Krise der Sozialdemokratie: Anmerkungen eines Altgenossen
Wer derzeit flapsige Bemerkungen zum Zustand der SPD macht, braucht nicht lange auf grölende Schenkelklopfer zu warten. Mitleid ist die mildeste Form der Abstrafung. Hohn und Spott haben ebenso Konjunktur wie Besserwisserei in der abendlichen Talkshow. Wie eine tibetanische Gebetsmühle wird dort besonders gern in Markus-Lanz-Manier gefragt, wann denn die SPD endlich bereit sei, für „Reformen“ im Sinne von höheren Arbeitszeiten, weniger Arbeitnehmerrechten und gekappten Renten zu sorgen. Dass sich in der Krise der Sozialdemokratie zugleich eine Krise von Demokratie, Sozialstaat, Toleranz und Friedfertigkeit widerspiegelt, gerät dabei ins Hintertreffen. Grund genug, zumindest ein paar – notgedrungen massiv unvollständige – Streiflichter auf jenen OP-Tisch zu werfen, auf dem sich die Sozialdemokratie offenkundig mit vielfachen Organproblemen befindet. Kurzum: Wie kann „die alte Tante SPD“ wieder frisch und gesund werden?
Stolz auf die eigene Geschichte offensiv vertreten
Seit 1863, somit seit 163 (!) Jahren, gibt es in Deutschland Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Zweimal, von 1878 bis 1890 und von 1933 bis 1945, war die Partei verboten und wurden ihre Mitglieder verfolgt, oft sogar ermordet. Das war lupenreiner Existenzkampf – niemals vergleichbar mit dem Heute. Immer wieder standen Parteimitglieder auf, um weiter am Ziel einer sozial gerechten demokratischen Gesellschaft mit der Vision des Demokratischen Sozialismus zu arbeiten. Das wird niemals enden.
Errungenschaften wie Arbeitsschutz, Mieterschutz, Kündigungsschutz, Mitbestimmung, das Wahrecht für Männer und Frauen und Fundamente des heutigen Sozialstaats, nicht zuletzt die Friedenspolitik eines Willy Brandt gehen allein auf das Wirken der Sozialdemokratie zurück. Wer in diesen Zeiten darüber schwafelt, die SPD gehe ihrem Untergang entgegen, mag ein lauter Sprücheklopfer sein. Von Geschichte versteht er nichts.
Falsche Fronstellungen verweigern
Es zählt zu den wohl gruseligsten Erfahrungen seit dem letzten Bundestagswahlkampf, dass sich vor allem konservative Sozialdemokrat*innen des Seeheimer Kreises, leider of auch die Parteispitze, einreden lassen, die SPD sei in der Vergangenheit nur noch als Schutzmacht der Bürgergeld-Empfänger*innen und nicht der Arbeitnehmer*innen eingetreten. Von Markus Lanz über Karen Miosga bis hin zu Maybrit Illner oder Sandra Maischberger wird ein derartiger Unfug immer wieder beliebig oft wiederholt.
Das Unsinnige am von BILD bis zu Mainstreammedien mantramäßig wiederholten Befund erklärt sich allein schon deshalb an der Tatsache, dass Schutz von Arbeitnehmer*innen am Arbeitsplatz immer auch mit einer Abmilderung von Folgen zu tun hat, falls jemand, wie im Kapitalismus nun mal üblich, den Arbeitsplatz verliert. Kampf für Arbeitsplätze und Kampf gegen Folgen von Arbeitslosigkeit bilden also zwei Seiten derselben Medaille.
Den Irrsinn einer derartigen Selbstverzwergung haben auch andere erkannt: „Die Sozialdemokratie war meist stark, wenn sie Interessen von Unterprivilegierten und Mittelschicht verband. Daran war kaum zu denken. Dass man Kämpfe verliert, kommt vor. Haarsträubend aber ist, wenn eine Partei nach einer Niederlage die Agitation ihrer Gegner übernimmt (…). Sich Asche auf das Haupt zu schütten, wirkt nicht souverän, sondern verunsichert. Wer wählt eine Partei mit einem unsicheren Selbstbild?“, schreibt Stefan Reinecke am 24. März in einem sehr lesenswerten TAZ-Kommentar.
