Kallas Kolumne: Meine Saisonplanung zwischen Kiez, Kohlenstaub und Kontrollverlust

Kiez-Erinnerungen, Ruhrgebiets-DNA und lila-weiße Zwangseinweisung

Ich werde in dieser Saison nicht bei jedem Auswärtsspiel selbst vor Ort sein. Ich war gestern nicht einmal in Melle, um mir das aufregende 0:0 gegen den heimischen SC zu ersparen. Irgendwann setzen Alter, Rücken und ein Hauch Vernunft natürliche Grenzen. Aber die OR ist natürlich trotzdem da. Irgendwer von uns steht immer irgendwo am Spielfeldrand, während ich im Zweifel vor dem Live-TV sitze und so tue, als sei das keine durch körperliche Gebrechen hervorgerufene Reiseunlust, sondern altersgerechte Spielbeobachtung mit Fernbedienung.

Ehrlich gesagt, habe ich gleich zwei geliebte Zweitvereine: St. Pauli, weil ich dreißig Jahre in Hamburg und fast die Hälfte davon auf dem Kiez gelebt habe, und den VfL Bochum, weil meine Mutter aus Bochum stammt. Das mag emotional etwas kompliziert klingen, aber als VfL-Fan kennt man ja sein Leben lang nichts anderes als komplizierte emotionale Zustände, und am Ende zählt ohnehin nur der VfL, und zwar der aus Osnabrück.

Um mich seelisch auf die kommende Saison vorzubereiten und mich innerlich an die „neuen“ Vereine zu gewöhnen, die allesamt alte Bekannte sind, habe ich mich einmal etwas genauer mit der Hinserie beschäftigt. Mit der Rückserie werde ich mich dann mit neuen Erkenntnissen im Januar 2027 beschäftigen. Ach, und die Entfernungen sind übrigens grob gerechnete Autokilometer ab Bremer Brücke ohne Umleitungen, Staus und Hydration Breaks.

08./09.08.2026: Heidenheim – VfL (ca. 535 km einfach / 1.070 km hin und zurück)
Zum Auftakt geht es nach Heidenheim, und sofort denke ich an die ewige Trainerlegende Frank Schmidt: bodenständig, witzig und durchaus auch unangenehm, und wie er in einem Interview mit Burkhard Tillner verriet: „Wir sind ultragern angetreten. Man wird hier hinter der Trainerbank so schön 90 Minuten durchbeleidigt. Ich steh so drauf.“ Aber Heidenheim ist nicht nur der 1. FC, sondern darüber hinaus eine hübsche Mittelstadt mit 50.000 Einwohnern und Geschichtsbewusstsein. Dem größten Helden der Stadt, dem Hitler-Attentäter Georg Elser, wird gleich an mehreren Stellen gedacht, und man sollte sich einen Besuch der Georg Elser Gedenkestätte nicht entgehen lassen. Bildung vor dem Anpfiff schadet nie, zumal man sie nicht vorher bei der DFL beantragen muss.

14.–16.08.2026: VfL – Magdeburg
Dann kommt Magdeburg an die Brücke. Sportlich reizvoll, stimmungsvoll ohnehin, politisch aber mit jenem unangenehmen Unterton, der bei Teilen der Fanszene darauf schließen lässt, dass der Rechtsaußen nicht nur eine Position auf dem Rasen ist. Ich hoffe auf die ersten drei Heimpunkte und einen friedlichen Verlauf.

28.–30.08.2026: Bochum – VfL (ca. 135 km einfach / 270 km hin und zurück)
Bochum auswärts ist für mich, wie schon erwähnt, kompliziert. Meine Familie stammt nun mal mütterlicherseits von dort: „Hömma, Kalli!“ Ich liebe das Ruhrgebiet, und dieser andere VfL hat mit Grönemeyers „Bochum die mit Abstand schönste Stadionhymne der Welt. Wer das einmal im Ruhrstadion live gehört hat, vergisst es nie. Da wird selbst ein alter Osnabrücker Zyniker kurz weich und behauptet später, er habe nur Kohlenstaub in den Augen gehabt. Leider ist Fußball trotz Grönemeyer kein Wunschkonzert, und sobald mein VfL dort aufschlägt, ist Bochum bis zum Abpfiff nur noch die ungeliebte Mischpoke.

