Samstag, 13. April 2024

Judith Kessler: Zum heutigen Geburtstag von Mejer Suchowlański aka „Meyer Lansky“ (1902-1983)

Eine Erinnerung an die Ära der us-jüdischen Gangster …

Muttersöhnchen mit Knarre

Als die Konkurrenz ihn ins Jenseits befördern ließ, war »Little Augie« Orgen 33 Jahre alt. Sein Vater aber ließ »Jacob Orgen, 25 Jahre alt« auf die Sargplakette gravieren, denn für ihn war der Sohn bereits acht Jahre zuvor gestorben. Da war er zum Ver­brecherkönig der New Yorker East Side geworden. Als dieser gehört er in ein unrühmliches Randkapitel der jüdischen US-Geschichte der ersten Jahrhunderthälfte, das lange totge­schwiegen wurde. Bis der Historiker Robert Rockaway, damals Dozent an der Uni Tel Aviv, sich des Tabuthemas annahm, FBI-Akten wälzte, Beteiligte interviewte und ein Buch schrieb – nicht etwa eine soziologisch dröge Analyse, sondern ein mit grotesk­ köstlichen Anekdoten gespicktes »Who is Who« der jüdischen Unter­welt, angesichts dessen man sich fragt: Wer war schon Al Capone gegen diese Ganoven? Von den Jungs der Killer-Agentur »Murder Inc.« und Jack Zelig, der seine Dienste von Brandbombe bis Mord zu Festprei­sen anbot, über den König der Pferdevergifter »N*gger« Toplinsky und Monk Eastman, der Gewerkschaften wie Arbeitgeber mit Schlägertrupps versorgte, bis zu Lepke Buchalter, dem einzigen »Gro­ßen«, der auf dem elektrischen Stuhl landete.

Die meisten der Gangster waren in den übervölkerten Slums der osteu­ropäischen Einwanderer großgewor­den, in denen oft nur eine kriminel­le Karriere der Weg war, dem Elend zu entfliehen oder trotz gesellschaft­lichem Ausschluss erfolgreich und berühmt zu werden. Zudem war es die schnellste und aufregendste Art zu Macht und Geld zu kommen, ge­rade nach dem Ersten Weltkrieg, als die Prohibition herrschte und geset­zestreue Bürger eh als Spießer oder Trottel galten. »Die Leute’ wollten Schnaps, sie wollten Rauschgift, sie wollten Glücksspiel, und sie wollten Weiber« erinnert sich Ex-Gangster Hershel Kessler wehmütig, »wir verschafften ihnen bloß, wonach ihnen das Herz stand…“

So waren etwa die Hälfte der führenden Schwarzbren­ner Juden. Sie bauten über den Kontinent vernetzte, perfekt organisierte Banden auf und legten sich, wenn es sein musste, gegenseitig um – wie die Detroiter »Purple Gang« die Bosse der »Little Jewish Navy« (die hatten ihren Whiskey im falschen Revier verkauft). Die FBI-Beamten, die als Chassidim verkleidet, nach den Pur­ples suchten, flogen allerdings auf, als sie sich am Jom Kippur vor der Synagoge Zigaretten ansteckten.

Manch Gangster war tatsächlich reli­giös. Den Profikiller »Red« Levine traf man zuhause nie ohne Kippa an und musste er einen »Job« am Schab­bat erledigen, betete er vorher und trug die Kippa unterm Hut, erzählte der italo-amerikanische Pate Lucky Luciano. Anders jedoch als in deren sprichwörtlichen Mafia-»Familien« gehörte es zum Ehrenkodex der jüdischen Ganoven, nie die eigene Fa­milie in die »Arbeit« hineinzuziehen. Sie verheirateten ihre Kinder auch nicht untereinander oder vererbten ihre Syndikate. Die bestanden nur eine Generation lang. Ihre Kinder sollten nichts von den »Geschäften« wissen (der Glücksspielzar Dave Ber­man ließ sogar einmal sämtliche Ex­emplare einer ihn kompromitierenden Zeitung aufkaufen), sie sollten studie­ren und der Familie »Ehre« machen.

Denn die Gangster waren auch den jüdischen Gemeinden höchstpein­lich. Und doch vergaßen sie selbst nie, dass sie Juden waren und wo sie herkamen. Das unterschied sie von anderen Kriminellen. Sie vertei­digten ihre Leute, schlugen sich mit Polen oder Iren und wurden unter den Ghetto-Kids wie Helden gefeiert.

Die beiden berühmtesten, Meyer Lansky und Bugsy Siegel, ließen Nazitreffen in New York auseinanderprügeln und Siegel plante gar, Goebbels und Göring umzubrin­gen. Jüdische Gangster schmuggel­ten Waffen für die Haganah, kämpf­ten als Freiwillige im Zweiten Weltkrieg, spendeten Riesensummen für den Aufbau Israels und wohltätige Zwecke. So kaltblütig, brutal, geris­sen sie als Verbrecher waren, so liebe­voll, aufmerksam, großzügig waren sie als Väter und Söhne. Das Buch, das der Historiker Rockaway über sie geschrieben hat, hieß so folgerichtig im Original auch: »But – he was good to his mother«:)

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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