Eine Osnabrücker Möbelinitiative gegen himmlische Ausreden
Von wegen Runder Tisch der Religionen. Ich habe mit einigen Freund:innen in Osnabrück den Eckigen Tisch der Irreligionen (ETI) gegründet. Nicht aus Trotz, nicht aus Langeweile, sondern aus Mitgefühl mit der Vernunft, die seit Jahrtausenden verschämt in der Ecke sitzt und allmählich den Verstand zu verlieren droht, weil sie hilflos dabei zuschauen muss, wie erwachsene Menschen unsichtbare Phantasiewesen für moralische Autoritäten halten, obwohl deren Kundenservice spätestens seit der Sintflut im Homeoffice ist.
Osnabrück hat bekanntlich einen Runden Tisch der Religionen. Das klingt nett, friedlich, konsensfähig und so, als würde gleich jemand Kräutertee einschenken und erklären, warum sein unsichtbarer Freund die besseren Tischmanieren hat. Alle sitzen rund, alle lächeln mild, in der Mitte schweben symbolisch ein oder gleich mehrere höhere Wesen, die wie üblich nicht erscheinen, aber selbstverständlich als anwesend gewertet werden.
Ich wollte etwas Ehrlicheres. Also: eckig. Vier Beine, vier Kanten, keine Aura, mehr IKEA, kein Heiligenschein, keine transzendente Sitzordnung. Mein Tisch behauptet nicht, das Universum erschaffen zu haben. Er verlangt keine Anbetung. Er interessiert sich nicht für Schlafzimmer. Und wenn er wackelt, nenne ich das nicht göttliche Prüfung, sondern ziehe die Schraube fest. Das ist weniger mystisch, aber deutlich hilfreicher.
Kein Gebet, kein Weihrauch, kein himmlisches Protokoll
Die erste Sitzung begann ohne irgendwelche absurden Rituale wie Gebete oder Verbeugungen gen Kattenvenne. Nicht aus Respektlosigkeit, sondern aus praktischen Gründen: Niemand wusste, an welches übermenschliche Fantasiewesen wir die Tagesordnung hätten schicken sollen. An den Gott der Christen? An Allah? An Jahwe? An diverse buddhistische höhere Wesen oder gar an die 330 Millionen Gottheiten der Hindus? 330 Millionen sind übrigens kein Tippfehler.
Wir entschieden uns für Kaffee und Kuchen. Das hat den Vorteil, tatsächlich vorhanden zu sein. Man kann beides sehen, riechen, essen oder trinken. Damit erfüllen Kaffee und Kuchen bereits mehr Nachweiskriterien als sämtliche religiösen Hirngespinste dieser Welt.
Unser Motto lautet: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Wir wissen nicht, was vor dem Urknall war. Wir wissen nicht, welchen Sinn das Universum haben soll. Wir wissen aber, dass nach dem Tod nichts kommt und auf dieses Nichts können wir alle gut verzichten. Der Unterschied ist nur: Wir basteln aus unserem Nichtwissen keine Hausordnung für ein eingebildetes Jenseits.
Andere sagen: Wir wissen es auch nicht, aber hier ist ein uraltes Buch mit erstaunlich konkreten Vorschriften bezüglich Sexleben, Essgewohnheiten, Kopfbedeckungen, Feiertagen und der Frage, wer wen lieben darf. Ein abscheulich reaktionärer Schmöker mit Regeln und Geboten, die schlimmer als jedes Strafgesetzbuch sind.
Gottes Premiumprodukt mit Totalschaden
Man sagt mir oft: Schau doch, wie schön die Schöpfung ist. Dann schaue ich und sehe Sonnenuntergänge, Meere, Wälder, Musik, Liebe, Kinderlachen. Und dann sehe ich die Erschöpfung: Kriege, Hunger, Krebsstationen, Folterkeller, Kindesmissbrauch, Erdbeben, Mücken, Steuerformulare und Menschen, die Florian Silbereisen hören, RTL II gucken und einem wehrlosen Kuchenteig Rosinen beimengen.
Soll das wirklich die Schöpfung gewesen sein? Oder hat beim kosmischen Qualitätsmanagement jemand sehr großzügig weggeschaut? Wenn ein allmächtiges, allwissendes und allgütiges Wesen diese Welt entworfen hat, möchte ich nicht in dessen Reklamationsabteilung arbeiten. Die Warteschlange muss bis zum Orionnebel und noch eine Milliarde Galaxien weiter reichen.
