Freitag, 19. April 2024

Unser Mann in Havanna

Wie Sussele Meir Dawydow zum „Zigarrenkönig“ Zino Davidoff wurde

Als er 1994 starb, war der Schriftzug Zino Davidoffs längst ein Synonym für Luxus, stilvolle Lebensart und Genuss, für edle Zigarren, hochwertige Parfums und teure Accessoires geworden. Dabei hatte das Leben des Schweizer Kosmopoliten in einem ukrainischen Kaff in ärmlichen Verhältnissen begonnen.

Er wurde am 11. März 1906 in Nowgorod-Sewerskij geboren, einer kleinen Provinzstadt, in der es drei Synagogen gab, 40 Prozent der Einwohner Juden waren, und es wie in anderen Städten des Russischen Zarenreichs immer wieder zu Pogromen kam. Hillel Chaim Genrich Dawydow und Rachel Orlowa gaben ihrem Zweitgeborenen die jüdischen Namen Sussele Meir und den Rufnamen Sinowij. Die Familie verdiente ihren Lebensunterhalt mit dem Drehen von Papierossy und dem Verkauf „türkischer Mischungen“ aus blondem und schwarzem Tabak, der von der Krim und aus Smyrna kam. Bald nach Sussele-Meir-Sinowijs Geburt zogen die Dawydows mit ihm und ihrem Erstgeborenen Leon in der Hoffnung auf ein besseres und sicheres Leben in das 250 Kilometer entfernte Kyiv und erweiterten ihr Sortiment: „Meine Eltern handelten bereits in Kiew mit Zigarren. Ich erinnere mich an den kleinen Laden meines Vaters, in dem die ganze Familie von Hand Zigaretten mit goldenem Mundstück aus blondem Tabak herstellte, der aus der Türkei importiert wurde… 

1910 gab es in Kyiv wieder Pogrome und 651 jüdische Familien wurden ausgewiesen. Die Dawydows verstanden, wie über zwei Millionen andere Juden, die zwischen 1881 und 1914 aus dem zaristischen Russland geflohen waren, dass sie hier keine Zukunft hatten. Hinzu kam, dass Vater Dawydow mit seiner Kundschaft gern politische Gespräche führte, die den Argwohn der zaristischen Geheimpolizei weckten und ihn wiederholt in Schwierigkeiten brachten. Der spätere Zigarren-König“ in seinen Erinnerungen: „Von Zeit zu Zeit versammelten sich dort seltsame Menschen, die wie Verschwörer aussahen. Sie waren tatsächlich Verschwörer. So wie José Marti, der in Florida verbannte Mann, der Kuba befreite, seine Botschaften in Zigarren gerollt verschickte, versteckten sich in Kiew die Gegner der Zaren hinter Tabakrauch. Bald waren wir an der Reihe, gejagt zu werden: Ich verließ Russland in einem verplombten Waggon“.

Eigentlich wollten Hillel und Rachel nach Amerika. Da das Geld nicht reichte und sie einen Verwandten in Genf hatten, landete die in inzwischen um drei weitere Kinder – Nina, Joseph und (H)elena – reichere Familie 1911 in der Schweiz. Dort wurden ihre Namen transkribiert – aus Dawydow wurde „Davidoff“, aus Sinowij wurde „Zinovi“ und aus Genrich (der russischen Form von Heinrich) „Henri“ – und der versuchte weiter sein Glück mit Tabakwaren. Das lief erst überhaupt nicht gut, meist verkauften sich nur Streichhölzer – „Feuer statt Tabak“, sagte Zinos Bruder Joseph. Aber 1916 konnte Henri Davidoff dann doch einen eigenen Laden eröffnen, am Chemin des Philosophes (heute: 1 rue Micheli du Crest und Sitz einer Chocolaterie). In den drei kleinen Räumen wohnten die Davidoffs auch. Die Kinder halfen beim Sortieren der Tabakblätter und beim Trimmen der Stängel und lernten die seltsamen Namen der verschiedenen Sorten wie Melnik Bachi, Xanthi Basma oder Samsoun, wussten, welche weicher und welche stärker war oder im Hals kratzen würde. „Es war eine schöne Zeit, alle fünf Kinder haben im selben Zimmer geschlafen und es hat viel Spaß gemacht“, erinnerte sich Zinovi, der sich bald nur noch Zino nannte.

