Kallas Kolumne: Uwe Steimles Pointenraub im Dienste der AfD

Uwe Steimle: Alter Narr – nichts kapiert
Wie ein Möchtegernkabarettist Werner Finck ausplündert und die Beute bei der AfD gegen Applaus eintauscht

Es gibt Pointen, die schreibt das Leben. Es gibt Pointen, die schreibt ein großer Kabarettist. Und dann gibt es Uwe Steimle, der durch die Geschichte des deutschen Kabaretts wie ein Sperrmülltourist irrlichtert. Er nimmt mit, was noch glänzt, versteht nicht, wozu es einst gehörte, schraubt ein AfD-Schild dran und erklärt den Fund zur eigenen Widerstandskunst.

Die Republik erregt sich zu Recht über Steimles Anspielungen auf Angela Merkel, Friedrich Merz und Stauffenberg. Man diskutiert über Geschmack, Strafbarkeit und die Frage, ob der Mann noch alle Tassen im Schrank hat oder wieder einmal nur missverstanden worden sein will.

Dabei stammt seine vermeintlich verwegene Pointe nicht einmal von ihm. Selbst beim eigenen Tabubruch reichte es offenbar nur zur Gebrauchtware. Sie stammt von Werner Finck und war gegen Adolf Hitler gerichtet. Steimle setzt also Merkel mit dem größten Verbrecher und Massenmörder der Weltgeschchte gleich.


„Der Hildebrandt kann nicht, kannst du kommen?“

Vielleicht fällt mir diese Pointenfledderei auch deshalb besonders unangenehm auf, weil ich Werner Finck einmal auf persönliche Weise begegnet bin – allerdings nur gerahmt.

Anlässlich der Wiedereröffnung des Deutschen Kabarettarchivs 2004 im Mainzer Proviant-Magazin rief mich dessen damaliger Leiter Jürgen Kessler an: „Der Hildebrandt kann nicht, kannst du kommen?“

Wer möchte nicht einmal für Dieter Hildebrandt einspringen? Die Frage klingt allerdings schmeichelhafter, solange man nicht darüber nachdenkt, ob und wie weit die Ersatzbank vor meiner Einwechslung bereits leergeräumt war.

Natürlich sagte ich zu. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass man zum Ersatzmann eines der bedeutendsten deutschen Kabarettisten befördert wird. Drei Auftritte waren vorgesehen: einer für Funk, Fernsehen und Presse, ein zweiter für Ehrengäste und der letzte schließlich für freiwillige Besucher.


Werner Finck hängt über mir

Ich sprang auf die Bühne und wollte routiniert mein Kurzprogramm abspulen, eine Halbzeit ohne Hydration Rest. Also erklärte ich, es sei mir eine große Ehre, für Dieter Hildebrandt einzuspringen, und blickte bedeutungsvoll über das Publikum hinweg. Weit kam ich nicht. Der Raum war niedrig, und schon am ersten Gewölbevorsprung hing ein gerahmtes Foto von Werner Finck. Meine Fernsicht endete folglich nach knapp zehn Metern in der deutschen Kabarettgeschichte.

Finck hatte das politische Kabarett geprägt und dafür Verhaftung, Konzentrationslager und Berufsverbot riskiert. Zum Glück hatte ich gerade sein Buch „Alter Narr – was nun?“ gelesen. In meinem Fall bedeutet „zum Glück“: Ich verfügte zufällig zum richtigen Zeitpunkt über frisch erworbenes fincksches Hintergrundwissen, also erzählte ich zum Einstieg kurz einige seiner Erlebnisse und Pointen.

Mehr lebendes Kabarettarchiv ging kaum: Werner Finck hing an der Decke, ich sprang für Dieter Hildebrandt ein, und der einzig mögliche Unsicherheitsfaktor auf der Bühne war ich selbst. Finck wäre vermutlich erleichtert gewesen, dass ich seine Pointen nicht einsteckte und anschließend behauptete, sie seien von mir. Diese Form der Traditionspflege blieb Uwe Steimle vorbehalten.


An die Wand stellen oder aufhängen?

Werner Finck kam nach 1933 mit einem gerahmten Hitlerporträt auf die Bühne, blickte auf das Bild und fragte: „Was mach ich jetzt mit ihm? An die Wand stellen oder aufhängen?“

Im Publikum saßen Gestapo-Spitzel und schrieben mit. Finck wandte sich an sie: „Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder muss ich mitkommen?“

Das war gnadenloses Kabarett in einer Diktatur. Finck wusste, dass aus einer Pointe ein Verhör, aus einem Auftritt eine Verhaftung und aus einem gelungenen Abend ein Aufenthalt im Konzentrationslager werden konnte. Er spielte nicht den Verfolgten. Er wurde verfolgt.

Uwe Steimle dagegen übernimmt Fincks Pointe, setzt Angela Merkel stumpf mit Hitler gleich und trägt das gruselige Ergebnis auf einer AfD-Bühne vor. Das ist nichts als primitive Geschichtsfälschung, um bei schlichten Gemütern Applaus zu erheischen.

Finck riskierte das Konzentrationslager. Steimle riskiert, dass jemand merkt, wo er abgeschrieben hat.


Pointenfledderei mit Identitätsbetrug

Steimle hat sich nicht von Werner Finck inspirieren lassen. Er hat die Pointe ausgeweidet und ihren historischen Inhalt entsorgt und Hitler, Diktatur, Gestapo, Lebensgefahr und antifaschistische Haltung gestrichen. Das ist keine Aktualisierung, sondern Pointenfledderei mit anschließendem Identitätsbetrug.

Unter dem Schutz des Grundgesetzes pöbelt Steimle gegen demokratische Politiker und hält den Beifall seines AfD-Publikums für den Ritterschlag des politischen Kabaretts. Das ist ungefähr so mutig, wie im Bierzelt „Freibier!“ zu rufen.

Die AfD ist die erste und einzige unterdrückte Bewegung der Weltgeschichte, deren Vertreter in Parlamenten, Talkshows, Pressekonferenzen, sozialen Medien und vollen Sälen pausenlos darüber klagen, dass sie nichts sagen dürften. Ihre Schweigespirale verfügt über erstaunlich viele Mikrofone.

Steimle liefert das kulturelle Begleitprogramm: Opferpose, Ostalgie, Hetze und geklaute Pointen.


Ich wusste wenigstens, dass ich nicht Hildebrandt bin

Ich durfte damals für Dieter Hildebrandt einspringen und wusste in jeder Sekunde, dass ich zwar alles Mögliche, aber bestimmt nicht Dieter Hildebrandt bin. Steimle greift nach Fincks Pointen und scheint zu glauben, damit selbst zu Werner Finck zu werden. Dabei besteht eine Pointe nicht nur aus Worten. Sie birgt auch eine Haltung, ein Ziel und ein Risiko in sich.

Finck fragte die Gestapo-Spitzel: „Kommen Sie mit? Oder muss ich mitkommen?“

Bei Steimle ist die Antwort eindeutig: Er kommt längst nicht mehr mit. Bei der AfD ist er trotzdem angekommen.

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