Zeitenwende im Energierecht: Umstrittene Weichenstellungen belasten die Windenergiebranche
Am 5. Oktober kamen Experten aus Praxis, Recht und Wissenschaft im NOZ Medienzentrum zusammen, um über die aktuellen Entwicklungen der Energiewendepolitik zu beraten. Anlass war das 17. Hasewind Fachforum, das zeitgleich mit den Anhörungen des Ausschusses für Klimaschutz und Energie im Deutschen Bundestag stattfand. Die Bundesregierung verfolgt mit dem sogenannten Netzpaket sowie der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) das Ziel, den rechtlichen Rahmen neu zu ordnen und vor allem die Kosten für den Netzausbau sowie das Einspeisemanagement zu senken.
Im Zentrum der Debatte standen die Neuerungen für die Projektierung und Finanzierung von Windenergie- und Photovoltaikanlagen. Der Osnabrücker Stammtisch bot dabei die Plattform für einen direkten Abgleich zwischen den Regierungsentwürfen und der praktischen Umsetzbarkeit.
Rechtsanwalt Tobias Roß von der Kanzlei Dombert Rechtsanwälte ordnete den aktuellen Stand des Gesetzgebungsverfahrens juristisch ein. Das Gesetzgebungsverfahren für das Netzpaket und die EEG-Novelle befindet sich nach der ersten Lesung im Bundestag derzeit in der entscheidenden Phase der Ausschussberatungen. Es sei davon auszugehen, dass im Zuge des parlamentarischen Verfahrens noch wesentliche Detailänderungen vorgenommen werden. Besonderes Augenmerk richtete Roß auf den viel diskutierten Redispatch-Vorbehalt. Dieser soll den Netzbetreibern die Möglichkeit einräumen, ausgewiesene Netzgebiete bei einer Schwellenwertüberschreitung von fünf Prozent Wirkleistungsbegrenzung im Vorjahr als kapazitätslimitiert einzustufen. Anlagenbetreiber, die in solchen Zonen einen Netzanschluss suchen, müssten künftig in Verträgen für bis zu 20 Jahre auf Entschädigungszahlungen bei Abregelungen verzichten. Aus juristischer Sicht stieß diese Einordnung auf Skepsis, da der Verzicht auf Entschädigungen im Rahmen von Netzanschlussverträgen das Prinzip der Freiwilligkeit faktisch untergrabe und Konflikte mit europäischen Richtlinien heraufbeschwöre.
Zusätzlich sieht das Netzpaket Maßnahmen zur Digitalisierung und Transparenz vor, wie etwa die Pflicht für Netzbetreiber, monatlich aktualisierte Netzkarten und Online-Portale bereitzustellen. Neu ist zudem eine Kappung des unbedingten Anschlussanspruchs: Bei PV-Anlagen wird dieser standardmäßig auf 70 Prozent der installierten Leistung begrenzt, während für Windenergieanlagen feste Grenzwerte von 55 Prozent vorgeschrieben sind.
Alternativmodell Systemdienliche Anschlussleistung (SAL): BET Consulting stellt Gegenentwurf vor
Als Alternative zum pauschalen Redispatch-Vorbehalt präsentierte Johannes Kempen von der BET Consulting GmbH das Modell der Systemdienlichen Anschlussleistung (SAL). Die Weiterentwicklung bisheriger Flexibilitätsmodelle setzt auf eine dynamische und anlassbezogene Steuerung anstelle von starren Verzichtserklärungen.
Das Modell zielt darauf ab, die Kosten des Netzausbaus signifikant zu senken, ohne das Investitionsrisiko einseitig auf die Betreiber erneuerbarer Energien zu verlagern. Durch zielgerichtete Anreize soll die Auslegung von Windenergieanlagen systemdienlich gestaltet werden, was den Netzausbaubedarf verringert und den Anlagenausbau gleichzeitig aufrechterhält.
