Wenn David gegen Goliath nur noch eine Frage des Geldes ist
Unter seinem Artikel zur zweiten Hauptrunde des DFB-Pokals schrieb Janis Weber in der vergangenen Saison folgende einleitende Worte:
„Wenn am heutigen Abend die zweite Runde des DFB-Pokals startet, dann fehlt etwas Wichtiges. Etwas, was diesen Wettbewerb zu dem macht, was er ist. Es fehlt das Salz in der Pokalsuppe: unterklassige Vereine und Amateurmannschaften.“ (Hier geht es zum Artikel.)
Schon damals wurde deutlich, wie sehr die finanziellen Ungleichgewichte, die sich nicht zuletzt in der Ligazugehörigkeit widerspiegeln, inzwischen auch den DFB-Pokal prägen. Sprüche wie „Der Pokal hat seine eigenen Gesetze“ oder „Der Glaube versetzt Berge“ verlieren zumindest bei den klassischen Duellen zwischen David und Goliath zunehmend an Bedeutung.
Von den 32 Mannschaften, die noch in der zweiten Runde vertreten sind, ist gerade einmal ein einziger echter Amateurverein übrig geblieben: der SSV Jeddeloh II aus der Regionalliga Nord. Zu diesem Erfolg hat natürlich auch unser VfL seinen Beitrag geleistet. Durch die Niederlage im Elfmeterschießen des NFV-Pokals am 2. September 2025 wurde die jetzige Pokalsensation überhaupt erst ermöglicht.
Bei den übrigen 31 Mannschaften handelt es sich um Profiteams, auch wenn Drittligisten bei der Auslosung bekanntlich dem Amateurtopf zugeordnet werden. Im Wettbewerb verblieben sind sämtliche 18 Bundesligisten, elf Zweitligisten und lediglich zwei Drittligisten. Drittliga-Aufsteiger Sonnenhof-Großaspach setzte sich gegen Arminia Bielefeld im Elfmeterschießen durch, während Aufstiegsfavorit Rot-Weiss Essen den FC St. Pauli aus dem Wettbewerb warf.
Das bedeutet: In 32 Begegnungen konnte sich lediglich dreimal ein Außenseiter durchsetzen. In einem dieser Fälle war der Sieger gerade einmal eine Spielklasse tiefer angesiedelt, benötigte das Elfmeterschießen und spielte zudem während der gesamten Verlängerung in Überzahl.
Bereits in der vergangenen Saison zeichnete sich ein ähnliches Bild ab. Mit dem SV Illertissen und Energie Cottbus erreichten lediglich zwei Amateurvertreter die zweite Hauptrunde. Allerdings hatte auch Arminia Bielefeld mit Werder Bremen einen Bundesligisten aus dem Wettbewerb geworfen. Die Arminia war in der ersten Runde noch dem Amateurtopf zugeordnet worden, da sie als Aufsteiger aus der dritten Liga kam. Nach dem Pokalfinaleinzug in der Vorsaison und Einnahmen von rund zehn Millionen Euro aus diesem Wettbewerb fällt es allerdings schwer, den heutigen Zweitligisten ernsthaft als Amateurverein zu bezeichnen.
Ein Blick auf die Statistik seit der Saison 2000/2001 bestätigt den Trend: Nie gab es in der ersten Hauptrunde weniger als drei Siege unterklassiger Mannschaften gegen höherklassige Gegner. Dieser Tiefstwert wurde nun zum zweiten Mal in Folge erreicht. In insgesamt neun Spielzeiten gelangen höchstens vier solcher Überraschungen – sieben davon allein innerhalb der vergangenen zehn Jahre. Die viel beschworenen Pokalsensationen werden offenbar zur aussterbenden Art.
Wie ungleich die Kräfte mittlerweile verteilt sind, zeigen auch die Begegnungen der heute beginnenden zweiten Runde. Sonnenhof-Großaspach trifft auf den FC Augsburg – ein Duell mit Kaderwerten von 3,55 beziehungsweise 192 Millionen Euro. Der Bundesligist bringt damit finanziell mehr als das 54-Fache seines Gegners auf den Platz.
Beim Aufeinandertreffen zwischen dem SSV Jeddeloh II und Hertha BSC fällt das Missverhältnis mit 1,28 zu 32,38 Millionen Euro geradezu bescheiden aus. Die Berliner sind schließlich „nur“ gut 25-mal so viel wert.
Den finanziellen Vogel schießt allerdings RB Leipzig ab. Der Dosenclub empfängt Rot-Weiss Essen und verfügt über einen Kaderwert von 514,95 Millionen Euro. Die Essener bringen es auf 9,28 Millionen – ein Verhältnis von rund 55 zu 1. David müsste seine Steinschleuder vermutlich erst einmal verpfänden, um sich überhaupt einen Stein leisten zu können.
Es wäre folglich kaum eine Überraschung, wenn in der dritten Runde ausschließlich Mannschaften aus der ersten und zweiten Bundesliga vertreten wären.
Eine traurige Entwicklung, die dem DFB-Pokal zunehmend das nimmt, was ihn über Jahrzehnte so reizvoll gemacht hat: die realistische Hoffnung auf die große Sensation. Unterklassige Vereine dürfen weiterhin mitspielen und werden mit Prämien belohnt, die für sie wirtschaftlich von erheblicher Bedeutung sind. Sportlich bleibt ihnen jedoch immer häufiger nur die Rolle des freundlichen Statisten, der nach 90 Minuten das Feld räumt und sich artig für die Teilnahme bedankt.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Arminia Bielefeld hat in der Saison 2024/2025 eindrucksvoll bewiesen, dass sich auch ein vermeintlich Kleiner bis ins Pokalfinale vorkämpfen kann. Wir alle hoffen, dass einem unterklassigen Team ein solches Kunststück noch einmal gelingt.
Allein: Der Glaube daran fällt von Jahr zu Jahr schwerer. Und wenn selbst David irgendwann nur noch mit einem millionenschweren Sponsor gegen Goliath antreten kann, hat der Pokal seine eigenen Gesetze wohl endgültig abgeschafft.













