Quichotte ist „Guter Dinge“

Premiere in der Lagerhalle: Quichotte triumphierte mit neuem Soloprogramm „Guter Dinge“ vor ausverkauftem Saal

Der Kölner Stand-up-Comedian Quichotte, bürgerlich Jonas Klee, präsentierte am 30. September die Osnabrücker Premiere seines brandneuen Bühnenprogramms „Guter Dinge“ im Saal der Lagerhalle. Vor restlos ausverkauften Rängen erlebte das Publikum einen facettenreichen, tiefgründigen sowie hochkarätigen Abend, der Stand-up-Comedy, Freestyle-Rap, Musik und Satire meisterhaft miteinander verband. Die Veranstaltung markierte einen herausragenden künstlerischen und organisatorischen Erfolg, der vom Publikum mit langanhaltendem Beifall und Standing Ovations gewürdigt wurde.

Schon beim Betreten der Bühne war dem 42-jährigen Künstler die kolossale Spielfreude anzumerken. Quichotte stieg mit einer Prise charmanter und Selbstironie in den Abend ein und gestand offen, dass das neue Programm selbst bei ihm für unruhige Nächte sorgte. In der Nacht vor dem Auftritt in Osnabrück habe er sogar schon vom Osnabrücker Publikum geträumt, von dem er am Ende Standing Ovations erhielt. Mit dieser Nahbarkeit gewann er die Sympathien des Saales im Handumdrehen. Der Künstler schlug geschickt den Bogen von alltäglichen Beobachtungen des Älterwerdens, typischen Vater-Geräuschen – von seinen Kindern treffend als „Dad’s Noises“ tituliert – bis hin zu skurrilen Begegnungen auf Gebrauchtwagen-Parkplätzen und absurd-komischen Dialogen beim Autoteilehändler oder beim Proktologen. Jede Anekdote saß präzise, lebte von perfektem Timing und einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe.

Ein weiterer Punkt des Abends stellte das Quiz und die feinfühlige Verknüpfung von Unterhaltung und gesellschaftspolitischer Haltung dar. Um schweren politischen Themen die einstellende Beklemmung zu nehmen, wählte Quichotte einen kreativen Kniff der Publikumsinteraktion. Auf einer von der Lagerhalle eigens organisierten Couch nahmen zwei freiwillige Besucher Platz, um am interaktiven Zitate-Quiz „AfD oder nicht“ teilzunehmen. Anhand echter sowie satirisch eingefügter Zitate beleuchtete der Kabarettist auf unterhaltsame, aber eindringliche Weise, wie sehr sich der öffentliche Diskurs in den letzten Jahren verschoben hatte. Das Publikum verfolgte das Geschehen gebannt und belohnte die mutigen Mitspieler sowie den Moderationsstil des Künstlers mit stürmischem Applaus, die am Ende beide gewonnen hatten.

Im musikalischen Teil der Show demonstrierte Quichotte eindrucksvoll seine Wurzeln im Freestyle-Rap und Poetry Slam. Mithilfe einer Loopstation baute er vor den Augen und Ohren der Zuschauer schrittweise komplexe Beats auf, spielte spontan Ukulele und verwebte vom Publikum zugeworfene Begriffe und Szenarien – darunter Begriffe wie Spaziergang am Strand, Verfassungsgericht oder Sauerteig – zu einem blitzgescheiten, hochdynamischen Rap-Kunstwerk. Die verblüffende Improvisationskunst und die technische Präzision, mit der der Künstler Wortspiele auf den Punkt setzte, rissen die Besucher im Saal förmlich von den Stühlen.