Inzwischen hatte die Bevölkerung in Genf erheblich zugenommen und Hillels Laden wurde zu einer Art Zentrum des russischen Lebens. Hier gab es einen Samowar, die Exil-Russen und jüdischen Flüchtlinge ließen in auf Russisch geführten politischen Gesprächen ihre Seele baumeln und die frisch gedrehten Zigaretten und billigen Zigaretten rochen nach Heimat. „Verbannte wie wir gewöhnten sich daran, uns zu besuchen. Sie bereiteten fieberhaft die Revolution vor. Einer davon hat mich sehr beeindruckt. Er hatte ein schmales Gesicht und leuchtende Augen. Er sprach mit lauter Stimme und nahm Zigarren, für die er nie bezahlte. Mein Vater wagte es nicht, ihn um seine Schulden zu bitten. Auf dem Bestellbuch, das ich als Erinnerung aufbewahre, steht neben seinem Namen oft die Angabe „unbezahlt“: Wladimir Uljanow. Sein Name war noch nicht Lenin.“, schrieb Zino 1967 in seinen Erinnerungen.

Lenin kehrte nach sieben Jahre in der Schweiz 1917 nach Russland zurück. Zino Davidoff drückte derweil die Schulbank im Calvin College. Anders als seine Mutter Rachel, die fast hundert Jahre alt wurde und ihr Leben lang nur Russisch und Jiddisch sprach, parlierte ihr Sohn Zino bald mühelos auf Französisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch und Englisch (verlor aber seinen russischen Akzent nie). Er interessierte sich für Literatur und Musik und wollte eigentlich Dirigent werden und nicht Zahnarzt: „Ich fand heraus, dass ich wirklich nicht in den Mündern von Menschen arbeiten konnte, also wurde ich kein Zahnarzt, wie es meine Mutter wollte. Aber in gewisser Weise bin ich es geworden, aber mit Rauch und nicht mit Zähnen.“

Genau, denn Zino ließ sich schließlich in das väterliche Unternehmen einspannen. Doch erst einmal sollte er in der Welt mehr über die Welt des Tabaks lernen. Die Davidoffs hatten noch immer keine Schweizer Staatsbürgerschaft und besaßen nur die vom Völkerbund für staatenlose Flüchtlinge ausgestellten Nansen-Pässe, die zu dieser Zeit lediglich in 31 Ländern akzeptiert wurden. Eines davon war Argentinien. 1924 trat der 18-Jährige seine Studien-Reise dorthin an, ausgestattet mit Empfehlungsschreiben seines Vaters, einem Ticket 3. Klasse für die Seepassage und 300 Franc. Der Weg zu seinem Ozeandampfer in Le Havre führte über Paris. Eine zu große Versuchung. Als Zino das Schiff bestieg, hatte er das gesamte Geld verjubelt und keinen Penny mehr in der Tasche. Im Speisesaal der 1. Klasse aß er trotzdem, seine Mutter hatte ihm einen Abendanzug eingepackt. Und zum Glück lernte er auf der Überfahrt eine Tänzerin kennen, die dem großen Jungen mit den hellgrauen Augen einen Job als Tango- und Charleston-Tänzer verschaffte (seine Tochter sagte später, dass er eine zweiter Fred Astaire hätten werden können).

Als Spross einer konservativen osteuropäischen Familie war Zino schwer beeindruckt von dem quirligen, aufregenden Buenos Aires und den Porteños, machte sich aber bald auf die Spur des Tabaks und begann in einem Tabak-Kontor zu arbeiten. Zino lernte, wie man die besten Mischungen kreiert, Zigarren optimal rollt und er besaß ein Talent, dass seinen Chefs schnell auffiel – die Fähigkeit, subtilste Geschmacksnuancen zu unterscheiden. Da in Argentinien aber kaum Tabak angebaut, zog es ihn 1928 weiter nach Brasilien. Er besuchte die berühmten Plantagen Mato Grosso, Rio Grande und Borba, und verliebte sich in diese Orte und die dunklen, süßen Maduro-Blätter. Doch nachdem ihm ein alter Veguero, ein Pflanzer, von dem Landstrich Vuelta Abajo auf Kuba vorgeschwärmt hatte, wo unvergleichlicher Tabak wachsen sollte, machte er sich auf nach Kuba, dem Tabak-Mekka, der „Mutter aller Zigarren“.

