Kallas Kolumne: A watt … Vinyl klingt also besser, weil …?

 „Vinyl klingt einfach besser als CD …“

Ich höre diesen Satz seit Jahrzehnten, und jedes Mal fällt irgendwo ein Toningenieur erschöpft vom Stuhl. Natürlich. Und Kerzenlicht ist jeder OP-Lampe weit überlegen, weil es so schön warm flackert. Rauchzeichen sind bestimmt auch mensch­licher als Glasfaser, solange man sie nur mit genügend Rot­weinprosa und einem 1.000-Euro-Tonabnehmer verteidigt.

Ich sage es mal vorsichtig: Vinyl klingt nicht besser, weil es das gar nicht kann, allenfalls in den Ohren von Klangleugner. Vinyl klingt nach Vinyl. Also nach Knistern, Knacken, Rumpeln, Rau­schen, Verzerrung, Innenrillenelend und nach Physik, die in der Ecke leise und verzweifelt in ein antistatisches Tuch weint.

Und selbst beim sauber nutzbaren und reproduzierbaren Frequenzgang ist die CD der Schallplatte haushoch überlegen: Sie liefert den gesamten menschlich hörbaren Bereich praktisch schnurgerade, während Vinyl an den Rändern längst mit Pegelverlusten, Verzerrungen und anderen analogen Verrenkungen kämpft. Wer daraus trotzdem eine klangliche Überlegenheit der Platte heraushört, hört vermutlich weniger Frequenzen als vielmehr seinen eigenen Glauben. Was natürlich ein enorm leistungsfähiges Hörorgan ist, solange man es nur teuer genug ausstattet.

Aber genau das nennen die Vinyl-Hardliner dann „Wärme“.

„Wärme“ ist in der Hi-Fi-Welt dieses wunderbare Wort, mit dem technische Mängel zu spirituellen Erlebnissen erhöht werden. Früher hieß das Rauschen. Heute heißt es Charakter. Früher war eine Platte abgenutzt. Heute hat sie Patina. Früher war der Klang dumpf. Heute ist er analog. Und wenn es richtig scheiße klingt, fehlt einem vermutlich nur die nötige audiophile Reife, um die Schönheit darin zu erkennen.

Ich komme noch aus einer Zeit, in der man diese angeblich überlegenen Klangwunder tatsächlich benutzen musste. Nicht nur kaufen, ins Regal stellen, fotografieren und bei Besuch bedeutungsvoll aus der Hülle ziehen, sondern richtig abspielen. Wieder und wieder. Und dann geschah etwas, was in der Vinylreligion gern unterschlagen wird: Die Dinger wurden schlechter. Nicht im übertragenen Sinn. Nicht kulturkritisch. Sondern hörbar.

Vor der Erfindung der CD musste ich mir meine beiden Lieblings-LPs – „Pet Sounds“ von den Beach Boys und „Selling England by the Pound“ von Genesis – wenigstens fünfzehnmal neu kaufen. Fünfzehnmal. Nicht, weil ich so gern denselben Tonträger mehrfach erwarb, als wäre ich Aktionär bei Pallas, sondern weil diese sogenannten Klangwunder nach mehrmaligem Abspielen irgendwann einfach nicht mehr zu genießen waren. Die Platte war also nicht nur Tonträger, sondern zugleich ein akustisches Verschleißteil mit eingebautem Wiederkaufsprogramm.

Aus „God Only Knows“, laut Paul McCartney der schönste Song aller Zeiten, wurde irgendwann: Gott allein weiß, was zum Teufel da gerade rumpelt und kratzt.

Und Genesis klangen nicht mehr nach britischem Artrock, sondern nach einem Mellotron, bei dem jede zweite Taste ausgefallen zu sein schien. Was bei dessen notorisch empfindlicher Tonbandmechanik mit Endloskassetten sogar live nicht völlig außerhalb des Bereichs menschlicher Erfahrung lag.

Das soll also überlegen gewesen sein? Ein Medium, das sich durch Benutzung selbst ruiniert?

Ich stelle mir das bei anderen Dingen vor: ein Buch, dessen Buchstaben nach jedem Lesen blasser werden. Ein Fernseher, der mit jeder Sendung Bildpunkte verliert. Und daneben steht jemand mit feuchten Augen und sagt: „Ja, aber es ist wärmer.“

Für mich war die CD deshalb keine seelenlose Erfindung des kalten Digitalzeitalters. Sie war Befreiung. Erlösung. Zivilisation. Endlich konnte ich „Pet Sounds“ hören, ohne nach dem dritten Durchlauf Angst zu bekommen, Brian Wilson persönlich würde aus dem Lautsprecher kriechen und um Gnade bitten. Endlich konnte ich Genesis hören, ohne dass Peter Gabriel langsam unter einer Lawine aus Staub, Nadelverschleiß und akustischem Granulat begraben wurde.