Nicht fehlen durfte an diesem Abend die Kultfigur des antikapitalistischen, kauzigen Lieblingsbäckers. In vorgetragener Dialogform schlüpfte Quichotte in die Rolle des schlagfertigen Bäckermeisters, der mit stoischer Logik und bitterböser Satire seine Kundschaft an den Rand der Verzweiflung trieb. Ob absurde Debatten über Kaloriengehalte von Puddingteilchen, gesellschaftliche Strömungen wie das Pflegen eigener Sauerteige oder feinsinnige Fechtszenen rund um grammatikalische und semantische Feinheiten zwischen „dasselbe“ und „das gleiche“ – die Passagen gehörten zu den humoristischen Glanzpunkten der Vorstellung und sorgten für anhaltende Salven des Lachvergnügens.

Gegen Ende schlug der Abend eine spürbar intimere und berührende Richtung ein. Mit seinem Werk „Der Krieg frisst die Musik“ thematisierte der Künstler die transgenerationalen Traumata seiner eigenen Familiengeschichte, die Rückkehr von Kriegen nach Europa und die heilende Kraft der Musik. In ruhigen, poetischen Versen erzählte er von seinem Großvater, den Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg und der Sehnsucht nach Frieden für kommende Generationen. Dieser bewusste Bruch demonstrierte die enorme Bandbreite des Künstlers, der den Spagat zwischen ausgelassener Comedy und ergreifender Tiefe mühelos meisterte. Zum Finale löste das Osnabrücker Publikum schließlich das Traumversprechen des Zu-Beginn-Erwähnten ein und verabschiedete Quichotte mit geschlossenen Standing Ovations.

Der Abend zeigte eindrucksvoll, dass der dem Programm zugrundeliegende Optimismus kein oberflächlicher Frohsinn ist, sondern ein hart erkämpfter Haltungsgewinn gegenüber den Widrigkeiten der Realität. Quichotte brachte diese Philosophie treffend auf den Punkt, als er verdeutlichte: „Der Tag kann laufen, wie er will. Am Abend stehe ich auf der Bühne und dann bin ich auf jeden Fall… guter Dinge! Außerdem fehlt mir für Pessimismus das Geld.“

Quichotte mit seinem neuen Buch: Auferstanden aus Rosinen © Pascal Grötemeyer

Für Fans des Lieblingsbäckers gab es am Ende der Veranstaltung ebenfalls freudige Nachrichten. Quichotte signierte den Fans sein im Februar erschienenes Buch mit dem Titel: „Beim Lieblingsbäcker: Auferstanden aus Rosinen“ und bot die Möglichkeit für eine kurze Unterhaltung. Das dritte Werk führt die beliebten Kurzgeschichten und pointierten Dialoge rund um den unverwechselbaren Bäckermeister konsequent fort und folgt damit auf die beiden erfolgreichen Vorgängerbände „Auf Leben und Brot“ sowie „Teilchen Zwei“. Wer darüber hinaus Interesse an den nachdenklichen und lyrischen Facetten des Autors hat, findet mit seinem parallel erschienenen Lyrik- und Prosaband „Es steht alles auf der Kippe“ eine ebenso lesenswerte Lektüre im aktuellen Buchhandel.


Hintergrund

Quichotte trat im Rahmen seines neuen Programms in der Lagerhalle auf, die in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiert. Seit ihrer Gründung im Jahr 1976 hat sich dieses soziokulturelle Zentrum als feste Institution in Osnabrück etabliert und bietet weiterhin Raum für ein vielfältiges kulturelles Angebot. Mit einem vielseitigen Programm aus Kleinkunst, Kabarett, Konzerten und politischer Bildung bietet das Haus etablierten Größen sowie aufstrebenden Talenten eine geschätzte Plattform. Das Genre des gesellschaftskritischen Kabaretts erfährt in Zeiten politischer Polarisierung eine gesteigerte Bedeutung, da es Künstlern ermöglicht, komplexe Debatten aufzugreifen und ein breites Publikum für kritische Fragestellungen zu sensibilisieren. Künstler wie Quichotte verbinden dabei klassische Elemente der Stand-up-Comedy mit Formaten der Hochkultur und urbanen Musikstilen.

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