Kallas Kolumne: Die Antisemitismuskeule als Totschlagargument

Debatte kaputt, Moral gerettet

Früher musste ich in politischen Debatten tatsächlich noch argumentieren. Eine entbehrungsreiche Zeit war das: Fakten, Zuhören, Zusammenhänge, womöglich sogar ein eigener Gedanke. Heute geht das wesentlich effizienter. Ein einziges Wort genügt: Antisemitismus. Schon heulen die moralischen Sirenen, die Rollläden gehen runter und der Gesprächspartner wird per Schleudersitz aus der Debatte gekeult. Was er gesagt hat, ist fortan ungefähr so interessant wie die Bedienungsanleitung einer Nagelschere. Spannender ist die Frage, was für ein schlechter Mensch er eigentlich ist.

Ich bewundere diese Effizienz. Frage ich, was an einer Äußerung konkret antisemitisch sein soll, stehe ich schon unter Verdacht. Bitte ich gar um Belege, wird es ernst. Und bitte ich dann auch darum, zwischen Judenhass, Israelkritik und Kritik an einer rechtsradikalen israelischen Regierung gefälligst zu unterscheiden, empfiehlt sich vorsorglich ein erweitertes Führungszeugnis samt Schufa-Auskunft. Differenzierung ist schließlich gefährlich. Sie könnte dazu führen, dass zwei Dinge gleichzeitig wahr sind.

Dabei ist Antisemitismus viel zu ernst, um ihn als politisches Konfetti zu verstreuen. Judenhass, Verschwörungsmythen, Holocaustrelativierung oder die Vorstellung, jüdische Menschen müssten für Entscheidungen der israelischen Regierung geradestehen, sind real und widerwärtig. Genau deshalb ist es fahrlässig, den Begriff auf alles zu kleben, was politisch unangenehm riecht. Wenn jeder entzündete Streichholz zum Großbrand erklärt wird, fragt beim echten Feuer irgendwann jemand, ob es diesmal wirklich brennt. Schon der Begriff Antisemitismus ist ein sprachliches Erbstück seines Erfinders: 1879 wollte Wilhelm Marr seinem Judenhass offenbar etwas mehr akademischen Glanz verleihen. Judenhass klang wohl zu ehrlich.

Wie schwierig das Thema offenbar selbst für höchste politische Ämter ist, demonstrierte kürzlich Bundeskanzler Friedrich Merz. „Die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit ist Antisemitismus“, erklärte er. Das muss man erst einmal schaffen: Man will sich schützend vor jüdische Mitbürger stellen und erklärt sie dabei zu Ausländern.

Nach dieser Logik müssten jüdische Deutsche, deren Familien seit Generationen in Deutschland leben, zunächst kurz das Land verlassen, damit man sie anschließend vor „der perfidesten Form der Ausländerfeindlichkeit“ schützen kann. Im Kanzleramt fiel später immerhin auf, dass an diesem Satz etwas schief ist. Zurückgenommen wurde er nicht; die Worte stünden für sich. Richtig, aber leider stehen sie vollkommen hilflos und von allen guten Geistern verlassen im In- und Ausland herum.

Besonders schön wird es ohnehin, wenn „die Juden“ auftreten sollen, als gäbe es irgendwo eine jüdische Hauptverwaltung mit Kantine, Pressestelle und täglich ausgegebener Losung. Die taz hat Berliner Jüdinnen und Juden zur Antisemitismusdebatte um die Linke befragt, und dabei geschah etwas für Freunde sauberer Weltbilder ausgesprochen Ärgerliches: Sie waren sich nicht einig. Einige sehen politische Instrumentalisierung, andere konkrete antisemitische Probleme, wieder andere fordern mehr Dialog und eine klare Trennung zwischen Judentum, Zionismus, Israel und israelischer Regierungspolitik.

Ich war erschüttert. Jüdische Menschen haben unterschiedliche Ansichten, streiten, widersprechen sich und beurteilen Israel, Palästina und deutsche Parteien verschieden. Kurz gesagt: Sie benehmen sich wie ganz normale Menschen. Für politische Gebrauchsanweisungen ist das natürlich ausgesprochen unpraktisch.

Bei Israel funktioniert der moralische Kurzschluss besonders gut. Ich kritisiere eine Entscheidung der Regierung, und schwupps, reden wir nicht mehr über diese Entscheidung, sondern über mich. Keine lästigen Fragen mehr zu Bombardierungen, zivilen Opfern, Siedlungen, Geiseln, Hamas oder Völkerrecht. Stattdessen werde ich moralisch durchleuchtet und geprüft, ob irgendwo antisemitische Ablagerungen zu entdecken sind.

Das Verfahren lässt sich wunderbar übertragen. Ich sage: „Tempo 30 ist hier unnötig“, und die Antwort lautet: „Aha. Hasst du etwa Kinder?“ Ich beklage mich über die Unpünklichkeit der Bahn, und schon muss ich erklären, warum ich Lokführer verachte. Damit wäre endlich jede Debatte von ihrem größten Problem befreit: dem Thema.

Natürlich beherrscht auch die Gegenseite dieses Spiel des Whataboutismus. Wer tatsächlich antisemitischen Unsinn erzählt und beim ersten Widerspruch sofort „Antisemitismuskeule!“ ruft, hat denselben Debattenvernichter nur mit umgedrehter Gebrauchsanweisung. Der eine ruft „antisemitisch“, der andere „Keule“, und nach kurzer Zeit weiß keiner mehr, worum es ging. Dafür fühlen sich beide moralisch hervorragend.

Das ist ohnehin der große Fortschritt unserer Diskussionskultur: Das Argument wurde durch das Etikett ersetzt. Antisemit, Rassist, Islamist, Rechtsradikaler, Linksradikaler, Zionist, Hamasfreund – wer zuerst klebt, gewinnt. Der Inhalt liegt unterdessen zappelnd unterm Tisch und wird später vom Personal zusammengefegt.

Ich hätte deshalb einen geradezu revolutionären Vorschlag: Man könnte wieder darauf achten, was jemand tatsächlich sagt. Wer Juden kollektiv verantwortlich macht oder antisemitische Verschwörungsmythen verbreitet, bedient Antisemitismus. Wer eine konkrete Entscheidung der israelischen Regierung kritisiert, kritisiert zunächst eine konkrete Entscheidung der israelischen Regierung. Danach könnte man seine Argumente prüfen, widerlegen oder ihnen zustimmen.

Das wäre für unsere Debattenkultur allerdings brandgefährlich, denn plötzlich könnte sich herausstellen, dass der politische Gegner nicht automatisch ein Monster oder Menschenfeind ist, sondern vielleicht einfach eine andere Meinung hat. Dann müsste ich zuhören, nachdenken und womöglich sogar mit einem Argument antworten.

Dafür fehlt mir nun wirklich die Zeit. Also nehme ich lieber wieder die Keule. Sie ist robust, billig, mehrfach verwendbar und funktioniert ganz ohne Fakten. Vor allem muss ich damit nicht einmal genau treffen. Es reicht, wenn etwas hängen bleibt. Und sei es nur der Verdacht.

spot_img
Oktober 2026spot_img
Oktober 2026spot_img
Oktober 2026spot_img
Oktober 2026spot_img
Oktober 2023spot_img
Oktober 2025spot_img
August 2024spot_img
August 2024spot_img
Juni 2025spot_img
2015spot_img