Georg Restle, Redaktionsleiter des Politmagazins Monitor, drückt es ähnlich aus – mit schroffer Konsequenz: „Der größtmögliche Fehler der SPD? Denen zu folgen, die jetzt ständig behaupten, sie hätte sich zu viel um Arbeitslose gekümmert. Will die SPD soziales Profil zurückgewinnen, muss sie sich um alle kümmern, die gerade unter die Räder kommen. Wer nach unten tritt, landet am Ende selber unten.“
Kurzum: Rechte und Neoliberale verstehen es immer wieder perfekt, Arme gegen noch Ärmere auszuspielen. Mutig und laut zu benennen, dass die wahren Profiteure der kapitalistischen Wirtschaftskrise jene sind, die Geld horten wie Dagobert Duck und dreistellige Milliardenbeträge vorbei an Deutschlands Finanzämtern schleusen, bleibt unerwähnt. Das sollte die einzige Schuldzuweisung sein, die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten zulassen!
Arbeit und Umwelt zusammenschmieden
Wer, wenn nicht die SPD, hat nicht schon frühzeitig in Erhard Epplers Zeiten seit den 70er-Jahren darauf hingewiesen, dass sich in der Ökologie ein riesiges Reservoir an Arbeitsplätzen verbirgt? Dass „quantitatives Wachstum“ einem „qualitativen Wachstum“ weichen muss, das allein nachhaltige Projekte auf die Pluslinie setzt. Das historisch enge Bündnis von SPD und Gewerkschaften bildet unverändert eine einmalige, nirgendwo vergleichbar angesiedelte Chance, Arbeitsplätze zu erhalten oder sozialverträglich umzuwandeln, Tariflöhne, Mitbestimmung am Arbeitsplatz wie Arbeitnehmerschutz auszuweiten.
Was hindert die Sozialdemokratie daran, allerorten feste Netzwerke mit Gewerkschaften, Betriebsräten und Vertrauensleuten zu bilden und zu festigen? Gemeinsame historische Wurzeln bedingen auch aktuell neue Bündnisse.
In keinerlei Widerspruch dazu muss stehen, tariforientierte Unternehmen zum Beispiel durch Tariftreue-Vergabe ebenso zu stützen wie Start-up-Unternehmen, die mit ihren innovativen Ideen zur Erneuerung des Sozialstaats und zu einer nachhaltigen Entwicklung der Ökonomie beitragen können.
Einstehen für den Sozialstaat als Pluspunkt, nie als Makel begreifen
Geht es Lesenden dieses Beitrags wie mir? Ich zumindest zucke jedes Mal zusammen, wenn eiskalte Neoliberale wie Merz oder Linnemann mit schulterklopfenden Talkshow-Giganten zwar lauthals „Reformen“ einfordern, doch in Wahrheit allein massiven Sozialabbau damit meinen? Wo sind da Sozis, rühmliche Ausnahme ist dabei Juso-Chef Philipp Türmer, die laut und vernehmlich gegen derartige Sprüche einstehen, die nichts als pure Menschenverachtung widerspiegeln?
Kurzum: Es muss zur Selbstverpflichtung öffentlich auftretender Sozis zählen, offen Nein zum eingeforderten Neoliberalismus, zu Kürzungen bei Rente und Bedürftigenunterstützung zu sagen. Gelingt der von Wirtschaftsliberalen penetrant eingeklagte Sozialabbau, haben Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in der Bundesregierung nichts mehr verloren. Diese Drohung darf ruhig laut ausgestoßen werden.
Arbeitsteilung im Kampf gegen Rechts klarmachen
Zur Erinnerung: Keine deutsche Partei kämpft seit über 160 Jahren so erbittert und unter hohen Opfern gegen Faschisten, Nationalisten und Militaristen. Dies kann und muss SPD-Mitglieder bis heute stolz machen.
Schon vergessen? Vor den Bundestagswahlen waren die beiden Unionsparteien unter Führung von Merz aktiv dabei, im Bundestag ein erstes Abstimmungsbündnis mit der AfD (zusätzlich mit den damals dort noch vertretenen „Wagenknechten“) zu schmieden, um Zuwanderungzu bekämpfen. Dagegen begehrten Millionen auf den Straßen auf. CSU-Mann Manfred Weber praktiziert bis heute völlig offen im Europaparlament den Schulterschluss mit Rechtsextremen. Ebenso machen es im Alltag fast alle europäischen Schwesterparteien der CDU-CSU. Eine „Brandmauer“ scheint es nur hier zu geben.
