Freitag, 19. April 2024

8. März: ein Kampftag – auch mit Osnabrücker Wurzeln

Alwine Wellmann zählt zu Wegbereiterinnen

Ist in unserer Stadt eigentlich bekannt, dass die Osnabrücker Sozialdemokratin Alwine Wellmann zu den Wegbereiterinnen des heutigen Weltfrauentages gezählt hat? Die OR nimmt den 8. März 2024 zum Anlass, nicht nur an den internationalen Kampftag, sondern auch an jene Osnabrücker Vorkämpferin für Frauenrechte in aller Welt zu erinnern.


Weltfrauentag: ein Ereignis mit langer Vorgeschichte

Um den Einsatz Alwine Wellmanns für einen ‚Internationalen Frauentag‘ besser verstehen zu können, ist es ratsam, einige Bemerkungen zur Geschichte dieses – heutzutage landauf, landab längst etablierten – Symboltages zu machen.

Die Tradition des ‚Internationalen Frauentages‘ geht bereits auf die frühe Historie der sozialistischen Arbeiterbewegung zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zurück. Was hat diese Vorkämpferinnen bewegt, gemeinsam mit ihren sozialistischen Genossen einen solchen Tag zu fordern? Schon seit Beginn des Kapitalismus werden arbeitende Frauen doppelt benachteiligt: Sie werden schlechter bezahlt als Männer und finden bei ihren Tätigkeiten in den Fabriken meistens menschenunwürdige Arbeitsbedingungen vor. Viele Sozialdemokratinnen und Gewerkschafterinnen kämpfen darum schon im 19. Jahrhundert aufopferungsvoll und risikoreich für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten. Zugleich empören sie sich gegen unzumutbare Wohn- und Lebensbedingungen bis hin zu einem Bildungssystem, das Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt und ihnen jahrzehntelang keinen einzigen höheren Bildungsabschluss ermöglicht.

Nordamerikanische Sozialistinnen sind es als Erste, die in einigen Städten bereits im Jahre 1909 einen ‚Frauenkampftag‘ durchführen, um für die Idee des Sozialismus und für das Frauenwahlrecht zu werben. Ein Jahr später beschließt am 27. August 1910 eine Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Kopenhagen – Initiatorin ist die deutsche Sozialdemokratin Clara Zetkin – die alljährliche Durchführung eines ‚Internationalen Frauentages‘. Der erste findet daraufhin im Folgejahr 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. In der Zeit danach beteiligen sich Millionen von Frauen an weltweiten Demonstrationen, Kundgebungen und Aktionen, die allesamt noch an wechselnden Tagen, entweder im März oder im April, stattfinden.

Mit der Einheit der proletarischen Frauenbewegung ist es aber gegen Ende des 1. Weltkriegs für lange Zeit vorbei: Als sich die Arbeiterbewegung ab 1917 weltweit zu spalten beginnt, sind es im Jahre 1921 Mitglieder der „2. Kommunistischen Frauenkonferenz“, die den Internationalen Frauentag nach einer Initiative Clara Zetkins, sie ist nunmehr Kommunistin, auf den 8. März festlegen.


Anschübe für den 8. März

Weshalb von den Kommunistinnen um Clara Zetkin ausgerechnet dieser Tag gewählt wird, darüber gibt es bis in die heutige Zeit hinein unterschiedliche Deutungen. Alle beziehen sich jeweils auf unterschiedliche Ereignisse: Älteste Quellen benennen den 8. März 1857. An jenem Tag streiken Textilarbeiterinnen in New York, danach weitere in der Tabak- und Textilindustrie. Andere Quellen führen auch den 8. März 1908 an, an dem Arbeiterinnen der New Yorker Textilfabrik „Cotton“ streiken. Auf Anweisung der Fabrikbesitzer werden sie in ihren stickigen Hallen eingeschlossen. Als ein Feuer ausbricht, sterben 129 Arbeiterinnen qualvoll und werden dadurch zu einer Art Märtyrerinnen der Frauenbewegung.

Weitere Quellen erwähnen einen Streik von Textilarbeiterinnen in St. Petersburg. Der wiederum gilt als Initialzündung für weitere Streiks und Manifestationen arbeitender Frauen. Allesamt finden diese Aktivitäten im Jahre 1917 ebenfalls am 8. März statt. Sie lösen in Russland den Beginn der „Februarrevolution“ aus.

Die sozialdemokratischen Parteien finden nach der durch die Kriegsfrage erfolgten Spaltung nur mühsam zur Tradition eines Frauentages zurück. Auf der 7. Frauenkonferenz der SPD 1919 in Weimar, auf der auch Alwine Wellmann aus Osnabrück teilnimmt, stellen Delegierte wie sie zum ersten Mal einen Antrag zur (Wieder-)Einführung eines Frauentages. Der Antrag wird abgelehnt. Das gleiche Schicksal erleidet ein ähnlicher Antrag im Folgejahr. Erst 1923 beschließen die Anwesenden auf der ersten internationalen sozialdemokratischen Frauenkonferenz noch etwas zaghaft „die Wiedereinführung des 1910 in Kopenhagen beschlossenen Internationalen Frauentages“.


