Ein Bericht aus dem Paradies der Ewiggestrigen
Eine Reise durch die gute alte Zeit der Prügelpädagogik, Frauenunterdrückung, Zuchthausromantik, braunen Persilscheine und rentenverträglichen Lebenserwartung
Ich kenne sie nur zu gut, all diese Jammerlappen, die mit Tränen in den Augen lallen: „Früher war alles besser.“
Bei diesem Satz kann ich nur gelangweilt mit den Schultern zucken, denn ich bin 1951 geboren und hake nach: „A watt … Was genau war denn nun alles besser?“
Die bleierne Luft? Die bleiernen Zeiten? Die Prügelpädagogik? Die Zuchthausromantik? Der Paragraph 175? Die Frauenverachtung? Hitlers ehemalige Lakaien, die nach wie vor in leitenden Positionen saßen? Oder nur die Tatsache, dass diejenigen, denen es schlecht ging, möglichst still zu sein hatten?
Ich habe diese Zeit erlebt. Nicht das Mittelalter, nicht das Kaiserreich, sondern die junge Bundesrepublik seit der Nierentischära und dem Wirtschaftswunder und sehr viel braunem Staub unter frisch gekehrten Teppichen.
Freie Fahrt bis zur Windschutzscheibe
Sicherheitsgurte und Kopfstützen gab es zum Glück noch nicht, denn nur so konnte man sich noch frei im Auto bewegen und auch mal den Kopf locker nach hinten werfen, besonders bei einer Vollbremsung. Kinder lagen hinten auf der Hutablage wie eine lebende Deko, und wenn Papa scharf bremste, lernte der Nachwuchs früh, dass sich Physik nicht austricksen lässt.
Heute würde man bei einem tödlichen Unfall vielleicht von fahrlässiger Tötung sprechen. Damals hieß es: „Das Kind hat sich nicht richtig festgehalten und ist dann mit Schwung ausgestiegen.“
Auch Motorradfahren war herrlich frei. Kein Helm, kein Kinnriemen, keine staatliche Bevormundung. Der Dickschädel durfte selbst ausprobieren, ob er auf Asphalt das hält, was sein Name verspricht.

Mein Vater war Unfallchirurg. Er zeigte mir gelegentlich Motorradunfallopfer. Andere Kinder bekamen ein Pixi-Buch über die Polizei, ich erhielt Anschauungsunterricht darüber, was geschieht, wenn sich Lederjacke, jugendlicher Leichtsinn und Leitplanke zu einer unbesiegbaren Einheit verschwören. Ich bin nie in meinem Leben Motorrad gefahren. Manche pädagogischen Konzepte funktionieren offenbar auch ohne Stuhlkreis.
In Osnabrück gehörte zur großen Fortschrittssimulation der sogenannte Neumarkttunnel. Oben durften die Autos an die Sonne, die Menschen wurden in den Untergrund geschickt und verschwanden in einer Mischung aus Bahnhofsklo, Betonbunker und kommunalem Albtraum. Stadtplanung, wie sie direkt aus einem Auspuff nicht hätte besser geträumt werden können.
Ich bin oft genug dort hindurchgegangen und habe mich gefragt, welche Gesellschaft ihre Fußgänger unter die Erde schickt, damit die Autos oben ungestört herumkurven können. Doch bis heute gibt es Ewiggestrige, die diesem Irrsinn hinterhertrauen, schließlich war das Softeis so lecker.
Unterricht mit braunem Restgeruch

Und es war ja nicht alles schlecht, man denke nur an die Autobahnen. Ich erinnere mich mit Abscheu an diese Mischung aus Autorität und braunem Restgeruch mit Persilschein.
Überhaupt saßen ehemalige Nazis wieder dort, wo es warm, sicher und einflussreich war: in Gerichten, Behörden, Ministerien und Kabinetten. Wer gestern noch mit Hitlergruß stramm durch die Geschichte marschiert war, konnte heute wieder Recht sprechen, Akten verwalten, Kinder unterrichten oder Adenauer beim Regieren helfen.
Entnazifizierung? Denkste, eher Fachkräftemangel mit Hakenkreuzschatten.

Früher starb man rentenverträglich
Besonders gern höre ich, früher sei das Leben gesünder gewesen. Vermutlich, weil es kürzer war.
Als ich 1951 geboren wurde, lag die männliche Lebenserwartung ungefähr in jener Gegend, in der das Rentenalter von 64,6 Jahren noch wie ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell wirkte: ein Leben lang arbeiten, dann höflich abtreten, bevor man Rente kassieren könnte. Der Staat hatte gerechnet, der Mann hatte zu sterben.