Die CD hat einen unschlagbaren Vorteil: Sie geht beim Anhören nicht kaputt. Der Laser tastet sie berührungslos ab. Niemand schleift dabei einen kleinen Diamanten durch die Musik und nennt das anschließend High Fidelity. Was für ein revolutionärer Gedanke.

Und jetzt kommt der Teil, den mir die Vinyl-Mystiker besonders übelnehmen dürften: Ich rede nicht als jemand, der Schallplatten nur aus der Distanz kennt, weil er einmal bei Saturn eine Vinyl-Ausgabe von „Dark Side of the Moon“ gesehen hat. Ich habe selbst zig LPs veröffentlicht und produziert – mit meinen Bands, als Gastmusiker und als Produzent im eigenen und in fremden Tonstudios. Und ja, ich war nach jeder Veröffentlichung stolz wie Bolle.

Natürlich war ich stolz, denn eine eigene Platte in der Hand zu halten, war damals etwas Besonderes und Großartiges. Das Cover, der Geruch, das Gewicht, dieser Moment, in dem man dachte: So, jetzt haben wir es geschafft, jetzt sind wir amtlich gepresstes Kulturgut. Da lag sie nun, unsere Musik, groß, schwarz, rund und bereit, sich durch jeden Abspielvorgang ein kleines bisschen selbst zu zerstören. Romantik und Materialermüdung, friedlich vereint in 30 Zentimetern Durchmesser und 33 1/3 Umdrehungen por Minute.

Sobald man CDs selbst brennen konnte, habe ich fast all diese LPs digitalisiert. Nicht irgendwie nebenbei mit einem Küchenradio und einem Stoßgebet, sondern mit Spezialprogrammen, um Klicks, Rumpler und sonstige analoge Segnungen zu entfernen. Also genau das, was heute manche wieder als „Charakter“ verkaufen, habe ich damals mühsam herausoperiert wie Splitter aus einer Fußsohle.

Als ich meine damaligen Bandkollegen darüber informierte, geschah etwas sehr Aufschlussreiches: Niemand fiel entsetzt vom Stuhl. Niemand rief: „Aber die Wärme! Die Seele! Die Rille!“ Niemand verlangte, dass ich den Dreck wieder einbaue, damit es authentischer klingt.

Im Gegenteil. Alle wollten sofort die bereinigten CD-Ausgaben haben. Die selbst gebrannten, digitalisierten Ausgaben. Keiner sagte: „Kalla, könntest du bitte wieder etwas Rumpeln hinzufügen? Der Bass klingt mir zu knackig.“

Das spricht doch sehr dafür, dass ich damals mit recht vernünftigen Menschen Musik gemacht habe. Also mit Leuten, die Musik hören wollen – und nicht das Geräusch eines Tonabnehmers, der sich mit archäologischer Hingabe durch beschädigtes Vinyl pflügt.

Ich habe überhaupt nichts gegen Schallplatten. Wirklich nicht. Ich liebe große Cover, schöne Haptik, den Geruch, das Ritual, die Erinnerung daran, wie man früher Musik fast körperlich besaß.

Eine LP in der Hand war etwas anderes als eine Datei auf einer SD-Karte. Das weiß ich. Ich habe diese Dinger ja nicht nur gekauft, ich habe sie selbst mit in die Welt gesetzt. Aber genau deshalb muss ich nicht so tun, als sei jeder technische Mangel ein Geschenk des Himmels. Nur weil Nostalgie einen Plattenteller besitzt, wird aus Verschleiß noch lange kein Qualitätsmerkmal.

Ich weiß noch, wie wir damals Plattenseiten abhörten und hofften, dass die Pressung halbwegs ordentlich war. Ich kenne dieses kleine innere Zusammenzucken, wenn plötzlich ein Knackser an einer Stelle auftaucht, an der man ihn nie wieder loswird.

Ich kenne das Gefühl, wenn ein Stück, auf das man stolz ist, nach ein paar Dutzend Durchläufen klingt, als hätte jemand feinen Schotter darübergestreut.

Und heute erklären mir Menschen, das sei der eigentliche Zauber.

Nein, verdammt noch mal!

Das war kein Zauber!

Das war Materialverschleiß!

Man kann natürlich auch einen Motorschaden „automobile Wärme“ bezeichnen, trotzdem kommt man danach keinen Meter weiter.