Wirtschaftlichkeit und steigendes Redispatch-Risiko: Analyse von Aurora Energy Research
Simon Koch von Aurora Energy Research untermauerte die Debatte mit Modellrechnungen zur Wirtschaftlichkeit. Die Eingriffe in die Fahrweise von Erneuerbare-Energien-Anlagen haben sich in den vergangenen Jahren massiv erhöht. Dieser Trend werde sich durch den schnellen Ausbau der Erneuerbaren im Vergleich zum langsameren Netzausbau kurz- bis mittelfristig verstärken; Modellierungen zeigen einen Anstieg der Redispatch-Mengen um bis zu 90 Prozent.
Die finanziellen Auswirkungen hängen dabei stark von der regionalen Ausprägung ab. Während das Umsatzrisiko bei einer gleichmäßigen Abregelung aller Anlagen moderat ausfalle, führe eine Bevorzugung von Bestandsanlagen bei der Abregelung neuer Projekte zu deutlich höheren Einbußen. Dies hat unmittelbare Folgen für die Ausschreibungen der Bundesnetzagentur: Modellrechnungen zeigen, dass bis zu 70 Prozent der Projekte in kapazitätslimitierten Gebieten aus dem wettbewerbsfähigen Bereich der EEG-Auktionen verdrängt werden könnten, da die Betreiber gezwungen sind, Risikoaufschläge in ihre Gebote einzupreisen.
Marktaussichten und Finanzierungsbedingungen: enervis energy advisors zur Vergütungsstruktur
Hendrik Eichholz von der enervis energy advisors GmbH beleuchtete die Konsequenzen der geplanten Abschöpfungsmechanismen und Contract for Difference (CfD)-Strukturen für die Finanzierung. Künftig sollen Erlöse, die über dem anzunehmenden Wert liegen, abgeschöpft werden. Dies verändert das Risikoprofil von Wind- und Photovoltaikprojekten nachhaltig.
Besonders kritisch bewertete Eichholz die Ausgestaltung bei PV-Projekten, wo der Höchstwert in den Ausschreibungen bei 59 Euro pro Megawattstunde gedeckelt ist. Durch das Zusammenspiel aus Marktpreisrisiken, pauschalen Kapazitätsentgelten und veränderten Wechselmöglichkeiten aus der geförderten Vergütung heraus geraten viele Vorhaben an die Grenze der Wirtschaftlichkeit. Die Finanzierungskonditionen seitens der Banken dürften sich in der Folge verteuern, was wiederum zu insgesamt höheren Gebotspreisen in den kommenden Auktionsrunden führen wird.
Der Energiewenderechner: Integrierte Regionalplanung des Bundesverbands Erneuerbare Energie
Einen Lösungsansatz für die Abstimmung von Erzeugung, Verbrauch und Netzkapazitäten lieferte Dr. Matthias Stark, Leiter Erneuerbare Stromsysteme beim Bundesverband Erneuerbare Energie e. V. (BEE). Er stellte den sogenannten „Energiewenderechner“ vor. Das Werkzeug entstand aus einem groß angelegten wissenschaftlichen Bündnis, an dem über 300 Unternehmen, Verbände, Netzbetreiber und Ministerien beteiligt waren.
Auf die Frage, wie die Energiewende künftig schneller und regional besser abgestimmt werden kann, bietet das Instrument eine datengestützte Grundlage. Durch das Zusammenführen von Erzeugungsdaten, regionalen Verbrauchsmustern und Flexibilitätsoptionen ermöglicht der Rechner die Simulation verschiedener Szenarien vom einzelnen Landkreis bis hin zum Gesamtsystem für Deutschland. Damit sollen Entscheidungen in der Regionalplanung transparenter gemacht und Netzengpässe vorausschauend vermieden werden.
Jubiläum im Frühjahr 2027
Zum Abschluss der Veranstaltung wiesen die Veranstalter auf das anstehende Jubiläum hin. Das nächste Hasewind Fachforum findet am 12. April statt. Im Rahmen dieser Tagung wird zugleich das 15-jährige Bestehen des Hasewind Stammtischs gefeiert.