Wäre es da nicht längst an der Zeit, dass auch Linkspartei und Grüne anerkennen, welch elementar wichtige Bremserrolle hier eine SPD in der Bundesregierung spielt? Auf der Straße können im negativen Fall wieder alle vereint sein. Aber aktuell gilt es, dass vor allem SPD, Grüne und Linke hier solidarisch gegen Rechte und Neoliberale zusammenstehen müssen.
Funktion im Regierungsbündnis offen klarstellen
Merke: Allein durch offensive Ansage, notfalls auch durch Wiederholen richtiger Forderungen wird man als Sicherungsfaktor für den Sozialstaat in Krisen wahrgenommen. Ein ebenso lautes Einfordern von Mindestlohn wie Bürgerversicherung für alle, von Reichen-, Vermögens- und Erbschaftssteuer ist dabei ebenso zwingend wie das einzufordernde Aus von Relikten aus den 5oer-Jahren wie der Mütterrente.
Dass man dies alles mit Merz und Linnemann mangels Parlamentsmehrheit nicht durchsetzen kann, ist eine banale Erkenntnis, die angesichts der Konstellationen im Bundestag auch vermittelbar ist. Umgekehrt gilt: Was man glaubwürdig will und in anderen Konstellationen umsetzen würde, muss man notfalls wie eine Dauerschleife wiederholen, um damit identifiziert zu werden. Dadurch gibt es gute Chancen, das Image als Partei abhängig Beschäftigter endlich wieder dauerhaft anzulegen. Dass eine AfD, die Mindestlohn verweigert und Reichenbesteuerung bekämpft, als Arbeitnehmerpartei wahrgenommen wird, ist ein durchaus zu entlarvender Treppenwitz der Geschichte.
Wenn es einen großen Wert beim Verbleib der SPD in der Bundesregierung gibt, dann ist dies die Chance, so viel an Sozialstaat und auch nachhaltiger Politik zu bewahren, wie es möglich ist. „Betriebsrat der Republik“ bildet nicht die schlechteste Bezeichnung für Sozis, die gegen Merz, Reiche, Söder oder Linnemann Grundfesten progressiver Politik millimeterweise verteidigen müssen. Außenstehende dürfen auch vor Kameras merken, wie hart das ist. Ein SPD-Profil können höchstens falsche Kompromisse schwächen.
Blicke über den Horizont: erfolgreich nach Best-Practice-Modellen jenseits der Grenze suchen
Zur Erhellung mag beitragen, dass man quietschende Räder nicht neu erfinden muss, die auch andernorts schon lange nicht mehr so richtig rollen. Werfen wir doch mal das Licht auf andere Staaten dieser Welt, um deutsches Geschehen besser einordnen zu können. Denn es gibt inzwischen zahllose Länder, in denen, um beim Bild zu bleiben, längst ein Achsenbruch passiert ist.
In Frankreich ist die ehemals stolze Sozialistische Partei eines Francois Mitterand mit gut 10% Umfragewerten nur noch die bescheidene Teilmenge eines progressiven Bündnisses. In Italien muss sich die Partito Democratico (rund 20%) mühselig als Teil einer bunten wie zerstrittenen Gesamtlinken gegen die postfaschistische Regierungschefin Meloni zur Wehr setzen. In Griechenland ist die einst stolze PASOK eines Andreas Papandreu auf rund 15% abgestürzt.
In Österreich ist die einstmals unter Bruno Kreisky mit absoluter Mehrheit regierende SPÖ zu einer 20%-Partei geschrumpft. In den Niederlanden, einst eine echte Größe mit dem legendären Joop den Uyl, kommen sogar fusionierte Sozis und Grüne zusammen (!) gerade einmal auf 15%. In Tschechien ist die einstige sozialdemokratische Regierungspartei weit unter 5% gerutscht. In Polen, der Slowakei, in Bulgarien oder Ungarn muss man Sozis gar mit der Lupe suchen.