04.–06.09.2026: VfL – Braunschweig
Gegen Braunschweig wird es niedersächsisch gereizt. Das ist keine normale Rivalität, sondern seit 1963 ein alter Aktenordner im Keller. Der VfL-Vorstand, Friedel Schwarze und mein Vater, hat ihn damals angelegt, und sobald man ihn öffnet, riecht alles nach DFB-Betrug und Schiebung: Anstelle des sportlich qualifizierten VfL wurde die Eintracht aus Braunschweig Gründungsmitglied der Bundesliga. 63 Jahre später ist das für die meisten längst kalter Kaffee, doch leider gibt es heute noch viel abstoßendere Ereignisse, für die in Braunschweig immer wieder irgendwelche Widerlinge sorgen, die ihrem ehemaligen Mitbürger Adolf Hitler offenbar nacheifern wollen. Ich freue mich schon auf die „Lila-weiße Affenscheiße“-Rufe aus der Gästekurve, seit Jahrzehnten der intellektuelle Höhepunkt aus der Kreativabteilung der Braunschweiger Fanszene, nur noch getoppt durch das sehr viel anspruchsvollere „Kühe, Schweine, Osnabrück!“ Man muss Hochkultur eben nehmen, wie sie einem aus dem Gästeblock entgegenschallt …

11.–13.09.2026: VfL – Hertha BSC
Ach ja, die Hertha, zu der ich innerlich überhaupt keine Verbindung verspüre. Allerdings gelten mittlerweile aus familiären Gründen für die Stadt Berlin mildernde Umstände: Meine Tochter studiert dort Mode, ein Genre, dem ich ungefähr so verfallen bin wie Red Bull Leipzig oder Silbereisens Schlagerboom. Egal, Mode ist für mich, wenn das VfL-Trikot vom vorvorletzten Abstieg noch nicht eingelaufen ist. Hertha versucht ja ebenfalls seit Jahren, aus verschiedenen Schnittmustern eine halbwegs tragbare Saison zu schneidern, doch meistens landen schon die Entwürfe in einer der Grabbelkisten des KaDeWe. Ich werde wahrscheinlich dabei sein, zumal meine Tochter am 10. September Geburtstag hat.

18.–20.09.2026: Kiel – VfL (ca. 320 km einfach / 640 km hin und zurück)
In Kiel wartet der Norden. Es gibt sogar Nordvereine, zu denen ich ein ziemlich gleichgültiges Verhältnis habe. Und das, obwohl Holstein und der VfL seit dem 9.11.1947 insgesamt 92 Spiele gegeneinander ausgetragen haben und die Bilanz mit 44-14-34 für den VfL positiv ist. Holstein-Fans zeigten in Osnabrück einmal sogar ihre „widerlichen nackten Ärsche“ an der Brücke (legendäres Zitat aus einer Internet-Reportage der NOZ). Egal, in Kiel geht es um Punkte und hin und wieder auch ums Wetter, zumal Küstenvereine gern glauben, Wind und Sturm seien eine prima Spielidee. Ich halte dagegen: Wenn der Ball mal unkontrolliert fliegt, muss das nicht Taktik sein, das kennen wir auch vom VfL.

09.–11.10.2026: VfL – Dresden
Und dann Dresden. Laut, wuchtig, großer Anhang, der sich an der Brücke auch schon als Abrissunternehmen der Gästetoilette geriert hat. Na, und politisch stets ein Grund, genau hinzuhören, was da als „Tradition“ verkauft wird und akustisch womöglich in einer Reichsparteitagsnachlese endet. Immer wenn der VfL auf Dynamo trifft, schätze ich mich extrem glücklich, VfL-Fan zu sein.

