Freitag, 23. Februar 2024

33 in Osnabrück

Höcke spricht! Eine Political Fiction

Wie es passiert ist, weiß ich nicht mehr. Irgendwann hatte ich „Künstliche Intelligenz“ angeklickt, danach gedankenlos auf „Persönliche Zeitreise“ getippt. Postwendend wurde mir schummrig. Ich schien, völlig schwerelos in irgendeinem, schwarz-weiß gestreiften Tunnel zu schweben. Plötzlich liege ich rücklings auf dem Pflaster. Ich gucke auf L&T in der Großen Straße.

„Bettlern helfen ist verboten! Kostet Strafgeld!“, schreit irgendjemand im Hintergrund. Eine ältere Dame hatte wohl Mitleid und wollte mir offenbar ihre Hand zum besseren Aufstehen reichen. Jetzt zuckt sie unsicher zurück – und ist im Nu nicht mehr zu sehen.

Ich grinse verlegen und erhebe mich bedächtig. Zumindest kann ich wieder schwindelfrei stehen. Irritiert gucke ich auf einen ehemaligen Döner-Imbiss. Der ist längst verlassen. Der Eingang ist durch Bretter vernagelt, die Fassade bröckelt. Etwas verblasst schreit mich ein blau-weiß-rotes Plakat an. „Deutsche, esst deutsch!“ steht darauf. Unter dem Spruch grinst irgendein Bayer mit einem Leberkäsebrötchen.

Immer noch etwas benommen, stapfe ich weiter. Was ist hier los?


Deutsche Bürgerwehr in Aktion

Richtig wach werde ich erst durch ungemein lautes Geschrei auf dem Nikolaiort. Offenbar hat die Polizei soeben drei Leute mit grauen Haaren dingfest gemacht und zerdeppert zeitgleich wütend deren handgemaltes Plakat. „Meinungsfreiheit für alle!“ kann ich darauf lesen, ehe alles als Beweismaterial in einen blauen Bulli gedonnert wird. Die ergrauten Demonstranten werden angebrüllt: „Wo ist Ihre Quittung für die Standgebühr? Wo zum Teufel ist die Genehmigung für diese Störung? Abführen!“, schreit einer der Uniformierten. Er ist wie die anderen vermeintlichen Polizisten mit blau-weißen Armbinden versehen. „Deutsche Bürgerwehr“ steht darauf.

Alles ist wie im Spuk schnell vorbei. Kaum einer scheint etwas mitbekommen zu haben. Eine junge Frau bemerke ich. Offenbar will sie zuschauen. Ruckzuck wird sie barsch vertrieben. „Stehenbleiben bei gesetzwidrigen Aktivitäten behindert die öffentliche Ordnung. Machen Sie sich vom Acker – und putzen Sie lieber Ihre Küche, bevor Ihr Mann zurück nach Hause kommt, Sie Schlampe!“, brüllt einer aus der Bürgerwehr. Postwendend ist die Frau nicht mehr zu sehen.

Ein glatzköpfiger Mann neben mir schüttelt wütend seinen Kopf und grantelt halblaut vor sich hin: „Diese ekeligen Kommunisten und Demokraten haben wohl ihre 1.000 Deutsche Mark Standgebühr nicht zusammenbekommen. Geschieht diesen elenden Roten recht“, grinst er über beide Backen. In seinem Nacken entdecke ich ein tätowiertes Eisernes Kreuz.

Ruckzuck sind die Gesetzeshüter mitsamt der Grauhaarigen, jene drei allesamt mit glitzernden Handschellen, im Bulli verschwunden. Mit lautlosem Elektromotor summt das Tesla-Gefährt davon.


Verworrene Wege

Verwirrt gehe ich weiter. Ich gucke hoch zum Straßenschild. Wo vorher „Nikolaiort“ stand, steht jetzt „Gauweiler-Platz“. Dahinter geht es zu einer „Weidel-Allee“.

Etliche Geschäfte kenne ich nicht mehr wieder. Aus McDonald’s ist „Bürgerkönig“ geworden. Aus „Pizza Hut“ ist „Pizza Helm“ entstanden. Wo in der Nähe einmal ein arabisches Restaurant um Gäste warb, wird jetzt in Riesenlettern für ein „Orban-Gulasch“ geworben. Von einer benachbarten Pizzeria grinst auf einer riesigen Marmorplatte das Konterfei einer grau gewordenen italienischen Regierungschefin. Sie heißt nun offenbar „Ducia Meloni“ und trägt mit erhobener rechter Hand ein schwarzes Hemd.

Ein mit Säbel bewaffneter Burschenschaftler geht mit einem Gleichgesinnten an mir vorbei. „Prächtig!“, ruft er. „Wenn jetzt unser Kamerad Höcke Präsidentin Le Pen heiratet, haben wir bald unser altes Fränkisches Reich wieder. Großartig! Darauf trinken wir gleich.“ Laut lachend über sich selbst stapfen die beiden in Richtung Grüner Jäger.

Benebelt erkenne ich erst spät, dass plötzlich Menschenmassen an mir vorbeiströmen. Viele halten ein Smartphone in der Hand. Auf allen erkenne ich tatsächlich den grinsenden Björn Höcke, etwas faltiger aussehend. Plötzlich schrillt in jeder Ecke Marschmusik, danach „Schwarzbraun ist die Haselnuss“.


