Wird Deutschland immer bekloppter?
Der Mann mit den strahlend weißen Raffzähnen ist inzwischen Bundestrainer, Medienpädagoge und Beauftragter für Nationalstolz
Ich habe Jürgen Klopp lange gern zugesehen, weil er in diesem vollständig durchvermarkteten Betrieb wenigstens so wirkte, als käme er gerade aus der Kurve und nicht aus einer Vorstandssitzung der Deutschen Vermögensberatung. Inzwischen sehe ich vor allem eine perfekt inszenierte Werbeikone mit Bart, einen wandelnden Imagefilm im Kapuzenpulli und einen Mann, dessen absurd weiße Raffzähne selbst das Flutlicht wie romantisches Kerzenlicht erscheinen lassen.
Als ich im Juli über den frisch ernannten Bundestrainer schrieb, hielt ich ihn bereits für einen Populisten für Fanwellness, der Hochleistungsfußball, Konzernlogik und Millionengeschäfte in eine flauschige Decke aus Emotionen und Malocherromantik wickelt. Inzwischen muss ich feststellen, dass ich seine Möglichkeiten unterschätzt habe, denn jetzt erklärt mir Jürgen Klopp auch noch Deutschland.
Vorher hat die Fußballidee allerdings ein wenig Geld gekostet. Für Klopps Wechsel aus dem Red-Bull-Imperium zum DFB vereinbarten beide Seiten drei Länderspiele in Leipzig bis Ende 2030 und eine läppische Million Euro für Wings for Life. Ich erinnere mich dabei gern an Klopps frühere Feststellung, Red Bull sei vor allem eine „Fußballidee und nicht eine Geldidee“. Natürlich.
Bei Wings for Life zeigt sich zudem eine bemerkenswerte konzerninterne Arbeitsteilung. Die Stiftung finanziert sinnvollerweise Rückenmarksforschung, während BASE-Jumping, Wingsuit-Fliegen, Freestyle-Motocross, Downhill und andere Sportarten, bei denen meine Krankenkasse vermutlich schon beim Zuschauen den Beitrag erhöht, seit Jahrzehnten zur Red-Bull-Markenwelt gehören.
Seit Beginn dieses Extremsport-Marketings sind nach aktuellen Recherchen mindestens 13 Sportlerinnen und Sportler ums Leben gekommen, die entweder direkt von Red Bull gesponsert wurden oder bei Veranstaltungen mit Red-Bull-Beteiligung tödlich verunglückten. Eine vollständige offizielle Statistik des Konzerns dazu gibt es nicht. Vorne fliegt einer mit dem Motorrad über einen Abgrund, hinten wird daran geforscht, was passiert, wenn die Landung nicht Bestandteil des Werbefilms wird. Andere Firmen würden so etwas vielleicht einen Zielkonflikt nennen. Bei Red Bull dürfte es unter Synergieeffekte laufen.
Ohnehin ist Klopp inzwischen weniger Fußballtrainer als Markenarchitektur auf zwei Beinen. DVAG, Trivago, Kinder Country, Adidas, Volkswagen, Red Bull – wenn morgen ein Hersteller von Dachpappe erklärt, nur Jürgen Klopp verkörpere glaubwürdig die emotionale Verbindung zwischen Mensch, Bitumen und Eigenheim, würde ich nicht einmal mehr zucken.
Beim DFB tritt er entsprechend auf. Jürgen betritt einen Raum, grinst, redet, und nach wenigen Minuten hat man das Gefühl, nicht ein Bundestrainer gebe eine Pressekonferenz, sondern die Pressekonferenz habe die Ehre, von Jürgen Klopp besucht zu werden. Schon bei seiner Vorstellung machte er deutlich, dass er verschwinde, wenn die Medien sich danebenbenähmen. Der Schutz seiner Familie ist selbstverständlich; interessanter wird es, wenn ein Bundestrainer gleich die Spielregeln für Journalisten mitzuliefern scheint.
Bei seiner ersten Kadernominierung wurde das besonders hübsch. Nachdem zuvor Namen durchgesickert waren, erklärte Klopp, es sei „arm, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen“. Ich war bislang naiv genug zu glauben, Journalismus bestehe unter anderem darin, Informationen zu beschaffen und zu veröffentlichen, bevor eine Pressestelle sie freiwillig herausgibt. Vielleicht besteht moderner Sportjournalismus künftig darin, vor dem DFB-Campus zu warten, bis Jürgen herauskommt, eine Deutschland-Kappe verteilt und sagt, was heute gewusst werden darf.
