Leistungen in der Pflegewissenschaft setzten zentrale Maßstäbe
Für ihre wegweisenden Leistungen in der Pflegewissenschaft hat Prof. Dr. Doris Schiemann das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Im historischen Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses überreichte Oberbürgermeisterin Katharina Pötter die Auszeichnung am Donnerstag, den 17. September, im Namen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Schiemann hat über Jahrzehnte hinweg die Akademisierung und Qualitätsentwicklung der Pflege in Deutschland maßgeblich geprägt.
Die Feierstunde im Friedenssaal bot den würdevollen Rahmen für eine Ehrung, die das Lebenswerk einer Pionierin der deutschen Pflegelandschaft in den Mittelpunkt rückte. In ihrer Laudatio hob die Oberbürgermeisterin die enge Verzahnung zwischen der Wissenschaftsstadt Osnabrück und der spürbaren Verbesserung der menschlichen Pflegepraxis hervor. Forschung dürfe nicht im Elfenbeinturm stattfinden, sondern müsse das konkrete Leben der Menschen berühren, Probleme anpacken sowie den Alltag besser und menschlicher gestalten, betonte Pötter mit Blick auf das Wirken der Geehrten. Besonders unterstrich die Oberbürgermeisterin, dass es Schiemann bei der Standardisierung der Pflege nie primär um betriebswirtschaftliche Effizienz oder Kostenreduktion gegangen sei. Vielmehr stand stets die Würde des Menschen im Zentrum ihres Schaffens. Gute Pflege dürfe nicht an der Kassenlage scheitern, fasste Pötter die Haltung der Wissenschaftlerin zusammen und dankte ihr für den langjährigen Einsatz als Mahnerin und Ratgeberin in bundesweiten Expertengremien sowie auf regionalen Podien. Osnabrück könne stolz darauf sein, dass der Puls dieser pflegewissenschaftlichen Revolution zuerst in der Friedensstadt geschlagen habe.
In ihrer Dankesrede zeigte sich Prof. Dr. Doris Schiemann bewegt über die staatliche Auszeichnung, die sie im Kreis geladener Gäste, Weggefährtinnen und Weggefährten entgegennahm. Sie verstand die Ehrung auch stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen, die über drei Jahrzehnte an der Hochschule Osnabrück mit Sachverstand, Engagement und Herzblut zusammengearbeitet hatten, um die Akademisierung und Professionalisierung der Pflege voranzutreiben. Die nachhaltige Verankerung der Pflege in der Hochschulbildung beschrieb sie als eine einzigartige Erfolgsgeschichte der vergangenen 45 Jahre, deren Anfänge maßgeblich an der Universität und der Hochschule Osnabrück lagen.
Schiemann blickte in ihren Worten auf die Anfänge in den 1980er-Jahren zurück, als sie im Rahmen eines Modellprojekts zur Qualifizierung von Pflegedienstleitungen die Aufgabe übernahm, das Fach Pflege hochschulfähig zu machen. Ein entscheidender Meilenstein war dabei 1987 die Einrichtung der ersten Pflegeprofessur im deutschsprachigen Raum an der Hochschule Osnabrück, die mit der international renommierten Pflegewissenschaftlerin Ruth Schröck besetzt wurde. Schiemann erinnerte an die Entstehung der ersten Diplomstudiengänge sowie an die Zuweisung von Stellen durch das Land Niedersachsen, die nicht nur eine fundierte Lehre, sondern auch umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsprojekte ermöglichten.
Ein zentrales Thema ihrer Rede war die Gründung des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) im Jahr 1992. Schiemann verdeutlichte, wie aus den Impulsen des WHO-Programms „Gesundheit für alle im Jahr 2000“ und der Arbeit im europäischen Qualitätssicherungsnetzwerk EuroQUAN die Entwicklung bundesweiter Expertenstandards hervorging. Durch die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Pflegerat und die Förderung durch das Bundesgesundheitsministerium wurden seit 1999 verbindliche Qualitätsmaßstäbe gesetzt, die heute fest in den Bildungsprogrammen und der Pflegepraxis verankert sind. Schiemann dankte in diesem Zusammenhang ihrem Nachfolger Prof. Dr. Andreas Büscher, der die wissenschaftliche Leitung des DNQP 2012 übernahm, sowie dem Rektorat, ihren akademischen Wegbereitern Manfred Semrau und Gerhard Grünhausen und ihrer Familie für die jahrelange Unterstützung.
Pionierin der Pflegewissenschaft: Der Werdegang der Preisträgerin
Prof. Dr. Doris Schiemann blickt auf eine beeindruckende wissenschaftliche Laufbahn zurück, die das Berufsbild der Pflege in Deutschland nachhaltig verändert hat. Nach einer Ausbildung in der Kinderkrankenpflege und mehrjähriger Praxis schloss sie 1977 ein Lehramtsstudium sowie 1980 ein Diplomstudium der Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Gesundheitsadministration an der Universität Osnabrück ab. Bereits zu Beginn der 1980er-Jahre engagierte sie sich für grundlegende Veränderungen in der Praxis, unter anderem durch ihre Mitarbeit am Dokumentarfilm „Ganz nah bei dir …“, der die Einführung des Rooming-In in Kinderkrankenhäusern bundesweit vorantrieb. Bereits 1993 promovierte sie an der Universität Osnabrück mit einer empirischen Arbeit zur postnatalen Mutter-Kind-Pflege, deren Ergebnisse wichtige Impulse für einen Paradigmenwechsel in der Neugeborenen- und Wöchnerinnenpflege gaben.
Im selben Jahr wurde Schiemann auf eine Professur für Krankenpflege an die Hochschule Osnabrück berufen, nachdem sie dort bereits ab 1981 als wissenschaftliche Mitarbeiterin maßgeblich an der Konzeption der bundesweit ersten Pflegestudiengänge mitgewirkt hatte. Zu ihren herausragenden Lebensleistungen zählt die Gründung des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) im Jahr 1992, das sie bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 2012 leitete. Unter ihrer Federführung entwickelte das DNQP in Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat die ersten evidenzbasierten nationalen Expertenstandards – darunter zu Themen wie Dekubitusprophylaxe, Schmerzmanagement, Sturzprophylaxe und Entlassungsmanagement –, die heute als wissenschaftlicher Goldstandard für die Pflegequalität in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen gelten.
Neben ihrer Arbeit an der Hochschule brachte Schiemann ihre Expertise kontinuierlich in hochrangige politische und wissenschaftliche Gremien ein. So war sie unter anderem Mitglied der Expertengruppe zur Pflege-Personalverordnung (PPR), beriet das Bundesministerium für Gesundheit im Beirat für ethische Fragen im Gesundheitswesen sowie im Beirat zur Neufassung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs und war im wissenschaftlichen Beirat des AQUA-Instituts tätig. Für ihr außerordentliches Engagement wurde sie bereits mit der Agnes-Karll-Medaille des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe und dem Deutschen Pflegepreis ausgezeichnet. Der Verdienstorden am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland würdigt nun ein Lebenswerk, das die Pflege von einer rein praktischen Tätigkeit zu einer eigenständigen, akademisch fundierten Wissenschaftsdisziplin gehoben hat.













