… er spricht 8 Stunden.

otto friedrich wilhelm antrick (1858 –1924), zigarettenfabrikant, spd-ler, gewerkschafter, zeitweise braunschweigischer minister, wollte mit seiner dauerrede im reichstag eine abstimmung zur erhöhung der getreidezölle verhindern. die sozis hatten zu dieser zeit zwar 27 prozent der stimmen, aber durch das mehrheitswahlrecht nur 14 prozent der mandate. die konservativen konnten gesetze also einfach abnicken, und antrick versuchte zeit zu schinden gegen ein gesetz, das er „eine einzige große belastung nicht nur für die arbeiterklasse, sondern für den ganzen mittelstand (…) für den kleinen bauern“ nannte.

ich habe mir das protokoll mal angesehen (hat weniger als 8 stunden, aber lange genug gedauert:) es war die letzte sitzung vor weihnachten, ein samstag. man hatte um 10.20 uhr begonnen und gegen 16.30 uhr wurde antrick das wort erteilt. anders als bei wikipedia zu lesen, hat er seine rede nicht mit den worten eingeleitet: „für mich ist das kein spaß, für mich ist das eine anstrengung, aber ich erfülle hier meine pflicht […] Ich werde – solange meine physischen kräfte ausreichen – diese stelle nicht verlassen, sie mögen machen, was sie wollen.“ – das hat er erst stunden später eingeworfen.

er begann die rede mit: „meine herren, nachdem sie durch ablehnung unseres vorletzten antrags bewiesen haben, daß sie Ihre übermacht dazu gebrauchen wollen, eine gründliche erörterung des tarifs nicht zuzulassen, sehe ich mich veranlaßt, jetzt, wo ich das wort zur spezialdiskussion erhalten habe, die gelegenheit zu benutzen, um wenigstens einen teil der positionen, die ich gern einzeln behandelt hätte, hier zusammen zu behandeln. wenn dabei meine rede etwas länger werden sollte, als ich es beabsichtigte, dann haben sie, meine herren, es selbst verschuldet (…)

dass die rede nicht viel substantielles enthielt, wie hier und dort zu lesen, kann ich auch nicht finden. antrick muss enorme sachkenntnis gehabt haben, sprach ohne punkt und komma. und reagierte auf zwischenrufe, zb. so:

„ja, ich glaube, daß das für sie langweilig ist. aber für die leute, die hier in frage kommen, die vor allen dingen ihnen ihre geldbeutel füllen sollen, ist es nicht langweilig. meine herren, sie können es ruhig über sich ergehen lassen, es wird ihnen ja hoch bezahlt.(…) für mich es ist es auch kein vergnügen, dass ich mich hinstelle und mich stundenlang quäle; aber ich spreche nicht für mein interesse, sondern für die millionen von arbeitern, die durch diesen zolltarif auf das schwerst geschädigt werden. (zurufe) – präsident: meine herren, ich bitte um ruhe“ – antrick: im übrigen erreichen sie dadurch nichts. im gegentheil, die sache dauert noch länger, wenn ich auf jeden zwischenruf antworten muss.“

oder so: „(große heiterkeit) – meine herren, das ist ja eben das schlimme, das sich innerhalb deutschlands herausgebildet hat, das schon disraeli in seinem roman für england gesagt hat: wir haben innerhalb einer nation zwei nationen, die, trotzdem sie eine muttersprache haben, doch zwei verschiedene sprachen führen und einander nicht verstehen; die eine nation sind die besitzenden, die andere find die besitzlosen. (…) und die besitzerklasse (…) nur die Interessen ihre klasse, nur die profitwuth… – (lachen und unruhe) – die raub- und raffgier, die die staatsregierung und die gesetze dazu missbraucht, um sich zu bereichern auf kosten der armen. – (glocke des präsidenten) – vizepräsident dr. graf zu stolberg-wernigerode: ich rufe den herren redner wegen der letzten bemerkung zur ordnung…“

usw. usw.

um 0.30 uhr war antrick fertig. er endete mit: „ich (…) habe weiter nichts gethan als meine pflicht als einfacher soldat in der großen armee, die errichtet ist, zur befreiung der arbeiterklasse aus den fesseln des kapitalismus und der unterdrückung!“ – (lebhafter beifall bei den sozialdemokraten)“

geholfen hat der marathon nicht. bei der abstimmung, die dann noch folgte, wurde das gesetz mit 202 gegen 100 stimmen verabschiedet.

der präsident, graf von ballestrem, beendete die 235. sitzung der legislatur – nach über 18 stunden dauer – mit den worten: „meine herren, ehe wir uns trennen, ist es mir ein herzensbebürfnis, ihnen allen ein recht frohes und gefegnetes weihnachtsfest und ein recht glückliches neues jahr zu wünschen. – (lebhaftes bravo) ich schließe die sitzung.“ (schluss der sitzung am sonntag, den 14. dezember um 4 uhr 38 minuten morgens.)“

heute gibt es im bundestag eine redezeitbegrenzung, anders als beispielsweise in den usa, wo es immer wieder zu rede-exzessen kommt, und auch der laber-weltrekord von 24 stunden und 18 minuten gehalten wird, den senator strom thurmond 1957 mit u.a. dem vorlesen der wahlgesetze sämtlicher 48 bundesstaaten und der kochrezepte seiner oma aufgestellt hatte.

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ByJudith Kessler

Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.