Havanna war eine Stadt der Gegensätze, hier schockierende Armut, dort protzig gezeigter Reichtum, und sie hatte Unmengen von Casinos, Bars, Bordellen, Tanzhallen und Cafés. Zino mochte sofort die afrokubanische Musik, die Tänze und die schönen Frauen der Insel, vor allem aber „die Havanna“, die Zigarre, die zu einem Symbol für Macht, Glück und Ruhm geworden war und die hier von Kind bis Greis jeder zu rauchen schien: „In Havanna und lernte ich alles, was ich über Zigarren weiß.“ – vom Pflanzen, Verpflanzen, Düngen, Aushärten, über die Fermentation und das Abisolieren von Stängeln bis hin zum richtigen Bündeln, Rollen, Altern, Sortieren und Verpacken der Zigarren. Er blieb zwei Jahre, besuchte alle führenden kubanischen Zigarrenfabriken: Partagas, Bolívar, H. Upmann, Punch, Romeo y Julieta, und lernte die Eigenschaften jeder Mischung kennen. Sein Favorit war Hoyo de Monterrey, die Marke, die 1860 von José Gener gegründet worden war. Als Zino Davidoff 1930 Kuba wieder verließ, hatte er eine so tiefe Leidenschaft und Respekt für handgefertigte kubanische Zigarren entwickelt, dass die für Jahrzehnte sein Leben und Tun bestimmten.

Nach über fünf Jahren betrat er also wieder den Laden seines Vaters, in dem auch seine Geschwister Joseph und Helena arbeiteten. Er war jetzt 23, trug einen exotischen Satinanzug und kubanische Sandalen. Der Vater brauchte ein wenig, um seinen „verlorenen Sohn“ wiederzuerkennen. Henri Davidoff war zwar beeindruckt von seinem erworbenen großen Wissen, erlaubte ihm auch, eine „kubanische Abteilung“ in seinem Laden einzurichten, weigerte sich aber, ihn zum Miteigentümer zu machen. Der Filius sollte sich nicht ins gemachte Bett legen, sondern von Anfang an beginnen. Zino wechselte als Manager in ein anderes Geschäft, träumte von einem eigenen Laden, aber fand keine Bank, die bereit war, dem Habenichts einen Kredit zu geben.

Im August 1931 lernte er auf einer Party Marthe Fromer, die Tochter eines wohlhabenden Kaffeerösters aus Basel kennen, drei Monate später heirateten sie, wurden 1933 Eltern einer Tochter – und waren mehr als 60 Jahre lang unzertrennlich. Vermutlich dank ihrer Mitgift konnte Zino den Laden kaufen, in dem er arbeitete. Er ließ sich – für seine hoffentlich bald zahlreiche Kundschaft – Zigarren aus Kuba schicken, bemerkte aber bald, dass denen die lange Seereise nicht gut bekam und kam als Erster auf die Idee, Hygrometer in den Holzkisten zu platzieren, um die nötige hohe Luftfeuchtigkeit aufrecht zu erhalten. Aber auch das Klima in der Schweiz unterschied sich grundlegend von dem in Kuba. Also baute Zino Davidoff den ersten klimatisierten Zigarrenkeller der Welt, eine Art begehbaren Humidor, in dem die Zigarren bei der richtigen Temperatur und Luftfeuchtigkeit schonend und aromaerhaltend gelagert werden konnten.

Auch wenn Zino rund um die Uhr schuftete, seine Zigarren wie seine Kinder pflegte (er sagte z.B., dass man Zigarren nebeneinander aufbewahren müsse, damit sie miteinander kommunizieren können) und seine Frau mitarbeitete, kamen sie kaum über die Runden. In der Schweiz war es seit Jahrhunderten üblich, hochwertige Waren nur bei namhaften Anbietern zu kaufen und nur wenige wohlhabende Kunden verirrten sich in Davidoffs Laden – wie Artur Rubinstein, der so angetan war, dass er den Davidoffs ein Heimkonzert gab.

