Donnerstag, 18. April 2024

„Ein Blitzableiter auf einem Kirchturm ist das denkbar stärkste Misstrauensvotum gegen den lieben Gott.“ (Karl Kraus)

Blitzeinschläge haben Jahrtausende lang große Schäden angerichtet. In der Antike galten Blitz und Donner als „Wink“ der zürnenden, aber auch rettenden Gottheit.

Die griechische Mythologie ordnete das Gewitter dem Göttervater Zeus zu, den man ja häufig auch mit einem Bündel Blitze in der Hand dargestellt findet, die römische dem für alle Himmelserscheinungen verantwortlichen Jupiter. Aber auch die „Alten“ haben schon versucht, eine natürliche Erklärung für das entstehen von Gewittern zu finden – im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeit machten Anaximander und Anaximenes den Wind als ihre Ursache aus, der Luft gegen durch die Wolken presse und zu Donner und die Entzündung von Blitzen führe. Später ließ der Dichter Aristophanes Sokrates entsprechend der Lehre des Demokritos in seiner Komödie „Die Wolken“ einem Schüler erklären, Blitze seien ein in den Wolken eingepresster trockener Wind, der sich beim Ausbrechen entzünde und verbrenne. Und Aristoteles zufolge war der Blitz die Entzündung tellurischer Gase, des „Erden-Odems“ …

bevor benjamin franklin 1752 den blitz als elektrisches phänomen experimentell nachgewiesen hat, waren gewitter und elektrizität gedanklich kaum miteinander in verbindung gebracht worden. auch von der beginnenden elektrizitätsforschung hatte man sich keinen großen nutzen versprochen, lediglich mit spielereien und elektrisiermaschinen (der weiterentwicklung von otto von guerickes apparatur) begeisterung in den salons und auf marktplätzen ausgelöst. franklins berichte aber riefen in frankreich großes interesse hervor und im mai 1752 wurde in marly erstmals die technische möglichkeit der blitzableitung experimentell nachgewiesen. mit einer 13 meter hohen eisenstange, die gegen die erde isoliert war, gelang es, bei einem gewitter aus dem unteren teil der stange bis zu vier zentimeter lange funken zu ziehen, die mit den künstlich hergestellten identisch zu sein schienen. und damit begann die eigentliche diskussion um die möglichkeit, blitze ableiten und somit unschädlich machen zu können. in petersburg zb. nutzten georg willhelm richmann und lomonossow nun jedes gewitter, um mit ihrer apparatur blitze „einzufangen“. leider wurde der arme richmann dabei 1753 von einem aus dem draht fahrenden feuerball tödlich am kopf getroffen.

der erste blitzableiter europas wurde schließlich 1760 in england auf dem eddystone-leuchtturm bei plymouth installiert, der erste in deutschland 1769 auf der hamburger hauptkirche st. jacobi, 20 jahre nachdem dort in der nachbarkirche st. michaelis ein blitz eingeschlagen und das gebäude komplett zerstört hatte. ohne widerstand war es nicht abgelaufen. der naturforscher johann albert heinrich reimarus und der innungsmeister der bleidecker matthias andreas mettlerkamp hatten viel überzeugungsarbeit leisten müssen. der pastor der kirche, christian samuel ulber, meinte, eine blitzableiter sei ein eingriff in die göttliche fügung („alle blitze und schläge hat der herr abgemessen. kein einziger fällt anders, als ihn die ewige vorsicht bestimmt.“) und viele waren der ansicht, der brand 20 jahre zuvor wäre eine göttliche reaktion auf die laster der hamburger und deren heuchelei gewesen und nur beten würde helfen. die gegenseite konterte, letztlich erfolgreich, mit dem hinweis darauf, dass sich der mensch schließlich auch durch dämme gegen hochwasser schützen und feuer mit wasser bekämpfe würde.

die kirchenmänner und die „schwachen ängstliche seelen“ waren nicht allein mit ihren bedenken gegen die neuheit. die mehrheit wußte nichts von physik oder metereologie, und konnte auch nicht nachvollziehen, dass diese entsetzlichen donnerstrahlen durch so etwas unscheinbares wie ein metallene stange und ein ableitungssystem bezwingbar sein sollten und hielt sich lieber an ihre alten bauernregeln oder gebete. der engländer charles bumey nach einem besuch in freising 1773: „man hat mir gesagt, die bayern wären in philosophie und anderen nützlichen wissenschaften wenigstens 300 jahre weiter zurück als die übrigen europäer. man kann’s ihnen nicht ausreden, die glocken zu läuten, so oft es donnert, oder sie dahinbringen, daß sie an ihren öffentlichen gebäuden blitzableiter anbrächten …“ und noch jahre später wehrte sich die bevölkerung nürnbergs gegen die installation eines blitzableiters als pure blasphemie.

aber selbst die vertreter der wissenschaft unterschieden sich nicht so sehr von der allgemeinen öffentlichkeit – emanuel kant 1756: „von dem prometheus der neuern zeiten, dem hrn. franklin, an, der den donner entwaffnen wollte, bis zu demjenigen, welcher das feuer in der werkstatt des vulkans auslöschen will, sind alle solche bestrebungen beweisthümer von der kühnheit des menschen, die mit einem vermögen verbunden ist, welches in gar geringer verhältniß dazu stehet, und führen ihn zuletzt auf die demüthigende erinnerung, wobei er billig anfangen sollte, daß er doch niemals etwas mehr als ein mensch sei.“

auch der aufklärer georg christoph lichtenberg, der unter schrecklicher gewitterfurcht litt und vorlesungen sofort abbrach und sich irgendwo verkroch, wenn ein gewitter aufzog, brauchte eine weile, bis er sich ein herz nahm, sich mit dem thema auseinandersetzte und sich schlimmer selbst am bau eines blitzableiters versuchte: „einen ganzen winter, den von 1767 auf 68, habe ich wegelektrisiert.“ als erster göttinger brachte er den 1780 dann an seinem haus an.

1794 – die erfindung hatten sich inzwischen europaweit in der oberschicht durchgesetzt, soweit, dass man sogar kutschen, schirme oder spazierstöcke mit blitzableitern ausstattete – schrieb lichtenberg in seinem aufsatz „über gewitterfurcht und blitzableitung“, dass er menschen, die sich vor einem gewitter fürchten, empfehle, über ihre eigene furchtsamkeit zu lächeln, dann würde der donnerschlag in ihnen ein seelenstärkendes, andächtiges gefühl erwecken. doch war keiner vorhanden, überkam den klugen lichtenberg wieder die todesangst und er befürchtete „rückenmarks lähmungen einzelner glieder, krämpfe, unwillkürliches lachen, epilepsie und raserey“. – und da wir mit einem sprüchlein von karl kraus begonnen haben, können wir auch mit einem von lichtenberg enden: „daß in den kirchen gepredigt wird macht deswegen die blitzableiter auf ihnen nicht unnötig.“

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
spot_img
spot_img
spot_img
spot_img
spot_img
spot_img
Follow by Email
Facebook
Youtube
Youtube
Instagram
Spotify