Guten Tag, hier Erde. Wir hätten da ein paar Mängel.
Welche denn?
Leid, Tod, Krankheiten, Naturkatastrophen, Grausamkeit, Dummheit, Dieter Bohlen, AfD …
Und haben Sie es schon mal mit Beten versucht?
Ja.
Und?
Nix!
Tja, dann bleibt mir nur noch zu sagen: Gottes Wege sind unergründlich …
Ach ja, die unergründlichen Wege. Diese himmlische Umleitung, auf der jedes Argument irgendwann in einer Sackgasse ohne Wendemöglichkeit im Nichts verschwindet. Wenn ein Mensch Leid verhindern könnte und es nicht tut, nennen wir ihn grausam. Wenn Gott es könnte und es nicht tut, nennen das einige unergründlich. Bei Menschen heißt es unterlassene Hilfeleistung, bei Gott Theologie. Was für ein sonderbares Zugeständnis ohne Gegenleistung.
Der freie Wille: Das Gaffer-Tape fürs Seelenheil
Dann kommt natürlich der Klassiker: der freie Wille. In religiösen Debatten ist er das Gaffer-Tape, das Allheilmittel des Glaubens. Man klebt ihn auf jedes Problem, tritt zwei Schritte zurück und sagt: Sieht doch wieder gut aus.
Krieg? Freier Wille. Mord? Freier Wille. Unterdrückung? Freier Wille. Ein Kind bekommt Leukämie? Äh. Prüfung. Erdbeben? Unergründlich. Parasit frisst sich durchs Auge? Bitte nicht so materialistisch werden.
Interessant ist ja: Wenn etwas Gutes passiert, ist Gott sofort zuständig. Genesung? Wunder. Parkplatz gefunden? Gott sei Dank. Prüfung bestanden? Der Herr hat geholfen. Katastrophe mit Tausenden Toten? Gottes Wege sind unergründlich. Tja, Pech gehabt.
Die Zahnfee hat wenigstens geliefert
Ich kenne übernatürliche Wesen, deren Existenz in meinem Haushalt deutlich besser belegt war als die vieler Götter. Die Zahnfee zum Beispiel. Meine Tochter konnte ihre Existenz bis zum zehnten Lebensjahr empirisch nachweisen: Zahn raus, Zahn unters Kopfkissen, morgens süße Überraschung da. Das war keine Offenbarung. Das war Feldforschung im Kinderzimmer.
Natürlich gab es auch bei der Zahnfee theologische Fragen. Warum interessierte sie sich ausgerechnet für Milchzähne? Was machte sie damit? Gab es eine zentrale Zahnannahmestelle? Arbeitete sie allein oder im Schichtbetrieb? Und warum zahlte sie ausgerechnet in Süßigkeiten, also mit dem Rohstoff künftiger Folgeaufträge?
Trotzdem: Die Beleglage war beeindruckend. Besser jedenfalls als bei einem allmächtigen Schöpfer, der angeblich Milliarden Galaxien verwaltet, sich aber seit Jahrtausenden weigert, auch nur eine halbwegs lesbare Quittung zu hinterlassen. Doch eines Tages geschah das, was in jeder Religion irgendwann droht: Die Wunder blieben aus. Ein Zahn lag unter dem Kopfkissen. Am nächsten Morgen: nichts. Kein Bonbon, keine Münze, kein himmlischer Lieferschein. Nur ein Kind, ein Zahn und die brutale Stille des Universums.
Meine Tochter fiel vom Glauben ab. Nicht durch Nietzsche. Nicht durch Darwin. Nicht durch eine philosophische Abhandlung über Erkenntnistheorie. Nicht durch ungläubige Eltern, sdndern durch ausbleibende Süßwaren. Früher kam etwas. Jetzt kam nichts. Also wurde die Hypothese „Zahnfee“ verworfen. So funktioniert Aufklärung. Bei Erwachsenen läuft es leider oft anders. Wenn die Wunder ausbleiben, wird nicht die Hypothese infrage gestellt. Dann heißt es wieder einmal: Gott prüft deinen Glauben und seine Wege sind unergründlich.