Höcke auf dem Blumenkübel

„Der Reichskanzler spricht!“, grölen zwei Lederjacken wie eine einzige Synchronstimme. Wo zuvor ein Blumenkübel stand, prangt jetzt, täuschend echt projiziert, eine aufgemotzte, blau beflaggte und mit schwarz-weiß-roten Blumen geschmückte Rednertribüne. Und auf der steht felsenfest – ebenfalls in perfektem 3 D – Herr Höcke. Ich bin wie in Trance und stehe plötzlich mitten im Pulk. Alle Augen sind weit aufgerissen, Frauen mit blonden Zöpfen kreischen um die Wette.

„Liebe Freunde!“, ruft Höcke, gekleidet mit einem schwarzen Hemd mit leuchtend blauer Krawatte. „Wir alle sind stolz auf unser Deutschland – und auf das, was wir in nur fünf Jahren geschafft haben. Kaum einer erinnert sich noch an diese grausame Europäische Union. Die haben wir längst zu einem Europa der Vaterländer gemacht. In der entscheidet endlich jede Nation selbst über ihr Wohlergehen. Kein sogenannter Flüchtling traut sich noch an unsere Grenze. Ist ja auch ungesund, Deutschland mit ein paar Kugeln im Bauch zu betreten.“

Die Menge um mich herum schüttelt sich vor Lachen. Höcke nickt wohlwollend, freut sich über seinen Humor und redet weiter: „Kennt ihr, liebe Freunde, noch Arbeitslose? Tja, die sind ihre Arbeitslosigkeit losgeworden und arbeiten sinnerfüllt in der Rüstungswirtschaft, um uns alle gemeinsam stark zu machen. Als meine Freundin Ducia Meloni in Italien vor zehn Jahren die komplette Sozialhilfe abgeschafft hat, haben die dortigen Schmarotzer auch lernen müssen, für sich selbst aufzukommen.“

Wieder grölt die Menge begeistert. Höcke fährt fort:

„Könnt ihr euch, liebe Freunde, noch an die Lügenpresse und die sogenannten öffentlich-rechtlichen Medien mit ihren furchtbaren Zwangsbeiträgen erinnern? Die haben wir damals sofort abgeschafft und alle Kontrollräte durch unsere eigenen ersetzt. Ist es nicht herrlich, dass für unsere so schön gemachten Regierungsmedien niemand nur einen einzigen Pfennig zahlen muss? Und dank unseres Freundschaftsvertrages mit dem neuen US-Präsidenten Elon Musk können wir weltweit frei reden. Und staatsfeindliche Sätze belasten uns dabei nicht mehr, die schluckt das virtuelle Nirwana. Danach werden die Hetzer ganz schnell ausfindig gemacht und dürfen deutsche Toiletten putzen. Und in unseren Wohnzimmern gucken wir endlich wieder schöne Heimatfilme, singen Volkslieder und genießen deutsches Kulturgut.

Könnt ihr euch noch an diese unselige Quasselbude namens Bundestag erinnern? Jetzt haben wir eine Ständeversammlung, wo nur die Besten unserer Nation vertreten sind.

Und im Süden muss der afrikanische Ausbreitungstyp mittlerweile damit klarkommen, dass wir denen etliche Millionen Leute an die Backe geschifft haben. War eine mühselige Arbeit damals, Millionen in Züge, Schiffe und Flugzeuge auf ihre Polstersitze zu setzen. Mit denen können diese schwarzen Urvölker, wenn sie selbst nicht arbeiten wollen, ja jetzt ihre Wüsten und Dürregebiete zu blühenden Landschaften machen!“

Jetzt grölt und lacht die Masse so laut, dass ich den dreidimensional leuchtenden Höcke kaum noch verstehen kann. Ich will es aber auch nicht mehr.

Fluchtwege 2033

„Was ist los mit Dir? Kannst Du Wahrheiten nicht vertragen“, raunzt mich ein grinsender, vor Freude weinender Nachbar an, während ich mich still davonschleiche. Ich stolpere in Richtung Große Straße. Fast renne ich in einen Flaggenmast hinein, der mit einem anderen verbunden ist und oben mit seinem Nebenmasten ein blau-schwarzes Transparent hält. Ich gucke hoch und lese:

„2033! Deutschland erwacht! Osnabrück erwacht! Ein Hoch auf Reichskanzler Höcke!“

Wo früher das Gebäude der NOZ stand, befindet sich jetzt ein Riesenmonitor. „Ein Leben für Deutschland: Björn Höcke“ wird da in einer filmischen Dauerschleife gezeigt. Zu sehen ist ein rührseliges Kind, offenbar der kleine Björn persönlich, der in Germanenmontur mit zwei Kuhhörnern auf dem Helm ein Gummischwert schwingt.

Mir wird schummrig. Ein Wecker piept. Irgendwann wache ich schweißgebadet auf.

Siedend heiß fällt mir ein, dass ich zur Demo gegen Rechts wollte. Ich renne aus dem Haus und schwinge mich auf mein Fahrrad. Der Traum bleibt im Kopf. Strampeln für ein Höcke-freies Osnabrück, das ist es!

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