Der VfL zeigt Farbe
Ein Verein zeigt Solidarität – und schon öffnet sich unter dem Beitrag die Kanalisation des Internets. Empathie gilt dort offenbar als verdächtige Ideologie, während Häme, Hass und Menschenverachtung selbstverständlich nur „kritische Fragen“ sind.
Und natürlich darf auch die ehemalige BOB-Aktivistin Kerstin Albrecht nicht fehlen. Sie schreibt: „Ich finde es sehr schön die Anteilnahme. Danke dafür. Aber darf ich auch die Frage stellen, warum das für die Opfer von Stade nicht gemacht wurde? Das macht mich noch immer sehr traurig.“

Man darf das alles. Es ist nur nicht besonders klug, nicht besonders anständig und vor allem nicht besonders mitfühlend.
Denn der Satz „Aber was ist mit …?“ ist längst kein Ausdruck zusätzlicher Anteilnahme mehr. Er ist das sprachliche Brecheisen, mit dem jedes konkrete Mitgefühl sofort wieder zerlegt wird. Vordergründig wird Trauer bekundet, um sie bereits im nächsten Halbsatz gegen eine andere Trauer auszuspielen.
Erst ein Blümchen, dann ein „Aber“.
Erst ein Gebetshändchen, dann die moralische Fangfrage.
Erst ein gebrochenes Herz, dann der Vorwurf, man habe offenbar die falschen Opfer betrauert.
Diese Form der Anteilnahme ist ungefähr so herzlich wie ein Kondolenzschreiben mit beigefügter Beschwerdeordnung.
Statt für einen Moment einfach Mitgefühl zu zeigen, beginnt sofort die große Weltmeisterschaft im Relativieren: „Wo wart ihr damals?“, „Warum sagt ihr nichts zu …?“ und natürlich der Klassiker: „Was ist eigentlich mit den anderen?“
Man könnte glauben, Solidarität werde nur anerkannt, wenn vorher sämtliche Kriege, Anschläge, Katastrophen und Ungerechtigkeiten seit der Erfindung des Faustkeils lückenlos abgearbeitet wurden.
Dabei wäre die angemessene Reaktion erstaunlich einfach: einmal die Schnauze halten, das eigene Ressentiment nicht sofort ins Internet kippen und den Betroffenen Mitgefühl zeigen. Das kostet nichts, verlangt keinen Hochschulabschluss und führt auch nicht automatisch zum Zusammenbruch des Abendlandes.

Ich finde, Deutschland hat ein ernstes Problem. Nicht mit Regenbögen, nicht mit Solidarität und nicht mit zu viel Empathie. Sondern mit Menschen, die ihre Gefühlskälte für Vernunft, ihr Ressentiment für Mut und ihre schlechte Erziehung für eine politische Haltung halten.
Ich stehe zu diesem Zeichen der Solidarität. Ohne Relativierungen, ohne scheinheilige Gegenfragen und ohne Rücksicht auf jene, die schon beim Anblick von sechs Farben einen kulturellen Bürgerkrieg wittern.
Und ja: Auch ich trauere um die Opfer von Stade. Aber wenn jemand ihr Leid nur dann hervorkramt, wenn irgendwo anderen Menschen Mitgefühl gezeigt wird, erkenne ich darin kein Gedenken. Ich sehe, wie diese Opfer benutzt werden: als rhetorisches Werkzeug, als moralische Stolperfalle und als billiger Vorwand, konkrete Solidarität zu vergiften.
Für mich ist das keine Anteilnahme.
Für mich ist das Whataboutismus mit Blumenstrauß.