Dass ausgerechnet Klopp anderen Leuten erläutert, womit man anständig Geld verdient, besitzt ohnehin einen gewissen Unterhaltungswert. Bei einem Mann, der vermutlich mehr Produkte beworben hat, als mein Dodesheide-Lidl in Regale und Tiefkühltruhen bekommt, würde ich berufsethische Grundsatzseminare eher unter Satire verbuchen.
Dann nominierte Klopp auch noch 44 Spieler in zwei Kadern. Das kann klug sein, kann schiefgehen, ist aber wenigstens groß genug für Jürgen. Und weil 44 Fußballspieler allein offenbar noch nicht genügend Stoff für einen Vormittag boten, widmete sich der neue Bundestrainer anschließend auch noch der deutschen Seele.
Man dürfe den Nationalstolz nicht den „falschen Leuten“ überlassen, erklärte Klopp, man müsse sich die Fahne zurückholen und könne stolz darauf sein, Deutscher zu sein und zugleich offen, vielfältig, nett und freundlich. Immerhin räumte er ein, kein Fachmann für Politik zu sein, was mich ungemein beruhigte.
Warum Offenheit, Freundlichkeit und Deutschsein überhaupt erst als möglicher Gegensatz aufgebaut werden müssen, erschließt sich mir allerdings nicht. Offenbar brauchte es Jürgen Klopp, damit das Land erfährt, dass man gleichzeitig eine Deutschlandfahne besitzen und nett zu Ausländern sein kann.
Die Medien sprangen begeistert darauf an, die „Zeit“ ließ Klopp gleich „der Republik ihre Fahne zurückholen“ und die „müde Mitte“ elektrifizieren. Aus einer Pressekonferenz über Fußball wurde binnen Stunden ein staatspolitisches Motivationsseminar.
Mir fehlt dafür offenbar das richtige Gen, denn ich weiß nicht, warum ich stolz darauf sein soll, Deutscher zu sein. Ich habe dazu nichts beigetragen; meine Mutter hat mich hier ohne vorherige Rücksprache zur Welt gebracht, und aus altersbedingten Gründen konnte ich damals kaum widersprechen.
Ich bin heilfroh, hier zu leben, kann Grundrechte verteidigen, die deutsche Sprache lieben, über Bürokratie fluchen, mich über Osnabrück freuen und Red Bull Leipzig weiterhin verachten. Aber auf die geografischen Begleitumstände meiner Geburt stolz zu sein erscheint mir ungefähr so sinnvoll wie Stolz auf meine Schuhgröße.
Wer auf Deutschland stolz sein möchte, soll das gerne tun. Meinetwegen kann er morgens die Fahne hissen und die Nationalhymne gleichzeitig auf Quetschkommode und Nasenpfeife spielen, solange er mich nicht weckt. Ich verstehe nur nicht, warum ein Fußballtrainer daraus ein gesellschaftliches Regenerationsprogramm machen muss.
Zumal Klopp als Bundestrainer bis heute, den 20. September 2026, noch kein einziges Länderspiel bestritten hat. Sportlich wissen wir also exakt gar nichts über seine Amtszeit, gesellschaftspolitisch sind wir dagegen schon erstaunlich weit: Die Fahne wird zurückgeholt, Nationalstolz neu definiert, die Mitte elektrifiziert, Journalisten bekommen Berufsberatung und 44 Spieler eine Einladung. Nur Fußball wurde noch nicht gespielt.
Früher stellte Klopp Mannschaften auf, heute offenbar gleich Deutschland: links Offenheit, rechts Vielfalt, im defensiven Mittelfeld gesunder Patriotismus und vorne Jürgen. Falls das nicht funktioniert, ändern wir eben die Formation – 4-4-2 gegen schlechte Laune, 3-5-2 gegen Politikverdrossenheit und aggressives Gegenpressing gegen Rechtsextremismus. Journalisten, die das System vorher verraten, bekommen keine Deutschland-Kappe. Ätsch!
Und falls Hein Duckdich irgendwann in der 93. Minute das Siegtor gegen Holland köpft, werde ich weder eine Deutschlandfahne suchen noch plötzlich stolz auf meinen Geburtsort sein. Ich werde sagen: schönes Tor.
Wenn Klopp danach noch Deutschland retten möchte, darf er das gern auf der nächsten Pressekonferenz erledigen. Bis dahin hätte ich nur eine kleine Bitte: Jürgen, lass erst mal Fußball spielen. Den Rest der Republik kriegen wir notfalls alleine hin. Ganz ohne dich.
In echt …