Die Wende kam 1940, als Davidoff einen Anruf aus Paris bekam. Ein Vertreter der größten kubanischen Zigarrenfirmen bot ihm an, sämtliche kubanischen Zigarren aufzukaufen, die sich in europäischen Lagerhäusern befanden. Man hatte Angst, die Deutschen würden an die Ware gelangen. Der Preis überstieg Zinos finanzielle Möglichkeiten bei weitem, und die Schweizer Bank verweigerte ihm zunächst einen Kredit, ließen sich dann aber bequatschen. Und plötzlich saß „der kleine Russe“, wie er sich selber nannte, auf einer Goldmine – die noch größer wurde, nachdem ihm kurz vor dem Einmarsch der Deutschen auch die französische Seita ihren Bestand an zwei Millionen Havannazigarren verkaufte. Als sich herumgesprochen hatte, dass man bei Davidoff in der Genfer Rue du Marché (Foto) – und in ganz Europa nur dort – kubanische Zigarren bekommen konnte, rannten ihm wohlhabende Kunden, die nun auch aus anderen Ländern in die neutrale Schweiz kamen, die Bude ein.

Als der Krieg vorbei war, meldeten sich die damaligen spanischen Besitzer der kubanischen Fabriken und Plantagen bei Davidoff, um sich mit ihm zu beraten, wie sie am besten auf dem europäischen Markt Fuß fassen könnten. Man ging in ein Restaurant, und Davidoff kam beim Lesen der Weinkarte plötzlich eine geniale Idee. Warum nicht eine neue Marke kreieren und sie nach den besten und teuersten französischen Weinen wie Chateau Laffite und Chateau Margaux benennen?! Einer seiner Gäste fragte, wie man bitte eine kubanische Zigarre mit französischem Namen verkaufen soll, die von Spaniern in Kuba hergestellt und von einem Russen signiert wird – aber letztlich war Zinos Autorität zu diesem Zeitpunkt schon so anerkannt, dass sich die Runde auf das Experiment einließ.

Neun Monate später traf die erste Lieferung der Chateau-Serie in Europa ein, produziert in einer der besten kubanischen Fabriken – Hoyo de Monterrey – und statt in den bis dahin üblichen bunten Schachteln in duftenden Zedernholzkisten mit Schiebedeckel verpackt und mit Davidoffs Signatur versehen. Zino verkaufte schon in den ersten sechs Monaten 100.000 Stück, befreite die Zigarre von ihrem Stumpen-Image und machte sie zum Statussymbol.

„Der kleine Russe“ galt bald auch über die Schweiz hinaus als „König der Zigarren“ und sein Laden wurde immer mehr zur Institution für Zigarren-, aber auch Zigarettenraucher (seit 1948 mischte Davidoff auch Zigaretten und versah sie mit seinem Autogramm). Er war ohne Ruhetage geöffnet und sein Besitzer beriet und bediente hier bis ins hohe Alter von früh bis in die Nacht die Kunden selbst – No-Names und Prominente: Marschall Tito, Isaac Stern, Orson Welles, Peter Ustinov, Elvis Presley und den dicken ägyptischen Ex-König Farouk, der 40.000 Hoyo-Doppel-Corona-Zigarren, komplett mit seinen eigenen Zigarrenbändern bestellte und bekam (nachdem Davidoff in Rom die Bonität des unsicheren Kandidaten hatte prüfen lassen).

Zeitgenossen beschreiben Zino Davidoff als eine Mischung aus Fernandel und Prinz Charles, der immer ausgezeichnete Anzüge, Krawatte und blitzende Schuhe trug, die Klassiker, vor allem Mozart und Dostojewski, liebte, sofort wusste, welche Art von Tabak ein Raucher bevorzugte und ein phänomenales Gedächtnis besaß.

Ein Kunde: „Obwohl ich bereits in London Zigarren probiert hatte, wollte ich mich vom besten Zigarrenspezialisten der Welt beraten lassen. Zino sah mich an und griff nach einer Schachtel La Flor de Rafael Gonzales in Lonsdale-Größe. ‚Hier sind die Zigarren, die Sie rauchen sollten.‘ … Ich kam viele Male zurück, um den König der Zigarren zu besuchen und ein paar Zigarren für mich und meine Freunde zu kaufen. Jedes Mal, wenn ich eintrat, wurde ich begrüßt, als wäre ich der einzige Kunde in Zinos Leben. Er bot mir etwas Neues und Einzigartiges an und ich kaufte eine Schachtel, ohne nach dem Preis zu fragen. Es war ein erstaunliches Geschäft, die Arbeit und das Können eines aufmerksamen Mannes aus dem Osten, der Zigarrenraucher in zwei Kategorien einteilte: Snobs und Kenner. Er mochte keine Kunden, die einen Fahrer schickten, um Zigarren für sie zu kaufen.“ 

Obwohl Zino Davidoff mit seinen Produkten für Luxus stand, hatte er selbst kein Interesse an egalitärem Gebaren. Seiner Tochter nach neigte er zur Askese, möglicherweise bedingt durch seine Kindheitserfahrungen, bediente Kunden, die nur Streichhölzer wollten genauso aufmerksam wie Könige, tat alles mit Maß und übertrieb nie, nicht beim Verhandeln, nicht beim Feiern, nicht beim Essen (seine Lieblingsspeise waren Bratheringe mit Zwiebeln und Pellkartoffeln), nicht beim Trinken – nur beim Rauchen. Das betrieb er exzessiv: eine Zigarette nach der anderen, ab und zu eine Zigarre.

