Montag, 27. Juni 2022

Judith Kessler erinnert an den jüdischen Rechtsanwalt und SPD-Politiker Ludwig Marum, der am 29. März 1934 ermordet wurde

Heute vor 88 Jahren wurde Ludwig Marum ermordet

„Ich werde mir aber die Freiheit nicht erbetteln, und ich will auch nicht, daß Ihr oder andere um meine Freiheit bettelt. Meine Freiheit können sie mir nehmen, aber nicht meine Würde und meinen Stolz.“ (am 27.4.1933 aus dem Gefängnis an seine Frau)

Ludwig Marum wird am 5. November 1882 im pfälzischen Frankenthal geboren.
Die Marums sind eine sephardische-jüdische Familie, die nach der Vertreibung der Juden aus Spanien über die Niederlande in den süddeutschen Raum eingewandert war. Ludwigs Vater, Carl Marum, stirbt in Spätfolge einer Kriegsverletzung aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, als Ludwig sieben und seine Schwester Anna vier Jahre alt ist. Seine Mutter, Helene, zieht daraufhin mit den Kindern nach Bruchsal. Hier besucht Ludwig das Schönborn-Gymnasium, legt das Abitur mit 1,0 ab, studiert anschließend Rechtswissenschaften in Heidelberg und läßt sich als Anwalt in Karlsruhe nieder. Er erwirbt sich schnell einen Ruf als exzellenter Strafverteidiger, verteidigt SPD-Mitglieder und vertritt bedürftige Mandanten in sozialen und frauenrechtlichen Angelegenheiten auch kostenlos.
1910 heiratet Marum seine schwangere Freundin Johanna Benedick; das Ehepaar bekommt drei Kinder: Elisabeth, Hans und Brigitte. Bis 1921 ist er dann Stadtverordneter in Karlsruhe, und dient dazwischen im Ersten Welktkrieg drei Jahre in einer Versorgungseinheit in Durlach. Nach der Novemberrevolution 1918 wird Marum Justizminister der provisorischen Landesregierung und arbeitet an der Schaffung der Verfassung Badens mit, die nach seinen Vorstellungen soziale Gerechtigkeit für alle Bürger und das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter garantieren sollte.
Marum wird zu einer zentralen Figur der badischen Landespolitik und der Demokratiebewegung. In seinen zehn Jahren als Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag der Republik Baden plädiert der Jurist für die Abschaffung der Todesstrafe, für die Rechte nichtehelicher Kinder, und für Toleranz; er geißelt Antisemismus, die Diskriminierung unverheirateter Mütter und spricht sich für gleichen Lohn für Mann und Frau aus. Marums anerkannte Stellung in den führenden Kreisen badischer Politik wird öffentlich sichtbar, als ihm die Universität Freiburg 1926 die Ehrendoktorwürde verleiht.
1928 erringt Marum ein Mandat im Reichstag. Hatte er schon während der Novemberrevolution Vertreter aller politischer Richtungen für das gemeinsame Ziel eines friedlichen Übergangs zusammengebracht, beruht auch hier sein Erfolg als Vorsitzender des Strafrechtsausschusses auf seiner überragenden Kommunikationsfähigkeit.
Zugleich ist Marum als Rechtsanwalt schon in dieser Zeit wiederholt mit Nationalsozialisten in gerichtliche Auseinandersetzungen verstrickt und ihnen besonders verhasst. Sie verhöhnen ihn als „badischen Rathenau“, versuchen, ihm Bereicherung anzuhängen und ihn als Juden zu diffamieren.
Marum, der die Krise der Weimarer Demokratie erkennt, verstärkt seine Bemühungen zur Verteidigung der Republik und zum Abwehr der Nationalsozialisten. Im Sommer 1932 sagt er in einer Rede: „Wir stehen in einer Zeit, wo Kämpfe bevorstehen, wie wir sie die letzten 14 Jahre nicht gekannt haben. Kämpfe im Parlament und Kämpfe um das Parlament und vielleicht auch Kämpfe außerhalb des Parlaments.“ Im Dezember dann wird ihm auf einer Reichstagssitzung aus der NSDAP-Ecke zugebrüllt, er solle doch auswandern.
Am 5. März 1933 wird Marum wieder in den Reichstag gewählt, er hatte die NSDAP im Wahlkampf offen angegriffen und er Recht gehabt mit seiner Prophezeiung. Denn die Nazis haben in Baden große Stimmengewinne erzielt. Sie übernehmen direkt nach der Wahl die Schaltstellen der Macht. Die „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“ wird erlassen, NSDAP-Gauleiter Robert Wagner zum Reichskommissar und die SA zur Hilfspolizei ernannt, die Regierung Schmitt abgesetzt und am 10. März die Führer der Arbeiterbewegung verhaftet – unter ihnen trotz seiner parlamentarischen Immunität: Ludwig Marum.

