Ein Ausflug ins „Drachenland“ zum letzten großen Mittelalter-Phantasie-Spectaculum in Bückeburg
Was haben Elfen, Orks und Piraten gemeinsam? Sie gehören nicht ins Mittelalter. Dafür aber auf das Mittelalterlich-Phantasie-Spectaculum, bei Fans kurz als MPS bekannt, das seit 30 Jahren an zwei Wochenenden im Sommer Station in Bückeburg macht. Das MPS ist „das größte reisende Mittelalter-Festival der Welt“, und tourt seit 1994 in den Sommermonaten quer durch Deutschland.
Wenn tausende Menschen in der heißen Sonne in Gewändern mit langen Schleppen oder glänzenden Ritterrüstungen, das Schwert an der Seite oder lässig auf der Schulter getragenen riesigen Wikingeräxten an einer Bundesstraße entlangwandern, ist wieder MPS-Zeitreisen-Zeit. Dabei geht es beim MPS um viel mehr als Mittelalter. Wer einmal den Alltag komplett hinter sich lassen, sich selber historisch oder einfach nur herrlich verrückt kostümieren oder sich an phantasievoll kostümierten Menschen sattsehen will, ist auf dem riesigen Gelände am Schlosspark in Bückeburg genau richtig. „Nicht authentisch, sondern fantastisch!“ lautet das Motto.
Drachen satt
Der erste Eindruck beim Betreten des Geländes sind riesige Drachen, die am Eingang warten. Aber auch auf dem Gelände gibt es Drachen satt, nicht nur als Skulpturen. Fauchend und feuerspeiend ziehen bis zu sieben Meter lange Dinos, die privat in Georgsmarienhütte zuhause sind, als Walk-Act Raptorex über das Gelände. Ein weiteres Highlight für Kinder ist die Heavy-Metal- und Hard-Rock-Band Heavysaurus, die in Dinosaurier- und Drachenkostümen auftritt. Auch das mehrmals am Tag stattfindende Ritterturnier fasziniert nicht nur Kinder.

Musik gibt es nicht nur auf der großen Bühne, sondern überall auf dem Gelände: Mittelalterliche Spielleute wie die Weltenkrieger mit „Sackpfeifen“ genannten Dudelsäcken oder verschiedene Folkmusiker. Seit Jahren dabei sind die Schotten von Saor Patrol mit ihren kraftvollen Drums und Highland-Pipes, die den Besuchern gerne auch beibringen, wie man einen Kilt richtig anlegt. Den tragen viele Besucher auf dem Gelände, ebenso wie mittelalterliche Gewänder. Wer noch kein passendes Kleidungsstück hat, kann sich hier damit eindecken. Hunderte Händler bieten ihre Waren an – von Gewandungen und Schmuck bis hin zu historischen Schwertern. Neben tschechischen Schmieden gibt es hier historische Handwerker wie Ziselierer und eine Riemenschneiderey. Man kann Bogenschießen oder mittelalterliche Tänze lernen oder ein Bad im Zuber von Lavabrum Luxurium nehmen. Gegen die Hitze helfen auf dem Gelände verteilte moderne Duschen. Außer einer reichen Auswahl an überwiegend deftigem Essen gibt es auf dem riesigen Gelände auch „ablassfreie“ Getränke, bei denen Met nicht fehlt. Im Heerlager findet man eine Bandbreite von Gruppen von den Bogenschützen von Avalon bis zu den Wölfen vom Nebelmoor aus dem Landkreis Cuxhaven.
Alles außer normal
Auch wenn es in der Umgebung von Bückeburg als „Mittelaltermarkt“ oder „Ritterturnier“ beworben wird – das MPS ist viel mehr: Hier ist das Ausgefallene Standard. Neben historischen Wikingern, bewaffneten Rittern oder schottischen Clans sieht man Fantasy-Figuren wie ungehobelte Orks, zarte Elfen, oder die schwebenden Windpferde über das Gelände ziehen. Die vielen kostümierten BesucherInnen sind eines der Highlights des MPS. Hier ist man in einer Mittelalter-Phantasiewelt, in der Kleider Gewänder und Schmuck „edles Geschmeide“ heißt und Glöckchen am Knöchel und ein Trinkhorn am Gürtel bei Männern und Frauen fast zur Standardaustattung gehören. Auf dem Spectaculum fällt man nicht auf, wenn man ein Fell so fett wie ein ganzes Schaf auf den Schultern, einen riesigen Zaubererstab, Elfenohren oder einen Fliegenpilz auf dem Kopf trägt. Hier gibt es wirklich alles, von Zauberern wie Gandalf im weißen Gewand, dem Hexenkönig von Angmar oder Harry Potters Erzfeind Voldemort – keine Phantasiegestalt, der man hier nicht begegnen kann. Und wenn Ragnaroek von Loki singen, ist wie selbstverständlich ein gutaussehender Loki mit dem berühmten Helm mit den großen goldenen Hörnern aus den Marvel-Filmen im Publikum.