Nun bin ich fast 75 und damit statistisch bereits ein Störfall. Schlimmer noch: Wenn ein Mann heute 75 Jahre alt geworden ist, darf er statistisch noch zwölf Jahre weitermachen, und wenn er das schafft, gibt es noch mal sechs Jahre Zuschlag, erst danach wird es richtig eng. Auf jeden Fall ist das natürlich ein Affront gegen jede solide Rentenkalkulation.
Mein Überleben verdanke ich allerdings weder einem höheren Wesen, noch Globuli oder Bachblüten. Ich vertraue auch keinem Wunderwasser, das sich angeblich an Wirkstoffe erinnern kann, aber regelmäßig vergisst, wohin es die Autoschlüssel gelegt hat. Ich verdanke es Medizin, Hygiene, Impfungen, Operationen, Antibiotika, Intensivstationen und Vorsorge. Also jenem wissenschaftlichen Krimskrams, den manche Menschen aus tiefster Überzeugung ablehnen, jedenfalls solange sie ihn nicht selbst benötigen.
„Alles Chemie!“, rufen sie gern und haben versehentlich Recht, denn der ganze Mensch ist nichts anderes als Chemie. Idioten!
Früher wurde Krebs oft erst entdeckt, wenn er bereits ein eigenes Postleitzahlengebiet beantragt hatte. Viele Krankheiten galten als Schicksal und natürlich hat es der Herr so gewollt, weil es schlicht keine wirksame Behandlung gab. Ich erinnere mich auch an die Kinderlähmung. Polio war kein nostalgisches Abenteuer, sondern eine grausame Krankheit: Kinder an Krücken, eiserne Lungen, Eltern in Angst.
Besiegt wurde sie nicht durch Omas Hühnersuppe oder Stammtischimmunologie, sondern einzig und allein durch Impfungen. Ich stand mit zig anderen Kindern nach dem Fußballtraining an der Kreuzschule im Schinkel Schlange. „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ war vielleicht keine große Lyrik, aber wirksamer als das hohle Getöse von Impfgegnern bei Telegram.
Die gute alte Zeit der Männer
Für die Bevölkerung muss diese Vergangenheit ein wahres Paradies gewesen sein – vorausgesetzt, sie war ein Mann.
Eine Frau durfte arbeiten, wenn der Ehemann nichts dagegen hatte. Selbstverwirklichung fand zwischen Kartoffelschälen, Kinderkriegen und Mundhalten statt. Gleichberechtigung bedeutete, dass der Mann alles entschied und die Frau dabei die Gardinen waschen durfte. Auch einen Führerschein konnte eine Frau nicht selbstverständlich machen. Der Ehemann oder Vater musste zustimmen. Eine Frau am Steuer – das gefährdete offenbar die innere Sicherheit. Oder noch schlimmer: Sie hätte wegfahren können.
Die Pille stand ebenfalls nicht selbstverständlich zur Verfügung. Sexualität war für Frauen weniger ein Recht als vielmehr ein Risiko mit Alleinerziehungsanspruch. Der Mann konnte sich nach dem Abenteuer verdrücken und zur Tagesordnung übergehen. Die Frau bekam den Bauch, etliche Moralpredigten und ihre gesamte Lebensplanung geriet aus dem Ruder. Damals nannte man das nicht Unterdrückung, sondern „tja, selbst schuld“.
Als Frauen auch noch Fußball spielen wollten, bekam der Deutsche Fußball-Bund einen Anfall von Schicklichkeit. Der Frauenfußball wurde verboten, weil beim Kampf um den Ball die „weibliche Anmut“ verschwinde. Ich bewundere diese Logik bis heute: Männer durften sich gegenseitig die Schienbeine polieren, den Schiedsrichter beschimpfen und anschließend im Vereinsheim zehn Bier trinken. Das war Sportkultur. Wenn Frauen gegen einen Ball treten wollten, drohte der Zusammenbruch der westlichen Wertekultur.
Ach, und was ist mit der Vergewaltigung in der Ehe?
Stimmt! Die gab es natürlich auch. Das Strafgesetzbuch war bis 1997 der Meinung, der Trauschein verwandle Gewalt in eheliche Pflichterfüllung. Kein schrecklicher Witz: Eine Ehefrau konnte genötigt, geschlagen und sexuell missbraucht werden – als Vergewaltigung im Sinne des damaligen Paragraphen 177 galt die Tat nicht, weil das Gesetz ausdrücklich nur den „außerehelichen Beischlaf“ erfasste.
Am 15. Mai 1997 beschloss der Bundestag endlich, dieses Wort aus dem Gesetz zu streichen. 471 Abgeordnete stimmten dafür, 138 dagegen. Unter den Neinstimmen: Friedrich Merz. Später erklärte er, er würde heute anders abstimmen. Ich finde es beruhigend, dass selbst Friedrich Merz schon nach gut einem Vierteljahrhundert zu der Erkenntnis gelangt war, dass bei einer Vergewaltigung nicht die Ehe geschützt werden muss, sondern die Frau. Für einen Kosmopoliten aus dem Sauerland eine fürwahr erstaunliche Erkenntnis.
