sei, statt sich auf den Kern der Botschaft Jesu zu besinnen, das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe.


Nachtrag

 Am 23. Mai 2026 berichteten die Nachdenkseiten von einer Nachfrage des Verteidigungsministeriums bei der evangelischen und katholischen Kirche, „ob die Militärseelsorge in der Lage sei, in einem Verteidigungsfall ´adäquat Soldatinnen und Soldaten´ und ´Menschen, die verwundet sind, die auf den Rücktransport nach Deutschland (Hervorhebung, H.B.) sind´ zu begleiten.“

Statt nachzufragen, wieso es denn um den Rücktransport nach Deutschland gehen würde, und ob diese Anfrage beispielweise unter der Prämisse eines Präventiv- oder Angriffskrieges gestellt werde – wieso sollten denn deutsche Soldaten im Ausland verwundet werden? -, erging ein

ökumenisches Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall. In Aussicht gestellt wurde, „vorhandene Ressourcen zu bündeln und durch frühzeitige Qualifizierung und Begleitung von Seelsorgenden eine krisensensible Seelsorge zu gewährleisten.

 

[1] Ungewöhnlich war, dass hier ein Titel gewählt wurde, der eher im römisch-katholischen Bereich beheimatet ist, aber Marahrens hat auf dieser Titelbezeichnung bestanden.

[2] Im Versailler Vertrag wurde dem Deutschen Reich im Artikel 231 die alleinige Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und alle daraus resultierenden Verluste zugewiesen.

 

Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises

Redaktioneller Hinweis
Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.

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