In Großbritannien regiert die Labour-Party zwar noch. Allerdings passiert dies unter dem unglücklichen Premier Keir Starmer, der aktuell Sozialprogramme für Aufrüstung opfert. In Meinungsfragen ist man aber derzeit schon froh, über 20% zu gelangen. In Spanien regiert noch der Genosse Pedro Sanchez gegen eine konservativ-francofaschistische Opposition, die sich allerdings systematisch auf die Machtübernahme vorbereitet. In Portugal ist die PSP ebenfalls von der absoluten Mehrheit unter António Costa in eine Unter-30%-Diaspora abgerutscht. In Dänemark kopiert die sozialdemokratische Regierungschefin Mette Frederiksen inzwischen sogar mit rechte Parteien, um sich an der Macht zu halten. Lichtblicke bieten allein SPD-Schwesterparteien in Gestalt der regierenden norwegischen Genossen und den – in starker Wartestellung auf die baldige Regierungsübernahme wartenden – schwedischen Sozialisten.
Internationale Kooperation beleben – statt in neoliberale Mottenkisten zu greifen
Für die SPD ist all dies kein Trost – aber zumindest die Bestätigung, nicht allein zu stehen. Aber wie wäre es mit lauter internationaler Kooperation, um sich gemeinsam wieder stark zu machen und als internationale Bewegung mit Sozialistischer Internationale endlich wieder erkennbar zu werden, wie dies einst unter dem Dreigestirn Willy Brandt, Bruno Kreisky und Olaf Palme als globaler Stärkefaktor zählte?
Wie wäre es außerdem mit der Festlegung, sich stärker an mutig den Sozialstaat einfordernden schwedisch-norwegischen Sozis zu orientieren statt an denen, die meinen, man müsse lieber Rechtspopulisten, Konservative oder Neoliberale kopieren, was beliebte Gedankenspiele des „Seeheimer Kreises“ bestimmt?
Das Rückbesinnen auf Kanzler Schröder mit seiner teils menschenverachtenden Agenda 2010 (zur Erinnerung: Seither muss ein arbetslos gewordener Ex-Karmann-Arbeiter sogar das Taschengeld seiner Kinder von Tante Erna angeben, um Hartz 4 zu erhalten) bildet das exakte Gegenteil von Aufbruchsperspektive. Der Griff in die neoliberale Mottenkiste führt höchstens zu einem Sack voller Sargnägel. Eine Rückbesinnung auf international erfolgreiche Sozialstaatsmodelle wäre hier allein zielführend.
Stolz auf internationalistische Traditionen wiederbeleben
„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ schrieb einst der sozialdemokratische Urvater Karl Marx seinen Mitstreitern ins Stammbuch. Die uralte Forderung ist aktueller denn je. Angesichts von 120 Millionen weltweiter Geflüchteter gibt es aber leider keine Patentlösung, das Problem zu lösen. Zwischen 1933 und 1945 zählte die deutsche Sozialdemokratie viele Tausende, die aus Deutschland flüchten mussten.
Welche andere Partei im aktuellen Regierungsbündnis als die SPD soll es schaffen, die Integration Geflüchteter in Qualifizierung und Arbeit zu schaffen und sich mutig dagegen zu stellen, sollte die Union auch langfristig Familienzusammenführungen und ein modernes Einbürgerungsrecht verhindern wollen? Zahllose Betriebe schreien nach neuen Arbeitskräften mit Migrationshintergrund. Allen, die das richtig finden, sollte die Sozialdemokratie eine Heimat bieten. Schließlich war die SPD schon in den frühen 70er-Jahren die erste deutsche Partei, die Menschen mit Migrationshintergrund als gleichberechtigte Mitglieder aufgenommen hat.
„Mehr Demokratie wagen!“ als zeitlose Aufforderung der SPD-Tradition verstehen
Der legendäre Satz aus der Regierungserklärung des ersten SPD-Bundeskanzlers Willy Brandt von 1969 muss unverändert zeitlos gelten. Wer, wenn nicht die Sozialdemokratie, muss dafür einstehen, dass auch bislang gar nicht oder unzureichend Gehörte Gehör vor politischen Entscheidungen finden?
Wer, wenn nicht die SPD, realisierte schon seit den Siebzigern Planungsbeteiligungen, autofreie Begegnungsräume in Innenstädten, Stadtteilzentren bishin zu Jugendparlamenten und Bürgerforen zum demokratischen Austausch?