Damals wurde jedenfalls nicht bei jeder Kleinigkeit gefragt, ob eine Frau vielleicht ein Mensch sei. Zustimmung war etwas für Backrezepte, nicht fürs Schlafzimmer. Der Trauschein diente halb als Liebesbeweis und halb als Abrissgenehmigung für Grundrechte. Wer diese Zeit verklärt, sollte wenigstens hinzufügen, aus welcher Position er sie betrachtet.
Charakterbildung mit Kochlöffel
Auch wir Kinder wurden noch „richtig erzogen“, also geschlagen. Wenn man sich die Hände nicht schmutzig machen wollte, wurde das Recht des Stärkeren mit dem Gürtel, dem Kochlöffel, dem Teppichklopfer oder einem anderen Gegenstand aus dem elterlichen Erziehungsarsenal durchgesetzt. Schließlich, so hieß es, müsse man dem Kind Respekt beibringen.
Das ausdrücklich gesetzlich verankerte Recht auf gewaltfreie Erziehung kam in Deutschland erst im November 2000. Ich war damals 49 Jahre alt. Die Bundesrepublik brauchte also mein halbes Leben, um unmissverständlich festzustellen, dass Kinder keine familiären Sandsäcke sind. Selbst in der Schule konnte es Backpfeifen regnen, und die Erwachsenen erklärten hinterher, das habe noch niemandem geschadet.
Der Staat im Schlafzimmer
Paragraph 175 gehörte ebenfalls zur guten alten Zeit. Männer wurden verfolgt, ins Zuchthaus gesperrt und gesellschaftlich vernichtet, weil sie Männer liebten. Nicht weil sie jemandem schadeten. Nicht weil sie Gewalt ausübten. Sondern weil dem Staat beim Gedanken an zwei erwachsene Männer im Bett die Pickelhaube beschlug.
Dazu passte der sogenannte Kupplungsparagraph. Der Staat mischte sich damals selbstverständlich nicht überall ein, sondern nur in Schlafzimmer, Ehen, Frauenkörper, Kinderzimmer, Liebesleben und Moralfragen. Also praktisch nur in all das, was ihn einen feuchten Kehricht anging.
Für wen war früher eigentlich alles besser?
Natürlich war früher nicht alles schlecht. Das Brot war schon damals fast so knusprig wie heute, die Tomaten schmeckten häufiger nach Tomaten und Prickel Pit kostete 5 Pfennig. Ich möchte die Vergangenheit nicht vollständig schlechtreden. Ich möchte nur verhindern, dass aus einer persönlichen Kindheitserinnerung ein gesellschaftspolitisches Märchenbuch wird.
Denn die Vergangenheit, die mir als Idyll verkauft wird, war für viele Menschen eine schlecht gelüftete Mischung aus Stammtisch, Küchenschürze, Kinderangst, Männerbund, Zuchthaus, eiserner Lunge, ungewollter Schwangerschaft, braunen Personalakten und Osnabrücker Neumarkttunnel.
Wenn mir also wieder jemand mit einem sentimentalen Seufzer erklärt, früher sei alles besser gewesen, frage ich nur noch:
Für wen denn?
Für die Frau, die ihren Mann um Erlaubnis bitten musste, wenn sie arbeiten oder Auto fahren wollte?
Für das Kind, das geprügelt wurde und sich anschließend beim prügelnden Vater entschuldigen musste?
Für den homosexuellen Mann, den der Staat einsperrte?
Für die Ehefrau, deren Nein rechtlich nichts bedeutete?
Für das Mädchen, das Fußball spielen wollte?
Für die Kranken, die heute überleben, damals aber rechtzeitig aus der Statistik verschwanden?
Für die Schüler:innen, denen Ex-Nazis mit Prügel Demokratie beibrachten?
Für die Fußgänger:innen, die in Osnabrück unter die Erde geschickt wurden, damit oben das Auto regieren konnte?
Oder war früher nur deshalb alles „besser“, weil die Opfer leiser, die Täter angesehener und die Teppiche groß genug waren, um ganze Biografien darunter verschwinden zu lassen?
Ich bin 1951 geboren. Ich habe genug von diesem Früher gesehen und erlebt, um es nicht mit einem Heimatfilm zu verwechseln. Es war fast alles schlechter, vor allem nichts besser. Vieles war legaler, brutaler, brauner, kränker und männlicher – und blieb sorgsam hinter verschlossenen Türen verborgen.
Und wer diese Zeit heute verklärt, vermisst nicht seine Jugend, sondern eine eiskalte patriarchale Ordnung, die auf einer grausamen Vergangenheit beruhte.
PS: Mittlerweile schmecken sogar die Tomaten besser als früher.












