Kulturkritische Anmerkungen zu einem aktuellen Problem
„Politik gleicht … der modernen Kunst. Der Betrachter sagt fast automatisch: Das könnte ich auch. “ (Peter Sloterdijk)
So vollmundig, aber auch clever äußert sich gerade Peter Sloterdijk in der SZ. v. 4. – 6. April 2026. Ein wohlfeiler Vergleich oder eher doch nicht? Im Grunde kann ich jetzt auch Sloterdijks Assoziation selbst nicht wirklich ernst nehmen. Eher möchte ich formulieren: „Selbst das könnte ich auch – muss ich aber nicht.“
Doch noch mal zurück: „Das könnte ich auch“ . Wo genau liegt hier das ideologische Problem einer solchen Aussage? Versucht es nicht auf eine billige Weise ein altes Vorurteil für eigene Zwecke zu nutzen? Und wenn ja : für welche ? Etwa für die Unfähigkeit zu entscheiden, wie es jetzt mit der laufenden (Kunst-) Geschichte weitergeht? Jedes Problem erzeugt mehr Lösungen als wir zu denken glauben.
Messianismus – Memokratie
Ein Messianismus – eine religiöse und/oder politisch-soziale Heilserwartung – entsteht gerade in Zeiten zunehmend intensiver werdender weltweiter Krisenzeiten; ein neuer Messias antwortet jeweils auf die Sehnsucht nach Erlösung in dieser Gegenwart: Er/Sie inszeniert sich als ein von höherer Instanz ausgewähltes Medium, das den eigenen Weg als Wahrheit absolut setzt und dabei streitbar demokratische Ideale lustvoll deligitimiert.
Anders gesagt: der messianische Dealer Trump scheint für viele mehr als bloss ein Politiker zu sein. Er beschreibt sich selbst gerne als die „Vergeltung“ für die „vergessenen Männer und Frauen Amerikas“. Diese rechts-drehende Form von ideologischer „Wahrheit“ ist für viele Amerikaner*innen immer noch so offensichtlich, dass jede Wahl, bei der Trump nicht gewinnt, illegitim sein muss. Wahrheiten erscheinen so als deepfakes, die in erster Linie lange gepflegte Vorurteile bestätigen.
Wie viele messianische Bewegungen lebt auch die digitale Memokratie von politisch-sozialen Krisen und erschafft sie irritierenderweise permanent neu: sie partizipieren an politischen Konflikten und gesellschaftliche Spannungen mit im Kern rechtsextremenen Subtexten. Memes verdichten diese Ereignisse oft in zugespitzten, moralisierend aufgeladenen Bilder – durchaus ähnlich apokalyptischen Erzählungen, die zwischen Gut und Böse nicht mehr eindeutig unterscheiden (wollen).
Dementsprechend gilt eine Memokratie (vgl. dazu ausf. Wolfgang Ullrich: Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik. Berlin 2026) als aktuelles rechtes Herrschaftsformat der Fortsetzung eines Messianismus mit erweiterten, bewusst kommunikativ getriggerten Mitteln. Politisch Agierende, die ihr extrem rechtes Handeln auf „Memes“ herunterbrechen, agieren populistisch indem sie Gefühle zur Grundlage ihrer Handlungen machen“ (Wolfgang Ullrich. Memokratie, S. 47).
Als zeitgenössisch rechte Erlöser versuchen (heute besonders amerikanische) „Memokratoren“ sehr erfolgreich die bisher durch Argumente gestützte Politik durch affektiv-irritierender Bilder zu unterlaufen. Sie verharmlosen dabei ihr Handeln indem sie ihren Zynismus durch unerwartete Gags und Banalisierungen herunterdimmen und so ihre Konsumentinnen zu ihrem Einverständnis zwingen.
Während ein Messias jeweils von der aktuell schlechten Notlage seiner Gegenwart profitiert, profitieren Memokratorinnen zusätzlich von systemimmanenten technischen Optionen. Durch die Funktion etwa des Rebloggens erzeugen Memes immer intensiver eine „Nachfrage nach neuem Material“ ( Ullrich, a.a. O., S. 102).
Chat gpt bemerkt noch folgenden zeitlichen Aspekt eines unterschiedlichen Erwartungs-managments: „Während klassischer Messianismus auf ein zukünftiges Ereignis ausgerichtet ist, schrumpft in der Memokratie die Zeit: „Erlösung“ (z. B. öffentliche Anerkennung, Skandalisierung, moralische „Gerechtigkeit“) soll sofort eintreten.
Die Erwartung der Disruption wird permanent neu erzeugt und sofort wieder enttäuscht. …. Ein „Messias“ ist nicht mehr eine Person, sondern ein Prozess: die permanente, algorithmisch verstärkte Zirkulation von extremistischer Bedeutung.“ Diese Schlussfolgerung der KI basiert allerdings auf einer Ideo-Logik, die jede Form kritischer politischer Stellungnahme ausblendet.