16.–18.10.2026: Bielefeld – VfL (ca. 55 km einfach / 110 km hin und zurück)
Arminia. Irgendwie wie die nette Variante von Preußen Münster. Ich freue mich auf die Alm, auch wenn ich mir in den Tagen vor der Partie noch zigmal die abgedroschene Phrase von der Nichtexistenz Bielefelds werde anhören müssen. Für mich ist Bielefeld ein ostwestfälischer Dauerzustand: Man fährt hin, verliert drei Punkte und verschenkt somit sinnlos Lebenszeit. Das Ärgerliche ist: Lebenszeit kann man nicht einmal in der Nachspielzeit nachholen. Ich fahre trotzdem hin, denn seit wir in Osnabrück unser eigenes IKEA haben, ist die Arminia der letzte und einzige Grund für einen Bielefeld-Besuch, zumal auch die Autobahn endlich fertig ist. Mehr Fortschritt kann man in Ostwestfalen kaum erwarten.

23.–25.10.2026: VfL – Fürth
Gegen Fürth fehlt mir jede natürliche Feindschaft. Etliche Male musste die Brücke von Schnee befreit werden, das weiß ich noch. Sympathisch war mir der Immer-wieder-mal-Trainer Benno Möhlmann. Gegen Fürth verliert man nicht dramatisch, sondern ärgerlich, was beim VfL die kleine Schwester von „das hätte wirklich nicht sein müssen“ ist. Aber auch das spielt keine Rolle, da ich mich grundsätzlich auf jede Partie freue, wenn der VfL daran beteiligt ist.

30.10.–01.11.2026: Wolfsburg – VfL (ca. 230 km einfach / 460 km hin und zurück)
Wolfsburg ist ein Verein wie ein Geschäftsbericht, selbst Emotionen müssen dort vorher vom VW-Aufsichtsrat abgesegnet werden. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da gehörten die Wolfsburger durchaus dazu: In den 50er-Jahren in der Oberliga Nord, dann ab Mitte der 60er in der Regionalliga Nord. Irgendwann war das nur noch VW und ein seelenloses Stadion und hatte mit Fußball nichts mehr zu tun. Ich bin da altmodisch: Ich bevorzuge Vereine, bei denen die Pleite nicht im Konzernbericht versteckt wird, sondern offen auf dem Platz bis hin zur Insolvenz ausgetragen wird.

06.–08.11.2026: VfL – Kaiserslautern
Mit Kaiserslautern kommt viel selbstherrliche Tradition und noch mehr „Und wir sind wichtig für die ganze Region“-Gelaber an die Brücke. Egal, wir haben schließlich auch Geschichte, nur weniger Höhenmeter und eine ganze Menge mehr Demut, wenn auch meistens unfreiwillig. Ein Wiedersehen mit Maxwell Gyamfi kann meine VfL-Seele auch nur bedingt erquicken, ein Sieg gegen die roten Teufel dagegen umso mehr.

20.–22.11.2026: Karlsruhe – VfL (ca. 445 km einfach / 890 km hin und zurück)
Karlsruhe ist wieder mal eins dieser Spiele, auf das ich mich nur freue, weil der VfL daran beteiligt ist. Sobald ich KSC höre, fällt mir nicht Oliver Kahn ein, sondern eine Live-Übertragung vom 4. Juni 1969 aus dem Wildparkstadion. Baumann traf in der 70. Minute zum 1:0 für den VfL, Ripp glich in der 77. aus. Mehr als 5.000 VfL-Fans wohnten diesem einzigartigen Spektakel auf dem Hof der Osnabrücker Aktien-Bierbrauerei bei, das von Hartwin Kiel trotz aller technischen Widrigkeiten tapfer kommentiert wurde. Ansonsten ist Karlsruhe schon wegen der Stadtplanung einfach nur komisch.

27.–29.11.2026: VfL – Hannover 96
Und nun gibt sich auch noch Kinds Hobby die Ehre an der Brücke. 96 hat mich nie richtig abgeholt und wenn man weiß, dass sich Carsten Maschmeyer und Gerhard Schröder im dortigen VIP-Bereich regelmäßig herumgetrieben haben, kann man zu diesem Club keine positiven Gefühle entwickeln. Hannover hält sich gern für die große Nummer, und ich halte genau das für Hannovers größtes Problem. Sachlich ist das zwar nicht, muss es aber auch gar nicht sein, denn Sachlichkeit kann ich dann ja später im Podcast simulieren.