Gott: stark bei Parkplätzen, schwach bei Massengräbern
Besonders fasziniert mich die himmlische Zuständigkeitsverteilung. Schlüssel wiedergefunden? Gott war’s. Tumor verschwunden? Wunder. Geburt gut verlaufen? Der Herr hat geholfen. Millionen leiden? Komplexe Lage.
Gott scheint vor allem dort einzugreifen, wo der Zufall ohnehin schon einen Fuß in der Tür hat. Bei Parkplätzen, Prüfungen, Geldbörsen und Wetter fürs Gemeindefest ist er erstaunlich präsent. Bei Völkermord, Hungersnöten und Kinderkrebs bevorzugt er dagegen die zurückhaltende Form der Allmacht.
Ein Gott, der Parkplätze verteilt, aber bei Massengräbern auf geheimnisvolle Wege verweist, ist für mich kein moralisches Höchstwesen, sondern ein überqualifizierter Parkplatzwächter mit Heiligenschein.
Donald Trump: Wenn Gott Wahlkampfberater wird
Besonders lehrreich wird es beim Blick in die USA. Dort konnte und kann man im Umfeld Donald Trumps bewundern, was passiert, wenn Religion, Nationalismus, Machtgier und Größenwahn gemeinsam in einen Whirlpool steigen und hinterher behaupten, das sei Taufe.
Plötzlich wird Gott nicht mehr geglaubt, sondern strategisch eingesetzt: als Wahlkampfhelfer, Pressesprecher und himmlischer Notar für irdische Interessen. Dann heißt es nicht mehr: Was ist wahr? Sondern: Was klingt heilig genug, damit es keiner mehr überprüft?
Aus Nächstenliebe wird Grenzzaun. Aus Demut wird Führerkult. Aus Barmherzigkeit wird Kulturkampf. Aus Glauben wird Markenpflege. Und irgendwo steht ein Prediger und erklärt, das sei alles Gottes, also Trumps Wille.
Die himmlische Buchhaltung
Besonders reizvoll finde ich die Vorstellung eines Jüngsten Gerichts. Da soll eines Tages ein ebenso komischer wie kosmischer Richter erscheinen, der zig Milliarden Menschen bewertet, nachdem er ihnen vorher eine Welt hingestellt hat, in der die Wahrheit so gut funktioniert wie die medizinische Versorgung in den Vereinigten Staaten.
Dann fragt er: Warum hast du nicht an mich geglaubt? Und ich sage: Weil du dich versteckt hast, du Pfeife. Dann sagt er: Ich habe Zeichen gesendet. Welche? Sonnenuntergänge und die ständigen Auf- und Abstiege des VfL. Dein Ernst? Zumindest die Wahrheit …
Mein kleines Glaubensbekenntnis ohne Glauben
Am Eckigen Tisch der Irreligionen gibt es keine Dogmen, keine Propheten und keine Männer mit albernen Kopfbedeckungen, die im Namen des Universums erklären, was andere im Bett, im Kopf oder auf den Teller zu tun haben.
Über meinem Tisch hängt mein kleines Gedicht:
Je älter du wirst,
desto stärker der Glaube,
denn je mehr du dich irrst,
umso lock’rer die Schraube.
Darunter steht: Nicht vom Himmel gefallen. Selbst gereimt.
Falls es da oben doch jemanden gibt, der sich durch unseren Eckigen Tisch beleidigt fühlt, möge er bitte ein Zeichen senden. Aber bitte kein Erdbeben, keine Flut, keine Plage und kein weiteres heiliges Buch mit widersprüchlichen Fußnoten. Ein kurzer, klarer, überprüfbarer Hinweis würde reichen. Meinetwegen auch eine süße Überraschung unter dem Kopfkissen. Ein Aufstieg des VfL in die erste Liga wäre allerdings ein eindeutiger Gottesbeweis und würde zur sofortigen Auflösung des ETIs führen, was einen Aufnahmeantrag für den Runden Tisch der Religionen zur logischen Folge hätte.
Bis dahin halte ich es mit meinem Tisch: Er steht da. Er wackelt nicht. Er verlangt keine Anbetung. Er interessiert sich nicht einmal ansatzweise fürs Privatleben. Und wenn mal etwas schiefläuft, schiebe ich es nicht auf geheimnisvolle Wege. Ich ziehe einfach die Schraube fest.