Veranstalter Gisbert Hiller beschreibt die MPS Gäste als „alle positiv bekloppt, tolerant, friedlich und freundlich“, auch wenn das Mitbringen von Waffen wie Morgensternen, Äxten und Schwertern ausdrücklich erlaubt ist, wenn es sich um stumpfe und nicht scharfe oder spitze Waffen handelt. Auch der eine oder andere Enterhaken könnte dabei sein. Seit dem „Fluch der Karibik“ haben ganze Schiffsbesatzungen von Piraten, Männer wie auch Frauen, das Mittelalter geentert- und sie sehen verdammt gut dabei aus. Das Abschlusskonzert am vergangenen Sonntag bestritten denn auch die Piraten von der Hase, „Mr. Hurley und die Pulveraffen“ aus Osnabrück, für die es am kommenden Wochenende wieder nach Wacken geht. Dabei ist auf dem MPS nicht alles martialisch. So fallen neben den attraktiven Piratinnen und Piraten in diesem Jahr die vielen von der Nordic-Ritual-Folk-Band „Heilung“ inspirierten Schamaninnen auf.
Vor der spektakulären Kulisse des Mausoleums lauschen Kreuzritter schottischen Dudelsäcken („Gott will es!“), Terry Pratchetts unfähiger Zauberer Rincewind zieht mit seinem Koffer mit den vielen Beinen über das Gelände. Frauen tragen Kettenhemd-Corsagen, an denen sie ein ganzes Jahr gehäkelt haben, und sogar die Hunde sind mit Drachenflügeln verkleidet. Piraten mit Kraken auf der Schulter oder einem Aal unter dem Arm, Menschen mit einem Geweih auf dem Kopf oder riesigen Fledermausflügel auf dem Rücken– „endlich normale Menschen“! Das ist das offizielle diesjährige Motto des MPS, das sich als buntes und tolerantes Festival versteht. Dazu gehört auch, dass die Piraten von „Katerfahrt“ die Regenbogenfahne schwenken, während ihr Publikum beim ausgelassenen Piraten-Pogo „Fick die AfD“ skandiert.
Ansonsten ist hier überall das Klingeln von Glöckchen zu hören. Die Schellen an den Knöcheln von Gauklern waren ein Erkennungsmerkmal der „Spielleute“ genannten Musikanten, die „verehrt und angespien“ wurden und im „Spielmannsschwur“ besungen werden, der Hymne der Mittelalter-Rockband „Saltatio Mortis“, den Headlinern des ersten Wochenendes des Festivals, Bückeburg I. „Wer mit uns zieht ist nie mehr allein“ – diese Zeile aus dem „Spielmannsschwur“ drückt das Gemeinschaftsgefühl der BesucherInnen aus, die auf dem Markt und bei den Konzerten zusammenkommen.

Die Saison 2026 markiert das Ende einer Ära: Es ist das letzte Jahr mit den großen Musikbühnen, für die Besucher extra Eintritt bezahlen müssen und auf denen beliebte Bands der Szene wie „Faun“ und „Saltatio Mortis“ auftreten. Veranstalter Gisbert Hiller hat angekündigt, dass es das MPS in diesem Großformat in diesem Jahr zum letzten Mal geben wird. Ab 2027 stellt sich das Festival wieder etwas kleiner und familiärer auf, wie man es bis 2019 auch aus Telgte kannte.
Wer das MPS noch einmal im Großformat erleben möchte, kann sich am kommenden Wochenende (1. u. 2. August.) auf den Weg ins Drachenland in Bückeburg machen. Auf der Musikbühne sind dann „Feuerschwanz“, „Versengold“, „Subway to Sally“ und „Kupfergold“ zu hören. Der Markt findet Samstag von 11:00 – 24:00 Uhr und Sonntag von 11:00 – 19:00 Uhr statt, die Musikarena ist Samstag von 13:30 – 24:00 Uhr geöffnet.
Der Preis für den Besuch des Marktes beträgt an der Tageskasse am Samstag 14 € für Gäste ab 7 Jahren und 28 € für Gäste ab 15 Jahren, am Sonntag 11 € für Gäste ab 7 Jahren und 22 € für Gäste ab 15 Jahren. Das Kombiticket für Markt und Musik am Samstag kostet 41 € für Gäste ab 7 Jahren und 82 € für Gäste ab 15 Jahren.
Nach „Bückeburg II“ zieht das Spectaculum noch weiter nach Weil am Rhein (14.-16.8.), Speyer (22. u. 23.8.) und Luhmühlen (4.-6.9.). Außerdem gibt es ein Retro-MPS um das historische Wasserschloss in Borken im Münsterland (26. u. 27.9.).