1925: Wellmanns Triumph auf der SPD-Frauenkonferenz

Mitte September 1925 kommt die deutsche Sozialdemokratie auf einem Parteitag in der Heidelberger Stadthalle zusammen. Ein neues Grundsatzprogramm, welches das Erfurter Programm von 1891 ablösen soll, muss formuliert und beschlossen werden. Tagungsort von Parteitag wie anschließender Frauenkonferenz ist jene Stadt, aus welcher der im Februar 1925 verstorbene Reichspräsident Friedrich Ebert stammt. Viele von Eberts früheren innerparteilichen Gegnern, die sich in der 1917 gegründeten USPD zusammengefunden hatten, sind seit dem Nürnberger ‚Einigungsparteitag‘ vom September 1922 wieder Mitglieder einer vereinigten Sozialdemokratie. Deren politischer Handlungsrahmen bildet fortan das nach dem Tagungsort benannte Heidelberger Programm. Nach langen Krisenjahren und innerparteilichen Zerwürfnissen herrscht endlich wieder eine unübersehbare Aufbruchsstimmung. Verbunden ist diese mit dem festen Willen, die Geschicke des Landes nach langer sozialdemokratischer Oppositionszeit endlich wieder verantwortlich mitzubestimmen.

Dass Wellmann die Heidelberger Frauenkonferenz später außerordentlich ermutigt verlässt, liegt an einem Antrag, den sie persönlich mit eigenem Redebeitrag im Plenum einbringt. Ihr Vorstoß wird danach mit breiter Mehrheit verabschiedet. Wörtlich heißt es im Beschluss:

Die Durchführung regelmäßiger internationaler Frauentage ist im Interesse der Arbeiterklasse aller Länder absolut notwendig. Auf ihnen ist an erster Stelle die Bekämpfung des Krieges zu beraten und in einem besonderen Referat zu behandeln.

Mit dem Beschluss der Frauenkonferenz von 1925 hat die Osnabrückerin am Ende gleich zwei wichtige Erfolge erzielt: Zum einen hat die Frauenkonferenz die künftige Veranstaltung eines zentralen sozialdemokratischen Frauentages für alle Organisationsgliederungen bekräftigt. Zum anderen ist dadurch aber auch eine Manifestation des Völkerfriedens beschlossen worden. Diese Zielsetzung ist der Friedenskämpferin Alwine Wellmann, die daheim zur Deutschen Friedensgesellschaft zählt und zu den erbitterten Gegnerinnen einer allgemeinen Wehrpflicht gehört, ein echtes Herzensanliegen.

Die starke friedenspolitische Komponente der Initiative wird in den nächsten Jahrzehnten allerdings abnehmen. Doch dass die Reichs-SPD fortan, in der Regel allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten, allerorten ‚Internationale Frauentage‘ veranstaltet, bleibt auf jeden Fall in erster Linie Alwine Wellmanns Verdienst.

Freie Presse, Osnabrück vom 2. Mai 1931
Anzeige in der Osnabrücker SPD-Tageszeitung Freie Presse vom 2. Mai 1931: Alwine Wellmann ist als Rednerin für derartige Anlässe traditionell weit über Osnabrück hinaus unterwegs.

Wie es weitergeht

Die Nationalsozialisten, angetreten mit dem Ziel, Frauen weitgehend aus dem Erwerbsleben zu drängen, sie rechtlos zu machen und auf ihre Rolle als Mutter wie treusorgende Untertanin des Ehegatten zu reduzieren, werden den Frauentag ab 1933 gänzlich verbieten. Stattdessen wird die NS-Propagandamaschine allein den Muttertag und die Verleihung von ‚Mutterkreuzen‘ für kinderreiche Frauen herausstellen, was dem Weiblichkeitsideal rückwärtsgewandter Deutscher weit eher entspricht.

Alwine Wellmann zwingen die braunen Machthaber, schon 1933 nach Bulgarien zu fliehen und entziehen der Osnabrückerin, die weiter treu zu ihren sozialistischen  Überzeugungen steht, später auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Erst 1948 wird die „Rote Alwine“ nach Osnabrück heimkehren können und – bis zur skandalösen Abschaffung dieser Funktion – bei der Bezirksregierung als Vertrauensfrau für religiös, rassisch und politisch verfolgte Menschen fungieren.

SPD-Plakate von 1929. Noch sind es in der Sozialdemokratie andere Tage als der 8. März.
SPD-Plakate von 1929. Noch sind es in der Sozialdemokratie andere Tage als der 8. März.

Im Nachhinein darf die beschriebene Initiative der Osnabrückerin aus 1925 trotzdem als wichtiger Durchbruch und Zwischenschritt zur heutigen Würdigung des Tages gewertet werden. Denn ab 1926 hat die Sozialdemokratie tatsächlich damit begonnen, ohne festes jährliches Datum die erwünschten Frauentage durchzuführen. In der Weimarer Republik hat es folglich bis 1932 gleich zwei dieser Ereignisse gegeben: einen kommunistischen Frauentag am 8. März und einen sozialdemokratischen ohne festes Datum.

Jener Tag wird sich in den Jahrzehnte nach 1945 vor allem in den osteuropäischen, kommunistisch regierten Staaten als Tag mit hoher überparteilicher Akzeptanz etablieren. In den westeuropäischen Staaten wird es allerdings noch Jahrzehnte dauern. Der Kampftag wird in dieser Zeit beinahe allein von sozialistischen und feministischen Kräften eingefordert und auch gefeiert. Am Ende hat er sich schließlich auch in vielen kapitalistischen Staaten, wie auch in Deutschland, durchgesetzt. Aus dem Tag einen festen gesetzlichen Feiertag zu machen, sollte als lohnendes Ziel gelten.

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