der 13-jährige leonard thompson aus toronto war seit eineinhalb jahren schwer an diabetes erkrankt, als ihm banting und best zum ersten mal ihr rinderinsulin injizierten. nach drei tage war sein harn bereits frei von zucker und aceton. thompson überlebte 14 jahre und starb an einer lungenentzündung, die mit seinem diabetes nichts zu tun hatte. der zweite junge, theodore ryder, damals fünf jahre alt, den sie ein halbes jahr später zu behandeln begannen, wurde sogar 76 und ist mit über siebzig jahren diabetes-dauer der am längsten überlebende patient mit andauernder insulin-behandlung in der medizingeschichte. doch bis dahin war es ein langer weg, mit vielen „vorarbeitern“.

die symptome der krankheit wurden bereits 1500 jahre vor unserer zeit in ägypten beschrieben. der begriff diabétes (διαβήτης) taucht um 100 u.z. bei aretaios erstmals auf. thomas willis, der den urin-geschmack der erkrankten als honigsüß und die krankheit selbst immer noch unheilbar nannte, prägte 1675 den begriff „mellitus“. wenige jahre danach entfernte johann brunner erstmals hunden die pankreas, die bauchspeicheldrüse, und stellte fest, dass sich daraufhin ihr durst und ihre urinausscheidung extrem vergößerten. hundert weitere jahre später erkannte thomas cowley erstmals einen zusammenhang zwischen diabetes und pankreas-erkrankungen. 1860 versuchten joseph fles und john langdon-down unabhängig voneinander erstmals diabetiker mit extrakten aus kälberpankreas bzw. aus gemahlenem schweine-pankreas-extrakt zu heilen. 1875 beschrieb apollinaire bouchardat bis heute geltende behandlungsprinzipien (spezielle diät, gewichtsreduktion, körperliche aktivität, schulung der patienten). dann fand édouard laguesse heraus, dass bestimmte zellanhäufungen (die „langerhansschen inseln“) in der pankreas hormone produzieren, die irgendwie den stoffwechsel regulieren und um 1900 erkannte leonid sobolew, dass es blutzucker senkende substanzen sind. jean de meyer und edward albert sharpey-schafeden schlugen dann unabhängig voneinander für diese den diabetikern fehlende substanz den namen insulin (von lat. insula = insel“) vor. und 1916 entdeckte der rumäne nicolae paulescu die wirkung eines extraktes aus pankreasgewebe bei hunden. womit wir wieder bei den beiden jungen kanadischen forschern banting und best und im jahr 1921/22 angelangt sind.

angeregt von paulescus ergebnissen, wollte der mediziner und chirurg frederick banting unbedingt dieses geheimnisvolle hormon entdecken, das den zuckerstoffwechsel reguliert. der chefphysiologe der uni toronto, john macleod, fand seinen ansatz zumindest interessant, stellte ihm im mai 1921 ein labor, zehn versuchshunde sowie den 21-jährigen medizinstudenten charles herbert best als assistenten zur verfügung und verabschiedete sich anschließend in den urlaub. vier monate und einige tote versuchshunde später – banting war aber inzwischen auf die idee gekommen, mangels hunden das insulin aus dem gewebe von kälber-embryonen aus dem schlachthaus zu isolieren, und die versuchstiere überlebten – tauchte macleod wieder aus schottland auf, erkannte die tragweite ihrer experimente und beauftragte den biochemiker james collip, sich an die herstellung eines gereinigten extrakts zu machen. auch das gelang und so konnte im januar 1922 der erste diabetiker gerettet werden …

1923 bekam frederick banting für die entdeckung des insulins beim menschen den nobelpreis für medizin und wurde damit zum bis heute jüngsten medizinnobelpreisträger. dass als zweiter mann statt des maßgeblich beteiligten charles best der „urlauber“ macleod den preis erhielt, führte berechtigter weise zu protesten. banting und macleod teilten daraufhin immerhin ihre prämien mit best und colip. frederick banting starb 1941 als offizier nach einer missglückten notlandung seines bombers. charles best, der daraufhin direktor des 1923 gegründeten „banting-best-instituts“ für medizinische forschung wurde, machte noch viele entdeckungen, bis er mit 79 jahren selbst infolge einer diabetes mellitus starb.

ByJudith Kessler

Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.