Kallas Kolumne: Solidarität – aber bitte erst nach vollständiger Weltchronik

Der VfL zeigt Farbe

Ein Verein zeigt Solidarität – und schon öffnet sich unter dem Beitrag die Kanalisation des Internets. Empathie gilt dort offenbar als verdächtige Ideologie, während Häme, Hass und Menschenverachtung selbstverständlich nur „kritische Fragen“ sind.

Und natürlich darf auch die ehemalige BOB-Aktivistin Kerstin Albrecht nicht fehlen. Sie schreibt: „Ich finde es sehr schön die Anteilnahme. Danke dafür. Aber darf ich auch die Frage stellen, warum das für die Opfer von Stade nicht gemacht wurde? Das macht mich noch immer sehr traurig.“

Ja, selbstverständlich darf man diese Frage stellen. Man darf auch bei einer Beerdigung fragen, warum der Verstorbene nie an die Opfer des Dreißigjährigen Krieges gedacht hat. Man darf beim Löschen eines brennenden Hauses darauf hinweisen, dass andernorts ebenfalls Häuser brennen. Und man darf einer trauernden Familie erklären, dass ihre Trauer bedauerlicherweise unvollständig ist, solange sie nicht gleichzeitig sämtlicher Opfer der Menschheitsgeschichte gedenkt.

Man darf das alles. Es ist nur nicht besonders klug, nicht besonders anständig und vor allem nicht besonders mitfühlend.

Denn der Satz „Aber was ist mit …?“ ist längst kein Ausdruck zusätzlicher Anteilnahme mehr. Er ist die sprachliche Brechstange, mit dem jedes konkrete Mitgefühl sofort wieder zerlegt wird. Vordergründig wird Trauer bekundet, um sie bereits im nächsten Halbsatz gegen eine andere Trauer auszuspielen.

Erst ein Blümchen, dann ein „Aber“.
Erst ein Gebetshändchen, dann die moralische Fangfrage.
Erst ein gebrochenes Herz, dann der Vorwurf, man habe offenbar die falschen Opfer betrauert.

Diese Form der Anteilnahme ist ungefähr so herzlich wie ein Kondolenzschreiben mit beigefügter Portorechnung. Statt für einen Moment einfach Mitgefühl zu zeigen, beginnt sofort die große Weltmeisterschaft im Relativieren: „Wo wart ihr damals?“, „Warum sagt ihr nichts zu …?“ und natürlich der Klassiker: „Was ist eigentlich mit XYZ?“

Man könnte glauben, Solidarität werde nur anerkannt, wenn vorher sämtliche Kriege, Anschläge, Katastrophen und Ungerechtigkeiten seit der Erfindung des Faustkeils lückenlos abgearbeitet wurden. Dabei wäre die angemessene Reaktion erstaunlich einfach: einfach mal das Maul halten, die eigenen Bedenken nicht sofort ins Internet kotzen und den Betroffenen Mitgefühl zeigen. Das kostet nichts, verlangt keinen Hochschulabschluss und führt erst recht nicht zum Zusammenbruch demokratischer Gepflogenheiten.

Im Zeichen der Solidarität: Die Regenbogenfahnen mit Trauerflor am Rathaus

Doch schon ein Regenbogen im Vereinslogo genügt, um bei manchen Menschen einen geistigen Ausnahmezustand auszulösen. Dieselben Leute, die ununterbrochen Meinungsfreiheit fordern, ertragen offenbar nicht einmal ein paar bunte Farben. Freiheit ist für sie vor allem das Recht, andere zu beleidigen – möglichst ohne Widerspruch, denn der wäre dann natürlich Zensur.

Ich finde, Deutschland hat ein ernstes Problem. Nicht mit Regenbögen, nicht mit Solidarität und nicht mit zu viel Empathie. Sondern mit Menschen, die ihre Gefühlskälte für Vernunft, ihren Widerspruch für Mut und ihren miserablen Umgangston für eine politische Haltung halten.

Ich stehe zu diesem Zeichen der Solidarität. Ohne Relativierungen, ohne scheinheilige Gegenfragen und ohne Rücksicht auf jene Dauernörgler:innen, die schon beim Anblick von sechs Farben einen Bürgerkrieg der Kulturen wittern.

Und ja: Auch ich trauere um die Opfer von Stade. Aber wenn jemand ihr Leid nur dann hervorkramt, wenn irgendwo anderen Menschen Mitgefühl gezeigt wird, erkenne ich darin kein Gedenken. Ich sehe, wie diese Opfer missbraucht werden: als rhetorisches Werkzeug, als moralische Stolperfalle und als billiger Vorwand, konkrete Solidarität zu vergiften.

Für mich ist das keine Anteilnahme. Für mich ist das Heuchelei.

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