Von Runden Tischen, Chatrooms, Bürger- oder gar Volksentscheiden bis hin zu Chancen einer virtuell gespeisten Demokratie bietet gerade die moderne Zeit eine Fülle von Chancen für die Sozialdemokratie, als wuchtige Demokratie-Maschine wahrgenommen zu werden. Das muss aber laut geschehen und darf sich niemals im errungenen Kleinklein erschöpfen.
Friedensprofil revitalisieren
Keine deutsche Partei besitzt eine so lange und glaubhafte Tradition als Friedenspartei wie die SPD. Friedenspolitik bildet für den Erdball derzeit die einzige Chance, wirksame Mittel gegen den real existierenden Weltkrieg gegen den Klimawandel zu mobilisieren. Man erinnere sich: Trotz menschenverachtender stalinistischer Diktaturen in Osteuropa ist es damals in der Tradition eines Willy Brandt gelungen, Schneisen in angeblich „sozialistische“ Staaten zu schlagen, die übrigens nie sozialistisch waren.
Nur zur Erinnerung: Die Ostpolitik Willy Brandts und Egon Bahrs startete nur ein Jahr, nachdem die Sowjetunion 1968 in der Tschechoslowakei den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ mit Panzerketten überrollt hatte. Trotz des Diktators und brutalen Kriegsverbrechers Wladimir Putin und des Demokratie-Verächters Trump kann es sozialdemokratisch geführten Kräften aber wieder gelingen, Brücken in Richtung eines zivilgesellschaftlichen Austausches innerhalb der Konfliktstaaten zu schlagen, für den die damalige KSZE-Politik zwar nicht 1:1 kopierbar ist, aber einen Orientierungspunkt darstellt.
Aufrüstungslogik mutig stoppen
Nur zur Erinnerung: Laut dem international anerkannten Stockholmer SIPRI-Institut investierten die Staaten der Welt mehr als 2,7 Billionen US-Dollar und damit 9,4 Prozent mehr als im Vorjahr in die Rüstung – Tendenz steigend. Der Anstieg der globalen Rüstungsausgaben ist der stärkste seit mindestens drei Jahrzehnten. Davon bezahlen allein eine Billion die USA, 314 Milliarden China, 149 Milliarden Russland, knapp 89 Milliarden Deutschland. Unser Land ist dadurch auf den weltweit vierten Platz vorgerückt. Und noch weit mehr Milliarden sollen es werden, bis wir das fragwürdige Etikett „Kriegstüchtigkeit“ erreicht haben.
Eine Frage für Sozialdemokratie sollte nun lauten: Sind all diese gigantischen Summen, die andernorts fehlen, gut investierte Mittel, wenn wir an das Leben unserer Enkelinnen und Enkel denken? Nur, um das einmal in eine Beziehung zu setzen: Um den weltweiten Hunger zu beenden, würden jährlich schätzungsweise zwischen 30 und 90 Milliarden US-Dollar ausreichen. Mehr nicht!
Im Klartext: mit weniger als einem Zehntel der jährlichen US-Militärausgaben könnten wir alle Menschen dieser Welt satt machen. Ganz zu schweigen vom eben erst erwähnten Weltkrieg gegen die Überhitzung unseres gemeinsamen blauen Planeten. Hier wären allerdings weit mehr, aktuell etwa 1 Billion US-Dollar nötig, um wirklich Wirksames zu tun. Das wären immer noch weniger als ein Drittel der weltweiten Rüstungsausgaben. All das im Interesse unserer Enkelinnen und Enkel. Bei Nichtzahlung dieser Summen drohen Erderwärmung, Unbewohnbarkeit riesiger Flächen, Naturkatastrophen, blutiger Kampf um Ressourcen und ständig steigende Zahlen geflüchteter Menschen. Kurzum: Die Folgekosten wären um ein Vielfaches höher.
Kurzum: Wer sollte im Kampf für Frieden, gesunder Umwelt und Bekämpfung der weltweiten Armut eigentlich die Führungsrolle übernehmen – wenn nicht die Sozialdemokratie im Geiste Willy Brandts?
Mitgliederpotenzial nutzen
In kaum einer anderen deutschen Partei begegnet sich eine derartige Vielfalt aus Menschen unterschiedlicher Herkunft. Der prekär beschäftigte Paketarbeiter, die junge Start-up-Managerin, der Lehrer, die Betriebsrätin, Arbeitslose, Menschen in Führungspositionen, Schüler*innen wie Student*innen bilden eine riesige Buntheit, die in dieser Spannbreite kaum eine andere deutsche Partei aufweist. Geeint sind all jene, derzeit rund 350.000 (!) Menschen in Grundwerten und Zielen des Demokratischen Sozialismus.