Die CD war für mich kein Feind der Musik, sondern eine der angenehmsten technischen Entwicklungen meines musikalischen Lebens. Ich konnte plötzlich aufnehmen, brennen, kopieren, archivieren, weitergeben. Ich konnte Musik hören, ohne vorher eine kleine Messe für Tonarm, Nadel und Hausstaub zu feiern. Ich konnte meinen eigenen Kram endlich so weiterreichen, dass nicht schon beim fünften Hören der erste Rumpler mitten im Arrangement saß.

Bei Vinyl muss man Musik immer auch verwalten. Man braucht Hüllen, Bürsten, Reinigungsflüssigkeit, Nadeln, Vorsicht, Demut und möglichst keine Kinder, Katzen oder Menschen mit normalen Fingern im Raum. Man legt nicht einfach eine Platte auf, sondern ein zu Vinyl gewordenes Heiligtum. Vorher wird entstaubt, gebürstet, ausgerichtet und ehrfürchtig der Tonarm abgesenkt. Im Grunde fehlt nur noch Weihrauch.

Und dann kommt jemand und sagt: „Das klingt eben organischer.“

Organischer klingt bei mir höchstens der Kompost.

Besonders schön finde ich diese sogenannten Goldohren, die einem erklären, man müsse das eben „richtig hören lernen“. Das bedeutet übersetzt: Wenn ich den Unterschied nicht höre, bin ich zu dumm. Wenn ich ihn höre, haben sie recht. Und wenn eine Messung etwas anderes zeigt, war das Messgerät vermutlich digital und damit seelenlos.

Das ist keine Wissenschaft. Das ist akustisches Wünschelrutengehen. Man irrlichtert mit einem 3.000-Euro-Kabel durchs Wohnzimmer und wartet darauf, Applaus dafür zu bekommen.

Das Schöne an dieser Methode: Sie ist vollkommen immun gegen Widerlegung. Hört man den Unterschied, haben die Goldohren recht. Hört man ihn nicht, ist die Anlage zu schlecht, das Kabel nicht eingespielt, der Strom schmutzig, die Raumakustik ungeeignet oder der Zuhörer schlicht noch nicht reif für höhere audiophile Weihen. Nur die Möglichkeit, dass da vielleicht gar nichts zu hören ist, kommt im Glaubensbekenntnis nicht vor.

Sagt doch einfach: Ich mag Vinyl. Ich mag das Auflegen. Ich mag das große Cover. Ich mag die Erinnerung. Ich mag, dass Musik dadurch wieder ein Vorgang wird und nicht nur ein Klick auf der Tastatur. Das wäre völlig in Ordnung. Das wäre sogar sympathisch.

Ich würde sofort unterschreiben.

Aber dieses pseudowissenschaftliche Gefasel vom angeblich überlegenen Klang macht mich fertig.

Vinyl ist nicht besser als CD. Vinyl ist umständlicher, teurer und viel empfindlicher. Vor allem aber ist es ein recht fotogenes Klanggrab und hervorragend geeignet, Besuchern zu zeigen, dass man nicht einfach Musik hört, sondern eine Beziehung zu Pressqualität, Tonarmgeometrie und Staubpartikeln unterhält. Man besitzt dann keine Stereoanlage mehr. Man führt eine kleine private Materialprüfanstalt mit angeschlossener Musikabteilung.

Die CD ist Musik. Vinyl ist Musik plus Möbelstück, Glaubenssystem und Wartungsvertrag. Und genau darin liegt ja durchaus ihr Charme. Nur sollte man Charme nicht mit technischer Überlegenheit verwechseln. Ein VW Käfer ist sympathischer als ein ICE. Deswegen würde ich mit ihm trotzdem nicht versuchen, mit 250 Sachen nach München zu fahren.

Und wenn mir dann wieder jemand mit glänzenden Augen erzählt: „Das hat einfach mehr Seele“, nicke ich freundlich, schaue auf die knisternde Platte und denke: Nein, das ist kein Seelenüberschuss, sondern Dreck in der Rille, du Trottel.

Und früher musste ich mir diesen Dreck auch noch fünfzehnmal neu kaufen. Vielleicht war das ja die eigentliche Wärme: die Reibungshitze beim Bezahlen.


PS:

Und seid einfach froh, dass ich euch meine Ausführungen über das Eigenleben von Tonbandkassetten und ihren natürlichen Fressfeinden, den dazugehörigen Kassettenrecordern, erspart habe. Denn wer einmal zehn Meter Bandsalat mit einem Bleistift zurück in eine BASF-Kassette gedreht hat, weiß: Früher war nicht alles besser. Früher opferte man nur notgedrungen wesentlich mehr Zeit, sich mit kaputter Technik zu beschäftigen.

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