Am 16. Mai 1933, nach zwei Monaten im Karlsruher Gefängnis und nachdem man sie zur Demütigung auf einem offenen LKW an fanatischen Nazianhängern vorbei durch die Stadt gefahren hatte, werden Marum, der frühere badische Staatspräsident Adam Remmele und fünf weitere prominente Sozialdemokraten als „Schutzhäftlinge“ in das Ende April errichtete KZ Kislau bei Bruchsal verfrachtet.

Ludwig Marum und andere Sozialdemokraten auf der Ladefläche eines Lastwagens bei ihrer Überstellung in das KZ Kislau, unbekannter Fotograf, Karlsruhe, 16. Mai 1933. Marum sitzt auf der hintersten Bank, zwischen zwei SS-Männern. Leo Baeck Institute, Elisabeth Lunau Collection, AR 6461Ludwig Marum und andere Sozialdemokraten auf der Ladefläche eines Lastwagens bei ihrer Überstellung in das KZ Kislau, unbekannter Fotograf, Karlsruhe, 16. Mai 1933. Marum sitzt auf der hintersten Bank, zwischen zwei SS-Männern. Leo Baeck Institute, Elisabeth Lunau Collection, AR 6461

Die anderen SPD-Politiker werden irgendwann wieder freigelassen. Marum nicht. In seinen erhalten gebliebenen Briefen aus der Haft kommen die Sorge um seine Familie und die Verantwortung für die entrechtete Arbeiterschaft ebenso zum Ausdruck wie die Hoffnung auf eine baldige Freilassung und die Wiederaufnahme seiner beruflichen Tätigkeit. Auch aus einem zensierten Interview geht hervor, dass er immer noch auf Rechtsstaatlichkeit setzt, und sich sicher ist, dass man ihm „nicht die Nase und die Ohren abschneiden werde“. In der Nacht vom 28. zum 29. März 1934 wird Ludwig Marum von drei Nazischergen in seiner Zelle erdrosselt.

Vor der Öffentlichkeit wird sein Tod als Selbstmord deklariert. Doch niemand der 3.000 Teilnehmer an seiner Beerdigung, die zu einer eindrucksvollen Demonstration gegen das Regime wird, glaubt das Märchen. Ludwig Marums Frau und zwei seiner Kinder können ins Ausland fliehen, seine jüngste Tochter Brigitte wird 1943 in Sobibor vergast, seine Schwester Anna 1944 in Auschwitz.

Ludwig Marums Mörder, einer der Täter war im Krieg gefallen, wurden 1948 vom Landgericht Karlsruhe verurteilt. Ihre langjährigen Haftstrafen wurden in der späteren Bundesrepublik verkürzt.

In Frankenthal erinnert eine Gedenktafel an Marums Geburtshaus an den großen Sohn der Stadt, in Karlsruhe, Bad Schönborn und Bruchsal sind Straßen nach ihm benannt und die SPD Karlsruhe vergibt seit 1988 jährlich einen Ludwig-Marum-Preis. Die Universität Freiburg hat Ludwig Marum erst 2007 durch die posthume Rückgabe seiner Ehrendoktorwürde rehabilitiert.

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