Viele Debatten, die den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen, finden bereits in kleinen Parteieinheiten, vom Ortsverein im Stadtteil bis zur Arbeitsgemeinschaft, statt. Dies kann zeitaufwändige Diskurse erzeugen, präsentiert aber auch eine Chance: Diskussionen, die in der gesamten Gesellschaft in ihrer Spannbreite geführt werden, spiegeln sich nirgendwo so exakt wider wie in der SPD. Gelingt es der Partei, dieses Innenleben zu öffnen und auch nach außen hin erlebbar zu machen, besitzt die Sozialdemokratie eine große Chance, stärker zu werden.
Ehekrise und Wunsch nach rot-grünem Partnerwechsel offen deutlich machen
Zugleich gilt es offen klarzumachen: Grüne wie Linke stehen der Sozialdemokratie programmatisch tausendmal näher als neoliberale Konservative! Dies darf man auch laut sagen. Dass man dagegen offen mit Kräften wie der Union allein deshalb zusammenarbeitet, um eine AfD-Regierungsbeteiligung zu verhindern, bleibt der singuläre, nahezu einzige Beweggrund für die aktuelle Koalition. Es kann darum ein Beitrag zu Ehrlichkeit und Redlichkeit sein, dies immer wieder zu betonen.
Angesichts der nötigen linksgrünen Bündnisorientierung bleibt es ein Pakt auf Gegenseitigkeit, innerlinke Dispute weitgehend zu meiden und das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen. Dies schließt im Notfall auch gegenseitige Solidarität ein, wenn progressive Bündnispartner von Unions-Hardlinern attackiert oder gar ausgegrenzt werden. Merke: Es zählt zu historischen Lehren, dass sich über eine gespaltene Linke allein die Gegenseite freut.
Ein solches Bündnis wiederum, dies sollten sich auch Konkurrent*innen von Linken und Grünen merken, benötigt zwingend die Sozialdemokratie als zentralen Baustein, um alles zusammen zu fügen. Andere Bündnispartner gibt es nicht.
Programmdebatte offen führen – und Mut zu Visionen zeigen
Im Gegensatz zu Konservativen und Liberalen besitzen auch Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ein großes Plus: Sie können in ihrer Geschichte auf ein Fundament von Grundsatzprogrammen bauen, in denen es weit weniger um pure Machterhaltung, sondern um Werte und vor allem um den Mut zu Visionen geht. Freiheit, Gleichheit und Solidarität müssen programmatische Leitlinien ebenso unverzichtbar begleiten wie die Vision einer Gesellschaft des Demokratischen Sozialismus, in der es keine Klassen mehr gibt.
Merke: Nur wer Visionen besitzt, kann Richtung und Tempo seiner Politik bestimmen und die nötige Tagespolitik darin einordnen. Historische Grundsatzprogramme der SPD wie das in Gotha 1875, Erfurt 1891, Heidelberg 1925, Godesberg 1959, Berlin 1989 oder Hamburg 2007 bildeten, jedes Manifest für sich, wichtige Wegweiser für die sozialdemokratische Politik. Jene muss sich zuweilen auch in Stolz und „Begeisterung“ ausdrücken, um die nötige Mobilisierungsfähigkeit und dauerhafte Bindungen zu erreichen. Jene wiederum bildet sich vor allem in Grundwerten und Visionen, welche die Partei von anderen unterscheiden.
Die aktuelle Debatte um ein neues SPD-Grundsatzprogramm, die tagesaktuelle Entwicklungen (klassisch marxistisch ausgedrückt: die Entwicklung der Produktivkräfte) ebenso aufnimmt wie den Mut, sie in Werte und Visionen einfließen zu lassen, bildet eine große Chance auf Identität und Wiedererkennungswert.
Denn eine zeitlose Erkenntnis bleibt bestehen: Ob es echte Fortschritte für eine bessere Lebensqualität mit der SPD gibt, kann niemals garantiert werden. Aber ohne die Sozialdemokratie ist kein Bündnis denkbar, das mehr Humanismus ermöglicht.