Trotz des amerikanischen Wirtschaftsboykotts gegen das kommunistische Kuba, trotz „Schweinebucht“ und allen Krisen, bezog Davidoff seine Havannas weiter von der Karibikinsel, was ihm unter Aficionados den Beinamen „unser Mann in Havanna“ einbrachte den Kubanern ordentlich Devisen. Hinzu kam 1967 sein Vertrag mit der staatlichen kubanischen Zigarrenfirma Cubatabaco, die daraufhin seine populärste Zigarre – die Davidoff No.1 – für ihn produzierte, in der Zigarrenmanufaktur El Laguito, die sich in einem Herrenhaus in Havanna befand, das die Kubaner Zino geschenkt hatten. Sie hatten allen Grund, er war der Mann, der für den beispiellosen Erfolg der kubanischen Zigarren in Europa gesorgt hatte.

Nachdem Davidoffs Frau 1968 beschlossen hatte, ihren Job im Laden aufzugeben, dachte auch Zino über den Ruhestand nach und verkaufte 1969 seine Goldgrube an Ernst Schneider, den Inhaber von Oettinger (eines der bedeutendsten Schweizer Tabakunternehmen), der den Namen äußerst erfolgreich weiter vermarktete. Er blieb aber Miteigentümer und Schneider verpflichtete ihn, sich noch drei Jahre lang als Botschafter der Marke zur Verfügung zu stellen. Aus den drei Jahren wurden fast 25 Jahre. In dieser Zeit bereiste Zino die ganze Welt, dachte sich 1977 noch eine innovative Verpackung aus (Tubos, die dank eines Schlitzes und durch das Drehen eine spezielle Luftzirkulation ermöglichen und die Zigarren im Inneren optimal belüften) und machte noch einmal groß von sich reden:

Der Zigarren-König hatte den Aufstieg Castros und alle politischen Krisen um Kuba überstanden, sich politisch immer neutral verhalten, doch Ende der 80er-Jahre konnte die Produzenten dort dank der „planwirtschaftlichen“ Verteilung ihren Tabak nicht mehr frei aussuchen und mischen und es fehlten ihnen an Devisen für Pflanzenpflegemittel, so dass die Qualität der kubanischen Puros zu sinken begann. Auf den Banderolen stand weiter der Name Davidoff und der war frustriert. Als alle Beschwerden nichts halfen, bekam die Schweizer Presse 1990 eine Schlagzeile frei Haus: „Havanes an feux““. Der Mann, der einst die kubanische Zigarre zur Königin gekrönt hatte, hatte seine Geliebte vom Thron gestoßen und zusammen mit Schneider unter Aufsicht des Zolls 250.000 mangelhafte kubanische Davidoff-Zigarren mit einem Gesamtwert von weit über einer Million Franken verbrennen lassen. Die Produktion in Kuba wurde eingestellt (mit ein Grund für die horrenden Preise, die Sammler heute für Davidoffs Havannas zahlen) und in die Dominikanische Republik verlegt.

Vier Jahre später starb Zino Davidoff mit 88 Jahren in Genf. Sussele Meir Dawydow aus Nowgorod-Sewerskij, der Flüchtling und Grenzgänger wurde unter einem schlichten Stein auf dem Jüdischen Friedhof in Veyrier begraben, dem wohl einzigen Friedhof weltweit, der in zwei Ländern liegt, und über den in der Nazi-Zeit viele Juden heimlich die Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz überquerten.

„Die Zigarre war mein Leben. Ihr verdanke ich alles: meine Ekstasen und meine Ängste, die Freuden meiner Arbeit ebenso wie die meiner Freizeit, und wenn ich mir im Laufe der Jahre etwas Wissenschaft mit einem Hauch von Philosophie angeeignet habe, so verdanke ich es immer noch den Zigarren.“

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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