04.–06.12.2026: Cottbus – VfL (ca. 535 km einfach / 1.070 km hin und zurück)
Cottbus auswärts ist selbst auf der Landkarte ganz weit rechts außen. Dazu kommt Trainer Pele Wollitz, dieses wandelnde Missverständnis aus Pathos, Dauerempörung und Schuldzuweisungen. Ein Mann, der dem VfL seine ganze Karriere zu verdanken hat, sich aber wie ein störrisches Kind aufführt, als sei ihm an der Bremer Brücke einst das Pausenbrot geklaut worden. Sein Verhältnis zum VfL wirkt längst wie eine unbehandelte Vereinsneurose, der er auf Pressekonferenzen freien Lauf lässt. Mittlerweile pflegt er zum VfL ein Verhältnis wie ein beleidigter Ex, der nicht verstehen will, wie er vor die Tür gesetzt werden konnte, obwohl er sie selbst geöffnet hatte. Ich will einfach die Punkte und Wollitz danach wie Rumpelstilzchen schimpfen sehen.

11.–13.12.2026: VfL – FC St. Pauli
Dann FC St. Pauli. Mein Kiezverein. Dreißig Jahre habe ich dort gelebt, geliebt, geflucht, gestritten, gewohnt und vermutlich auch ein paar Dinge getan, an die ich mich lieber nicht vollständig erinnern möchte. Auf dem Kiez bin ich Taxi gefahren, habe regelmäßig im Schmidt-Theater Kabarett gespielt, habe als erster und einziger Journalist für zwei Wochen in der Hafenstraße gewohnt, wo Pauli Torwart Volker Ippig auch zu Hause war, und ich bin mit Corny Littman um die Häuser gezogen. Unvergessen der erste VfL-Heimatabend „Doppelhochzeit“ mit Pele Wollitz in dem aus allen Nähten platzenden „Oxmox“, erst danach ging es in die Lagerhalle. Der FC St. Pauli und der VfL waren 2007 gemeinsam aufgestiegen. Corny sagte mir am Telefon wegen einer Reise nach Portugal zwar ab, versprach aber, alles dafür zu tun, uns telefonisch im Oxmox zu erreichen. Tatsächlich nahm er dann live am Heimatabend teil, und zwar live per Telefon vom Flughafen Porto aus. Corny ist einfach ein klasse Typ. Nun kommt aber fast 20 Jahre später der FC St. Pauli an die Brücke. Und Gäste dürfen zwar sympathisch sein, aber auch Gastfreundschaft hat ihre Grenzen, und an diesem Wochenende ist der Kiez viel zu weit entfernt für melancholisch-kitschige Hafenmelodien.

18.–20.12.2026: Nürnberg – VfL (ca. 465 km einfach / 930 km hin und zurück)
Kurz vor Weihnachten Nürnberg. Tolle Stadt, wenn nicht der völlig überkandidelte Christkindlmarkt wäre, der mit dem Osnabrücker Weihnachtsmarkt ohnehin nicht mithalten kann. Ich bleibe eh zu Hause und freue mich auf den Besuch meiner Tochter. Ansonsten sind mir die „Clubberer“ schon seit Max Morlock und Max Merkel maximal egal. Das mag historisch ungerecht klingen, hört sich für mich aber gefühlsmäßig stabil an.

15.–17.01.2027: VfL – Darmstadt
Erst nach der Winterpause kommt Darmstadt an die Brücke, die der VfL hoffentlich gut genutzt hat. Zu Darmstadt fällt mir derart viel ein, dass ich mir das für die Rückrunde sparen möchte. Ich werde bei hoffentlich erträglichen Temperaturen ins Stadion gehen, mich erst über einen Sieg freuen und mich dann seelisch auf auf den Beginn der Rückrunde vorbereiten.

Also zusammengefasst: Ich mag den FC St. Pauli. Ich mag Bochum. Dafür habe ich familiäre, biografische und sentimentale Ausreden genug. Warum ich aber auch den HSV mag, geht euch heute nichts an. Das klären wir erst beim Rückspiel am Millerntor, wenn meine moralische Verfassung es zulässt.

Und am Ende zählt ohnehin nur der VfL. Der richtige. Der einzige. Der aus Osnabrück.

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